Liebe Tante Alice!

So ganz kann ich die Geschichte nicht verstehen. Du stellst eine neue Chefredakteurin für deine Zeitung ein und schmeißt sie dann ganz schnell wieder raus. Gut, offiziell darf sie freiwillig gehen.
Die Frau sei überfordert. Sie habe zwei Kinder und einen kranken Vater, sei ohnehinschon wegen dieser Priorität später angetreten und fachlich nicht ganz bei der Sache und das ginge alles nicht.
Als dich ganz Deutschland anfeixte, weil du als führende Feministin dieselben Argumente benutzt hast, mit denen jeder sacktragende Abteilungsleiter Frauen dizzt, also d’accord mit deinem beliebtesten Feindbild warst, bist du umgeschwenkt.
Du hast ausgeführt, daß die Frau fachlich für diesen Job ohnehin nicht geeignet ist, nicht richtig eingearbeitet werden konnte und die vereinte Redaktion dermaßen das kalte Grausen ob der zeitungsmacherischen Unbedarftheit bekam, daß sie die Reißleine zog und dich zu Hilfe rief.
Variante 1 ist sehr macho. Schäm dich.
Variante 2 ist mädchen. Hach, wir verstehn uns so toll und wolln jetzt ein Projekt machen und wir haben auch schon ganz viel drüber geredet und sie trägt auch die selben Schuhe wie ich und wir mögen beide Prosecco auf Eis und laberlaberlaber, kicherkicherkicher. Und im Realitätstest ist irgendwann Zickenkrieg.
Liebe Tante Alice, jetzt reichts. Als ich mir vor Jahren erklären lassen mußte (ja, ich war so naiv!), daß du mit Männern garnix am Hut hast, aber Frauen dahingehend ideologisierst, wie sie mit Männern umzugehen haben, hab ich geschluckt und mir gedacht, ok., das muß wohl so sein. Revolutionäre sind halt immer etwas polarisiert.
Aber scheinbar entwickeln sich alte Lesben irgendwann in die Richtung von alten Männern. klopfen rechthaberisch mit dem Stock auf den Boden, wenn das Mittagessen nicht pünktlich um 12 auf dem Tisch steht und keifen herum, wenn sie jemand beim Angeln stört.

Auch das noch:

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20 Gedanken zu „Liebe Tante Alice!

  1. Schon komisch: obschon es dem Klische entspräche, bin ich bei ihr niemals auf den Gedanken gekommen, das sie lesbisch sein könnte. (Lt. Wikipedia hat sie sich ja zur eigenen Sexualität nie geäußert bzw. auf Spekulationen verärgert reagiert.)
    Ehrlich gesagt geht mir der von ihr vertretene Feminismus am Ar*** vorbei. Und ehrlich gesagt fand ich ihre Argumente in Diskussionen, in denen der „Geschlechterkampf“ nur am Rande eine Rolle spielte, immer wieder sehr klug. Für mich hatte es sehr lange den Anschein, daß da ein Mensch mit sich im Reinen ist und ganz ‚laid-back‘ auf dieses ewige Thema schaut. Erst als sie auf Bild-Plakaten erschien, sie in diesem Zusammenhang als inkonsequent kritisiert wurde und Kritiker andere Widersprüche hervorkramten, hat sich dieses Bild bei mir gewandelt.
    Ich glaube jedenfalls nicht, das das von ihr präsentierte Verhalten ein Lesben-Alterungsproblem ist oder etwas mit dem zu tun hat, was man beginnende Senilität nennt. Alter schützt vor Torheit nicht…

  2. wunderschoener Text und so treffend auf den Punkt gebracht. Ich zieh‘ den imaginaeren Hut vor Dir!

    Lieber Gruss

    Ini

  3. REPLY:
    komischerweise bin ich auch noch nie auf den gedanken gekommen. nicht mal ansatzweise. wenn es so sein sollte: sehr schwaches bild. da hatte hella von sinnen schon vor gefühlten hundert jahren mehr positionsbewußtsein …

  4. REPLY:
    ich glaube in einer (auto?)biografischen schrift war davon zumindest am rande die rede. ich weiß es von einer frau, die selbst in der frauenbewegung aktiv war. die lachte mich richtiggehend aus mit wie, das wußtest du nicht?
    (mal abgesehen davon, daß es in dieser derzeit auch eine menge ideologischer lesben gab und die männer im kopp tatsächlich ziemlich gestrig waren.)
    etwas spitz formuliert, nimmt sich vor diesem hintergrund ihr penetrationsverbot so aus, als würde ein schwuler heterosexuellen männern anraten, ab sofort sex mit frauen nur noch anonym im darkroom zu haben.

  5. REPLY:
    das würde bei den männern sicherlich wenig protest auslösen …

  6. REPLY:
    ich glaub, damit hab ich mir ein eigentor geschossen

  7. REPLY:
    …schließe mich kleinlaut an und füge besserwisserrisch-weise still hinzu, dass es eben doch nur oben oder unten gibt… alles andere sind »nebenschauplätze«…

  8. REPLY:
    …hach ja, das löffelchen in die gesellschaft und wir wären gerettet, irgendwie…

  9. REPLY:
    Ich dachte, sie hat drei Kinder. Und war schon mehrfach verheiratet.
    Das weiß ich von jahrelangem, intensivem Gesprächsrundengucken.
    Was wieder für völlige Unrichtigkeit dieser Thesen spricht.

  10. Revolution frisst ihre Kinder, nicht wahr ?

    edit: Ich denke schon eine ganze Weile über Frau Schwarzer nach und könnte schwören, ich hätte – wie Frau Croco – irgendwann die Information bekommen, sie lebe in einer Heterobeziehung und hätte Kinder …

  11. Ich war mir bei dieser ganzen Sache von Anfang an nicht so sicher, ob die Schwarzer das wirklich so gebracht haben soll. Oder ob da die gechasste Dame nicht versucht auf unfaire etwas … sagen wir mal typisch weibische … Art ihr Image zu retten und die Presse vergessen hat, die zweite Seite zu befragen.

    Das erscheint mir so gar nicht als Schwarzers Style. Hingegen erscheint es mir wohl als Deutsche Presse Style Frauen, die ihren Posten doch nicht räumen wollen so an die Wand zu schreiben, während so manch ausgedientes Vorstandsmitglied oder abgewracktes Politikmitglied schön weiter auf den längst als mehr als nur durchgesessenen ausgedienten Sessel lobt.

    Ich mag mich irren. Mein Bauch spricht hier. ,-)

  12. Keine kann ihr Leben lang ALLES richtig machen.
    Ab einem gewissen Leitungsquantum sollte man sich als Publikum auch mal in liebevoller Dankbarkeit schütteln und ansonsten leben und leben lassen…
    Mir jedenfalls hilft das. Sonst müßte ich auch den ganzen Tag rumlaufen und meiner bittere Enttäuschung über die Entsympathisierung und den unkontrollierten Coolnessverlust der späten Madonna lamentieren, aber wem würde das nützen?
    Alice hat so lange so vieles richtiger gemacht als die meisten anderen, da darf die im Alter auch ruhig mal ein bißchen straucheln mit ihrer öffentlichen Figur.
    Finde ich und gebe trotzdem auch dem oberen Artikel recht, aber so bin ich eben, ich und mein Waage-Aszendent.

  13. REPLY:
    kinder hat sie keine. wobei das für diese generation emanzipierter frauen typisch war.
    und fakt nr. 2 habe ich – wie gesagt – von einer frau, die selbst als feministische publizistin tätig war.

  14. REPLY:
    ich gebe deinem bauchgefühl recht. deshalb habe ich auch zwei interpretationsmöglichkeiten aufgemacht.
    denn fakt ist, da hat sich jemand mit seiner nachfolgeregelung entweder himmelschreiend unprofessionell angestellt oder aber kann nicht loslassen.

  15. Ob AS lesbisch ist oder nicht, ist mir egal. Ich bin schließlich auch lesbisch und mag nur Frauen.
    Aber ich schätzte die Beschreibung der Variante 2 ganz ungemein:)
    Vor allem das Mögen von Prosecco…

  16. REPLY:
    Bascha Mikas …. Buch kann man nicht gerade als Autobiografie bezeichnen. Gut geschrieben – gut verdient (was sicherlich ein oder gar der Antrieb war, es zu schreiben).

    Fakt ist, Frau Schwarzer hat sich bis heute nicht als «Lesbe» geoutet – es wird immer nur von irgendwelchen Dritten erzählt dass sie es sei. Man sollte etwas vorsichtig sein, mit solchen Aussagen (auch nicht, weil irgendein schlecht kopierter Text in wikipedia davon berichten will).

    Was ist eine Lesbe?
    Jemand mit der homosexuellen Neigung, oder jemand der sich dazu bekennt?

  17. REPLY:
    ich finde ja die späte madonna nur eine strikte weiterentwicklung der frühen: unreflektiert ehrgeizig.
    vielleicht ist die späte a.s. auch eine weiterentwicklung der frühen: rechthaberisch und streitsüchtig.
    wer moral predigt, muß sich an seinen eigenen maßstäben messen lassen.
    und daß revolutionen von menschen getragen werden, die im normalen leben als zänkisch und unangepaßt gelten, ist auch mir klar. siehe die ddr-bürgerrechtler. die wenigsten waren in die normale tagespolitik zu integrieren.

  18. REPLY:
    endlich sieht das mal einer. so weit ist die dame von hera lind nicht entfernt.

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