15 Fiktionaler Overkill

Es begann alles als Lazy Sunday. Wir flanierten in der sonnigen Herbstkühle durch Mitte und kehrten ins Victoria ein. Im Herbst gibt es dort Kastanienbaiser-Torte, göttlich. Und weil es so schön war, flanierten wir noch weiter, quer durchs Scheunenviertel, wo die Modeläden in Rapid Cycling eröffnen und schließen. Nach einem Vierteljahr sieht alles schon wieder anders aus. Kein Wunder, da sind Klamotten dabei, die schön bunt sind, aber die hätte selbst ich besser genäht und die momentane Unsitte, keine Säume zu machen, sondern einfach abzuschneiden, ist gruselig. Ich kaufe doch keine Wegwerfklamotten.
Am Ende der Runde gingen wir noch ins Cô Cô, Chicken-Reismehl-Baguettes essen, dazu scharfen Salat aus Kraut und Rettich und ein Glas Ingwer-Grüntee. Neben uns saßen ein paar hübsche metrosexuelle Jungs, deren einer Besuch von den Eltern erhalten hatte. Papa sah aus wie Uwe Ochsenknecht vor 10 Jahren, war sehr braun und trug ein pinkfarbenes Polohemd mit hochgestelltem Kragen. *schauder*

Zurückgekehrt, bauten wir den Beamer auf. Ich wollte nämlich unbedingt den Kieler Tatort sehen. Wieder Eoin Moore, diesmal, was das Drehbuch betrifft in irgendeiner (unsichtbar welcher, in den Abspann-Credits nicht, in den Internet-Credits schon) Verknüpfung mit Krimipapst Breinersdorfer. Tatort ist ja sonst nicht so mein Ding. Für andere ist Tatort-Schauen zum Reflex-Event geworden, wie die Lindenstraße. Dazu langweilen mich das Dramaturgiekorsett und die mittlerweile zu Klischees gewordenen Ermittlernasen und -taten zu sehr. Das letzte Tatort-Konzept, daß ich richtig hot fand, war das Hamburger mit dem verdeckten Ermittler Cenk Batu, das wiederum so kompliziert herzustellen war, dass es in der Konvention des Genres nicht so recht funktionierte.
Also Tatort Kiel. Die Integration der Barschel-Geschichte in einen zeitgenössischen Plot. So was finde ich hochspannend, ein Tunnel zwischen Fiktion und Realität. Die Fiktion aufbohren in Richtung Historie, die desillusionierenden Fakten so hoch hängen, dass sie Film werden.
Was die Story betrifft, wurde ich zufriedengestellt. Schöne Sache. Eine Moderatorin (Mary Lou Sellem) erhält die Meldung vom Tod des Exmannes als Breaking News in ihre Live-Sendung, Tom Buhrow tritt dabei als Tom Buhrow auf. Es gibt einen Ausschnitt aus der Ehrenwort-Pressekonferenz, so geschnitten, daß man den Moment, in dem Barschel lügend die Augen eine Zehntelsekunde zu lange schließt, sehr gut sehen kann. Ein guter Einblick in das Innenleben von Politik und die Funktionsweise von Politikern und eine gute assotiative Brücke zum fiktionalen Politiker, gespielt von Thomas Heinze. Manchmal isses ein bissel fett, aber gut. Er entwirft eine aalglatte Christian-Wulff-Figur. Einen Menschen, der ständig performen muß, der immer nur textet, damit er nicht auf dem falschen Fuß erwischt wird und dessen Sprache Verlautbarungen sind. Dem eine Lüge nach der anderen auffliegt. Ein Widerling mit grauen Schläfen und gutsitzendem Anzug, dessen Implosion in die Bedeutungslosigkeit wir zusehen dürfen. Eine Figur fast an der Kante zur Parodie. Aber ich fürchte, nicht zu Unrecht, denn solche Leute, da sie so theatral sind, tragen ihre Parodie schon huckepack.
Axel Milberg wie gewohnt. Sehr auf dem Punkt, präsent, diszipliniert in der Figur, nix auszusetzen. Denn es ist nicht sein Drama, das da abläuft.
Mary Lou Sellem als Maybritt-Illner-Verschnitt. Danke für diese Besetzung. Danke für die Freiheit, die sie bekommen hat. Als Gegenentwurf zum ständig kontrollierten Politiker, der versucht, die Deckel auf allen überkochenden Töpfen zu halten, spielt sie eine  Frau, die bestimmte Dinge gern unter der Decke halten will und die, nachdem klar ist, daß ihre Karriere zu Ende ist, einfach explodiert. Säuft, prügelt, pöbelt und am Schluß minutenlang im geschlossenen Auto in der Waschanlage dem Kommissar die Wahrheit herausbrüllt. Solche Frauen-Schrei-Szenen sind mir gern etwas unangenehm. Diese war gran-di-os!
Und dann Sibel Kekilli als Partnerin von Axel Milberg. Nun ja. Da muss ich wohl länger ausholen. Zuvor aber ein Satz. Eine (für die Rolle zu) junge Frau, deren Leistung darin besteht, ihren Text zu können, in ihre Stimme, je nach Anforderung Hektik, Wut, Spott als Färbung zu legen, deren Gestik sich auf Hände in die Hüften stemmen beschränkt und deren Mimik im hübschen Katzengesichtchen oder Stirnrunzeln endet, ist für mich keine gute Schauspielerin. Das garantiert zwar einen ästhetischen Anblick und wenig Konkurrenz für die Herren, die allesamt im Charakterfach agieren, aber das reicht für eine so große Rolle nicht, nicht für eine über 30jährige, die keine Anfängerin mehr ist.

So und jetzt etwas Begründung dazu.
Der Berufsantritt von Sibel Kekilli passiert unter ziemlich dramatischen Umständen. Erst Hauptdarstellerin eines gefeierten Filmes, dann die Pressekampagne, in der ihre Pornofilmvergangenheit thematisiert wurde. Die Stärke, Haltung und Gradheit dieser jungen Frau hat meinen ganzen Respekt. Ich hatte damals Angst, dass sie das nicht aushält und Wut auf die Leute, die sie wissentlich in diese Situation gebracht haben, die sie benutzt haben. Und das war nicht nur die Boulevardpresse.
Man kann diese Biografie nun so erzählen, wie sie auch gern referiert wird. Sie war jung und brauchte das Geld, wurde in einer Diskothek fürs „richtige“ Kino entdeckt, sie lieferte eine grandiose Leitung ab, dann kamen die bösen Paparazzi und weil sich Talent und das Gute durchsetzt, wurde aber trotzdem ein Star geboren.
Oder man kann sich die Hintergründe genauer ansehen. Fatih Akins Film war, schauspieltechnisch gesehen, eine Versuchsanordnung. Der Regisseur und der Hauptdarsteller Birol Ünel (ein irrer Schauspieler in Qualität, aber auch Neurose, aggromäßig von Kinski-Format) kannten sich bereits sehr gut. Die männliche Hauptrolle ist ihm auf den Leib und die Seele geschrieben. Nun wurde eine Frau gesucht, die sich auf diese Konstellation einläßt. Die Suche verlief nicht sehr glücklich. Alle von Ethnie, Alter, Sprachkenntnissen und Talent her in Frage kommenden Schauspielerinnen lehnten ab. Eine dieser Ablehnungen lief über meinen Schreibtisch. Mitspracherecht für die Hauptdarstellerin, was mit ihr und ihrem Körper in den Bettszenen passiert, hätte kein Vertragsthema werden können. (Das ist eigentlich möglich.) Das war für mich das NoGo. Eine Ablehnung einer Kandidatin lautete so: „Ich mache das nicht und ich kenne keine moslemische Frau, die so etwas spielen würde.“ Dann wäre ihr Ruf nämlich ruiniert.
Man suchte bis zum letzten Moment überall, nach der Frau, die die Rolle spielen könnte und fand eine deren Ruf – nach diesen Maßgaben – schon ruiniert war. Man kann das mit dem Streetcasting gern glauben und dass – oh Zufall – eine junge Frau ohne Vorbehalte und mit Filmvergangenheit entdeckt wurde. Ich glaube es nicht, es klingt nämlich nicht sehr professionell. Irgendjemand wird ein Filmchen gesehen, einen Tipp weitergereicht haben, man wusste schon, wen man da engagierte. Das, was ich von den Dreharbeiten hörte war, dass sie sehr, sehr anstrengend waren. Selbst mit einer Ausbildung, die einem den Schutz des handwerklichen Rüstzeugs gibt, lebt man eine solche Rolle, muss man mit den Verletzungen umgehen, die eigentlich eine Kunstfigur treffen sollen, aber an einem Menschen aus Fleisch und Blut ausagiert werden. Mir erzählte man, dass die junge Frau vor Beendigung der Dreharbeiten krank wurde. Blinddarmentzündung. Das Team musste pausieren und konnte dann weitermachen. So etwas passiert nicht zufällig. Meine ganz persönliche Meinung: Das war alles ganz hart an der Grenze zum Missbrauch. Aber wer einen Vertrag unterschreibt, muss ihn erfüllen. Wie war das? Wir waren jung und brauchten das Geld.
Dann kam der Erfolg und der Skandal, daraus wurde eine Opfergeschichte und dann war sie prominent. Und im Verlauf dieser Geschichte fragte keiner mehr nach, was Sibel Kekilli eigentlich wirklich kann und noch weniger, ob das reicht, was sie in den letzten 8 Jahren dazugelernt hat. Eine Mischung aus Pussypatriotismus und P.C. verhindert das.
Ich halte Sibel Kekilli als Schauspielerin für absolut überschätzt. Aber es verschafft vielen das Gefühl, dass sie etwas Gutes tun, wenn sie das Gegenteil empfinden.
Ich wurde gestern schon auf Twitter deshalb von jemandem angemacht. (ok., ein Fan, die haben mildernde Umstände), eine andere Frau bittet emphatisch um „viele schöne Drehbücher“ für sie. Bitte nicht. Das ist genauso wie mit Alexandra Maria Lara. Nett, hübsch anzusehen, langweilig.

Aber der Abend ging noch weiter. Der Beamer stand einmal. Auf 3Sat war Polizeiruf-Zeit. Man zeigte eine Episode von 1985, Ein Schritt zu weit. Heidewitzka. „Szenen einer Ehe“ meets „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Ein alter, verheirateter Mann verirrt sich etwas in Richtung einer jungen Frau. Er klassischer Musiker, sie Popsängerin. Alles sehr demonstrativ, die Verlockung des Lockeren, die Gewissensstrafe, die auf dem Fuß folgt, als die junge Frau im Dunkeln über die Felskante verschwindet und er nachfolgend erpresst wird.
Das Gewissen ist übrigens der wichtigste Ermittler im DDR-Polizeiruf. Die Kriminalisten müssen allerhöchstens mal an selbiges appellieren oder die armen, von seinen Bissen zerfressenen Gestalten nur noch einsammeln. Der Krimi als moralische Anstalt.
Der Film war eine ausstatterische Braun-Sinfonie. Braune Möbel, braune, beige, grün-braune und grau-braune Kleider, dazu die üblichen Muster auf Tapete, Vorhang, Tischdecke, Sesselbezug. Eine halbnahe Einstellung mit vier braunen Mustern (Karo, Palmette, Blume, Paisley)  im Hintergrund rockt einfach…
Darsteller. Herbert Köfer, der für die Rolle des klassischen Musikers mit 64 für die Geschichte eigentlich eine Generation zu alt ist, aber hinreißend Geige spielen kann. Nach seinem Alter richten sich auch die anderen Rollen. Marie Gruber als Tochter, damals 30jährig, die es locker-flockig hinbiegt. Susanne Düllmann, fast gleichaltig wie Köfer, aber völlig alterslos attraktiv. Wolf-Dieter Lingk ist 42, spielt aber das destruktive Element in vollem, wenn auch etwas hippiemäßigen Jugendkulturornat (1985 war man dann schon eher Punk, ok., im Tal der Ahnungslosen, wo die Sache spielt, nicht, da war man noch „Kunde“). Ach und Christel Peters, dem gemeinen Konsumenten als „Die Mutter aller Schnäppchen“, dem Cineasten als alte Dame in „Sommer vorm Balkon“ bekannt, die Gute (realiter nur 5 Jahre älter als Herbert Köfer), tippelt als omihafte, uralte Zimmerwirtin durchs Bild. Fred Alexander. Der Schwarm aller Garderobieren in Kleist-Theater im Oderkaff. Sie hatten sogar ein gerahmtes Autogrammfoto von ihm in ihrem Kabäuschen.
Der Film wirkt durch diese sonderbare Altersstruktur (in der DDR war man mit Mitte 60 Großvater oder Urgroßvater) seltsam anachronistisch und künstlich.* Köfer spielt Old School 50er Jahre-Kino. Wahrscheinlich erinnert er sich an junge Liebhaber-Rollen. Dabei ist es fürchterlich, einem alten Mann dabei zuzusehen, der, vom Gewissen gequält, in Ohnmacht sinkt, Visionen hat und im Finale über Stock und Stein rennt und dabei immer schreit „Aber du bist doch toooot! Tooot!“
Die Dialoge sind gestelzt und altbacken. „Hast du ihm gesagt, daß ich davongekommen bin?“ – „Ja, er bedauert den Vorfall.“, ein Dialogausschnitt aus einer Unterhaltung zweier Popmusiker…
Aber wie immer ist der Film ein Zeitdokument.

Und noch ein Film war dann das Betthupferl. OSS 117. Damit endete der Abend herrlich politisch unkorrekt.

* Das kann man machen. Alle amerikanischen Collegefilme basieren auf der Verabredung, dass dort Endzwanziger Teenager spielen. Es muss nur gut aussehen.

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5 Gedanken zu „15 Fiktionaler Overkill

  1. Jepp. Schöne Analyse. Wobei ich schon nach ungefähr 5 Minuten an Barschel gedacht hatte und dann andauernd in die Logik-Falle getappt bin…

    • Da hatte ich Gott sei Dank vorher genug Vorankündigungen gelesen, die das Spiel erläuterten. (Aber auch blöd, wenn man einen Film vorher erklären muss.)

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