Geschafft

Melde jehorsamst, ick hab Weihnachten überstanden!
Und dieses Jahr war es so entspannt wie nie. Ich weiß nicht, was es war, ob nun mein stures Ignorieren des Weihnachtsterrors (ich habe habe nicht ein Mal „Last Christmas“ oder „Power of Love“ irgendwo gehört), das sichtliche Altern meiner Eltern, mein spürbares Altern, das mich vielleicht milder macht oder das vehemente und aggressive Verarbeiten in den letzten Jahren. Es ist vorbei. Ich sitze bei zwei alten Leutchen im Wohnzimmer und freue mich, sie zu sehen. Sie freuen sich auch und haben Klimmzüge gemacht, es uns nett zu machen.
Meine Mutter macht mittlerweile so guten Sauerbraten wie ihre Mutter. Beim Abendbrot fuhr sie für 5 Personen 20 Würstchen auf, wie immer. Ansonsten beschäftigten wir uns diesmal mit Wurzeln. Da der Graf seinen Stammbaum bis 1850 aus dem Kopf kennt und ich jedes Mal ins Stottern komme, wenn es weiter als 1922 zurückgeht, habe ich mal nachgefragt.
Zuerst bei der Oma, die mit 92 noch eine ganze Menge mehr als meine Eltern weiß und dann habe ich Fotoalben von meiner Urgrosstante gewälzt. Meine Vorfahren waren ja – bis auf den Lausitzischen Tapezierer, der ein Kurzwarengeschäft aufmachte – samt und sonders Arbeiter (und vorher wahrscheinlich sächsische, schlesische und böhmische Kleinstbauern). Sie hatten keine Häuser, wohnten zur Miete und gingen schaffen, wo es Arbeit gab. Die einen kamen aus Thüringen in die Zwickauer Gegend, die anderen trafen sich in Leipzig und Dresden, es gab dort genügend Industriejobs für die Männer und Putz- und Heimarbeitsstellen für die Frauen.
Allen war gemeinsam, dass sie arm waren, sehr arm, obwohl sie viel arbeiteten. Zumindest waren sie bereits bemüht, nicht mehr sechs und mehr Kinder in die Welt zu setzen, sonder nur noch eines oder zwei. (Meine Urgroßmutter mütterlicherseits hatte noch zehn Geschwister) Wie sie das hinkriegten, kann man nicht richtig sagen, meine eine Großmutter schlief Jahre mit ihrer Mutter in einem Bett, die hat wohl ihren Mann fast 15 Jahre nicht rangelassen, bis es dann einen Nachzügler gab.
Die Weimarer Republik war eine günstige Zeit für begabte Armeleutekinder. Meine Urgroßtante und ihr Bruder – Kinder eines abgearbeiteten Bergmannes und einer von der Rachitis verwachsenen Hausfrau – waren ungeheuer klug. Sie konnten so gut rechnen und schreiben, dass die Lehrer recht bald in der kleinen Volksschule (6 km zu Fuß, auch bei Schnee) meinten, sie könnten ihnen nichts mehr beibringen. Der Sohn konnte im Elektroladen als Lehrling untergebracht werden, die Tochter, die scheinbar bei einem Gymnasiallehrer in Stellung war (obwohl sie immer vom Professor sprach), wurde von diesem und Verwandten unterstützt, damit sie zur Handelsschule gehen konnte. Nach dem Krieg studierte der junge Mann, der mein Großvater wurde, und wurde Elektroingenieur in einem Kraftwerk. Meine Urgroßtante heiratete einen Schlosser und fühlte sich in der Position als Chefverkäuferin des größten Zwickauer Schreibwarenladens mit acht männlichen Untergebenen nicht wohl ihrem Mann gegenüber. Sie wurde Hausfrau und half nach dem Krieg mal hier, mal da in einem Geschäft aus und machte Urlaubsvertretungen für die Besitzer. Keiner konnte sie mehr überreden, in einen festen Job zu gehen. Schade eigentlich. Kinder hatte sie auch nicht, sie konnten keine bekommen, aber sie half, meine Mutter und mich aufzuziehen.
Die Urgroßtante und mein Großvater waren schön und blitzgescheit, aber dazu mit großer Herzensgüte geschlagen. Durchsetzungsvermögen war nicht so ihres. Die Tante löste alle Kreuzworträtsel, derer sie habhaft werden konnte und pflegte die Alten der Nachbarschaft (ihre Nachbarn lehnten dann, als sie alt und allein war, das „Risiko“, sich um sie zu kümmern, wenn sie mal nicht aus der Badewanne kommen sollte, ab). Der Großvater arbeitete zu viel, weil er nicht Nein sagen konnte, zog ob seiner tuberkulosekranken Frau meine Mutter über Jahre allein und mit Hilfe von Tante und Nachbarn auf, hatte mit 48 einen Herzinfarkt (er trank nicht und war nicht übergewichtig) und starb mit 52 an Krebs. Die beiden waren einfach zu gut für diese Welt.
Mein anderer Großvater wurde ebenfalls recht bald auf die Begabtenschule geschickt, er war präzise und malte und zeichnete sehr gut. Er war aus etwas anderem Holz. Frech, aufstiegsorientiert, sportlich und risikofreudig. Das S-Bahn-Surfen der Jungspunde in den späten 20ern bestand darin, durch die Elbe zu schwimmen, kurz bevor der Kettendampfer die auf dem Grund liegende Kette hochhob. Das war natürlich streng verboten, sonst wäre es auch nicht so interessant gewesen. Im Sonntagsanzug aus dem Stand einen Salto rückwärts zu springen kam cool, um die Mädels zu beeindrucken und ich fischte aus einem Album ein Foto, das den jungen Mann waschbrettbäuchig und noch mit allen Haaren mit den Jungs vom Niedersedlitzer Schwimmverein zeigte. Sächsischer Landesmeister im Abfahrtslauf war er auch mal, Bergsteiger auch, ziemlich freizeitorientiert, der junge Mann. So war auch eigentlich gedacht, dass er den Betrieb des kinderlosen Chefs übernehmen sollte, bei dem er Lithograph gelernt hatte. Aber dann kam der Krieg und alles kam anders und am Schluss landete er beim Militär.
Übrigens, da wir mittlerweile langsam in das Alter kommen, in dem wir uns über die heutige Jugend beschweren. Hier ein antikes Facebook-Foto:
Die Hermann-Gerstner-Gang
Links drei Brüder. Die zwei ersten sind in Stalingrad geblieben, der in der Mitte war Gott sei Dank mit 1,50m zu klein für den Krieg und wurde mein Urgroßonkel, vor ihm sitzt seine Verlobte, die im Text erwähnt Urgr0ßtante und schaut kritisch auf ihren Bruder (mein Opa in spe), der an diesem Tag Bier trinkt.

Dann kramte mein Vater am langen Weihnachtsabend noch Fotos aus den Neunzigern raus. Miz Kitty als androgyne Wasserstoffblondine mit Undercut, dünn wie ein Stecken und ohne Muskeln, das mit dem Sport kam erst später.
Meine Eltern waren damals so alt wie ich jetzt. Kinder, Kinder, wo landen wir in 20 Jahren…

Ach so und da ich hinterher noch auf der Genealogieseite eines Verwandten war, weiß ich nun, dass Martin Luther und der mütterliche Zweig den gleichen Großvater hatten. Ich gehe aber mal davon aus, dass wir diesen Ruhm mit gut drei Millionen Sachsen teilen.

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2 Gedanken zu „Geschafft

  1. Schööön, diese Familiengeschichten aus Erzählungen. Mir sind die persönlichen Geschichten und Erinnerungen wichtiger als Urkunden-basierte Stammbäume – und das ganz sicher nicht nur, weil bei mir die Fakten schon bei der Generation der Urgroßeltern veröden (Vaterseits: Analphabetentum plus spanischer Bürgerkrieg, in dem die meisten Dorfkrichenregistern verbrannt wurden / Mutterseits: Null Verbindung zur polnischen Verwandtschaft der Großmutter).

    • Stammbäume allein sagen garnichts. Das war es auch, worum ich den Grafen beneidet habe, um die ganzen alten Geschichten. Er hat als Kind sehr viel Zeit bei seiner Großmutter verbracht, die scheinbar über kaum etwas anderes geredet hat. (Und es war Dorf und die ganze Verwandtschaft lange noch auf einem Acker.)

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