Zu Stein werden

Nach meinem zweiten Sardinienaufenthalt spare ich mir die Hymnen. Ich versuche es zumindest.
Es war früher eine herbe Strafe, auf diese Insel verbannt oder strafversetzt zu werden. Heute bedauere ich, daß ich dort nicht eine lange Zeit für meine mannigfachen Verfehlungen und Sünden absitzen muß.
Der Empfang im Dreimännerhaus – der Gastgeber, HeMan, der vorgefahren war und der englische Freund – mischte englisch-versnobtes mit mediterraner Süße.
Ein perfekter Pimm’s empfing mich.

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Da ich nach einem heftigen Sturm die Sonne mitgebracht hatte, war das Meer für das leichte Boot wieder befahrbar. Wir logierten in schrumpfender Besatzung, zu viert, zu dritt, zu zweit und wieder zu viert und ich holte mir den ersten heftigen Sonnenbrand beim Rasenmähen. Es ist ein bißchen wie ein Pferd zu reiten, wenn man mit einem benzinbetriebenen Rasenmäher über die Gemarkung tuckert. Oder besser, einen Esel. Der Mäher macht nämlich gern, was er will.
Wer arbeitet, sollte gut essen. Ich habe die ersten Muscheln eines Lebens gekocht. Nicht ohne Skrupel,denn die kleinen Kerlchen streckten noch neugierig ihre Fühler (oder Füße?) nach mir aus, bevor sie in den Topf kamen. Aber sie schmeckten göttlich.
Überhaupt das Essen. Hummer, die am Morgen aus der Reuse geholt wurden. (war mir allerdings zu teuer, sahen aber gigantisch aus), wunderbare Fische, Oktopus und schlichtes Gemüse: Tomaten, ob grün oder rot, Bohnen, Auberginen, Paprika, frische Riesenzwiebeln, dazu Käse, Honig, Öl und Wein. Für all das muß man im Grunde nicht einmal kochen können, die Produkte sind stark genug.

vino
gorg

Mein leicht fragiler Zustand ließ keine Bergwanderung zu, denn beim ersten Versuch stützte ich und auch das Schwimmen mußte ich mir unter Hilfe wieder erarbeiten. Das erschütterte mich am meisten. Ich, die ich stundenlang perfekt eins mit dem Wasser werden kann, bekam panische Angst, wenn ich die Füße vom Grund löste und mich den Wellen überließ. Dort

bay

löste sich langsam die Angst. Ich stieg ein wenig in den Felsen herum. Nicht gerade einfach mit 10 Kilo zu viel. Aber der Sandstein war rauh und hatte an manchen Stellen perfekt greifbare Steine eingearbeitet, nichts bröckelte und alles saß fest. Wunderbar.

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Nachdem ich unter Anleitung im Wasser geschwommen war, zerfloß ich fast vor Glück.

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Überhaupt dieser Ort. Felsen mit perfekten geometrischen Rissen und Brüchen. Mineraladern. Mauerförmige schwarze Steinschichten. Höhlen, Plateaus, Überhänge. Als wir in der Bucht landeten, wünschte ich mir, dort zu bleiben. Für mehrere Tage vielleicht. Es war bald Vollmond und das Meer war relativ still. Doch natürlich fuhr ich mit den anderen zurück.

Viele Orte hatten ihre eigene Mystik. Plötzlich spürte man die vielen Generationen vorher. Das aus den Steinen einer römischen Stadt erbaute Oristano. Die dunkle romanische Kirche in St. Leonardo, die nur ein schmales, grünverglastes gotisches Fenster und ein rundes Gottesauge in der Apsis hatte, die nur wenig von der grünen Fülle des Waldes der sieben Quellen mit in den frommen Raum nahm. Die drei Hügelspitzen über dem Ort Padre und die uralten Terrassen-Gärten darum, die gottverlassenen Straßen mit leeren Häusern, gut verschlossen von verwitterten Türen mit handgeschmiedeten Beschlägen und Nägeln.

tuer

Tiere. Fische, Ziegen, Gänsegeier, Schafe, Esel, Smaragdeidechsen, Schlangen, Schweine, Rindvieh.

kuh
echse
ziege

Blühende Blumen. Hundsrosen, Wermut, Wicken, Ginster, wilde Malve und Pfingstrosen. Am Abend hob sich ein Ozean aus Duft von den Wiesen.

blumen

Das Leben ist einfach, entspannt, weitgehend geld- und luxuslos und hat so einen ungeheuren Reiz für uns. Die Familien sind zum großen Teil Selbstversorger. Für die allmächtige Bürokratie gibt es Beziehungen. Unsere Perfektion erscheint lächerlich angesichts der ewig halbfertigen oder halbzerfallenen Häuser und ihrer charmanten, schlurigen und liebenswürdigen Bewohner.
Aber auch die Uckermark hat für deutsche Intellektuelle ihren Reiz. Eingeborene möchte ich dort nicht sein.

Fazit: Eine gute Zeit. Mir ging es von Tag zu Tag besser. Und doch fällt mir Rilke ein.

grab

Schlußstück

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

(Quelle)

Fotos: HeMan

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6 Gedanken zu „Zu Stein werden

  1. da sind sie offenbar in einem ganz wunderbaren, persönlichen heimatroman gelandet.
    ich war zunächst erschrocken über den schluss des textes…. und nun finde ich ihn ganz wunderbar.
    ist es nicht so….. dass wenn man mitten im lebenlieben ist…. genau die endlichkeit ebendessen auftaucht?
    und ist es nicht eigenartig schön, dass das so ist?

  2. REPLY:
    sie haben noch gesucht, ich hatte den text offline gesetzt, um die fotos einzubauen, damit habe ich mich immer etwas schwer.

    heimatroman. das ist wirklich ein schöner und treffender begriff!

  3. REPLY:
    möööönsch….. jetzt mit fotos……………..
    tiefes soifzen

  4. Hach. Wenn man ganz langsam liest und jedes Foto genau ansieht, kann man Urlaub im Kopf machen. Wunderbar.

  5. Hm, schöne Erinnerung. Bin gestern auch aus Sardinien zurück gekommen. Eine sehr entspannende Insel mit sehr sehr angenehmen, positiven Menschen.

  6. REPLY:
    sardinien wäre für mich ein grund, endlich mal ein motorrad-training zu machen. die kurvigen straßen verlangen nach einem bike.

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