Social Networks vs. Real Life

In meinem XING-Account ist über Jahre nichts großartiges passiert. Da sammelten sich Leute in meiner Kontaktliste, die ich entweder privat regelmäßig sehe oder aber die Großabräumer, die darüber Veranstaltungen verklappen.
Nach der Einladung in eine Filmcommunity passiert so einiges. Ich war sogar auf einem Treffen in kleinem Kreise. (Also R.L.) Da gab es einige sehr angenehme Menschen, mit denen ich mich gut unterhalten habe. Ich hätte sehr gern auch noch weitere Gespräche geführt, nur das war schwierig.
Der Herr, der neben mir saß, gehörte zur Spezies Dampfplauderer. Kaum warf einer ein Thema in die Runde und die Plauderei sollte beginnen, riß er es mitten im Satz von anderen an sich und hielt einen langen, volltönenden Monolog. Daß er ja damals auch schon und heute wäre das ja nicht so toll, aber er kenne ja Gottseidank den und den und außerdem habe er letztens das und das… Und überhaupt, da fiele ihm ein Witz dazu ein!
Während die anderen gequält lächelten, hatte ich mit schwersten Aggressionen zu kämpfen. Da ich ein schüchterner Mensch bin, brauche ich für solche Zusammenkünfte Überwindung. (Noch auf dem Hinweg bin ich lieber erst einmal zum Zahnarzt gefahren, um etwas abzuholen und hätte ums Haar noch eine rettende Ausrede gefunden, um garnicht dort hinzugehen, wo nur fremde Leute sind.) Wenn dann jemand, der mir herzlich unsympatisch ist, auch noch verhindert, daß ich mich vorsichtig an andere annähern kann, wirds prekär.
So saß ich denn eingekeilt zwischen diesem Turboschwätzer und starrte ihm auf die faltigen Budapester und einem Rechtsanwalt, der seine Getränke auf dem kleinen Steh-Tisch über Gebühr ausbreitete und sogar angelegentlich meine Wasserflasche leerte. Ich rutschte instinktiv vom gestikulierenden Getöne weg und berührte dann peinlicherweise das breitbeinig ausgestreckte rechtsanwaltliche Knie, denn unterm Tisch machte er sich genauso breit. Den Platz zu wechseln war unmöglich, denn die Runde war mit Absicht kuschlig eng, um Kommunikation zu ermöglichen. Tja.
Bei mir war Ende Gelände, als der Satz fiel: Wir könnten natürlich einen Kameramann aufs Podium rufen, aber die sind ja meistens rhetorisch nicht so begabt, das wird nichts.
Ich schnappte zurück, ohne den Typen auch nur anzusehen: Leute, die reden können, sind nicht unbedingt Leistungsträger!
Na das hättest du jetzt aber nicht unbedingt sagen müssen!
, kam das Echo vom Rechtsanwalt.
Aber mein Freund redete schon weiter und flocht in einen der Sätze die Formulierung jaja, wir Rampensäue vom Vertrieb ein.
Ich blickte immer mal sehnsüchtig auf die gegenübersitzenden Menschen am Tisch, die waren tausendmal interessanter, als unsere Verkaufstrainings und die Veröffentlichung, die ich dazu gemacht habe, ich hab ja auch einen Verlag!
Die Situation entspannte sich tatsächlich erst, als der Rechtsanwalt ging, der immer mal wieder versucht hatte, zu Wort zu kommen, wenn der andere auf dem Klo war. (Als ich kam, war der einzige freie Platz zwischen dem Anwalt und Mr. Volldampf, sie schienen sich also nicht so recht zu mögen.)
Da war dann eine PR-Dame das Opfer und ich konnte mich anderen Leuten widmen.
Heute nun habe ich ein Problem. Diesen Typen fängt man sich ein wie einen Tripper. Nachdem er mir gestern meine letzte Visitenkarte abschwatzte, will er mich über XING kontaktieren.
Ich möchte so einen Vollidioten nicht in meiner Kontaktliste haben. Und seine Kontaktliste ist eine Ansammlung von schönen MädchenFrauen und weiteren Schwätzern, wie mir scheint.
Ich glaube, ich rette mich in „ach je, ich kann dieses Internetdings garnicht richtig bedienen!“

Auch das noch:

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  • Oper der Phantome, V.K.LudewigOper der Phantome, V.K.Ludewig Oper der Phantome ist die Fortsetzung von V.K. Ludewigs Phantasy-Erstling Ashby House, nun hat es Laura Shalott nach Berlin […]
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32 Gedanken zu „Social Networks vs. Real Life

  1. Hallo Kitty,
    ich bin auch schüchtern… und bei solcher Gesellschaft wäre ich ganz sicher nicht sehr lange geblieben…
    Ansonsten… allgemein ist es halt leider so, daß Web-Communityleben wenig bis gar keine Berührungspunkte mit dem realen Leben hat… sprich die Leute, die ich im Web kennengelernt habe, sehe ich so gut wie nie im realen Leben und das dürfte vermutlich fast allen so gehen…
    Liegt schlicht und ergreifend an den großen Entfernungen…
    Aber… das Problem haben einige Internet-Macher erkannt… und darum gibt es inzwischen Communitys, die extra dafür da sind, damit man über das Web Menschen FÜR das reale Leben kennenlernen kann…
    Ich bin zu diesem Zweck etwa bei:
    http://www.new-in-town.de
    http://www.groops.de
    http://www.meineleute.de
    Ich persönlich find’s gut und kann es nur weiterempfehlen :).
    Viele Grüße
    Aurisa

  2. …solche Labertaschen, die zu allem sofort ihre unquaifizierten Kommentare abgeben muessen und die alles und vor allen Dingen alles besser wissen – au weia, kenne ich nur zu gut, solche Typen braucht man wie das sprichwörtliche Loch im Kopf…

  3. Der Prof. Lesch sagte gestern abend im zdf sinngemäß zum thema social networking, dass mit zunahme der oberflächlichkeit der beziehung der informationsfluss ansteige… »Haben sie dagegen schon mal frischverliebte beobachtet? Da geht die verbale kommunikation auf beinahe null zuruck…«

    Ich habe nun für mich beschlossen, dieses twitter-dings nicht bedienen zu können…

  4. REPLY:
    das twitter-dings ist ohnehin nix für mich, da ich kein typ für small talk bin.

  5. Xing hat mich enttäuscht, weils dort vor Selbstdarstellern nur so wuselt, was auch der Grund für meine äußerst magere Kontaktliste ist. Ich hätte gehofft, dass ich eventuell auf diesem Weg einer neuen Anstellung näherkommen würde, finde aber stets nur eine Menge heiße Luft. Auffällig ist auch, dass M. aka der beste aller Ehemänner, welcher realiter alle paar Tage einen Anruf von einem Headhunter (der meist ebenfalls auf einer ganz anderen Schiene als auf Xing auf zu ihm gelangt) bekommt, selten bis nie via Xing kontaktiert wird.

    PS: Ich würde in Ihrer Situation die kühle Diva hervorkehren, welche mit herablassendem Timbre und hochgezogener Augenbraue signalisiert, dass Xing bereits gestrig ist.

  6. zu irgendwas nützt, außer um alte schulkameraden wiederzufinden;-)

  7. wie gut das ich mich von xing schon immer bewußt fern gehalten habe. aber davon ab: ich glaube eine gewisse art von vertriebsmenschen ist in jeder branche gleich. die beschreibung paßt jedenfalls mit der aneinderreihung von statements, erlebnissen, witzen und antrainierten schulterschlüssen mit dem kunden [*würg*. ich hasse wirklich nichts mehr als offensichtlich antrainiertes verhalten. dagegen finde ich gut geschultes, nicht bis kaum zu bemerkendes richtig klasse]. boah, wie ich diese hemdsärmeligen kumpeltypen am liebsten immer sofort raus werfen würde …

    [das zahlenmäßig geringer vertretene äquivalent ist der arrogante und selbstverständlich gegelte lackaffe, der meint der welt die zugehörige und von allen benötigte formel zu verkaufen und einem das gefühl gibt, das man dankbar sein darf ihn um audienz ersucht zu haben … auch total würg.]

  8. REPLY:
    was das betrifft, gibt es in meiner umgebung sicher irgendwann mal tote. wenn ich allein mit so einem turboschwätzer bin, geht das ja noch, ich bin eine gute zuhörerin und schalte auch ab und zu mal ab. aber wenn jemand einen ganzen gesprächskreis mit seinem gelaber lahmlegt…

  9. REPLY:
    nee, also jobs über xing, das glaube ich auch nicht.
    die selbstständigen schreiben ja alle reflexartig „bin hier, weil ich neue mitarbeiter suche“ (jaha, man kann sich angestellte leisten!), ich habe mir das konsequent verkniffen, weil ich nicht noch massenhaft bewerbungen haben will.

  10. REPLY:
    der typ glänzte ja damit, alles zu sein. ne mischung aus jan hofer (körpergröße und alter) und mathias döpfner (outfit) für arme.
    dazu die jovialität eines autoverkäufers, die mittelpunktsaffinität eines schauspielers und die informationsgeilheit eines journalisten.

  11. REPLY:
    ich bin ja mittlerweile so weit, das komplett sein zu lassen. ich werde bei einem womöglichen neurrlichen versuch auch nicht mehr übers internet daten.

  12. REPLY:
    Es gibt aber noch eine Stufe über „Bitte, ICH kann mir Angestellte leisten (bzw. habe entsprechende Verfügungsgewalt) !“, nämlich wenn jemand in einer Führungsposition (ein ehemaliger Vorgesetzter von M., ein arrogantes und präpotentes Ar***loch hoch zehn) nur angibt, er sei bei Xing, um seine Kontakte zu pflegen, was dann soviel bedeutet wie „Personal brauche ich keines mehr suchen, weil sich ohnehin jeder darum reißt, bei mir zu arbeiten !“. Und einen ellenlangen Werdegang angibt, im Zuge dessen jedes an ländlichen Kleinuniversitäten absolvierte Mini-Seminar zu finden ist.

  13. REPLY:
    „jovial“ war das wort, was mir gerade fehlte.
    da stehen bei mir sofort die nackenhaare senkrecht.
    ich geh dann mal ’ne runde brechen …

  14. REPLY:
    „Jovialität“ ist grauslich. Wer jovial ist, tarnt seine Herablassung vermeintlich gekonnt hinter schulterklopfender Kumpelhaftigkeit. In der Tat ein Brechmittel erster Güte.

  15. Neulich bekam ich nach einer Besprechung das Lob, ein richtig großartiger Gesprächspartner zu sein. Ich hatte kein Wort gesagt…

  16. REPLY:
    Das ist manchmal wirklich das Beste, was man sagen kann ;)…

  17. XING hat mir absolut nichts gebracht, diesen Anspruch daran hatte ich auch nicht. Im Laufe der Zeit hat sich, wie ich vermutete die Fausregel herauskristallisiert, dass je mehr Kontakte eine Person hat (einige haben hunderte) je unbedeutender dessen reelle Position ist.
    Das ganze ist eher eine Art virtuelles Klassentreffen oder Wiedersehen mit Ex-Kollegen. Die Klugen Präsentieren sich dort nicht (umfassend) sondern-wenn überhaupt- nur mit den wichtigsten Eckdaten. Lustig sind da so einige Berufsbezeichnungen (Lachtrainer etc., Matabolic Berater …) und die wirkliche Story hinter dem Büro-Bewerbungsgesicht.

    Die wahren Netzwerke muss man schon im reellen Leben schaffen.

  18. Also ich weiß nicht. Ich bin zwar in der „Pyramide“ auf Arbeit so in der Mitte, habe auch einige Entscheidungsgewalt, bin aber trotzdem nur bei Xing, um meine Kontakte zu pflegen. Und das bitte auf genauso wörtlich. Ohne Herablassung oder ähnliches. Eben weil jeder seine Daten dort aktuell hält und man ihn/sie so erreichen kann (warum auch immer). Also als Jobsuche etc. habe ich das nie angesehen oder für tauglich befunden. Ich glaube ich nicht, daß das das Ziel davon war. Für Geschäftskontakte und Geschäfte, ja, das war auch bei mir da schonmal der Fall, aber sonst.
    Frau Walküre argumentiert hier sehr vehement, was mich doch etwas verstört. Nun traue ich mich gar nicht mehr, Ihnen, Frau Kitty, eine Xing-Kontaktanfrage zu schicken.
    Trotzdem allen ein schönes Wochenende! :)

  19. REPLY:
    yep.
    worauf ich gerade noch komme: wenn jemand aus dem job fällt, ist xing ein guter „platzhalter“. ich habe oft kontakte von leuten angenommen, mit denen ich gelegentlich gearbeitet habe und die sich plötzlich beruflich neu orientieren mußten.

  20. REPLY:
    in den anfangszeiten, als die sache noch openbc hieß, ging es primär um jobsuche und akquise. (ob das von den machern so gewollt war, weiß ich nicht.)
    dünnbrettbohrer und schaumschläger gibt es in meiner branche ohnehin jede menge, um denen zu begegnen, brauche ich dieses portal nicht.
    meine primäre frage war: wie verhalte ich mich in diesem recht distanzlosen medium gegenüber menschen, mit denen ich im wahren leben nichts zu tun haben möchte, ohne sie jedoch gleich vor den kopf zu stoßen? im r.l. beantwortet man anrufe nicht oder hat bei vorschlägen zu treffen leider keine zeit. dann merkt auch der aufdringlichste irgendwann, daß man kein interesse hat. aber die digitale 0-1-Entscheidung: ja, ich kontakte dich oder nein danke läßt wenig raum zu subtilem verhalten.
    und das mit der xing-kontaktanfrage an kittykoma, die im wahren leben einen anderen namen trägt und ihre anonymität auch sehr gern bewahren möchte, erklärt sich, glaube ich, von allein.

  21. REPLY:
    Gut, das hatte ich jetzt vorausgesetzt, schließlich führen wir beide nicht ohne Grund ein Blog unter Pseudonym.
    Ich bitte um Entschuldigung für meine Aufdringlichkeit.

  22. Ich bin auch etwas verwundert über die vehemente Ablehnung. Ich finde XING relativ übersichtlich und aktuell und neben den sicher üblichen Schulfreunden und Kollegen habe ich darüber schon so einige Aufträge und Kooperationspartner an Land gezogen. Auch neue private Kontakte (wenn man denn in dieser Hinsicht bedenkenlos genug ist) sind dadurch entstanden.
    Facebook hingegen finde ich schon nach zwei Wochen vollkommen öde und überschätzt.
    XING ersetzt natürlich kein reales Netzwerk, aber es ist in beruflicher Hinsicht schon eine für mein Verständnis sinnvolle Ergänzung. Und so mache Real Life Begegnung ist da auch entstanden (bei mir glücklicherweise mit angenehmeren Zeitgenossen…)
    Ein Freund von mir hat darüber übrigens sehr schnell einen neuen und guten Job gefunden.

    Und Kontakte, die mich nicht interessieren, ignoriere ich einfach oder lehne sie eben ab. Da sollte man konsequent seinem Bauchgefühl nachgeben.

  23. REPLY:
    das ist wahrscheinlich eine frage der branche. die filmleute haben mehrere spezialisierte communities – crew united zum beispiel.
    es kann durchaus sein, daß xing mit der krise, die ja auch an uns nicht vorbei geht, mehr bedeutung bekommt, weil viele leute sich dann auch branchenübergreifend orientieren.
    und in meinem beruf ist vielleicht auch noch eines besonders: es sind exklusivität und diskretion geboten. ich bin die strippenzieherin im hintergrund.
    deshalb funktioniert für mich xing eher für den weiteren freundeskreis und um zu sehen, wen es sonst noch so gibt.
    (es wurde in meinem bekanntenkreis auch mal viel davon geredet, daß heftig geflirtet und gedatet würde, davon habe ich nichts gemerkt. vielleicht auch, weil ich beruf und privates sehr stark trenne.)

  24. REPLY:
    ich finde es ohnehin faszinierend, welche kurse als qualifikation abgegeben werden. ich habe auch ein paar sachen gemacht, darüber spreche ich aber eher nicht, das geht niemand was an.
    wen interessierts, ob man schon dreimal am „flößebauen für führungskräfte“ erfolreich teilgenommen hat?

  25. REPLY:
    sehr schön. das erinnert mich an das erlebnis meines exfreunds: der ganz große boß kam in die abteilung „um sich mal zu informieren“ (börsenhandel über computer war damals ganz neu an den banken). und dann hat der mann eine geschlagene stunde über gott, die welt und die banken getextet. kein anderer kam zu wort.

  26. REPLY:
    kein grund dafür. den typen hättest du eigenhändig gekillt.

  27. Hab ich ja mal alles richtig gemacht, ich habe kein Profil nirgendwo auf diesen Seiten. Und die, die mich bisher dazu drängen oder mich in irgend so eine Runde einladen würden, sind welche, die ich nicht zurückrufen würde, wenn sie anriefen.

  28. REPLY:
    vom haftproblem zum saugloch, gute formulierung.

  29. Brutal nein sagen, mit Begründung. Sonst entwickelt sich aus dem Haftproblem ein Saugloch, das man noch schwerer los wird. Ich hatte sowas auch mal an der Backe, arbeitsloser Blogger mit Riesenklappe, der jeden höflichen Hinweis auf die Probleme der Umsetzung seines Projekts mit meiner Arbeit fröhlich ignorierte und wirklich erst eine öffentliche Abwatschung brauchte, bis die Belästigung und das „den kenn ich mit dem kann ich der will bei mir mitmachen“ vorbei war. Immer gleich ganz erledigen, das Problem. Tut gut und wirkt. Von solchen Typen hat man nichts zu erwarten, also weg damit.

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