Vorbei

Mitunter bekomme ich Panik, daß beim finalen Personalentwicklungsgespräch eine Liste auf den Tisch kommt, die die Überschrift trägt DA KANN MAN NIX MEHR MACHEN
Da stünde so einiges drauf.
* Schmetterlinge im Bauch genießen
* eine laute Szene in der Öffentlichkeit machen
* Nein sagen und noch mal Nein (und nicht ich weiß nicht und vielleicht doch)
* unter freiem Himmel schlafen
* sagen: weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht
* Motorrad fahren
* Leidensfähigkeit gegen Freudensfähigkeit tauschen

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So also

Gestern abend in einer Charlottenburger Trattoria. Ich bekomme ein feedback zum diary. HeMan braucht keine Kommentartaste und ein eifriger Leser ist er schon lange nicht.
Scharf, sagt er, böse und kompliziert in der Weltsicht, aber gut zu lesen, weil in geschliffenem Stil. Kitty hätte ein Problem mit Männern und wäre anstrengend. Sie sagt nie, daß sie etwas oder jemanden mag.
Er schien etwas in der Richtung von Empathie, Warmherzigkeit und Zuneigung zu vermissen, so ganz konnte ich ihm nicht folgen. Was war die message? Ging es um Kittys kolumnistisch öffentlich gemachte Weltsicht oder um meine scheinbar mangelhaft ausgedrückte Liebe zu den Mann hinter dem Alias HeMan?
Vorvorgestern ebenfalls in einer Charlottenburger Trattoria. Die Freundin – erfolgreiche Drehbuchautorin – hat es bereits auf den Punkt gebracht. Du zeigst dich nicht. Du bist eine sehr gute Kommentatorin, aber für Literatur bist du zu distanziert.
Das ist hart. Ich habe immer geglaubt, nackiger kann ich mich nicht mehr machen. Meine Stacheln sind mir kleinem Igel eine ganze Menge wert. Zugegeben, ich bekomme mitunter nicht viel von der Welt mit, so zusammengerollt.
Aber soll ich jetzt in Psychosprech ausbrechen? Von dem Kind erzählen, dem es sehr gut ging? Denn es hatte gutbürgerliche Eltern, es wurde nicht geprügelt, es war nicht verdreckt und halb verhungert. Es war nicht im Heim entsorgt. Nein, es kam nur zur Unzeit. Ein Verkehrsunfall, der eine miese, immer noch existierende Ehe gestiftet hat. Und es wurde herumgereicht. Ein kleines Bündel mit Zubehör, ein Wandervogel. Mal Sonnenscheinchen, mal Fremdkörper, mal Dressierpüppchen, mal Störfall und auch geliebtes kleines Mädelchen. Und das in manchmal täglichem, stündlichen Wechsel. Die Onkel, Tanten, Eltern, Großeltern kamen und gingen unkalkulierbar.
Daß sich eine gewisse Vorsicht aufbaut, ist vielleicht nicht unverständlich. Denn jeder, dem sie ihre Liebe schenkte, von dem sie Liebe empfing, konnte im nächsten Moment weg sein. Und wer hat ihr gesagt, daß sie nicht vielleicht daran schuld war? Und jeder Verschwundene war ein Tritt ins Herz.
So also war es. Die ganz normalen Klischees.
Doch es dauert, sich davon zu erholen. Irgendwann ist es hilfreich, die eigene Gebrauchsanweisung gelesen zu haben, die Karte der inneren Minenfelder zu kennen. Zu merken: aha, da ist es also wieder, statt blindwütig ins Leben zu rasen, ohne Rücksicht auf Verluste. Was allerdings Authentizität kostet. Und neuerlich Anpassung bedeutet.
So also ist es.

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Random Play

Child in Time Deep Purple. Die älteren Herrschaften unter der geneigten Leserschaft werden sich sicher erinnern. Die jüngeren sollten sich mal bei google informieren. Aber nee, nee, nicht umsonst downloaden, das ist nämlich verboten.
Es war 2002, glaube ich, da verbrachte ich meinen Weihnachtsurlaub im Riesengebirge. Der Schnee und das Bier waren Klasse, die Knödel haben mich fast zum explodieren gebracht (vertrag doch kein Weizenmehl), Fernsehen und Radio konnte man unter Ulk verbuchen.
Die Wirtin hatte eine Schwarzweiß-Glotze aus den frühen Siebzigern in den eiskalten Flur gestellt, zur gefälligen Benutzung durch alle Gäste. Manchmal sah ein Tscheche sich dort verrauschte Serien an, die aus meiner Kinderzeit stammten.
Im Radio lief Blasmusik oder das Rundfunkorchester intonierte gemeinsam mit dem Rundfunkchor internationale Popsongs. Auf tschechisch. Grausamer kann das Leben nicht sein.
Es gab einen Lichtblick. Ein kleiner UKW-Sender auf einer Bergspitze sendete von Mittags bis Mitternacht ausschließlich Rock und Metal. Scheinbar ein privates Vergnügen, denn es gab nur einen Moderator. Allerdings war der nur im Auto auf bestimmten Strecken zu empfangen, aber das war besser als nichts.
Wir fuhren durch ein nettes Städtchen, da lief Child in Time. Mein damaliger Lebensabschnittsbegleiter bekam ein verzücktes Hippiegrinsen ins Gesicht. Und irgendwie, die Nerven lagen bei uns eh blank nach 10 Tagen Dauerstreit, wir sind einfach tierisch abgegangen. Doch je weiter wir uns mit dem Nachmittagsverkehr durch die engen Straßen bewegten, desto schwächer wurde der Sender! Und dann sind wir auf den Marktplatz ausgeschert sind im Kreis gefahren und haben gehalten, als die Musik wieder zu hören war. Direkt vor einer barocken Pestsäule mit verzückten, tänzelnden Heiligen stand also ein völlig verdreckter E-Klasse-Daimler mit zwei headbangenden, laut singenden Verrückten. Wir sind Gott sei Dank nicht eingeliefert worden. Und wir hatten für die nächsten 6 Stunden das Kriegsbeil begraben.

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Vor fremden Türen gekehrt

Im Grunde habe ich wenig Lust, mich an der allgemeinen Männer-Frauen-Schimpfe zu beteiligen. Manchmal gerate ich nur ins Nachdenken.

Im letzten Jahr hat mir der Mann mit dem B viel von seiner gerade laufenden Beziehung erzählt. Eine patente, gebildete, attraktive Frau, drei, vier Jahre älter als er. Er wollte nicht so recht, aber aufgeben wollte er sie auch nicht. Es war schließlich angenehm, nicht allein zu sein. Durch sie hat sein Leben neue Aspekte bekommen: Wein, italienische Küche, Outfitberatung, kleine Stilkunde. Nein, der Mann mit dem B ist kein Troglodyt. Er ist ein sensibler und sehr geerdeter Mensch, der auf gewisse Äußerlichkeiten eben bis dato keinen Wert gelegt hatte. Und so lief die Liaison vor sich hin: Kurzurlaube, gemeinsame Abende und Wochenenden, Oper, Kino, Essen gehen.
Perspektive hat er der Frau in seinem Leben nicht gegeben. Das wußte zumindest ich. „Blockiere ich sie?“, hat er sich gefragt. Nur, daß das für ihn ein Thema war, hat sie so klar nie erfahren.
Sie war offen. Das mußte sie auch. Denn ihr Problem war banal. Auf ihrer biologischen Uhr war es fünf Sekunden vor Zwölf. Nachdem sie die letzten acht Jahre mit einem Mann verbracht hatte, der für viel Spaß, aber weniger für eine Familie geeignet war, war sie unter Druck. Sie wollte ein Kind und sie wollte es von dem Mann mit dem B.
Seine Antwort war: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen (und er ist keiner von denen, der Angst hat, nicht mehr im Mittelpunkt einer Beziehung zu stehen, denn er hat schon zwei Kinder). Sie reagierte versöhnlich und gab ihm Bedenkzeit.
Mir gegenüber wurde er konkreter: Er kann sie sich mit einem Baby im Arm nicht vorstellen, sie sei einfach zu alt. Kinder mit einer anderen Frau zu haben, das könne er sich durchaus denken. Und nach der Frau für das Große, Echte, Richtige, für LIEBE und nicht nur so eine Beziehung wie jetzt, suche er noch immer.
Irgendwann ging es natürlich schief. Da hatte er bereits ein halbes Jahr Nebelkerzen geworfen und sich nebenbei diskret nach dem Großen, Echten, Richtigen umgesehen. Und sie hatte nett und brav stillgehalten und gehofft und natürlich ziemlich hinterv… auf jegliche Verhütung verzichtet.
Nein, schwanger ist sie nicht geworden. Die Beziehung implodierte an einem winzigen Konflikt. Und so suchen sie heute noch. Er nach dem kosmischen Gefühl von LIEBE und der Frau, mit der er noch einmal Kinder haben will. Sie nach dem Vater für ihr Kind.

Zweiter Schauplatz. Ein Paar, das zweieinhalb Jahre zusammen ist. Es war euphorische große Liebe. Es war einfach und unkompliziert. Es paßte, trotz oder grade wegen 20 Jahren Altersunterschied. Und nun ist es schwierig.
Auch mit diesem Mann bin ich befreundet, hier fehlt mir allerdings die Innensicht, wir reden wenig über solche Sachen. Aber ich habe die Außensicht. Er ist wie immer, ein wenig schrullig und eigenbrötlerisch, aber inspririerend und vielleicht derzeit ein wenig gedrückt/unter Druck. Sie ist auch wie vor zweieinhalb Jahren. Süß, nett, sehr weiblich und immer ein klein wenig overdressed, megasexy und bereit, sich von ihm abschleppen zu lassen. In einem permanenten Werbungsverhalten ihm gegenüber. Ein paar Mißtöne sind dazugekommen. Plakatives Erwähnen von Ex-Typen in einer großen Runde, heftiges Tanzen mit anderen und die Forderung, daß er mehr und planbare Zeit mit ihr verbringen soll.
Die Sache tritt auf der Stelle. Aus ihrer Sicht gehört sicher mittlerweile etwas Butter bei die Fische: Zusammenziehen und weitere gemeinsame Projekte. (Vielleicht auch Kinder. Obwohl er nie einen Hehl daraus gemacht hat, daß er Kinder haßt.) Er wundert sich wahrscheinlich, warum sie plötzlich so einen Streß macht. Es ist doch alles so wie immer. Und es sollte doch auch so bleiben. Und warum will sie etwas von einem Mann, was sie von ihm wahrscheinlich nie bekommen wird?
Ich glaube, sie hat eine Affäre, ich ahne sogar, mit wem. Aus Trotz, um zu beweisen, daß sie ihn und vor allem seine Ignoranz gegenüber ihren Wünschen nicht braucht.
Warum ist ein Mann so oberflächlich? Warum verliert eine Frau so ihre Würde?

Manchmal habe ich das Gefühl, solche Beziehungen laufen wie die Konversation auf einer dieser unsäglichen Giraffenpartys. Jeder braucht seinen Gesprächspartner, allein herumstehen ist peinlich. Man sagt sich ein paar Nettigkeiten, bleibt rücksichtsvoll auf der Konsensebene, denn es geht ja um nichts anderes als ein angenehmes Gefühl. Und nebenbei reckt man den Hals wie eine Giraffe, um dem Gegenüber über die Schulter zu schauen, wer da noch so interessant wäre. Auf der Suche nach dem großen, sorgenfrei machenden Deal.

Aber warum verlieren wir plötzlich unseren gestalterischen Mut und unsere Kreativität? Warum bleiben wir in der Beziehungsgestaltung passiv? Hoffen, daß wir von Emotion, vom Schicksal überwältigt und quasi willenlos werden. Sind der festen Meinung, daß das auch irgendwann passieren wird, wenn nur der oder die Richtige endlich da ist. Warum nehmen wir in dieser Hinsicht das Schicksal nicht einfach in die Hand? Wenn wir so arbeiten würden, wie wir lieben, nämlich faul, ängstlich, drückebergerisch und vermeidend, wären wir Sozialhilfeempfänger.

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