Wie es wirklich war

Am Abend des 9. November 1989, nachdem ich die Pressekonferenz mir Schabowskis Zettel-Statement sah, war ich als bürokratiegestählte DDR-Bürgerin zu dem Schluß gekommen, daß man sich in den nächsten Tagen bei der Meldestelle zwecks Paßerwerb anstellen könnte. Selbstverständlich erst, wenn sich der erste Andrang gelegt hatte.
Dann gingen mein Mann und ich schlafen. Am nächsten Morgen fiel die Chefin der Kinderkrippe mir und meiner Tochter um den Hals: Ob es nicht toll sei?
Ichso: Äh ja, jetzt können wir reisen, ich hol mir demnächst auch einen Paß. (Im Kopf hatte ich, wovon ich denn verdammt nochmal so eine Reise bezahlen sollte, denn Aluchips wollten sie da drüben bestimmt nicht.)
Sie sah mich entsetzt an, aber ich merkte das garnicht, morgens bin ich nicht ganz so helle.
Als ich dann zu Hause am Frühstückstisch herzhaft in mein Brötchen biß, blieb es mir im Hals stecken, denn die Nachrichten verkündeten, daß in der Nacht die Mauer gefallen sei.
Das ist jetzt nicht wahr, dachte ich. Das kann garnicht wahr sein. Ich bin noch nicht wach. Oder gleich explodiert die Welt und wir sollten vorher noch aufgeheitert werden.
Doch die Provinzstadt Frankfurt an der Oder stand auch fünf Sekunden später noch und mein Mann machte ein ähnlich dämliches Gesicht.
Den Rest des Tages saß ich heulend vor dem Fernseher. Als meine Eltern anriefen, mit erschütterte Stimme: Hast du schon gehört, was passiert ist?, fühlte ich mich zwar schuldig ob meiner Glücksgefühle und -tränen, aber bekannte mich dazu. Sie waren befremdet und ratlos, aber sagten nicht viel. Denn ab da hatten sie und ihre Partei nicht mehr recht.

inspiriert von den kommentaren hierzu

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7 Gedanken zu „Wie es wirklich war

  1. Ich selbst war nur auf der Westseite davon betroffen, ein Teil der Familie auch auf der Ost-Version des Themas. 89 war das Jahr des Abiturs, der Orientierung, der Praktika, der Weltentdeckung. Anhand solcher geschichtlichen Ereignisse wie der Mauerfall staune ich immer wieder was ich alles nicht mehr auf die chronologische Kette bekomme. Was war da alles? Ich kann mich an Nachrichten erinnern, die davon sprachen und Bilder zeigten wie die Mauer erstürmt wurde. Wie Kolonnen von Wartburgs und Trabbis über durch die Absperrungen kamen. Aber so richtig realisiert hats keiner. Das war zu groß, zu unwahrscheinlich, zu friedlich. Hätte doch keiner gedacht, dass das so abläuft. Zu meinen Verwandten hatte ich eh keinen Kontakt (eine Tante, ganz selten, die durfte meine Großeltern besuchen, und umgekehrt, aber ich habe sie bestenfalls 3 Mal gesehen). Die Leute in Weimar habe ich 15 Jahre nach dem Mauerfall mal kennengelernt, aber keiner hält den Kontakt – keiner ist da richtig scharf drauf, scheints. Es ist besser ohne Mauer. Und schade, dass man es nicht besser gemacht hat.

  2. ein problem ist eher schlimmer geworden:
    theoratisch kann man reisen, praktisch fehlt die kohle.

    großer gerechtigkeitsfortschritt:
    jahresurlaubsfreie landstriche gibt es mittlerweile auch im westen.

  3. wir hatten am abend des 8. november beim thekendiskutieren auf verdacht den richtigen riecher. es brodelte so sehr, irgendetwas mußte passieren, im guten wie im bösen. wir kamen aber aufgrund einer autopanne ein paar stunden zu spät. und ich war natürlich viel zu dünn angezogen und irgendwann viel zu betrunken naß um das gesund zu überstehen. an dem tag habe ich geweint vor glück. weil dies das zeichen war, das diese bedrückende welt eine bessere werden könnte.

    nur wenige monate vorher habe ich in einem control and reporting center unter meterdickem beton tief in den luftraum des warschauer paktes geschaut. die central enterprise, eine damals jährliche, riesige nato übung. anhand von eingespielten streupings auf dem radarschirm waren tracks herauszuarbeiten, die den erstschlag der orangen [orange! wie subtil …] seite darstellten. zielerfassung, abwehr, gegenschlag. das ganze programm. ich erinnere mich, dass ich während dieser übung zum ersten mal die gesichter mehrerer F15 piloten im Flug erkennen konnte. der irrsinn einer gigantischen kriegsmaschinerie live und in farbe. aufgrund der ereignisse im jahr ’89 stand die nato de facto gewehr bei fuß. über diesen abgedrehten wahnsinn macht sich heute kaum noch jemand gedanken. was interessieren mich da irgendwelche gelder oder sonstiger unwichtiger scheiß. man, wir sind jahrzehntelang haarscharf am ende unserer zukunft gewesen …

  4. Ich habe schon bei acqua geschrieben, dass ich in der Zeit in Asien war und das gar nicht so richtig mitbekommen habe.
    Ihren Beitrag schätze ich sehr. Der zeugt von einer wesentlich nachhaltigeren Ehrlichkeit als all das Gefasel während der Feierlichkeiten.

  5. REPLY:
    Toll, dass das jemand einmal so offen ausspricht. Mich verwundert es immer wieder, wie sehr die Leute die Realität verdrängen. Und weil es bisher immer gut gegangen ist, (Cuba, DDR) heißt es nicht, dass es das automatisch immer tun muss.

  6. Ich hatte schon während meiner Teenagerzeit mittels eines Bekannten, dessen Mutter legal via Heirat hatte ausreisen dürfen, etliche Einblicke in das damalige Leben in der DDR gehabt; manches konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wusste aber, dass es „drüben“ Realität war. Der Gedanke an dieses Regime löste in weiterer Folge stets eine Art inneres Kopfschütteln aus; Polen, die Tschechoslowakei, Russland – das waren Länder mit anderen Sprachen und teils anderen Kulturen, aber die DDR, der andere Teil Deutschlands, war ein seltsames Konstrukt jenseits meiner Auffassungsgabe.
    Ungarn habe ich nie als wirklich dem Ostblock zugehörig empfunden, es war für mich ein Land mit Menschen, die trotz des Eisernen Vorhangs ihr eigenes Ding durchzogen – subtil, aber mit Nachdruck. Dass aus meiner Sicht dann Ungarn dann ein wesentlicher Faktor bei den Umbrüchen im Osten war, scheint mir im Endeffekt logisch zu sein. Mir sind die Bilder des österreichischen Fernsehens deutlich im Gedächtnis geblieben, als im Sommer 1989 plötzlich scharenweise in Ungarn urlaubende DDR-Bürger über die Grenze nach Österreich kamen. Ab diesem Moment war mir klar, dass etwas Ungeheuerliches geschehen würde, wenngleich auch zu diesem Zeitpunkt nicht erkennbar war, ob ein Krieg kommen würde (Gorbatschow wirkte ja nun eigentlich nicht gefährlich, aber Honecker & Konsorten hätte ich diesbezüglich viel zugetraut) oder ein Umbruch in der DDR stattfinden würde (unvorstellbar !!!).

    Am Abend des Mauerfalls bin ich sprachlos vor dem Fernseher gesessen. Und war erleichtert, dass kein Krieg ausgebrochen war.

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