Im Schneckentempo

geht es gerade voran. Manchmal täuscht das gerade darüber hinweg, dass eigentlich komplexe Dinge passieren. Aus „wir müssen das Bad von da unten/hinten wegbekommen“ wurde „ach, da können wir* auch gleich die Wasserleitung in der Küche auswechseln, die sieht auch nicht mehr 100% knusper aus“ und wenn man es dann zusammenzählt, ist es eine Erneuerung der Wasser- und Abwasserstränge im ganzen Haus (ok. abzüglich 1m Küchenabfluss, der war noch ok.). Dafür, dass wir mit mehreren Kisten Putzmitteln angetreten waren, hat es sich doch etwas ausgewachsen, weil alle zum Wohnen benutzten Dinge entweder schon halb/ganz kaputt waren oder nach kurzer Benutzung kaputt gingen.
*der Graf mit mir als Helferin, ich hätte ich da nicht rangetraut

Die gute Seite ist, dass es bisher kein verfaultes Holz oder etwas gibt, das auf richtig üble Nässe und Undichtigkeit schließen lässt. Sogar das alte, nun entkernte Bad trocknet aus, nachdem der Graf die kaputten Leitungen demontiert hat und das Wasser der Regentonne nicht mehr ans/ins Fundament läuft (immerhin sammelt die gut 70qm Blechdach, da geht also auch morgendliches Tauwasser rein).
Die Substanz ist noch in Ordnung, die letzte Renovierung von ca. Mitte der 90er wurde mit Detailliebe und Sachverstand gemacht (na ok., Teppichboden mit Silikon an den Fußleisten ankleben ist schon etwas überdrüber) und danach wurde nur noch runtergewohnt.

Der Blick morgens aus dem Fenster ist übrigens so:

Die Küchenregale stehen gerade auf den Fensterbrett. Das dahinter ist der Park, bzw. der linke Teil davon. Einen Tag später war er weiß und schneebepudert.

Veröffentlicht unter Leben

Statistik

10m horizontales Abflussrohr, 2 Richtungswechsel, 3 Revisionsöffnungen, 20 Einzelteile, 3 1/2 Wanddurchbrüche (einmal war es nur eine Türzarge und ein paar Ziegel, die weichen mußten). 12 Stunden Arbeit, viel mehr ging in die Planung.

Natürlich wurden alle blöden Rohrleger-Witze gemacht. Das Set sah aus wie beim Pornofilm, überall klebte Silikon und lagen verkleisterte Tüchlein.

Und nun ist das Klo im kleinen Haus endlich nicht mehr auf Stallhöhe halb außerhalb der Wohnung sondern neben dem künftigen Schlafzimmer.
Die Wasserleitung wird folgen, die Badewanne gibt es schon, der Waschtisch wird noch gesucht.
Ich war Handlangerin. Denn das hätte ich nie gekonnt. Wohl der, die einen handwerklich begabten Mann hat.

Veröffentlicht unter Leben

Es geht voran

Die Dinge gehen im Kutscherhaus langsam voran. Wie geahnt, kommen die Schwierigkeiten aus der Richtung, aus der sie kaum auszumachen waren. Das auf den ersten Blick recht intakte Bad ist nicht gut im Haus gelegen und wird verlegt.
Die Bausubstanz ist besser als zuerst befürchtet. Was feucht ist, ist vor allem kondensatfeucht. Bisher gibt es weder verfaulte Dielen noch Balken, ein Zeichen, dass keine Feuchtigkeit notorisch hochsteigt und eindringendes Wasser eingedämmt werden kann, indem die Dachrinnen gereinigt, repariert und das Fundament geflickt wird.
Wenn der kleine Werkstattofen angeheizt ist, kann es sogar gemütlich werden. Dem steht entgegen, dass wir immer dann zurück nach Berlin fahren, wenn das Haus gerade warm ist.
Aber vor allem steht: Entkernen und putzen, putzen, putzen. Unmengen Tapeten und Paneele abreißen, dicke Farbschichten runternehmen, Jahre alten Schmutz wegfeudeln, unsexy dysfunktionale Kachelöfen abreißen.
Der Graf hat in handwerklichen Dingen die Gabe, lange zu planen und dann relativ geräuschlos und elegant eine Lösung zu bauen. Das Gegenteil von „Klappern gehört zum Handwerk“.
Ich bin froh über die körperliche Arbeit und die frische Luft, bekomme wieder Muskeln und meine Haut sieht so gut aus, wie seit Jahren nicht, selbst wenn ich einen Zentner Dreck aus dem Stall gefegt habe.
Wir sehen rührende Dinge. Eine Schlittenkette, gezogen von einem Rasentraktor, zwei Fische, die aus einer Regentonne fallen, Seeadler in hohen Bäumen über einem Sumpf.
Das kompensiert, dass wir abends so dreckig wie Schweine sind, ziemlich oft frieren und es noch keine Entspannungszone gibt, weil alles Baustelle ist.
Wenn wir da sind, werkeln wir intensiv und wenn wir wieder in Berlin sind, ruhen wir uns aus und planen die nächsten Tage.
Es liegt noch eine Menge vor uns. Da war nur eine Zwischenmeldung.

Von Wichtigem und Unwichtigem

Wichtig ist derzeit
Essen zu haben, warm, nahrhaft und schnell verfügbar
Wärme, entweder in Form von warmen Sachen oder warmen Öfen
ab und zu einen Streifen LTE zu bekommen
ein olles großes Dieselauto, das zuverlässig fährt und klaglos alles transportiert.

Es bleiben einige Probleme in Berlin zurück und das ist auch gut so. Manchmal bleibt auch das Gefühl zurück, das sind gar keine richtigen Probleme.

Ich kann auch nur noch in Brocken schreiben. Es fließt nicht mehr, sondern klotzt und klumpt heraus. Egal…

Ein paar Anmerkungen. Mir hat mal eine ältere Frau aus der Filmbranche gesagt, über der Besetzungscouch stehe an der Decke „Es lohnt sich nicht“. Das habe ich an meine jungen Schauspielerinnen wörtlich so weitergegeben.
Ansonsten besteht dieser ganze Bereich vor allem aus Menschen, die sich für unwiderstehlich halten. Männer, die beim ersten Erfolg glauben, sie gehören jetzt zu den Masters of the Universe und Frauen, die es gewöhnt sind, an der Seite eines Mannes überall hin zu kommen. Das ist in vielen Fällen keine gute Mischung.
Was für Frauen immer gut ist: Naiv und lieblich zu wirken und im Innern beinhart und clever zu sein. Umgekehrt ist es gefährlich. Was für Männer immer gut ist: Die Bodenhaftung nicht zu verlieren.
Was für alle gut ist: Das, was um einen gemacht und in einen hinein projiziert wird, nicht mit dem zu verwechseln, was man ist. Diese Branche stellt Träume her, aber lebt sie nicht.

Themenwechsel. Als ich meine ersten beruflichen Schritte machte, war die unkommentierte O-Ton-Reportage der subversivste Scheiß, den man machen konnte. Das heißt, in der Regel durfte man das nicht. Schon gar nicht im Fernsehen, die Dokfilme von Helke Misselwitz und Petra Tschörtner beispielsweise waren Kinofilme.
Filme mit Vorführung des Sichtbaren und frei von der Leber weg redenden Menschen ohne Erklärungen des Dargestellten waren damals mental überlebenswichtig. Denn an jeder Ecke und in jedem Medium erklärte einem jemand so lange, wie die Welt richtig ist, wie man sie zu sehen hat, wie es nötig ist, sie zu sehen, damit sich die große Idee durchsetzt – so lange, bis man an der eigenen Wahrnehmung zweifelte.
Die Filme befreiten. „Es ist doch da! Es ist doch passiert! So sieht es aus! Du kannst nicht sagen, es existiert nicht oder wird falsch dargestellt!“ Die Menschen, die die Welt gern eher so wie in ihren ideologischen Vorstellungen hätten, konnten wenig dagegenhalten. Außer verbieten und in Fällen, wo das nicht ging, nachträglich verschlimmerklären.

Vor diesem Hintergrund könnte diese Reportage ein subversives Meisterstück sein. Oder im Effekt ein Zufall in der fast religiösen, sehr hingewendeten Geste, biblisch, ein „Komm und sieh!“

Veröffentlicht unter Leben