24.7.10

Am frühen Vormittag fuhr ich den Mann zum Flughafen. Er reiste in die Heimat, Geburtstag feiern. Ich machte auf dem Rückweg eine kurze Einkaufsrunde. Rogacki, um 11 Uhr gähnend leer, weil die Freßstände noch nicht umlagert sind, Ulrich, der türkische Gemüseladen.
Zurückgekehrt, frühstückte ich hingebungsvoll. Corned Beef, Leberwurst und Käse aufs Brot, dazu der Rest Obstsalat vom frühen Morgen. Danach schaffte ich gerade noch den Tagebucheintrag des Vortages und eine kurze Blogschau. Mich überfiel eine magische Müdigkeit und so schlief ich von eins bis halb vier. Zu arbeiten und dazu viermal in der Woche abends unterwegs zu sein, ist zu viel.
Wahrscheinlich hätte ich bis zum Abend durchgeschlafen, wenn ich nicht so furchtbaren Durst gehabt hätte.
Auch danach befand ich das Bett als besten Aufenhaltsort für mich. Mit Buch, Telefon und Laptop machte ich es mir gemütlich.
Eine Twittermeldung schreckte mich etwas später auf: Tote auf der Loveparade. Ich verfolgte die Meldungen sonderbar unemotinal, sehr distanziert, fast wütend und doch mit einem Knoten im tiefen Innern. Ich blockte mich ab. Das, was dort passiert ist, in einen Menschenstrom gerissen werden und nicht mehr herauskommen, gehört zu meinen tiefen, geheimen Ängsten. Ich hatte vor Jahren ein eher harmloses Erlebnis in der Hinsicht. Ich wurde in einem Flur beim stockenden Einlaß zu einem Popkonzert von einer immer größer werdenden Menschenansammlung gegen eine Wand gedrückt und innerhalb einer Stunde fünf oder zehn Meter mitgeschleift. Eine Stunde, in der ich oft keine Luft mehr bekam und die Füße nur noch selten auf dem Boden hatte, meine Kleider zerrissen und ich naß war vom Schweiß der anderen. Danach habe ich Menschenmengen immer gemieden.
Ich hatte gespaltene Empfindungen. Das Bild sofort mit Leichenfotos kommt, wunderte mich nicht, das ist schließlich die gesellschaftliche Rolle dieser Zeitung. (da könnte auch jemand von einer Pornoseite verlangen, keinen expliziten Sex zu zeigen)
Das die ARD zunächst dem Zuschauer erklärte, was die Loveparade ist und das es sich eher um ein lebensfrohes Volksfest handelt, deutet darauf hin, daß es eine Menge Parallelgesellschaften in diesem Land gibt. Im ZDF lief übrigens das Open-Air-Konzert der Volksmusik.
All die Klugscheißer, Besserwisser und Kapitalismuskritiker („Scheiß Profitdenken!“) ließ ich an mir vorbeirauschen. Das ist das, was Frau Rosmarin letztens so schön als „emotionale Notfallreaktion“ bezeichnete. Letzlich blieb in mir die Frage, die sich alle stellten. DURCH EINEN TUNNEL???

Kurz vor zehn Uhr sah ich mir The Prisoner an. Sehr, sehr cool. Und doch antiquiert. Vor 30 Jahren hätte ich mich angesichts der weißen Luftballons, die renitente Bürger quetschen, bis in den Schlaf gegruselt. Heute zucke ich die Schultern, weil ich für Symbolik im Fernsehen nicht mehr empfänglich bin. Ich will überhöhten Realismus sehen.
Die nächste Folge war mir doch zu viel, ich bin zwar immer noch ausdauernd im Lesen, aber Sehmarathons wie früher, als ich auf Festivals 3 oder 4 Filme hintereinander sah, sind vorbei.
Ich schaltete das Licht aus, denn ich war von einem Tag Nichtstun schon wieder rechtschaffen müde.

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5 Gedanken zu „24.7.10

  1. ich grusel mich auch vor menschenmassen…. und bleibe daher selbst popkonzerten weitgehend fern (na gut…. eric clapton habe ich mir geben müssen vor zwei jahren).
    und merci… sie erinnern mich gerade daran…. dass ich jetzt eine kleine siesta dringend benötige (bin ja schon seit halb sieben unterwegs…) :-)

  2. REPLY:
    … das dorfdeppen ding hat sich „bei uns“ durchaus geändert, da die veranstaltung ja nun nicht mehr kurz vor moskau stattfand. das sieht man schon daran, das unter den opfern fast zur hälfte ausländische touristen sind. was die sache aber auch nicht besser macht. es ist für immer vorbei.

  3. REPLY:
    ich habe aufgehört, hinzugehen, bevor billigfliger berlin mit backpackern geschwemmt haben.
    das waren die zeiten, als an den straßenrändern in dreibuchstaben-schrottlauben aus ganz deutschland die bekifften übernachteten.

  4. REPLY:
    … wie bei den meisten dingen: ab einer gewissen dimension ist der charme des ursprünglichen hinweg. ich habe dieses jahr zum ersten mal seit 20 jahren wieder eine konzert mit über 50.000 besuchern betreten. mit dem ergebnis, dass meine alteinschätzung, dass ab ca. 12.000 irgendwie der kuschelfaktor flöten geht nach wie vor gilt. da hilft auch der inzwischen bessere sound und die videotechnik nicht weiter.

  5. REPLY:
    eric clapton vor zwei jahren, ja, das mußte ich mir auch geben. aber nachdem die loveparade von einer schrägen demo zur dorfdeppen-onz-onz-onz-kirmes verkommen war, bin ich nicht mehr hingegangen.

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