Mr. Horror

Er begleitet mich schon die gesamte Zeit meiner Selbständigkeit.
Eines Tages, mein Büro war erst kurze Zeit angemietet, klingelte das Telefon.
„Wann haben Sie Zeit? Ich will Sie kennenlernen.“
Ich stotterte.
„Ich komme dann morgen. Das geht schon klar, XY hat gesagt, ich soll zu Ihnen gehen.“
Er legte auf und ich blätterte seine Bewerbung durch. Eindrucksvoll, wie der ganze Kerl mit seinen fast zwei Metern. Große Projekte, viel Talent, enorme Präsenz. Ich war Anfängerin. Deshalb übersah ich, daß fast alle großen Ansätze im Sande verliefen. Ein, zwei Leute holten ihn immer wieder, der Rest ließ ihn fallen wie eine heiße Kartoffel.
Er stürmte zum verabredeten Tag in mein Büro, riesig, rotgesichtig und mit lauter Stimme. Er erschien durch und durch unberechenbar und bedrohlich, da war nichts jungenhaftes oder bäriges an ihm, der Mann war die Inkarnation eines Bösewichts.
Ich versuchte ihm meine Arbeitsauffassung zu erklären, stellte ihm Fragen, er hörte garnicht zu. Er meinte nur, er hätte es satt, sich von allen als Idiot behandeln zu lassen, griff sich den bereitliegenden Vertrag und unterschrieb ihn ohne zu lesen.
Als ich ihn fragte, ob er eigentlich wisse, was er da unterschrieben hätte, meinte er, es wäre ihm egal. Danach stürmte er aus dem Raum.

Dieser Typ war fleischgewordene Negativität. An einem Tag rief er an und klagte, er brauche dringend was zu tun, egal was. Wenn am nächsten Tag der Job da war, war er empört, daß man ihm so etwas anbieten könne. Nicht zu dem Geld, nicht diesen Inhalt, er hätte gern was anderes.
Interessierten sich Studenten oder Anfänger für ihn, machte er sie ihn den ersten Begegnungen nach Strich und Faden fertig. Zerriß ihr Werk in der Luft und bot sich an, ihnen Hilfe zu leisten, es zu verbessern. Die Cleveren zogen sofort die Reißleine, die weniger Cleveren ließen sich noch eine Weile mitschleifen von seiner rasenden Psyche. Nach ein paar Monaten rief er mich dann wieder an, weil er nicht verstand, daß er nicht mit jungen, kommenden Talenten arbeitet.
Ich hatte mich mittlerweile darauf verlegt, ihn zu manipulieren, damit er überhaupt arbeitete und nicht an seinen inneren Widersprüchen verhungerte. Wenn ich einen Job für ihn hatte, redete ich diesen nach Strich und Faden schlecht. Das sei nichts für ihn und viel zu schlecht bezahlt, ich würde das sofort absagen etc. pp. So konnte ich sicher sein, daß er, nachdem er mich eine Stunde darüber belehrt hatte, wie ich meine Arbeit zu machen hätte und was er von mir erwartet (ich habe lange gebraucht, dann einfach die Ohren zuzuklappen und nicht zu fauchen), den Job annahm.
Leider ließ er seine Profilneurose auch an den jeweiligen Arbeitsplätzen bevorzugt bei seinen Chefs raus. Das kam oft wie ein Bumerang zu mir zurück. Was denn das für ein größenwahnsinnniger Idiot sei? Ob ich den nicht sofort anrufen könnte, um ihm zu sagen, er hätte die Klappe zu halten und den Betrieb nicht zu bremsen. Ich konnte Gott sei Dank nicht, denn der Mann hatte bis vor einem Jahr kein Handy.
Mit den Jahren hinterließ er immer mehr verbrannte Erde. Die Brotjobs wurden immer weniger und die Herausforderungen für sein unzweifelhaft vorhandenes Talent erst recht. Selbst diejenigen, die ihn wie ein Maskottchen immer wieder holten, konnten sich das immer weniger erlauben.
Auch ich konnte immer weniger für ihn tun. Meine Kunden verlangten Leute, mit denen sich gut arbeiten ließ und keine hochtalentierten Zeitbomben.

Wenn ich ihn auf eine Meet&Greet-Veranstaltung mitnahm, griff er sich meist ein unerfahrenes Mädchen, setzte sich mit ihr in die Ecke und monologisierte über die idiotische, niveaulose Branche. Nach gut einer Stunde hat das arme Opfer einen Gesichtsausdruck, als wolle es sich auf der Stelle umbringen.

Trotzdem hielt ich noch immer zu ihm, denn ich schätzte ihn. Zum einen, weil er wirklich gut war, wenn er denn vor lauter Profilierung mal zu Arbeiten kam und er hatte eine andere Seite, die kaum jemand vermutet hätte. Er kocht gut, auch für große Gesellschaften und ist ein hervorragender Innenarchitekt und Handwerker. Die Bäder, die er macht, sind göttlich. Aus Eisen, Ziegeln und Stahl macht er Bilder, Lampen und Spiegel, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. (Daß er sich mit seinen Auftraggebern jedes Mal um die überhohe Rechnung streitet, ist Programm.) Er ist ein sehr guter Vater, wenn auch ein anstrengender Ehemann.
Mittlerweile geht es ihm sehr schlecht, finanziell wie seelisch. Seine Frau fängt viel ab. Sie macht auch Dreckarbeit, um die Familie zu ernähren. Als er anfing, über die Qualität dessen herzuziehen, was sie gerade macht, habe ich ihm wütend den Mund verboten.
Wir hatten einige Gespräche über seine zum Stillstand gekommene Karriere,in denen ich sehr deutlich geworden bin und es scheinbar bei ihm auch angekommen ist, daß er mit seinem Verhalten Förderer und Partner verloren hat. – Was in einem Beruf, der andere Menschen braucht, tödlich ist.
Wenn er gebetsmühlenartig wiederholt: „Aber da muß doch was zu machen sein.“, legt er jedes Mal sein Schicksal in meine Hände. Was ich ablehne. Der einzige, der etwas machen kann, ist er. Ob er meinen Rat, professionelle Hilfe zu suchen, befolgt hat, glaube ich nicht.
Nun hat er sich darauf verlegt, mich Montags, sofort nach Büroöffnung, anzurufen. Er will von mir wissen, „was man machen kann“, appelliert an mich, daß etwas passieren müsse und das Gespräch bekommt meist einen extrem negativen Drive. Es dauert in der Regel eine Stunde. Dann geht es mir Scheiße und ich habe die Woche noch vor mir. Ein paarmal habe ich versucht, die Länge zu begrenzen und negative Inhalte nicht zuzulassen, das funktioniert nicht. Er dreht sich mit seinen Problemen im Kreis. Einfach auflegen oder in ein anderes Gespräch flüchten hilft nur soweit, daß ich mir in der folgenden Woche noch mehr Vorwürfe anhören darf. (Auf die ich auch reagiere wie ein Pawlowscher Hund). Mittlerweile gehe ich nicht mehr ans Telefon, wenn er anruft und melde mich nur zu operativen Sachen, Verträge etc.
Seit 14 Tagen ruft er mich nun spontan an, wenn er in der Nähe ist, weil er mich besuchen will. Donnerstag um sieben, Freitag halb sechs.
Ich habe das Gefühl, da steht etwas vor einem großen Knall.

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13 Gedanken zu „Mr. Horror

  1. Weshalb jetzt erst ?

    [Ok, blöde Frage. Dieser Mann könnte glatt mein erster Ehepartner sein, und auch ich habe viel zu lange gewartet damit, ihm Grenzen aufzuzeigen.]

  2. REPLY:
    keine blöde frage, ich habe mich einfach zu lange in der rolle der raubtierdompteuse wohlgefühlt.

  3. REPLY:
    Bei mir wars nicht die Dompteuse, sondern meine (mitunter von mir verfluchte) Fähigkeit, das Potential eines Menschen zu erkennen und die damit verbundene Erwartung/Hoffnung, dieser Mensch wolle ebenfalls dieses sein Potential eines wunderbaren Tages wahrnehmen und dann dementsprechend agieren.
    Schmarrn mit Quastln, wie man hierzulande zu sagen pflegt.

  4. lass es knallen. dringend einen dicken schlußstrich ziehen.

    mit der energie und zeit kannst du dich im drei andere talente kümmern, und die gibt es da draussen. diese art der dienstleistung deinerseits kann er sich nicht leisten, würde man sie berechnen mit dem, was sie wert wäre.
    hatte einmal eine solche kundin. unglaublich talentiert und toll und stark. die trennung von ihr ist schon ein paar jahre her, aber als ich am montag von ihr sprach war dieses krasse gefühl wieder da, ihre negative kraft. und es schwingt mir aus deinem ganzen post entgegen. dafür bist du jetzt an einem zu wichtigen punkt für dich selbst.

  5. So ein kraftvoller Text. Ich musste erstmal schlucken.

  6. verführerisch und irreführend, die idee der raubtierdompteuse.
    denn wer erzieht hier wen, wer verlangt und wer definiert?
    wer steckt wen an, wer beeinflusst wen und vor allem: wer profitiert. vermutlich profitiert keiner.
    zwei begeben sich in die hände des jeweils anderen, mit der hoffnung auf beiderlei glück. sie macht ihn erfolgreich und er damit sie.
    aber wenn die schleife eine abwärtsspirale wird, wird es zeit die bindungen zu kappen, denn das negative ist leider oft machtvoller als das positive. in diesem fall halte ich flucht immer für eine gute lösung.

  7. Schon mal überlegt, daß auch Sie den Vertrag einfach kündigen können? Der Gedanke hat mir bei meinem Haupt-Monsterkunden (sie wissen schon, und ja, ich hab ihn immer noch) immer geholfen.
    Und als ich in der letzten Besprechung, die mittlerweile ein halbes Jahr her ist, an irgendeinem Punkt zu ihm gesagt habe, du bist nicht der einzige, der den Vetrag kündigen kann, fing er an zu zucken, veränderte seine Farbe und ich hörte nie wieder von ihm.
    Letzten Endes kann man den Vertrag wirklich kündigen, denn finanziell lohnen tut sich der Horrornicht, bei Ihen anscheinend auch nicht.

  8. REPLY:
    ja, du hast es erfasst. die rechnung, daß sich jemand meinen erweiterten service erst einmal qua erfolg leisten können muß, mache ich komischerweise erst seit ganz kurzer zeit auf.

  9. REPLY:
    ich gefalle mir auch darin. jemanden durchzuschleifen, der seit jahren auf andere wege gehört bzw. auch von mir ein klares, grenzen setzendes feedback braucht, bringt viel heimliche befriedigung.

  10. REPLY:
    mr. horror und ihr monster sind von der gleichen art. er ist einer von denen, die mir den start ermöglicht haben. aber wir haben uns beide in verschiedene richtungen entwickelt.

  11. REPLY:
    sagt allein dieser letzte satz nicht schon alles aus?

  12. REPLY:
    Ui. DAS ist eine Ansage, die mir absolut zusagt, und von der ich mir – mit Verlaub – ein Scheibchen abschneiden werde … (aber nur, wenn es Ihnen nicht fehlt)

  13. REPLY:
    ach, ich hab derzeit so viele rettungsringe um mich, da fällt ein scheibchen garnicht auf.

Kommentare sind geschlossen.