Thilo wider die Sarazenen

Seit Tagen habe ich den Impuls, gegen die ganze Sarrazin-Häme ein, zwei knackige Sätze über Twitter loszulassen. Daß ich die Art der Auseinandersetzung idiotisch finde, denn sie köpft den Überbringer der schlechten Nachricht und will den Inhalt überhaupt nicht wahrnehmen.
Es hätte aber die Gefahr bestanden, daß ich genauso niedergebuht worden wäre. Der Mainstream des Netzes ist contra Sarrazin. Vielleicht, weil es viele Gebildete immer noch prima finden, laut im Chor „Nazi“ zu schreien, wenn die Argumente fehlen.
Sarrazin ist ein notorischer Querulant. Jede Gesellschaft braucht zu ihrer Entwicklung die Impulse notorischer Querulanten. Solche Leute haben auch der DDR den letzten Tritt versetzt. Ihre Polemik war nicht immer mehrheitsfähig und die meisten waren hinterher auch nur begrenzt politikfähig.
Sarrazin hat einen kapitalen Fehler begangen. Er hat seine Argumentation stark auf die Genetik gestützt. Das tut man nicht in Deutschland. Aus Gründen. Der politisch korrekte Deutsche wählt zwar die Rasse seines Hundes nach Zuchteigenschaften wie: familienverträglich, kinderlieb, sensibel, agil, verteidigungsbewußt und er nickt klaglos ab, wenn es heißt, daß der äußerste Nordosten Deutschlands verblödet, weil in der Uckermark nur die jungen Deppen nicht in den Westen gegangen sind und mit ihren Cousinen jede Menge Kinder zeugen, die dann auf die Sonderschule gehen.
Was mich stört ist, daß versucht wird, die Behauptung Der übewiegende Teil der in Deutschland geborenen Kinder entstammt aus einer Schicht bildungsferner Migranten, die auch in der vierten Generation noch nicht in der deutschen Kultur angekommen sind – was rein rechnerisch bedeuten kann, daß sich mit der fünften Generation die deutsche Kultur tiefgreifend ändern wird so schnell wie möglich von der Bildfläche verschwinden zu lassen, indem sie zum Unthema erklärt wird. Die Weigerung, sich damit zu beschäftigen, gleicht der eines Kindes, das sich die Ohren zuhält und „nana-nanana“ singt, wenn es etwas hört, das es nicht hören will.
Diese Reaktion ist einerseits verständlich. Denn kulturelle Veränderungen sind unaufhaltsam. Aber die Reaktion ist auch wenig selbstbewußt. Es wäre viel besser, sich das Problem einfach anzusehen. Denn bisher sind noch nicht viele stichhaltige Gegenargumente gekommen.
Wenn in einer Milionenstadt wie Berlin über 60% und mit generativer Kumulation bald 80% der geborenen Kinder aus Migrantenfamilien stammen, dann schafft sich Deutschland ab, wie wir es kennen, mit Dackel, Schützenverein und Jägerzaun. Daran ist nichts zu deuteln.
Das ist zunächst gut. Nur was tritt an diese Stelle? Und hier setzt Sarrazins Formulierung des Unbehangens an. Das kinderreichste Gesellschaftssegment Deuschlands sind Einwanderer aus den rückständigsten Regionen der Türkei. Sie kommen z.T. aus Dörfern, die weder Strom noch Wasserleitungen noch eine aktive moderne Gerichtsbarkeit oder Bildung haben. Eine Gruppe, die unter sich lebt und ihre mitgebrachten Lebensverhältnisse unter etwas mehr Wohlstand mit allen Mitteln zu konservieren versucht. Mit allen Mitteln heißt: Zuzug „unverdorbener“ Ehefrauen, adoleszenter Männlichkeitskult, brutal ausgetragene Konflikte mit in Deutschland aufgewachsenen „verdorbenen“ jungen Mädchen und Frauen, Dominanz streng religiöser Werte und Stärkung der Familienclans durch Vetternehen.
England hat ein ähnliches Problem mit pakistanischen Migranten, die nachhaltig fremd in Großbritannien bleiben.

Gegen eine Parallelgesellschaft ist zunächst nichts einzuwenden. Die amerikanischen Chinatowns haben sich gut 100 Jahre gehalten. Chinesische Migranten hatten eigene Areale, die kaum kontrollierbar waren. Dort herrschten eigene Gesetze, Clanchefs sprachen Recht. Die Söhne waren kleine Götter, das jüngste Mädchen überlebte nur, weil es die familiäre Funktion hatte, die Eltern im Alter zu pflegen. Es wurde untereinander geheiratet, Verwandte zogen nach und die Menschen arbeiteten hatten Läden, Wäschereien und Schneidereien.
Obwohl Asiaten eine besondere Begabung für Mathematik nachgesagt wird (Achtung! Genetik!), bestanden Aufsteigerbiografien zu Anfang vor allem darin, Gangster zu werden.
Erst in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts assimilierten sich die Chinesen in Amerika. Jetzt sterben die letzten chinesischen Wäschereien aus, weil die Kinder der Besitzer viel zu gebildet sind und lukrativere Jobchancen haben, als den Familienbetrieb zu übernehmen.

Der Unterschied zwischen Chinatown in San Franzisco und Arabtown in Neukölln ist vor allem der, daß ein Chinatown in der Lage war (und sein mußte), so autark zu sein, daß es sich selbst ernähren konnte.
Die Migrantengruppe, mit der Sarrazin sich auseinandersetzt, hat überdurchschnittlich viele Transferleistungsempfänger, vor allem unter Menschen im besten arbeitsfähigen Alter. Die jungen Männer nutzen die ihnen gebotenen Chancen nicht, die jungen Frauen dürfen sie oft nicht nutzen.
Das ist kein unbeeinflußbares Schicksal. Die Kinder der (teilweise unfreiwilligen, teilweise illegalen) vietnamesischen Migranten haben hervorragende Schulleistungen, ebenso die Kinder der aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Juden. Fleiß, Bildung und Leistung ist für deren Kultur ein hoher Wert. Diese Generation wird studieren und die deutsche Kultur ebenfalls prägen und verändern.
Anders sieht es mit den aus den Dörfern der kasachischen Steppe stammenden Rußlanddeutschen aus. Auswanderungsgrund ist häufig die Pflege und die medizinische Versorgung der Großeltern und die Hebung des Lebensstandards, basierend auf Transferleistungsempfang der ganzen Familie, die beruflich nicht Fuß fassen kann, selbst bei guter Ausbildung. Die jetzt Schulpflichtigen laufen daher aus lauter Fremdsein, Motivations- und Perspektivlosigkeit komplett vor die Wand.

Ich bin mit der Äußerung Sarrazin in „Lettre international“ (leider nicht im Volltext zu verlinken) d’accord: Wer nur kommt, um zu nehmen, ist auf die Dauer kein gern gesehener Gast. Und wer nicht nur Gast sein und weiterziehen will, muß seinen Beitrag für die Gesamtheit leisten.
Aber warum? Für eine Familie, die ein anatolisches Bergdorf verlassen hat und ihn Berlin lebt, herrschen angenehme Zustände. Wer sich – für modernen deutschen Geschmack – mit beengten und primitiven Wohnverhältnissen zufrieden gibt, hat in dieser kleinen, bescheidenen Welt einen enormen Wohlstandsprung gegenüber der Heimat gemacht. Wer krank ist, wird kostenlos sehr gut medizinisch versorgt. Die Kinder gehen zur Schule. Die Wege sind kurz und komfortabel. Es gibt für die Kurden keine großen politischen Probleme. In der Heimat konkurrierende Familien können sich aus dem Weg gehen. Und es gibt Geld. Sicher. Jeden Monat. Ohne Mühe. Ohne lange Buswege in industrialisiertere Gegenden, ohne schwere Landarbeit mit womöglich ausfallender Ernte oder verfallenden Marktpreisen, ohne Selbstversorgerwirtschaft.
Wer könnte es irgendeinem dieser Leute verdenken, daß sie sich auf dem Weg nach Deutschland gemacht haben?
Wären wir in dieser Situation, würden wir es genauso tun.

Das Fatale ist, daß eine ganze Gesellschaft so tut, als gäbe es damit keine Probleme. Es sei halt alles ein bißchen anders, aber das wär schon ok. und schön bunt so.
Das Aufräumen an den Reibungsflächen der Kulturen überlassen wir der sozialen Müllabfuhr. Den Lehrern in den „Brennpunktschulen“, von denen ich einige mit Burnout in der Psychiatrie traf. Den Sozialarbeitern, die nur mit den Kindern, nicht mit den Müttern arbeiten können, weil sie nicht verstanden werden und damit die Kinder wahrscheinlich in noch tiefere kulturelle Konflikte stürzen. Den Richtern, von denen eine vor ihrem Tod ein sehr gutes Buch schrieb, das nun leider im polemischen Lärm um Sarrazin unterzugehen droht.

Die Türken selbst kommentieren die Debatte wesentlich weniger dramatisch, ja zum Teil sogar verständnisvoll, weil sie um die Probleme wissen und in der religiösen Radikalisierung ihrer Landsleute ihre eigene Freiheit bedroht sehen.
Nur, wer sind „die Türken“? Ich habe in den letzten 15 Jahren mit 4 türkischen Migranten zusammengearbeitet.
Eine, Einwanderin der 3. Generation, vom Mittelmeer stammend, verwahrte sich immer vehement dagegen, wenn ein Journalist seine Vorstellungen von Kreuzberger Multikulti auf sie projizierte. Ihrer Familie würde es nie einfallen, in diesem Armenvierteln zu vegetieren. Ihre Mutter und ihre Schwestern hätten alle nur zwei Kinder, damit sie genügend Aufmerksamkeit für deren Bildung hätten. Mädchen und Jungen würden gleich behandelt. Leistung und Erfolg zählen. Eine ihrer Cousinen war Jetpilotin in der türkischen Luftwaffe, jetzt ist sie Anwältin. (Wohlgemerkt, diese Familie gehört nicht zur Oberschicht und auch nicht zu den Intellektuellen!) Sie wird immer wieder gebeten, sich zu den Migrantendebatten zu äußern, hält aber wohlweislich den Mund. Was sie zu sagen hätte, würde so gern keiner hören wollen. Unter multikultisentimentalen Deutschen genauso wie unter konservativen Türken.
Die drei anderen sind Kurden aus Anatolien. Zwei stammen aus der politisch aktiven Bürgerklasse, sie sind clever und kommen erfolgreich durchs Leben (unter anderem dadurch, daß sie sich den Aufenhalt in Deutschland sicherten, indem sie deutsche Frauen heirateten), aber sie sind mit der Zeit Kosmopoliten geworden.
Der dritte stammt aus einem der vielbeschworenen primitiven Bergdörfer, er weiß nicht einmal, an welchem Tag er geboren wurde. Die Bewohnerschaft stirbt aus, weil die gesamte junge Generation über die ganze Welt verstreut ist. In Fünfjahresabständen treffen sich die Auswanderer und arbeiten an ihrem modernen Netzwerk. Hier gingen nicht Familienclans mit all ihren Traditionen, sonden hier ließen wagemutige Menschen allen Halt und alle Fesseln hinter sich. Keiner von denen würde sich auf Weisung von Vater oder Großvater mit seiner Cousine verheiraten lassen.

Wo wir wieder bei der Genetik wären. Inzuchtdörfer, in denen alle irgendwie miteinander verwandt sind, kennen wir auch aus abgelegenen Gegenden in Bayern und Mac-Pomm. Daß dort das Intelligenzniveau nicht sonderlich hoch ist, sondern eher die Anzahl der Dorfdeppen, ist für uns kein aufregendes Thema.
Daß der Anteil der Erbkrankheiten unter Migranten enorm hoch ist, obwohl die Eltern noch jung sind wird selten thematisiert, wie hier. Nicht Dummheit vererbt sich, sondern eine Menge anderer Krankheiten. Die Dumpfheit hermetisch abgeriegelter archaisch-kultureller Verhältnisse wirkt viel nachhaltiger.

Das ist das Thema, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Denn es ist nicht verkehrt, zu wissen, wohin das Schiff Deutschland segelt.

Auch das noch:

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21 Gedanken zu „Thilo wider die Sarazenen

  1. Einer der besten Beiträge, die ich zu dem Thema lesen durfte, danke.

  2. Ist Ihnen aufgefallen, dass ausnahmslos keiner der Kommentatoren aus Politik und Medien gesagt hat, Herr Sarrazin habe Unrecht?
    Nein, sie sagten, es sei gerade unpassend, was er sagt. Oder eben ausgrenzend, und so weiter.
    Diese Untersuchungen gibt es, und die Ergebnisse stimmen auch.
    Keiner Zeile des Buches ist Unwahrheit vorgeworden worden.
    Und das ist eben das Fatale.
    Niemand traut sich zu sagen „Der Kaiser ist nackt“.
    Herr Sarrazin spricht das aus, was ich auch von Leuten, die mit diesen Gruppen arbeiten, hinter vorgehaltenener Hand höre.

    Es wird Zeit, dass sich die Politik damit beschäftigt.

  3. REPLY:
    jein. ich habe an dem satz lange gebastelt.
    wie in (west-)deutschland in den 50ern ist es nicht unbedingt erwünscht, daß frauen zum arbeiten das haus verlassen. wozu brauchen sie dann eine berufsausbildung?
    den männern steht in den traditionsgebundenen familien der weg frei. wie viele ihnnutzen, läßt sich an der schul- und lehrabbrecher-quote ablesen.

    übrigens, remington? wo stecken sie??? warum gibts keine sächsischen zoogeschichten mehr?

  4. REPLY:
    ja, das ist mir auch aufgefallen, dieses „kann der nicht die schauze halten? der stört!“.
    es paßt in das muster heutiger politik, daß sich um sämtliche diskussionen, die vermutlich polarisieren könnten mit schwung herumgemogelt wird.

  5. Angriff ist die beste Verteidigung. Zum einen sind die erbosten Aufschreie der selbst ernannten Gutmenschen wohl auch Ablenkung von der hirnlosen Zuwanderungs- und Integrationspolitik, die sie betreiben, die unweigerlich auf den Bankrott der kulturellen Identität zusteuert – zum anderen eine Drohgebärde, mit der es gilt, eroberte Pfründe zu verteidigen. Denn in das Flüchtlings-Helfertum fließt ja auch jede Menge Geld, und viele Organisationen haben dadurch erst ihre Bestimmung bzw. Existenzberechtigung gefunden. So was nimmt man ihnen nicht ungestraft weg, nicht einmal versuchsweise.
    Das eigentlich Diskriminierende ist ja, dass man jenen, der es wagt eine unbequeme Wahrheit auszusprechen, den Job wegnimmt, damit man an seiner Stelle einen Hampelmann hin setzen kann, der schön brav in den Chor der Verblödeten einstimmt.

  6. unheimlich schwieriges thema. ja, ich glaube, dass die integrationspolitik in d und ö lange jahre viel zu blauäugig betrieben wurde und ich seh durchaus probleme an allen ecken und enden, auch in meinem lebensumfeld, schließlich wohn ich in einem „problemviertel“.

    ich würd mir lösungen wünschen, die einerseits den zuzug stoppen oder minimieren, andererseits ohne allzu große radikalisierung gegen die menschen, die bereits hier leben, auskommen. und das ist eine enorme gratwanderung.

    ich denke, je mehr sich menschen, die bereits bei uns leben, angegriffen fühlen, umso schlechter wird das klima auch von ihrer seite aus, umso geringer auch die bereitschaft zur änderung. wobei ich mit angriff nicht so sehr gesetzliche regelungen meine, sondern vielmehr die grundstimmung in der „einheimischen“ bevölkerung.

    als schwierig seh ich den teil, dass änderungen nötig sind, aber viel davon als direkter persönlicher angriff ankommt. und wer menschen in ihrer persönlichkeit angreift, erntet abwehr.

    ja, ich glaube, man wird mit den gesellschaftlichen veränderungen leben müssen, die in den letzten jahren vonstatten gingen und braucht wege, die ist-situation halbwegs erträglich zu halten. ein zurück wird`s nicht geben, zumindest sofern man keine zustände wie anno dazumals mehr möchte.

    ich hab jetzt lang darüber nachgedacht, was mir denn unbehagen bereitete an ihrem text. die strukturierung. der vorletzte absatz in kombination mit dem letzten macht mich unrund.

    denn dieses genetikding lässt mich immer an die zucht von perfekten menschen denken, leistungsfähige, willige, gesunde, stolze, schöne, taugliche menschen. und wer genetisch nicht entspricht, wird bereits bei der ersten vorsorgeuntersuchung im mutterleib abgesaugt und entsorgt.

    nicht, dass sie das so gemeint haben, dass das der part ist, der am dringendsten in frage gestellt werden sollte. das ist aber ein teil des textes, der hängen bleibt.

    und mir stellt sich in solchen momenten die frage: wer darf eigentlich noch sein, in unserer zivilisierten kultur? und da weiß ich dann nie, nach welcher seite der debatte mir ganz angst und bange werden soll.

  7. Die jungen Männer nutzen die ihnen gebotenen Chancen nicht, die jungen Frauen dürfen sie oft nicht nutzen.

    So ganz raus aus Ihrem feministischen Hintergrund können Sie wohl nicht, oder?

  8. Ein wenig berlinzentriert, die Sichtweise.

    Ich weiß zwar nicht, wohin ein „Schiff Deutschland“ segeln sollte, aber wenn schon, übt die sogenannte Wiedervereinigung nachhaltigeren Einfluß aus.

  9. REPLY:
    was mich wirklich nervt (übrigens…. süper gelungener text…. selten so etwas auf den punkt gebracht gelesen oder gehört) ist, dass sie nun in jedem medium (tv, radio) behaupten, er hätte eine integrations-debatte „angestossen“.
    nein, hat er nicht. die läuft schon ewig. und für mich kommt nur dabei heraus, dass diese medien offenbar alle dieselben dpa- und sonswie-meldungen abschreiben. denn herr ss-sowieso hat gar nichts angestossen. nur die ewig schlichten, die ausschließlich schlichte wahrheiten verarbeiten können. aber über herrn ss rege ich mich nicht mehr auf. nur noch über die reaktionen, die er produziert. mich ärgert das wörtchen „angestossen“, das über alle kanale angestolpert kommt.
    und ich frage mich, wer eigentlich diesen herrn bezahlt oder unterstützt. zunächst denke ich, dass ein bundesbankvorstand nicht vollkommen verblödet sein kann. aber er mag eine meinung haben. und er mag wissen, dass seine meinung massentauglich aber nicht ungestraft veröffentlichbar sein mag. wenn er also irgenwelche dinge einfach so in einen eintopf wirft und wie gute alte regimegründer seinen senf in gentöpfe wirft und mit eben jenen um sich wirft, wohlwissend (weil er ja nicht einfach blöde sein kann)…. wer also fängt das auf, wer steht dahinter? wer sagt… „mach mal“ und zahlt den rest der sicher vortrefflichen pension????

  10. REPLY:
    danke für das lob ich bin sonst niemsnd der sich politisch so weit öffentlich aus dem fenster hängt. ich bin weder soziologin, noch genetikerin, fachverstand geht mir also völlig ab.
    ich glaube, da steckt niemand dahinter, vom verschwörungstheotischen ansatz her zumindest. außer leuten, die wissen, daß sie mit jemandem, der den mund nicht halten kann und zudem genau die stammtischmeinung trifft, prima quote und auflage mache können. das ist es ja, was mich kreppt. daß eine ernst zu nehmende integrationsdebatte erst vom stammtisch angestoßen wird, wie es in moment gerade aussieht.
    das thema ist fällig und zwar ohne sozialromantische und parteipolitische rücksichten. da wächst eine menge kinder auf, die zutiefst gespalten sind zwischen dem archaisch-religiösen drinnen und dem modernen draußen. und das passiert nicht im iran, sondern hier.

  11. REPLY:
    ich halte die entlassung für eine heikle sache. ich finde es wichtig, daß sich leute in so einem exponierten job aus stammtischgerede raushalten. ein kündigingsgrund läßt sich daraus nur kaum konstruieren. der herr s. hat schließlich nicht als bundesbanker die abschaffung des geldes gefordert.
    eine demokratie muß unangenehme ansagen aushalten können. sie kann sie entweder widerlegen oder sich damit beschäftigen.
    eine demokratie hält schießlich aus esoteriker, gesundbeter und veganer aus, weil es menschen gibt, die glauben, das sie das brauchen und auch andere davon überzeugen wollen.

  12. REPLY:
    danke, das ist eine schöne reaktion.
    ich halte die genetik-debatte für an den haaren herbeigezogen. als das buch angekündigt war hieß es zuerst, es sei antiislamistisch, dann klebte das etikett sozialdarwinistisch darauf und etwas später kam das schlagwort genetik. da sind so viele böse-böse assoziationsschlüsse möglich, daß es im nachhinein um das eigentliche thema nicht mehr geht.
    sondern um: er hat jude gesagt! mich wundert es sehr, daß das schlagwort euthanasie noch nicht gefallen ist.
    die angst vor dem untergang des abendlandes ist so alt wie es selbst. und sich gegen fremdes, anderes zu wehren, ist normal. auf beiden seiten.
    ich glaube, unsere kultur hat für eine menge lebensweisen platz. sie ist ja nichts statisches.
    ob es allerdings positive auswirkungen hat, die lebensweise von vorindustriellen, tief religiösen arbeitslosen bauern massenhaft zu integrieren, ist fraglich. ich glaube, nicht wir als deutsche werden das problem haben, sondern die migrantenkinder. weil sie überhaupt nicht mehr wissen, wo sie hingehören und wie sie die fülle von forderungen, die an sie gestellt werden, bewältigen sollen.

  13. REPLY:
    ja, berlinzentiert ist es. andere städte kenne ich nicht so gut.
    ich glaube auch, daß die wiedervereinigung einen wesentlich stärkeren einfluß hatte. so mehr durch die hintertür, weil niemand damit gerecnet hat, daß die kulturellen unterschede so enorm groß sein könnten.
    aber ich glaube, für die nach dem mauerfall geborene generation ist schon eine menge anders.

  14. das ist sehr schön auf den punkt gebracht.

    zu anfang stand auch ich in der reihe derer, die „igitt!“ schrieen. ein par gute diskussionen haben das sehr relativiert.
    und das thema wird um so komplexer, je weiter man sich ihm nähert.

    deswegen ein besonders dickes dankeschön für diese wunderbare denkanregung!

  15. REPLY:
    liebe doro, reisende halte ich nicht auf.
    ihre äußerung fügt sich nahtos in die qualität der diskussion:
    aber mit Sarrazin d’accord zu sein, ne echt,
    wenn sie aufmerksam gelesen hätten, hätten sie gesehen, daß ich mich mit einer äußerung d’accord erklärt habe, die ich sinngemäß zitierte – die sache mit der gastreundschaft und den beiträgen für die allgemeinheit.
    es geht vielen nicht um diskurs, es geht um gesinnungsdemonstration. und da bin ich biografiehalber ein wenig empfindlich uff die wörter.

    im abstand von 14 tagen sehen mir die öffentlichen reaktionen aus wie ein gestörtes idyll. da haut einer beim gepflegten nachmittagstee der familie ein paar provokante sätze raus (ad libitum zu illustrieren mit sätzen wie: „ich finde abtreibung ok., weil…“; „was die raf macht, finde ich gut, weil…“; „ich bin aus der kirche ausgetrete, weil…“), bei denen klar ist, daß das auditorium empfindlich reagieren wird. und diese reaktion steht wie eine wand: „das sagt man nicht!“; „nicht hier! nicht jetzt!“; „was sollen die Leute denken!“; „du bist ein (beliebiges, haßvolles etikett aufkleben)!“; „was sollen denn die leute denken!“; „du bist keiner mehr von uns!“; „solange du die füße unter meinen tisch steckst…!“; „es reicht, jetzt fliegst du raus!“.

    was mich betrifft, so bin ich nicht „man“ und ich singe auch selten im chor. – noch betrachte ich mich als opfer, wie der link suggeriert. ich bin teil einer dynamischen gesellschaft und ihrer ebenso dynamischen kultur.
    ich habe zu viel spaß an meiner kulturwissenschaftlichen ausbildung gehabt, deshalb interessiert es mich durchaus, was hinter pauschalismen steckt.

  16. Danke für die ausführliche Antwort! Sie haben recht, ich habe den Beitrag wirklich nicht richtig gelesen.

    Ein sehr dümmlicher Kommentar habe ich da verzapft: ich wollte bei Ihnen einfach nicht lesen, dass Sie Herrn S. verstehen oder gar Symphatie für ihn empfinden.

    Die Androhung, hier nicht mehr mitzulesen, ist Ihnen sicherlich reichlich egeal. Ich werde es trotzdem tun, da ich tgl. viel zu gespannt bin, was Kitty Koma so erlebt haben mag.

    Ach noch was: „man“ verwende ich eigentlich nie – großes Sorry.

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