Me Made Mittwoch – Vichy-Karo-Kleid

Mein erster Me Made Mittwoch, danke für die Einladung! Hier sind vorab zwei, drei Stichworte, aus welcher Ecke ich komme.
Es geht los. Das

Vichy-Karo-Kleid

Vichy-Karo-Kleid
war mir ein Anliegen. Endlich wieder weibliche Vintage-Mode, ohne dass frau komisch angeschaut wurde, wie es mir noch 2003 mit einem alten rosa Kleid aus den 50ern passierte.
Die Grundlage für das Kleid ist V8788, ein Vintage Vogue-Schnitt, auf den ich im Frühling lange Wochen wartete.
Vintage Vogue SchnittMir gefielen besonders die Mischung aus Leichtigkeit und Eleganz und dass sich hier um ein wenig störanfälliges Wickelkleid handelt, das durch die kluge Konstruktion nie unversehens auseinander klappen wird. (Eine Sache, die mir an Wickelkleidern immer wieder passierte, oft mit Sicherheitsnadeln gefixt wurde und die ich schlichtweg hasse.)
Außerdem liebe ich Schleifen.
Vichy-Karo-Kleid, Rücken
Dass ich ein richtiges Oberteil mit Prinzessnaht gemacht hatte, war schon lange her und in den späten 80ern passte mein Busen noch in alles hinein und es war meist noch eine Menge Platz.

Nun, nicht nur ich, auch meine Figur hat sich weiterentwickelt und ich traute dem alten Schnitt nicht, weil ich damit keine Erfahrungen hatte. Legten die Damen doch damals wesentlich mehr Wert auf eine schmale Taille und auch die Taillenlinie schien mir oft absurd hoch. (Jetzt weiß ich: Letzteres nicht in den 50ern, dafür aber in den 60ern.)
Ich nahm meine Maße, verzweifelte kurz und begann mit wilden Schnittänderungen, um meine nichtvorhandene Taille einzuarbeiten.
Schnittveränderung
50% davon waren überflüssig, das weiß ich jetzt. Aber am Oberteil vorn reichlich 2 cm zuzugeben und hinten reichlich 2 wegzulassen, ist immer gut und mit etwas Zugabe an den Seiten wird das schon. Und weder Weite noch Busen hätte ich verschlimmbesserngrößern müssen, das reguliert die Wickelkonstruktion. Solche Klimmzüge wie oben waren unnötig.
In brütender Sommerhitze, hinter vorgezogenen Vorhängen, begann ich zu nähen. Ich habe simplen Baumwollstoff von Karstadt benutzt, das Meter 8,50€, 1,40m breit.
Da ich großen Wert auf gut versäuberte Nähte lege und für französische Nähte mit reichlich 2cm Nahtzugabe arbeite, war das Anprobieren der Brustnähte ein besonderes Gefummel, denn der Stoff geht mit so breiten Überständen nicht in die richtige Form. Mangels Routine habe ich alles wieder und wieder geheftet und damit sich die Rundungen und Schrägen nicht verziehen, habe ich noch jede Menge Positionsnähte (Staystitches) gezogen.
Das Dekollete habe ich umgearbeitet. Mir stehen helle Muster nicht unbedingt, deshalb wollte ich nicht so einen voluminösen, karoverhüllten Vorbau haben, mit V-Ausschnitt fühle ich mich wohler.
Ausschnitt
Hier ist auch gut zu sehen, worauf ich nicht geachtet habe. Ich hatte früher für Konfektions-Schnitte immer zu breite Schultern. Jetzt nicht mehr, da könnte mehr als ein Zentimeter weg. Als mir das auffiel, war alles schon versäubert und ich hatte keine Lust mehr, das zu ändern.
Die offen liegenden Kanten habe ich mit kariertem Schrägband versäubert.
Versäuberung
(Schade, das gabs nicht in meiner Farbe, aber es ist ein Riesenluxus, Frau Tulpe drei Häuser weiter zu haben. Leider auch für meine Geldbörse…)
Der rückwärtige Ausschnitt bekam etwas Handarbeit und einen von den Knöpfen aus der Omi-Kiste, die mir meine Mutter vor zwei Jahren in die Hand drückte. Ich wußte damals nicht so richtig, was das sollte, aber ich kann doch keine Knöpfe wegwerfen.
Verschluss

Die Wickelei ist wirklich ganz clever gelöst. Der vordere Rock umschließt fast gänzlich den hinteren Rock und umgekehrt, so fällt beim Sitzen nichts auseinander.
Wickelverschluß vorn Wickelverschluß hinten
Das Rückenteil wird mit Haken vorn geschlossen und das ist die einzige Schwachstelle. Die Haken gehen immer wieder auf, das merke ich zwar kaum, weil das Kleid auch so sicher sitzt, aber dieses Teil, das auf die Taille gehört, findet auf meinem Bauch keinen Halt.
Wickelverschluss offen Wickelverschluss geschossen
(Das sitzt natürlich unter dem Vorderteil, auf der bloßen Haut, deshalb rutscht es so.)

Fazit?

Ein sehr schönes Sommerkleid, aber nix für mal schnell um die Ecke gehen. Fahrrad fahren geht damit nicht und irgendwo mal eben hinsetzen bringt endloses Gegrabbel mit sich, damit der Rock nicht im Dreck liegt. Schuhe und Darüber müssen adäquat sein. Man ist schon recht angezogen damit und ich wirke ohnehin schnell overdressed.
Der Schnitt ist sehr empfehlenswert, weil super gut durchdacht.

Und ich hätte es jetzt gern noch mal aus leichtem schwarzen Leinen…

Vichy-Kleid Vorderansicht(Nur echt mit dem Zipfelsaum!)
Vichy-Kleid Rückansicht

Der gesamte Me Made Mittwoch von August kann hier besichtigt werden.

Auch das noch:

  • MMM – Der HerzchenrockMMM – Der Herzchenrock Diesen Rock habe ich an einem Urlaubstag im Frühjahr genäht. Ein Dreiviertelteller ohne Reißverschluß, wie immer nach der Anleitung im […]
  • Dirndl Sew-Along: InspirationDirndl Sew-Along: Inspiration Ok. mein erster Sew-Along: (Für alle, die nicht wissen, was das ist: ein gemeinschaftliches, thematisch eingegrenztes Nähprojekt mit […]
  • MMM – Snow WhiteMMM – Snow White Die Nähnerds sind schuld, dass ich nach fast 30 Jahren Pause wieder unvermittelt zu stricken begonnen habe. Erst dachte ich: Oh nee! Das […]
  • MMM – Kielo Wrap DressMMM – Kielo Wrap Dress Dieses Kleid habe ich natürlich heute nicht getragen. Aber da es mein erster Independent-Schnitt war, ist es die Aufzeichnung wert. Das […]

27 Gedanken zu „Me Made Mittwoch – Vichy-Karo-Kleid

  1. Das sieht ja echt super aus ! Ein richtig cooler Schnitt,und auf Wickelkleid wäre ich von vorne nie gekommen . Toll !

    Liebe Grüße
    Stella

    • Ich glaube, der Schnitt hat Potential für weitere Modelle. Vielleicht nicht ganz so weiter und langer Rock etc.

    • Das Muster mag ich auch… eigentlich. Aber ich fühle mich damit komisch.

  2. Klasse, deine ausfürliche Schnittbeschreibung .
    Den Schnitt selbst finde ich sehr raffiniert und in schwarzem Leinen kann ich ihn mir auch sehr gut vorstellen.
    LG Susanne

  3. Der Schnitt ist wunderschön und raffiniert. Ich hab schon etliche Monate überlegt einen solchen Schnitt für meine Enkeltochter zusammen zu basteln.
    Und für das nächste Kleid, dass bestimmt auch ganz schick wird, kannst du doch Snap Kamps oder Klettverschluss verwenden. Dann brauchst Du auch keine Angst mehr zu haben ;-)

    • Ich wollte es ja so authentisch wie möglich haben. Aber ich glaube, ich nehme wirklich Klettverschluss.

  4. Herzlich Willkommen bei MeMadeMittwoch! Ein schönes sommerliches Kleid hast du da gezaubert! Ich freu mich, dich jetzt bald öfter zu lesen!

    Viele liebe Grüsse vom Frollein

    • :) Danke! Für Oktober gibts schon was und dann schauen wir mal, was der Winter bringt, meine „vergraben und nicht in den Spiegel sehen“-Jahreszeit.

  5. Zitat Anfang:
    … wollte ich nicht so einen voluminösen, karoverhüllten Vorbau haben …
    Zitat Ende
    Danke für das Kopfkino!!!
    Tolles Kleid an toller Frau, haben Sie es schon ‚ausgeführt‘ und bewundernde Blicke geerntet?

    • Ich erinnere mich manchmal mit leichtem Grausen an moppelige Tanten im mittleren Alter, die einen mit den Brüsten schier erschlagen konnten. UNd so Tante-Trudel-Stoffe unterstützen die Assoziation noch.

  6. Herzlich Willkommen beim MMM und danke für deinen tollen post. Dein gelungenes Kleid und die dazugehörige Geschichte zeigen genau, warum Selbernähen so wunderschön sein kann. Du hast mit Änderungen und Anpassungen und mit viel Durchhaltevermögen ein Kleid genäht, das deiner Vorstellung sehr nahe kommt. Der Vichystoff passt herrlich zu dem 50-er Schnitt und all die Details sind gelungen. Ein tolles Kleid, das du unbedingt nochmal in Schwarz nähen solltest!!
    Kannst du die eigensinnigen Häckchen nicht durch kleine Druckknöpfe ersetzen?
    LG
    Wiebke

    • :) danke, ich freue mich sehr, Gleichgesinnte gefunden zu haben. Druckknöpfe werden mit Sicherheit aufspringen, daran hatte ich auch schon gedacht. Aber bei dem Kleid wirken durch die Wicklung diagonale Kräfte beim Bücken, das halte DRuckknöpfe nicht aus.
      Ich glaube wirklich. ich nehme Klettband oder simple flache Wäsche-Knöpfe.

  7. Uiiii ein Wickelkleid ist das, super geh ich mir merken :)
    lG Melanie

  8. Ja, aus schwarzem Leinen kann ich mir das Kleid auch sehr gut für dich vorstellen. Danke für die ausführlich Beschreibung des Schnittes.
    Gruß Mema

  9. Jetzt bin ich ja gespannt auf Weiteres von dir – schwarze Kleider, bunte Kleider, und wer weiß was noch. Deine Nähgeschichte vor ein paar Tagen habe ich sehr gerne gelesen, und finde es großartig, dass du wieder richtig einsteigst. Ähnliche Geschichten bekomme ich ab und zu zu hören, wenn Leute merken, dass ich nähe. „Früher habe ich auch… (dann folgt meistens die Geschichte von einem ganz tollen Teil) … aber heute habe ich keine Zeit mehr und man kann ja auch alles kaufen“. Und dann haben die Frauen aber trotzdem so ein sehnsüchtiges Leuchten in den Augen. Ich habe dann oft das Gefühl, sie würden schon gerne wieder nähen, weil es eben doch mehr bedeutet, als ein Kleidungsstück herzustellen.

    • Ich hatte ja schon ein paar Einstiegsversuche. Aber es braucht eben auch eine Menge Konzentration. Dafür war mein Leben zu hibbelig. Es gibt demnächst noch einen Post „Nähen heute“, in dem ich mich mit den Gründen für den Wiedereinstieg beschäftige.

  10. Wunderschön! Und dann noch mit den roten Schuhen – was für klasse Beine Sie haben.
    Ach seufz, seit meiner Kindheit gab’s kein Vichykaro mehr für mich. Bei uns gab’s nur genähte Kleidung, ich bin ja in den Fünfzigern aufgewachsen und in einer Kleinstadt, da mußte die Schneiderin ran.
    Zu Kindergartenzeiten trug ich heißgeliebte Latzhosen aus rotem oder blauen Cord, drunter bestickte Leinenblusen und so Charlie Chaplin Schnürschuhe.
    Haare waren als Hahnenkamm frisiert.
    Als ich das erste Mal in einem Laden eine fertige Hose anprobieren sollte, habe ich geheult und gebrüllt und meine Mutter mußte wieder Stoff kaufen.
    Ich war damals das was heute ein Tomboy ist.Freue mich schon Sie in Ihrem Prairiekleid zu sehen!
    Habe mir schon die Augen an der Mittwochseite wundgeguckt.

    • Naja, die Beine sind aber auch gute Rocklänge und das Wissen, dass High Heels ein schlankes Bein machen. (ich kann gut einen Kilometer damit laufen, danach ist Schluß)
      Ja, ich war auch mal ein Tomboy, meine Oma konnte nur Jungs erziehen. Aber wenn mein Grossvater das Mädele vorzeigen wollte, wurde ich in Kleidchen gesteckt, die die Schneiderin aus Omas Abendkleid- und Kostümstoffresten machte.
      Das sind schöne Erinnerungen, die Sie da haben.

  11. Ich war auch sehr überrascht – ein Wickelkleid hätte ich da nicht vermutet. Raffiniert! :-)

    Die Kombination vom hellen Vichystoff zu den knallroten Pumps finde ich klasse – das gibt noch ein klein wenig Pepp dazu.

    Richtig toll geworden.

    Liebe Grüße
    Sabine

    • Ja, die Frau Knopf habe ich auch schon oft gelesen.
      Das mit der Geduld hat auch mit der sonstigen Abeitsbelastung zu tun, glaube ich. Oder mit dem Willen, sich so eine Ruheinsel zu schaffen. Ich hatte die Geduld lange Jahre nicht. Und Sie haben andere Ruheinseln, glaube ich.

  12. Was für ein spannendes Kleid! Ich habe erst einmal minutenlang auf das erste Foto gestarrt und mich gefragt, wo denn das gewickelt wurde. Vielen Dank für die ausführliche Schnittbeschreibung, die ist echt aufschlussreich. Ich würde das Hakenproblem übrigens auch mit Wäscheknöpfen lösen.
    Liebe Grüße, Stefanie

    • Danke! Ja, ich werfe gleich mal das Maschinchen an und nähe Knopflöcher. Das Kleid will nämlich heute ausgeführt werden.

Kommentare sind geschlossen.