27.7. 10

Nach diesem Winter hätte ich nie gedacht, daß ich einen leicht bewölkten Himmel einmal genießen würde.
Nachdem ich mit meiner morgendlichen Tasse Kaffee aus dem Koma geholt wurde – ich kann die Kaffeemaschine in diesem Zustand nicht bedienen, das wäre lebensgefährlich – bastelte ich einen dramatisch bunten Obstsalat aus Pfirsich, Blaubeeren, Kirschen, Kiwi und Ananas fürs Frühstück und radelte ins Büro.
Dort legte ich zunächst eine Liste an, was ich diese Woche noch tun würde. Das klingt lächerlich, aber mir hat das nie jemand beigebracht. Meine Eltern lebten nach der Maxime: das Genie beherrscht das Chaos und machten nur das Dringendste oder das, was sie interessierte. Ich bin da nicht anders und so fallen immer wieder ungeliebte, aber wichtige Dinge ins schwarze Loch Vergessen in meinem Kopfuniversum.
Dann nahm ich mir einen riesigen, in 5 Monaten gewachsenen Stapel Arztrechnungen und Krankenkassenkorrespondenz vor. Da die Kasse sich noch immer weigert, den Klinikaufenthalt zu zahlen, hängen viele Rechnungen in der Warteschleife und müssen gestundet werden.
Außerdem gibt es noch einmal ein neues Gutachten, ob der Krankenhausaufenthalt nötig war. Wenn ich mir die Unterlagen, die die Klinik dafür bereit gestellt hat, ansehe, wird es wohl wieder eine Ablehnung geben. Ich fürchte, es liegt an mir. Ich war für mein Empfinden schon im dramatischsten aller Zustände und habe das auch auszudrücken versucht. Bei den Ärzten kam an: hat wirtschaftliche Schwierigkeiten, ist enttäuscht von ihrer Beziehung und trauert um ihre Großmutter. Da würde ich als Kasse sagen: Und in China fällt ein Sack Reis um!
Es ist immer das selbe. Ich kann im Grunde nur schriftlich kommunizieren. Unmittelbar zeigen, wie es mir geht, kann ich selten, deswegen verschätzen sich die Leute oft in mir.

Nachdem ich diesen Stapel mit wachsendem Stolz abgearbeitet hatte, fuhr ich zum Essen zum Winterfeldplatz. Ich war zwar neugierig auf den neuen Perser in der Goltzstraße, landete dann aber doch wieder bei Habibi.
Danach, wie sollte es anders sein, folgten fast drei Stunden Komaschlaf ™
Wieder erwacht, kippte ich als erstes meinen Abendtermin, denn ich wollte in Ruhe an der Website arbeiten. So langsam komme ich wieder in meinen alten, kreativen Zustand. Dann wirke ich zwar etwas fahrig und entrückt, bin aber hochkonzentriert und nach und nach kullern die Sätze und Ideen aus mir heraus.
Ich hätte noch weitermachen können, radelte aber nach acht Uhr doch in Richtung C-Burg, um ein weiteres Mal vor der Glotze zu versacken. Damit mir das nicht noch einmal passiert, nahm ich mir vor, statt dessen in die Muckibude zu gehen und irgend etwas stupides auf dem Laufband anzustellen.

Auch das noch:

  • Kalte AscheKalte Asche Seit 10 Tagen schreibe ich an einem Text, der das Licht der Blogwelt sicher nie erblicken wird. Es betrifft meinen Beruf und die […]
  • 11.09. 202011.09. 2020 Nach einem Frühstück zu viert in schönem Spätsommerlicht draußen gearbeitet. Ab und zu dem Grafen assistiert, der schaute, warum das […]
  • 1000 Zeichen Häme1000 Zeichen Häme In der Rubrik "Bücher, die noch geschrieben werden müssen": Helena Der Schriftsteller M.B. verliebt sich in Baby Hegemann, die […]
  • Welt ParadoxWelt Paradox Nichts stimmt derzeit. Die Luft ist so lau wie im April, der Regen gleich mit. Manchmal stört ein Sturm und der Himmel ist gelb. Was […]
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Leben von kitty. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

10 Gedanken zu „27.7. 10

  1. mein beileid. krankenkassen entwickeln sich langsam aber sicher zum bei der geburt getrennten arschlochbruder der allianz. ich kloppe mich mit meiner gesetzlichen[!] als freiwillig versicherter seit über einem halben jahr um einen knapp fünfstelligen betrag. fünf ansprechpartner zehn meinungen. ich blicke fast selbst nicht mehr durch. sehr nervig und äußerst unschön das ganze. aber wenn es sein muss lasse ich das auch noch juristisch durchdeklinieren …

  2. REPLY:
    das wäre mittlerweile für mich ein grund für eine rechtsschutzversicherung.

  3. „Meine Eltern lebten nach der Maxime: das Genie beherrscht das Chaos und machten nur das Dringendste oder das, was sie interessierte. „
    Ich erkenne da eine sehr starke Seelenverwandschaft:)

  4. REPLY:
    Eben – ist ja auch richtig so, ätzenden Kram läßt man besser gleich sein ;-)

  5. Listenschreiben ist absolut nicht spießig, sondern befreiend, weil man nicht ständig immer wieder an allen möglichen Alltagskram denken muss (was in meinem Fall massiv jegliche Kreativität beeinträchtigt) und/oder permanent ein unterschwellig schlechtes Gewissen/Gefühl hat, da man weiß, dass man etwas Wichtiges vergessen hat. Ich habe mittlerweile immer ein Notizheft in meiner Handtasche bzw. in der Wohnung in Reichweite, was mir ein wunderbar beruhigendes Gefühl verschafft. Vergessen habe ich schon sehr lange nichts Wichtiges mehr, und Listen muss man ja nicht penibel aufarbeiten, sondern nur nach Priorität aktualisieren.

  6. REPLY:
    ohne listen könnte ich per sofort berufliche und private aktivitäten chancenlos niederlegen. als jemand der beruflich täglich auch schon mal hunderte von prioritäten abarbeiten muss kann ich nur sagen, dass listen „schreiben“ ab einer gewissen menge von dingen völlig ineffektiv ist, weil man sich irgendwann völlig verzettelt, und das im wahrsten sinne des wortes. ich habe an outlook 2010 zwar immer noch einige verbesserungsvorschläge, aber das ist schon ein quantensprung, weil nun endlich endlich endlich die aufgaben im kalender einsortiert sind [erstaunlich, das man für dieses wunderwerk 10 jahre gebraucht hat]. in kombination mit onenote dem ultimativen vollindizierten digitalen sammler für alles von internetseitenüber gescannte dokumente bis audiodateien [im idealfall auch auf dem handy, aber wer nutzt außer mir schon windows mobile] und einem zusätzlichen kleinen digitalen diktiergerät [wer versucht ein auto zu lenken, ein handy zu bedienen und gleichzeitig zu schreiben, ihr wißt schon … mein tipp: olympus. und sonst nichts] mit pc anschluss [nicht nur für notizen, viele dinge wie ortsbegehungen, terminniederschriften, interne protokolle o.ä. schreibe ich garnicht mehr. mitarbeitern kann man damit statt ellenlanger mails auch 1a arbeitsanweisungen aufzeichen] zum überspielen der audio dateien unschlagbar. wer wirklich organisiert sein will bzw. muss kommt an windows 7 nicht vorbei. der ganze apfelkwark [ich fahre beide systeme] spielt bei organisationsdingen einfach nur kreisliga.

    dummerweise hat der tag trotz outlook, onenote und diktiergerät aber nach wie vor nur 24 stunden … (o;

  7. REPLY:
    ich glaube, das werde ich im leben nicht los, da kann ich listen schreiben, so viel, wie ich will, ich schaue einfach nicht drauf.

  8. REPLY:
    wenn ich das gefühl habe, ich müßte etwas aufschreiben, dann sagt das kleine blöde genie in mir: „wattn, dit is doch abjespeichert.“
    aber pustekuchen, es ist irgendwo untergemüllt und ich habe jeden morgen das gefühl, ich könnte machen, was ich wöllte.
    aber ich lerne das noch. diese langweiligen aufzeichnungen hier sind der erste weg dazu. schließlich werde ich in zukunft an projekten arbeiten und nicht mehr nur aufgaben entgegennehmen.
    ich habe mich bei outlook seit jahren gewundert, warum aufgaben und kalender so nebeneinander her laufen. wahrscheinlich haben legionen von leuten statt aufgaben termine eingetragen. entourage für mac hat das leider noch nicht.
    ein diktaphon habe ich schon lange, ich muß es nur mal bedienen lernen. das funktioniert sogar zusammen mit meiner spracheingabesoftware.

  9. REPLY:
    tu-Du-Listen, sehr schön!
    den reiz des wegstreichens entdecke ich gerade. außerdem ich es schön zu erkennen, daß man alt werden kann wie ne kuh und lernt immer noch dazu!

  10. ich mag ja diese to-do-listen einfach deshalb, weil das durchstreichen des erledigten, so ein erhebendes gefühl hinterlässt.
    ganz wichtig allerdings, sind auch die tu-Du-listen :-)

Kommentare sind geschlossen.