Wie ein dicker Kürbis

fühlt sich dieser Tag an. Diese letzten Septembertage, die einem noch einmal zeigen, was der Sommer war (in diesem Fall gewesen sein könnte), bevor alles ins Dunkle implodiert.
Ein Tag wie ein kleines Denkmal für mein kleines Leben. Ich sitze nach dem Dunkelwerden in der Küche, esse Pecorino und Butterbrote mit Meersalz und trinke Wein. Im Zimmer nebenan liegt der Mann im postkoitalen Tiefschlaf.
Die Berliner Stadtansicht blinkt, unten lärmt die Weinerei.
Ich bin leicht müde, entspannt und irgendwo tief drin vibriert noch die Erschöpfung.
Heute vormittag, als wir auf dem Rad die Marathonstrecke abfuhren, um einer der ältesten Freundinnen Unterstützung zu geben, die unter die Läufer gegangen ist, überfiel mich ein Flashback. Dasselbe wie vor zwei Jahren, gleiche Zeit, gleicher Ort, gleiche Situation. Ein Strom von Menschen, der unablässig auf mich zukommt, hektische Bewegung, Lärm, ich bewege mich auf dem Fahrrad ebenfalls, dann Passanten, die zu umfahren sind, Wegsuche, Absperrungen, Baustellen, Zeitdruck, den nächsten verabredeten Punkt zu erreichen – Data overload. Nichts ging mehr für eine ganze Weile. Vielleicht werde ich in Zukunft damit leben müssen. Ich war ohnehin nie der Typ für große Menschenmengen.

Später, als die Freundin versorgt war, zog Ruhe ein. Der Graf und ich saßen mit persischen Studenten vorm Shayan und aßen zu Mittag. Traumessen. Reis, Gemüse-Sauce, Fleischspieß, Salat, Grilltomate und duftendes Gewürz. Dazu Tee mit Rosenwasser. Ab und zu trabte ein müder und glücklicher Marathonabsolvent vorbei. Der Graf war etwas melancholisch. Er hatte heute den ersten Marathon seit acht Jahren ausgelassen. Verlieben verlangt Energie und vermindert Trainingskapazitäten. Dann einen Kaffee im Impala. Kontrastprogramm. Ein Defilee von Herrentitten und prallen Bizepsen in engen Shirts, dazu angestrenge Gesichter mit Vollbärten.
Auf dem Rückweg noch ein Eis bei Süße Sünde am Weinbergsweg. Das Sahneeis ist toll, das Fruchtsorbet ist bei Bandy Brooks besser. Wieder anderes Publikum, andere Kleidung. Neben uns sitzt ein Paar mit zwei Kindern. Sie wechseln von Deutsch mit den Kindern in ein arabisch klingendes Französisch untereinander, dann spricht die Mutter Jiddisch mit der älteren Tochter.
Ich liebe diese Stadt.

Nach sechs Monaten Liebesklausur ziehe ich wieder die Vorhänge auf und öffne die Fenster. Inzwischen ist viel passiert. Das Kind lebt wieder allein. (Leises Schnief, man wünscht sich doch Beständigkeit für die kleine, resolute Elfe.) Ein Geburtstagskind, das ich im Frühjahr zuletzt sah, ist plötzlich im sechsten Monat schwanger – und es steht ihr. Überhaupt ist es immer wieder umwerfend, zu sehen, wie sich Menschen, die Kinder bekommen, verändern. Sie werden nicht nur körperlich rund, sondern auch mental.
Am Dienstag wird mit dem Herrn Glam und dem Herrn Lucky gekocht.
Bin also wieder da.
Und glaubense mir, die Notizen des letzten halben Jahres hätten sie nicht lesen wollen. Diese Mischung aus Porno, Erwähltheitsekstase und Kitschroman. (Wenn nicht Porno zuerst stünde, wärs nicht Kitty). Es ging schließlich um zwei ganz normale Menschen.
Und wenn sie wieder mal in einer aufregenden Herzensangelegenheit stecken, lassen Sie sich sagen: Es muß leicht gehen. So in etwa wie eine gute Tischtennispartie. Fallengelassene Bälle und Schmettervorlagen inklusive und umsonst, so ist das Leben, aber es geht hin und her und bleibt in Bewegung. Wenn sie beginnen, sich eine zähe Angelegenheit schön zu reden, stimmt was nicht. Für diese Erkenntnis habe ich sieben Jahre Forschungsarbeit verwendet.

Überhaupt Arbeit. Das ist schon ein Brocken. Auch wenn es nur drei Tage in der Woche sind. Ich muß umlernen von meinem „Eigener Chef“-Stil auf Teamarbeit oder Soloarbeit unter Aufsicht und Erwartung. Wer wie ich 15 Jahre Boß war oder alleine gewurstelt hat, mußte nie richtig organisieren, sondern hat das gemacht, was am Wichtigsten oder Interessantesten war. Das erzeugte jede Menge Chaos, aus dem am Schluß ein Ergebnis herauskam. Das geht jetzt so nicht. Außerdem habe ich mir gefälligst nicht mehr jede Jacke anzuziehen, die rumliegt. Dazu habe ich (nach fünf Jahren wieder) meine Leute. Also konzipieren, anleiten und kontrollieren statt selber machen. Hachja.

So, das wars denn. Ich gelobe, was die Regelmäßigkeit der Nachrichten aus Miz Kitty’s Universum betrifft, reumütig Besserung, Frau Ro.

Auch das noch:

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  • Übers LimitÜbers Limit Dabei gibt es gar keinen so rechten Grund. Ich denke intensiv darüber nach, wie ich meine Zukunft gestalte und ich habe gerade nicht […]
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  • VerstehenVerstehen Grade lese ich in der Zeit, pflaumenmusbrotkauend. Ein Artikel von Lebert Vater und Sohn über die Vater-Sohn-Beziehung. (Leider nicht zu […]

7 Gedanken zu „Wie ein dicker Kürbis

  1. porno hin und kitsch her…. soviel weisheit liebe frau kitty. den satz mit den runden frauen, die auch mental runden…. den werde ich weiterleiten an die zwei freundinnen. und die siebenjährige forschungsarbeit zur zähigkeit…. ganz wunderbar.
    und herzlichen glückwunsch auch zum prallen leben.

  2. früher [opa erzählt vom krieg] hätte ich wahrscheinlich geschrieben: „das volk will porno!“.

    heute kann ich mich nicht mal mehr ansatzweise erinnern, wann ich in einem pornografischen text nicht spätestens nach dem zweiten satz ausgestigen bin. auch so ein kolateralschaden des internets.

    sechs monate liebesklausur hört sich aber trotzdem gut an. das hat sowas leichtes. tischtennis halt …

  3. Und wenn sie wieder mal in einer aufregenden Herzensangelegenheit stecken, lassen Sie sich sagen: Es muß leicht gehen.

    Das predige ich seit Jahren… aber das funktioniert leider nur in den ganz seltenen Glücksfällen, wo es einfach perfekt „passt“ – von daher: Weiter so, das klingt super.

  4. REPLY:
    ach, wenn nach der siebenjährigen Forschungsarbeit wenigstens ei Dr. vor meinem Namen stehen würde. Wie immer war das unbezahlte Frauenarbeit.

  5. REPLY:
    Tscha, ich bin halt keine Romantikerin und auch keine sauber gespülte Hausfrau.

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