Sehenden Auges

Was will ein Fotograf? Warum bringt er eine technische Apparatur zwischen sich und die Welt? Warum friert er den Augenblick ein? Warum bleibt er doch so nah an der Realität?
Als Kind bin ich fast totfotogafiert worden. Mein Großvater hat in meinen ersten fünf Lebensjahren hunderte Bilder von mir gemacht.
Heute sehe ich im Jahr tausende Fotos von anderen Menschen und bin darauf trainiert, Menschen anhand ihrer Fotos ein-zu-schätzen, im Wortsinn. Mehr und mehr beginnen mich nicht die Motive selbst, sondern die Geschichte des Augenblicks zu interessieren.
Klar, jetzt winken die ersten abgeklärt ab: „Maler und Modell, kenn wir doch, Amphytrion, sach ich nur…“ Und ich wage zu behaupten, das ist es gerade nicht. Der Maler malt seine innere Welt. Der Fotograf begibt sich in Stimmungen, Intimitäten, Menschengruppen. Er ist ein Voyeur und Zeuge. Er zeigt uns das, was er gesehen hat, was ihm gezeigt wurde.
Die Beziehung zwischen den Menschen vor und hinter der Kamera ist fragil. Wer meint wen? Und wer meint es ehrlich? Wer nimmt Anteil? Wer holt sich nur sein Bild ab und verschwindet dann? Was sucht ein Fotograf bei seinem Gegenüber?
Ich merke, daß ich mehr Fragen formuliere, als ich Antworten zu geben vermag. Ich muß zu Beispielen übergehen.

Freundliche, exotische Menschen. Ganz nah. Die Schönheit des Andersartigen, des Fremden. Ein Tagebuch mehrerer langer Reisen, vor allen durch Asien. Wunderschöne Fotos und das Postulat einer Gegenwelt. Schön ist es woanders. Menschlich auch. Was würde die Fotografin hier sehen? Eine Fronleichnamsprozession in Schwaben. Betende alte Menschen in der Dresdener Hofkirche in der Nacht des 13. Februar. Aufgekratzte Türken in Kreuzberg zum Zuckerfest. Menschen, die ihren Weihnachtsbaum schmücken.

Porträts von Günter Linke. Was für ein Kampf mit ihm. Ich wollte schöne Menschen sehen. Starke Männer und begehrenswerte Frauen. Er hat diesen Dienst widerwillig geleistet und dann seine eigenen Fotos gemacht. Er hat so lange gewartet, bis alle Posen aufgegeben, alle Masken gefallen waren. Er hat auf die Essenz gewartet, den Charakter, den wirklichen Zustand. Das war nicht immer schmeichelhaft. Wenn ein junger Mann mit unverwirklichten Höhenflügen plötzlich als kleiner Junge dasteht, der glaubt, zu kurz zu kommen. Manchmal war es auch eine Entdeckung. Wenn in den Augen eines schönen, aber ewig zu braven Mädchens plötzlich unverholene Aggressivität auftaucht und sie endlich zu einer interessanten Frau wird. Oder das Foto eines Prominentenpaares in seinem Garten. Sie strahlen nicht, sondern stehen nebeneinander, als würden sie sich gestört fühlen. Wenige Tage später wird der Mann sich umbringen.

Die Bilder, die mein Großvater von mir gemacht hat. Erst war mir die Kamera nicht bewußt. Ich kleines Kerlchen wurde von ihm beobachtet. Dann war es selbstverständlich und lustig, fotografiert zu werden. Ein kleines Kind hält sich sowieso für den Mittelpunkt der Welt. Je älter ich wurde, desto anstrengender wurde es. Ich wurde aufgebaut und mußte minutenlang mit aufgerissenen Augen in die Sonne starren. Er war mit diesen Bildern von einem trampligen, frustruierten Teenager nie zufrieden. Er hat in mir etwas gesucht, das ich nicht geworden war. Jahre später, er war schon sehr alt und hatte das Fotografieren aufgegeben, habe ich ihm noch einmal die Kamera in die Hand gedrückt. Das Ergebnis war eine Serie biestiger, ambitionierter Modelposen einer schönen jungen Frau. In jedem Bild meine Frage: gefalle ich dir jetzt wieder?

Ein Geschäftsleute-Paar vor der Kamera. Der Mann frontal, mit hängenden Armen und einem fast verzückten, wenig professionellen Lächeln. Die Frau steht seitlich, riegelt den Raum zwischen dem Mann und der Fotografin mit ihrem Körper ab. Ihre Arme sind verschränkt und Ihr Blick ist freundlich, aber beobachtend. Dies ist der Beginn einer Dreiecksbeziehung.
Das Porträt eines Mannes. Der Bildausschnitt ist sehr nah. Er liegt irgendwo in der Sonne, am Strand vielleicht und wird in dem Moment, als er lächelnd die Augen öffnet, fotografiert. Die Falten zwischen seinen Augenbrauen verraten, daß er sonst ein harter, strenger Mensch ist. Für einen Moment hatte ich mich in dieses Bild verliebt. Bis ich begriffen hatte, daß Blick und Lächeln der Fotografin galten.

Menschen, die Fotografie nicht in ihrer Kultur kannten, wollten oft nicht vor die Kamera. Der Fotograf würde ein Stück Seele mitnehmen. Vielleicht ist das auch so.

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Influenzen

Ich muß gestehen, ich habe eine Anfälligkeit für Dialekte.
Im wahrsten Sinne des Worts: sie fallen mich an. Zwei Ausnahmen gibt es, schwäbisch und anhaltinisch, die sind so blöd, da ist mein IQ nicht danach.
Nach einem Tag Konversation in Hamburg spreche ich bestes Missingsch. Der Mann, der vorher in meinem Leben zu Besuch war, hat ein paar bayerische Brocken hinterlassen. – Wie lustvoll ist es „Du Depp“ zu sagen. Und seit ich HeMan kenne, beginne ich Sätze mit „Hörma…“ Mit dem Unterschied zwischen Dresdner und Leipziger Sächsisch kann ich Abendgesellschaften unterhalten und für erzgebirgisch-vogtländische und oberlausitzische Mundarten bin ich Simultanübersetzerin. („Der Gung vum Beck kimmt heier a nimmer hi.“-Wer weiß, was gemeint ist, kriegt von mir ne Tafel Schokolade, außer billtuer, ders natürlich weiß.)
Und wenn ich ganz ratlos, überrascht oder sehr entspannt bin, spreche ich das dreckigste Gossenberlinerisch der Welt. Diese verranzte Sprache, bei der der Zuhörer erst einmal glaubt, der Sprecher ist total besoffen.
Ich liebe Dialekte. Sie strukturieren eine globalisierte Welt. Und weil ich im Beruf viel telefoniere, achte ich auf leise Dialektanklänge, die sich einfach nicht rausschleifen lassen und merke: aha, am anderen Ende der Leitung ist ein Mensch.

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Was Was Was?

Diese Entscheidungsschwierigkeiten.
Früher hatte ich immer einen Menschen, der meinen Urlaub gebucht hat. Einen Urlaub zu planen fand ich spießig (gab es nicht immer die Möglichkeit, etwas interessanteres zu tun?) und teuer (wozu das Geld für ein Zimmer voller Kakerlaken ausgeben?).
Ich wartete also auf das Herannahen des Termins und irgendwann wurde mir eröffnet, daß es dieses oder jenes Resort auf Kreta, Mallorca oder Lanzarote sein würde. Das einzige, was ich als Auflage hatte war: keine Animation. Alternativ gab es Flüge zu Mietwagen oder Häusern: USA, Kanada, in die ich nach Überweisung meines Kostenanteils nur einchecken mußte.
Ich bin also verwöhnt.
Dank Internet schaffe ich es zumindest, allein einen Flug zu buchen. Noch immer stehe ich aber vor der Frage: warum? Exotik genießen? Mensch bleibt Mensch. Landschaften? Ja, das schon. Aber wer als Kind mit dem Hubschrauber über Kaukasusgipfel geflogen ist, hat scheinbar nicht unbedingt diesen Nachholbedarf. Oder es ist was anderes. Die Alpen kicken mich genau so, wie ein Hochgebirge am anderen Ende der Welt. Warum dann an das andere Ende der Welt reisen?
Was fehlt? Die Südsee. Der Polarkreis. Himmelschreiende Einsamkeit in Felsen und Wüsten. Wildwasser.
Vielleicht doch nicht Florida in diesem Jahr. Vielleicht die Bärenrunde mit dem Bruder und danach irgendwo in ein ganz spießiges Wellnessbad, gemeinsam mit älteren, blondierten Steuerberatergattinnen.

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Mittagspause

Manchmal kann eine schon der Neid ankommen, wenn sie die blogs der schwulen Jungs liest.
Es scheint auf den alles sehr unkompliziert zu sein. Da schleicht einem beim Herummachen nicht die Moralkonditionierung maulend hinterher: Wassollndieleutevondirdenken? Derhältdichdochfürdietotaleschlampe! Wasgrinstndersobreitdenktderdumachstdasmitjedem?
Körperliche Karambolagen scheinen sehr selbstverantwortlich zu sein. Im Gegensatz zum überfordernden „Was-eine-Frau-braucht“-Katalog, der so manchem nur noch den Angstschweiß auf die Brust treibt und er sein bestes Stück einkneift.
Würde ich zugeben, unter Mangel zu leiden? Nee, wahrscheinlich würde ich mich eher darüber ausheulen, daß mich der Kerl, auf den ich mich derzeit fokussiere, zu wenig beachtet. (Bringen wirs mal auf zwei Stereotype: Männer sind Fleischjäger, Frauen Emotionsjägerinnen.)
Ich würde es nie wagen, zu schreiben, daß ich grade völlig horny in die Tasten haue, aus Angst, ich hab gleich eine ganze Herde per Kommentar am Hals. Wobei ich mir sehr darwinistisch aus dieser Herde den hübschesten und nettesten rauspicken könnte. Und wenn ich ihm dann noch klar mache: das das und das läuft heute mit mir, wär das auch nicht schlecht. Mal was anderes als das Krieg ich die Alte heute noch rum?-Vollprogramm.
Hätte. Könnte. Wäre. Letztlich bin ich dann doch ein Mädchen.

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