Tagebuchbloggen 22. Oktober 2013

Morgens ein kurzer Ritt durch die Gemarkungen im Netz, dann Nähmaschine. Nähprojekte, die nicht nur aus Ärmel- und Seitennähten, Brustabnähern, Halsbündchen und Saum bestehen, haben bei mir zwischendurch immer mal den Moment, wo sich alles im Chaos verliert. Alles ist angepasst, die Änderungen sind gemacht und spätestens bei der Naht, die Rock und Oberteil verbindet, bei der alle Abnäher und Nähte aufeinander treffen und die Falten korrekt sitzen müssen, das Futter wird auch gleich mit gefasst, ersaufe ich in widerstrebenden, ausgefransten Stoffen und hadere mit Millimetern. Ich habe das Gefühl, das wird nie ein Kleid und frage mich, was mich ritt, das anzufangen. Aber dann ist das Ende Gott sei Dank in Sicht.
Um die Mittagszeit kam die Frau Casino mit ihrem wunderbar weichen Puschelhund zu mir und wir setzen die große Hunderunde gemeinsam fort. Die Frau Casino nimmt auf eine ganz eigene Art im neuen Lebensalter Platz. Das Mädchenhafte, das sich lange hielt, geht fort, sie wird eine schöne, sanfte Dame und sieht immer italienischer aus.
In der Stargarder Straße lockte mich ein Eisladen und ich sah erst hinterher, dass es sich um dieses Geschäft handelte, das so viel Unfrieden erregte. Ich kann die Menschenaufläufe verstehen, das Eis ist göttlich.
Wir beschlossen übrigens, dass Kandieren oder in Karamell versiegeln lassen besser ist, als Friedhof. Ich zöge Karamell oder Toffee vor. Der Frau Casino als Diabetikerin stünde Kandieren gut.

Den Abend verbrachte ich wieder mit dem Kleid und las den sehr guten Artikel von Anke Gröner in der Brigitte Dicksein ist keine Charaktereigenschaft. Wenn Sie ihn lesen, lesen Sie auch die Kommentare. Sie sprechen Bände über Konditionierung der Körper- und Triebkontrolle. Vor 70 Jahren hätten Sie das Wort „dick“ durch „lüstern“ und „Essen“ durch „Sex“ ersetzen können und hätten den gleichen Text gehabt.*
Darüber rutschten meine Gedanken zum Thema moralisch im Recht sein, denn während Anke Gröner ein Thema aus ihrer Betroffenen-Position, aber differenziert betrachtete, fühlten sich die Gegenkommentatorinnen stur im Recht.
Problematisch. Die Moral ist nämlich nicht monogam, sondern ein ziemliches Flittchen, die geht mit jedem mit, der sie will. Es gab immer Leute, die sich moralisch im Recht gefühlt und damit ihr Reden und Tun legitimiert haben. Die Liste ist überlang: Sie haben ledige Mütter ausgegrenzt, Informationen über nicht linientreue Nachbarn weitergegeben und Hater und Hexen bloßgestellt.
Das Gefühl der moralischen Überlegenheit gibt Menschen Kraft, die diese sonst nicht hätten. Kurzfristig kann das gut sein, um Schwache zu stärken, damit sie beginnen, Widerstandskraft zu trainieren. Langfristig ist das gefährlich. Denn dieses Mittel dämpft nur die Lebensangst, es macht nicht kräftig. Wer moralische Überlegenheit als Krücke benutzt, hat nur den Rückhalt der Peergroup gegen die Über-Ich-Hilfe ausgetauscht. Eine starke Persönlichkeit mit eigenen, reflektierten Werten und dem Vermögen, sie angemessen zu vertreten, ist er/sie noch lange nicht. Sonst wäre es nicht so anziehend, im Mob zu verschwinden.

*Das wäre noch mal ein eigenes Kapitel: Gratifikationsaufschub und Umdeutung von Ungemach in Lust im Wandel der Zeiten.

Edit: Eugenie Faust ist gestorben. Eine auffällige Frau in der Twoday-Community, schlau, geistreich und lustig. Sie war sehr krank und ich hoffe, daß es jetzt irgendwo da draußen leichter wird für sie und die Fröhlichkeit mit durch die Sicherheitskontrolle durfte.
(Ja, absurd, drei Dinge auf einmal. Fröhlichkeit, Krankheit und Tod…)

Auch das noch:

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6 Gedanken zu „Tagebuchbloggen 22. Oktober 2013

  1. ich bin eine sanfte dame mit puschelhund! so werde ich mich bei der nächsten datingbörse selbstbeschreiben, als größtenteils harmlos.

    im ernst, vielleicht bringt das ja was. werde berichten. (hihi. hatte tatsächlich kurz den impuls, mir so einen weiblichen iro schneiden zu lassen, irgendwas hysterisch outgedatetes. achach, altern ist nix für sissies)

  2. Ach das mit dem Iro funktioniert nur bei Typen, die ne starke Dröhnung brauchen, damit ihr Eigenlärm übertönt wird.
    Das mit der sanften Dame ist schon gut. :)

  3. das altern ist grad ein ordentlicher brocken für mich, bei dem ich mich sagen wir mal nicht so elegant bewege, wie ich das gern hätte ;)

    • Innerlich mag sich das so anfühlen. Nach außen sieht das allerdings sehr elegant aus.

    • Ich glaube, das bleibt so. Irgendjemand hat mal so eine schöne Grafik veröffentlicht, die die Phasen Euphorie, Enttäuschung und Annahme bei einer Schneideraktion laufen. Das war sehr amüsant.

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