Ungarn kann sehr kalt sein I

Ich war in den Zeiten als die Mauer noch stand nie in Budapest. Das hatte keine besonderen Gründe. Irgendwie hat mich die Urlaubslogistik immer daran vorbeigetragen. An Szeged und Eger kann ich mich erinnern, an Budapest nicht.
Natürlich kannte ich die schwärmerischen Kommentare der anderen. Daß es ein bißchen sei wie im Westen, es gäbe Jeans und Lux-Seife zu kaufen. Außerdem waren die Nächte im Sommer warm, das Leben leicht, die Nahrungsbeschaffung noch leichter – Trauben, Pflaumen, Pfirsiche, was das Herz begehrt – und doch war es noch vertraut, fast deutsch, so wie Prag. Nicht so fremd wie das sehr balkanesische Bulgarien und die Hölle Rumänien mußte auf dieser Reise auch nicht durchquert werden.
Fotos (so ein bißchen Prag ein bißchen Wien und das unter sehr blauem Himmel) und Ufa-Filme nährten zusätzlich meine Phantasie.
Als der englische Freund meinte, er wolle in seiner beruflichen Auszeit gern die alten, berühmten Großstädte von hinter dem Eisernen Vorhang besichtigen, war ich gern dabei.
Ein Reiseführer wurde erworben und eifrig studiert, beim Packen jedoch sahen wir uns ratlos an. Wetterprognose 11-15 Grad, Regen. Ich liebäugelte mit meiner Daunenjacke, verwarf das und versprach mir, mindestens eine warme Fleecejacke mitzunehmen. Aber selbst das erschien mit peinlich. Nicht auszudenken, in einer so viel weiter südlichen Stadt schwitzend mit allzu warmen Sachen herumzulaufen. Ich warf ein paar Shirts und leichte Pullover in den Koffer und den Regenschirm dazu, zur Beruhigung der Nerven.

Wir quälten uns sehr früh aus dem Bett zum Flughafen. Der schnelle Nonstopflug von Malev, der nationalen Fluggesellschaft, verlangte 120 Minuten vorher da zu sein. Wenn wir erst einmal die Sicherheitskontrolle hinter uns hatten, wollten wir in Ruhe Kaffee trinken und Zeitung lesen. Doch Ungarn begann in Tegel. Die Schalter waren noch nicht besetzt, nebenan sitzende Kollegen meinten, das wäre normal, die Malev käme erst 90 Minuten vorher. Wir standen in der engen Check-In-Halle und die Malle-Touristen zogen an uns vorbei. Ich nutzte die Gelegenheit zum Geldtauschen und kam mit einem obszön riesigen Paket Scheine wieder. Inzwischen hatte die 90-Minuten-Frist begonnen. Ein eleganter, graumelierter Herr in blaugoldener Uniform sortierte hinterm Tresen und bat sich mit sehr angenehmer, leiser Stimme etwas Geduld aus, noch zehn Minuten, dann könnten sie beginnen. Was entschieden nichts für überpünkliche, zeithysterische Deutsche ist. Doch der Herr in der Uniform ließ sich nicht beeindrucken. Auf jegliches Genöle sagte er: Ich entschuldige mich! Mit uns hatte sich eine Gruppe älterer Damen und Herren mit schwerem Dialekt – Schwaben oder Pfälzer – eingefunden. Wäre nicht die berüchtigte Sandalen-und-Socken-Kombi der Herren gewesen und hätten die Damen nicht Nordic-Walking-Stöcke zu praktischen roten Outdoorjacken getragen, hätte ich sie nicht als Deutsche identifizieren können. Ihre Sprache war unverständlich. Dann gab es noch den einen oder anderen verranzten Studienrat oder Bibliothekar mit Studiosus-Rucksack und eine scharf aussehende Russin mit Mini-Minirock und riesigen, fast freigelegten Silikonbrüsten, die in was weiß ich für Geschäften reiste.

Unser Hotel war diesmal eine Kategorie über dem, was wir sonst bevorzugen, denn der englische Freund liebt die Bequemlichkeit. Ich kann es auf jeden Fall empfehlen. Die auf den meisten Fotos abgebildeten größeren Zimmer sind mir etwas zu overstyled. Ein Stockwerk drüber gibt es nette Büdchen mit erhöhtem Schlafplatz mit ähnlicher Farb- und Materialgestaltung, aber weniger ambitioniertem Design und absolut rückenschmerzfreien Betten. (und!!! WLAN, überall, umsonst und schnell. Überhaupt hat die Budapester Innenstadt an den meisten großen Plätzen und in den Gebäuden WLAN umsonst. Was für mich, die ich ja immer etwas nebenbei arbeiten muß, hervorragend ist.) Mit Wochenendtarif ist das Doppelzimmer für 85 € die Nacht zu haben. Ob das noch lange so bleibt, ist fraglich, das Hotel ist erst 3 Monate alt und liegt mitten im historischen Viertel auf dem Burgberg. Dort, wo auch das Hilton im gruseligen 70er-Stil zwischen die Ruinen eines Jesitenkollegs und einer Franziskanerkirche in Beton gegossen wurde. Das häßliche Ding gehört sofort abgerissen!

…Fortsetzung folgt

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5 Gedanken zu „Ungarn kann sehr kalt sein I

  1. „Ich war in den Zeiten als die Mauer noch stand nie in Budapest.“ – In diesem Punkt irrst du, du warst schon einmal da, unter anderem mit mir… Hast dort sogar eine Nacht im Hotel verbracht – allerdings krank, wenn ich mich recht erinnere. Nun, ich war damals ein Knirps und du… na eben ein wenig älter.

  2. REPLY:
    menno, also doch. als wir im café gerbaud waren, blitzte etwas in meiner erinnerung auf…
    uns ja, ich weiß, ich war eine dickliche pubertistin.

  3. REPLY:
    das mit dem braun ist mode. ich erinnere mich daran, daß alle wohnungen verstorbener witwen, die ich in den frühen 90ern bezog, eine lindgründe badausstattung hatten.

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