Ein kleiner Meilenstein

Gestern habe ich es tatsächlich geschafft, den Grundschnitt für einen schmalen Rock fertigzumachen. Der Oberteilgrundschnitt ist auch noch mal revidiert. Vielleicht schaffe ich es innerhalb des nächsten Vierteljahrs ein paar Ärmel zu bauen.
Dann ist alles, was irgendwie körpernah ist, machbar. (Die Langstreckenfrustration Hose spare ich mir.) Hätte ich dazu dann noch genügend Augenmaß, könnte ich freestyle Längen und Tüdelüt zuschneiden und dann auf den Leib schneidern. Aber vielleicht ist das der Moment, wo ich mir Helfer zusammensuchen sollte, die mich mit Gipsbinden umwickeln, damit ich eine ordentliche Schneiderpuppe bekomme.

Ich träume ja immer noch von 3-D-Scanner und -Drucker zu diesem Zweck.

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Hoppelwoche

Irgendwie hoppelte diese Woche so rum. Da gibt es Texte, die gern ins Blog wollen, die sind aber für mein Zeitlimit derzeit zu umfänglich. Die Tage sind straff durchgeplant, die nächste Stufe beim vorsichtigen Gang ins ernster zu nehmende Arbeitsleben steht vor mir. Bisher habe ich das gemacht, was mir über den Weg lief, ohne zu werben, um die druckfreie Zone zu bewahren. Nun wird es Zeit, Kontinuität reinzubringen.
Wobei ich mir immer wieder vor Augen führen muss, dass nichts mehr so wird wie früher. Ich muss nicht wieder in das alte Muster zurückfallen, der Arbeit viel zu viel Raum und Bedeutung im Leben einzuräumen, keiner zwingt mich. Und ich muß  nicht mit alten Maßstäben messen, jenseits vom alten Pensum liegt der normale Weg und ich muss das erst mal begreifen. Wirklich be-greifen und in den Körper und die Seele bekommen, denn sobald ich da allzu zackzack rangehe, schlackern mir die Knie und der Magen rotiert. Ich habe es doch selbst in der Hand und auch noch Unterstützung und Wohlwollen dafür im Hintergrund.
Dann gibt es wieder die Tage, da will ich zu Mutti, sprich Arbeitgeber, aufn Arm und träume davon in einem Office die Stellung und breite Rücken freizuhalten, während ein paar fleißige Spezialisten in der Weltgeschichte rumdüsen und ihren Job machen. Aber das ist halt ein Traum, nicht die Realität, wie man andernorts deutlich mitbekommt.
Wird schon, ich wurschtel mich grade so durch. Ich brauche diese scheinbar sinnlosen Wurschtelphasen.

Zu Ello hat der Graf schon eine Menge geschrieben, das brauche ich nicht mehr tun, denn im Gespräch, dem dieser Artikel folgte, waren wir d’accord. Schönes Sache, geiles Design, da habe ich Spaß dran und ein paar invites habe ich auch noch übrig.

Diesen Artikel lege ich allen ans Herz, die diese Empfehlung von mir auf Twitter noch nicht bekommen haben. Was mich an Mary Bauermeister fasziniert, sind ihre Kraft und ihre Willensstärke. Es ist ein willkommener anderer Ton in einem öffentlichen Konzert, in dem Klagen über Leiden gern alles übertönen.
Es gibt sie, die starken Frauen, die unbeirrbar ihren Weg gingen, die ihren Kelch austrinken bis zur Neige. Es gab sie auch schon vor fünfzig Jahren, ohne dass sie von jemandem erlöst werden mussten.
Was sie über den Tod sagt und über das Leben:

Das, was ich nicht verdient habe, kann ich sowieso nicht herbeisehnen. Und das, was mir zusteht, kommt von selber in mein Leben. Als Lernprozess, nicht als Belohnung. 

Ja und noch mal ja. Der sensationsheischende Aufhänger des Artikels, die menage à trois mit Stockhausen und seiner Frau, das ist nichts, was mir jemals im Leben passiert ist und wofür ich mich eignen würde. She loves the hard way, würde ich sagen. – Geschenkt, das Interessante steht jenseits davon. Schaffen, eigene Konzepte umsetzen, aufbauen, mit allem, mit Erfolg, Misserfolg, Verkennung und Erkenntnis, das ist es, das liebe ich.

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Dirndl Sew Along: Das Mieder/Leibchen

Vorab, ich muss enttäuschen, hier wird es nix Genähtes zu sehen geben. Ich peile das Finale der Herzen an.
Würde ich in Bayern wohnen, sähe das sicher anders aus. Aber ich bin noch mal sehr in mich gegangen und habe darüber nachgedacht, warum ich meine Königsee-Dirndl nie in Berlin trug und warum das (schöne!) ländliche Hirschlederkleid im böhmischen Wintersportort eher ein Lacherfolg war.
Klar, in Berlin kann man alles tragen. Letzten Winter lief eine Italienerin durch unsere Straße, die trug eine peruanische Indiotracht. Aber ich käme mir doch sehr verkleidet vor.
Also geht es mir grade nicht um die Frage: Balkon oder nicht, Puffärmel oder keine und welche Stoffe kombinierte ich? Ich frage mich immer noch, welche Elemente von Tracht für eine Frau in der preußischen Großstadt verwendbar sind.
Auf jeden Fall alles, was weibliche Formen bekleidet, ohne sie einzuengen (oder nur an den richtigen Stellen) – Mieder und weiter Rock gehören für mich dazu und was weiblich, aber praktisch ist* – dazu zählen für mich die Möglichkeit, Schichten übereinander zu tragen, ohne die weibliche Silhouette zu verlieren.

*ein Großteil weiblicher Mode ist entweder so, dass Frau ausgezogen oder hauteng umwickelt ist und auf ihren (möglichst Idealnormen entsprechenden) Körper hinweist oder aber durch diverse Accessoires hilflos wird, so dass sie weder richtig laufen noch arbeiten kann.

Erstmal kommt ein kleiner Exkurs. Der Graf hatte mit ein sehr schönes Buch über die sorbische katholische Tracht geschenkt. Es basiert auf Bildersammlungen und Aufzeichnungen von Jan Meschgang (oder Meskank), einem Lehrer und Volkskundeforscher und wurde in den 80ern noch einmal von Lothar Balke, ebenfalls einem Trachtenforscher und Heimatkundler ergänzt.
Tracht der katholischen Sorben
Dazu muss man wissen, dass solche Veröffentlichungen in der DDR nicht sooo üblich waren, weil rückwartsgewandt und konservativ im Wortsinne, und i.d.R. die Minderheit der Sorben als politisch korrektes Traditionssgebiet galt, weil diese in der Nazizeit diskriminiert und germanisiert wurden. (Sozusagen das Arbeiterundbauern-Wiedergutmachungsprojekt der DDR, mit den Juden hatte man es ja nicht so, Stalin mochte die schließlich auch nicht.)
Klar gab es Trachten- und Traditionsgruppengruppen und Besinnung auf den bäuerlichen oder handwerklichen Ursprung der Arbeiter, dazu auch jede Menge universitäre Forschung. Aber Volksgut wurde nur noch festtags inszeniert und nicht mehr gelebt und stand ziemlich unter Beobachtung, damit nicht zuviel „gute alte Zeit“ hochgeholt wurde und wurde in der Regel begleitet von dem oft berechtigten Satz „Wie gut es uns heute dagegen geht!“, denn salonfähig war nur die Vergangenheit der Armen und Entrechteten. Alle diese Dinge wurden ganz streng in den politisch korrekten Kontext gestellt, sonst ging das gar nicht.
Bestimmte vom Staat respektierte Traditionen wurden von den Menschen ausgiebig gelebt, um zumindest eine gefühlte Autonomie zu bewahren und nicht alles ideologisch glattzubürsten. Dazu hat der Spiegel gerade eine sehr schöne Geschichte, die von den Katholiken des Eichsfelds handelt.
In dem Buch tauchen so schöne Fotos auf wie dieses:
stirntuch
schaut man genau hin, stammt das Brusttuch mit den grafischen Dekors aus den 60ern.
Aber auch Zeitdokumente wie dieses:
familienfoto

Das muss in den 80er Jahren gemacht worden sein, wenn man sich die Krawatten der Männer anschaut und in die Datierung die Fakten Provinz und DDR mit einbezieht. Der Kontext ist leider unbekannt (es könnte sich natürlich auch um ein Trachtenfest handeln), aber auch damals trugen die Frauen in der Gegend um Bautzen und Hoyerswerda bei Festen individuelle Trachten.
Außerdem enthält das Buch Zeichnungen für die einzelnen Kleidungsstücke.mieder
Und mit diesem Mieder bin ich zum Thema zurückgekehrt. Ein simpler Schnitt, der alte Händnähtechniken verrät – das Mittelteil des Mieders wird so angesetzt, dass es der Trägerin auf den Leib angepasst werden kann, meist mit satten Nahtzugaben, damit die Teile ausgelassen werden können, denn sie sollten Jahrzehnte halten.
Was mich bei aller schönen Schlichtheit ein bisschen stört, ist der „Balkon“, denn diese Mieder sollten prächtig bestickte Brusttücher präsentieren. Ich werde doch auf meinen gut angepassten Oberteilschnitt zurückgreifen und den Ausschnitt etwas hochziehen. Die gerade Kante wiederum gefällt mir und auch das Schößchen, das aber eine Rundung bekommt und keine steifen Falten.

Warum ich nun so ein Gedöns mache? Darum: Zu diesem Mieder gehört ein schönes schlichtes, gewickeltes Leinenhemd.spenzer

und ein Spenzer. Der mittlere ist mir zu kurz, der untere gefällt mir gut. Den Spenzer tragen ältere Frauen oft nur noch oben zugeknöpft, aus Paßformgründen und dazu fiel mir etwas ein, das ich bei Mama macht Sachen** (große Leseempfehlung übrigens!) gesehen hatte: Dieses freigestellte graue Kostüm in der Mitte des Moodboards. Knöpf die Jacke einfach an die andere Klamotte, statt dich überm stattlichen Bauch zuzuwürgen.
Unterm Mieder und überm Dekolleté wird es daher was Gewickeltes geben und der Spenzer wird links und rechts angeknöpft, das Schößchen vom Mieder schaut unten hervor.

So.

Und hier geht es zu den anderen Näherinnen, die natürlich viiiiel weiter sind.

 

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Eltern, ein kleiner Rant

Mir passt der Kiezneurotiker grade so richtig gut in die Welt mit seinem Artikel.
Irgendwann hatte ich während des Urlaubs getwittert, wie sozial angenehm ich in Polen Familien mit Kindern fand. Klar kamen da Reaktionen, das Wort „dressiert“ fiel. Nö, die waren nicht dressiert – die kamen laut schreiend angerannt, wenn sie was entdeckt hatten, kletterten beim Essen auf den Tisch, wenn sie miteinander spielten, wurde es laut und impulsiv, die standen mit großen Augen 30 Zentimeter neben mir und flüsterten miteinander, als ich strickend auf der Bank saß.
Ich suche die ganze Zeit nach der Beschreibung, was den Unterschied ausmacht, zu dem, was ich hier im um dem Spielplatz am Weinbergspark erlebe, wo das Elternpaar begeisterter im Sand spielt als das Kind.
Es hat was mit Grenzen und Empathie zu tun. Mit dem Wahrnehmen, dass es auch noch andere Menschen auf der Welt gibt, die Raum brauchen. Mit Rücksicht und Höflichkeit. (Ja, ich weiß, sehr konservative Worte. Aber ich erinnere mich, dass mir als erstes auffiel, als ich 1991 nach Westberlin zog, dass die Kinder weder „Bitte“ noch „Danke“ sagten und keine Tischsitten hatten.) Und damit, dass ich das Gefühl habe, dass sich Kinder und Eltern tierisch was vormachen, um einander imaginierte Erwartungen zu erfüllen.
Gestern ging ich die Invalidenstraße runter und kehrte kurz bei Frau Tulpe ein. Hier wartete ich gut 10 Minuten, bis zwei Väter mit ihren 10jährigen Töchtern ihre Lehrvorführung bei den Schnittmusterkisten beendet hatten. Sie standen in voller Breitseite davor. „Schau mal, Laura, da sind ganz tolle, spannende Sachen, damit kann man nähen!“ Mit so einer Kinderkassetten-Märchenerzählerstimme. Sie blätterten, diskutierten und das ganze sah aus, als würden sie sich gegenseitig etwas vorspielen, denn die Kinder stiegen ebenfalls mit Märchenerzählerstimme ein: „Oh ja, das nähe ich dann meiner Schwester!“
Irgendwann war ich die grantige Olle, weil die echt nix mehr merkten und meinte: „Wenn ihr in dem einen Kasten nichts mehr sucht, könntet ihr mich bitte ranlassen?“ Kurzer Seitenblick, aha, tatsächlich andere Menschen in unserem Bällebad, etwas wegrücken.
Ich ging weiter in den REWE. Dort lief eine Frau in meinem Alter mit einem vorpubertären hochgewachsenen Jungen herum und erklärte ihm die Welt der Nahrungsmittel. Was das und jenes ist, was richtig und gut ist, was man essen dürfe und was nicht. Ich verstand nicht viel davon, aber es war wieder der gleiche Märchenerzählerhabitus „wir machen grad was ganz schrecklich spannendes, du“, mit dem die Erwachsene begann und die das (für so eine Unterweisung fast zu große) Kind irgendwann aufnahm. Mein Gefühl: Das Kind tat der Erwachsenen den Gefallen, mitzuspielen. (Noch, in einem halben Jahr wird ihm das tierisch peinlich sein.)
Dass hier immer mal Mütter mit Kinderwagen vorbeischieben, die ständig ihr Kind ansingen und wenn ihnen nichts mehr einfällt, eine lustige Geschichte erzählen, mit Märchentantenstimme natürlich, geschenkt…
Dass eine entfernte Bekannte mit ihren Kindern bei einem gemeinsamen Ostseeausflug „Oh toll wir sind auf Klassenfahrt, wir spielen ganz viele Spiele und singen ganz tolle Lieder!“ inszenierte. Mich beschlich die kleine Fremdscham, eine Fünfundvierzigjährige zu sehen, die sich so benahm wie ihre Kinder, besser noch kindlicher als ihre Kinder, die dann ihr zuliebe mitkalberten.
Was ist das? Quality-Time-Alarm?

Ich erinnere mich, dass ich mich in der Öffentlichkeit vor dem Kind so benahm, wenn ich unsicher war. Immer einen Zacken zu laut, zu demonstrativ. „Schaut mal, ich bin die Mutter! Ich sorge gut für mein Kind“ Ich habe mich später dafür gehasst.
Ich erinnere mich daran, dass wir als Kinder immer die schönste Zeit hatten, wenn uns vorher tierisch langweilig war, wenn nichts passierte und wenn die Erwachsenen mit sich selbst beschäftigt waren. Dass wir es gut fanden, wenn die Eltern uns die Erwachsenenwelt zeigten. Museen, Konzerte, Restaurants. Natürlich wollten wir uns dort wie Erwachsene benehmen. Wenn meine Mutter plötzlich die 12jährige gespielt hätte oder unsere Eltern so märchenonkelmäßig geredet hätten (ok., der Vater machte das manchmal, dann baten wir ihn, wieder normal zu werden), das wäre uns peinlich gewesen.
Wir fanden den Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ok., außer wenn die Erwachsenen mehr durften als wir, dann wollten wir so schnell wie möglich erwachsen werden. In den vielen entspannten Momenten konnten wir Kind sein und wenn wir wollten, konnten wir erwachsen spielen. Hier vor meiner Tür ist das umgekehrt. Da scheint Kindheit die große, freie Welt zusein, in die die Eltern immer wieder zurück möchten.

Manchmal möchte ich Mäuschen spielen, was diese Generation, die gerade heranwächst, ihren Therapeuten erzählen wird.

edit: Ich lese das gerade noch mal durch und merke, es geht nicht um soziale Fertigkeiten und um Rücksichtnahme. Es geht um Eltern, die die Elternrolle nicht füllen (wollen) und daher entweder Kind oder Märchenonkel spielen.

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