Sonntagsmäander im Schnee

Hunderfünfzig Meter von hier fahren Unmengen von Kindern mit Schlitten den Weinbergsweg hinunter und wahrscheinlich ist der Hang schon wieder erdschwarz und blankpoliert. Gras wächst da schon seit einigen Jahren nicht mehr, sondern so ein multiresistentes, kriechendes Kraut.
Aber die Kinder haben Spaß und es gibt einen der wenigen Wintermomente, wo die Stadt im Schnee schön ist. Lange hält sich das sowieso nicht.

Die Woche war halb Urlaub, halb Tun. Bis zum Dreikönigstag habe ich es gern etwas fauler. Rundum passiert ohnehin noch nicht so viel und Leute sind nicht erreichbar. Zeit zum Rumpusseln und so.

Gestern taten der Graf und ich aber auch noch etwas ernsthaftes. Wir gingen ins Theater. Das Gorki hat Müllers Der Auftrag im Spielplan. Wenn man mich nachts weckt, kann ich Passagen des Stückes rezitieren, manchmal lese ich den Monolog des Mannes im Fahrstuhl. Natürlich musste ich das sehen. Da Müller-Inszenierungen immer schwierig sind, habe ich den Graf vorbereitet, dass er – ähnlich wie in der Oper, wenn die Kulissen vor Alter wackeln und Gastsänger hilflos auf der Bühne umherstaksen – die Texte als Assoziationsfläche nehmen kann.
Es kommt wie es kommt. Die Inszenierung hat vor allem ein geiles Plakat-Foto, ansonsten passiert das Übliche. Karge, schwarz-weiße Bühne, nackte Männer, Blechschüsseln und – wannen, ein bisschen Matschepampe, die unvermeidliche Videoprojektion und – mal was anderes – statt der üblichen Popsongs eine lebendige Jazzsängerin, statt Theaternebel heftiges Zigarettengequalme und sehr angezogene Frauen.
Ich habe zunehmend das Gefühl, dass diese Regietheater-Stereotype, die ich seit 30 Jahren sehe, sich immer mehr verselbständigen. Man spritzt mit Wasser oder Blut oder macht sich nackig, weil das schon immer so war. Da denkt keiner mehr drüber nach, weshalb oder warum. Die Schauspieler bieten es an und die Regie kauft es. Immer wieder. Wie langweilig.
Sich dem Text stellen? Sich der Botschaft stellen? Dass da Leute ausziehen, die Welt zu verändern und der einzige, der gewinnt, ist der Angehörige der weißen Oberschicht, der meint, der Brüderlichkeit sei jetzt aber mal genug. Der Schwarze findet seine Freiheit im Tod, nachdem er und die Seinen mit ihr nicht zurecht kamen, der weiße Underdog wird bestraft und für sein Ansinnen der Gleichheit verächtlich ausgelacht. Das war die Erinnerung an eine Revolution. Könnte es sein, dass es gar nicht so weit ab von dem ist, was wir gerade erleben?
(Könnte ich es, würde ich das Stück als dramatisch ausgeleuchteten Zombiefilm drehen.)
Und diese Spielastik. Da sagt man Text auf und macht was dabei. Rauchen, schreiten, schreien. Ruth Reinecke im Spot mit dem Monolog des Mannes im Fahrstuhl – endlich ist mal jemand präzise und auf dem Punkt – und man traut der Situation nicht und muss im Hintergrund etwas tun. Sich die Köpfe mit Tonpampe maskieren nämlich und den Ton wieder abmachen. Ohne Bezug zum Text. Irgendwann hört keiner mehr zu, man schaut nur noch auf diese Spielereien.
Die letzte Szene des Stückes ist ein Gespräch an der Rampe. Da ist die Luft schon raus, da sitzen die Schauspieler wie in der Kantine da und benutzen nicht mal mehr ihre nette Ausstattung.
Den einzigen Rhythmus machen die Songs der Jazzsängerin, sonst sackt alles immer wieder durch und man hat das Gefühl, die Schauspieler haben Hänger und wissen nicht, wie es weitergeht.
Leute ey. Theater ist schweineteuer. So teuer, dass mittlerweile der Dramaturgiehospitant souffliert. Hat man eine Stelle gespart. Und inmitten von Material-, Raum- und Personalkosten passiert eine Implosion ins künstlerische Nichts. Es ist nicht mal eine Implosion, die hätte noch Dynamik. Ein Ballon entlässt heiße Luft. Ein müder Hauptstadt-Theater-Pups.

Wenn ich schon mal am Ranten bin. Der Herr H. Da denke ich schon mehrere Wochen drüber nach und rede ab und zu mit dem Grafen drüber. Der sagt immer wieder „der Zeitzeuge ist Feind des Historikers“, wenn ich gebellt habe „wer es nicht erlebt hat, soll gefälligst die Schnauze halten“.
Du kannst es einem nicht vorhalten, dass er mit 15 den gleichen Beruf wie sein Vater ergreifen wollte. Vor allem, wenn der so attraktiv war. Das ganze Haus voll verbotener oder verpönter Bücher und Zeitschriften. Macht über Kulturschaffende und doch ganz nah dran. Wasser predigen und Wein saufen. Die Aussicht, vom Staat für besondere Aufgaben auserwählt zu sein und dazu Journalistik zu studieren. (Ich kenne diese Versuchung. „Du bist was Besonderes. Wir machen, dass du Medizin studieren kannst und du erfüllst Aufgaben für uns. Und wenn du gut bist, schicke wir dich in den Westen. Ich hatte mit 15 einfach nur Glück, dass ich mit anderen darüber redete und dann scheinbar nicht mehr als vertrauenswürdig galt.) In meinem Studienjahr saßen zwei solche Leute. Die haben aber hinterher nicht mehr versucht, Uni-Karriere zu machen. Im Gegenteil, die krebsen im Security- und Eventbereich rum.
Im Fall H. ist es nicht relevant, was er mit 18 oder 19 tat. Ich finde es eher relevant, welche Angaben er mit 35 und auch noch vor ein paar Wochen über diese Zeit machte und warum er das so tat und nicht anders. So, wie er den Fragebogen der Humboldt-Uni ausfüllte, hat er scheinbar gehofft, es interessiert keinen mehr, was er mit 19 getan hat.
Wie er jetzt versucht, sich rauszureden, er hätte seinen Job damals nicht einschätzen können. So ein Bullshit. Jeder, der so eine Laufbahn begonnen hatte, wußte, was das war. Wenn es tatsächlich Unklarheit gab, half ein Blick in die Akten. Jeder, den es betraf, wußte auch, dass das für sämtliche Jobs im Staats- oder öffentlichen Dienst erhöhten Klärungsbedarf, wenn nicht sogar das Aus bedeutete. Auch schon 2005.
Von der Podiumsdiskussion bleibt mir als Unterton im Gedächtnis, dass da einer versucht hat, sich mit Halbwahrheiten durchzuwinden. Das lief auch eine Weile ganz gut. Im akademischen Bereich und unter Wohlgesonnenen. Aber in so einer exponierten Stellung wie der Berliner Wohnungsbaupolitik, am Schalthebel von Wirtschaft und Sozialem, da werden die Schmiermittel Wohlwollen und Nachsicht dünn bei gleichzeitig sich erhärtendem Widerstand. Da flutscht man mit Halbwahrheiten und Halblügen nicht mehr durch. Da muss man stehen wie eine Eins und möglichst wenig korrumpierbar und kompromittierbar sein. Diese Frontposition ist nichts für Durchwinder.
Ich verstehe nicht, warum in Herrn H. so viel Erwartungen hineinprojiziert werden, vielleicht auch überzogene, die die alten Berliner Wohnungsmarktverhältnisse wieder herbeiphantasieren oder glauben machen, es ließen sich schnell schicke, angemessen große, preiswerte Sozialwohnungen fürs Berliner Prekariat bauen. Er ist Wissenschaftler. Das, was da getan werden muss, kann jeder andere, der einen Arsch in der Hose und etwas Plan und Realitätsbezug hat. Ob das dann so aussieht, wie erhofft, bezweifele ich.
Ok. Herr H. ist kein Lobbyist. Noch nicht. Jemandem, der es erst mal probiert und hofft, dass er mit unkorrektem Verhalten durchkommt, traue ich da nicht viel Loyalität und Korrektheit zu und Arsch in der Hose schon gar nicht. Aber zu Berlin passt diese Personalie.

Wen ich grade als Grumpy Middleaged Lady im alten Sumpf der Ostvergangenheit wühle, kann ich auch noch noch was rausholen. Nämlich die Geschichte eine Mannes, der eigentlich hätte Großes werden können. Groß, stattlich, gebildet, aus guter Familie. Dann kam die Wende und seine Welt kam in die Schräglage. Ihn fing kein Gleitmittel auf, dazu war er viel zu rau. Er rutschte schabend nach unten. Vom geschätzen Lektor im Staatsverlag zum zweimal umgeschulten Langzeitarbeitslosen. „Die Schweine sollen mir das büßen!“ war seit 25 Jahren seine Rede. Dann kam mit 60 noch einmal die Liebe ins sein Leben. Glaubte zumindest er. Liebe schaltet ja gern das Hirn aus. Es war eine sehr, sehr junge Frau, die recht bald schwanger war. (Frauen nahm er nie für voll, die an seiner Seite hatten alle Karriere gemacht, während sie für ihn die süße Kleene waren und waren dann weg.) Kaum war das Kind auf der Welt, hatte sie ihre Aufenthaltsgenehmigung. Es gab keinen Anlass mehr, bei dem bitteren alten Mann auszuharren.
Jetzt macht er Parteikarriere. Bei welcher Partei, das können Sie sich sicher denken.

Dann noch etwas Gutes zum Thema Menschen aus der Fremde und Männer, Hirn und Hose: Wer sich den Dingen stellt, schafft viel Gutes, kann das nur manchmal nicht mehr in so euphemistische Worte packen. dazu brauch es präzise, starke, der Situation entsprechende Kommunikation.
Hier: Frau Read On
Dann wollte ich hier noch einen Jahrerückblick verlinken, der das Dilemma beschrieb, über Dinge nicht reden zu können, weil jeder politische Pol scheinbar ganz genau weiß, was die Wahrheit und ihre Konsequenz ist, obwohl man selbst diejenige ist, die sich damit praktisch beschäftigt. Ich finde den Blogpost aber nicht mehr. Er scheint nun offline zu sein. Das sagt aber auch viel.

Jahresrückblickfragebogen 2016

Zugenommen oder abgenommen?
Es pendelt, mit leichter Tendenz nach unten. Wobei ich kein Interesse mehr habe, so auszusehen wie vor 10 Jahren. Dünn heißt zumindest bei mir nicht glücklich und gesund.

Haare länger oder kürzer?
Sie werden einmal im Jahr 10 cm abgeschnitten und gehen über den halben Rücken.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
So langsam muss die alte Lesebrille, die ich für Computerarbeiten benutzt habe, neue Gläser bekommen und die neue (auch schon wieder zwei Jahre alte) versagt immer wieder bei feinen Fummelarbeiten. Also noch etwas altersweitsichtiger geworden.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Etwas mehr, weil es möglich war.

Mehr bewegt oder weniger?
Mal mehr, mal weniger. In der Reha habe ich gemerkt, dass vieles wieder gut geht und eine Willensfrage ist, aber wenn es zu viel wird (und im Gegensatz zu früher noch lächerlich wenig ist), zieht der Körper die Reißleine und wird krank.
Scheinbar funktionieren 1x Schwimmen in der Woche und dazu lange, möglichst tägliche Spaziergänge. (Dazu muss man aber den Luxus von Zeit haben.)
Ich schwimme technisch gut und recht schnell, aber die allgemeine Belastbarkeitsgrenze steht felsenfest. Und sonst wäre mir Gartenarbeit lieber als Durch-die-Stadt-Latschen.

Der hirnrissigste Plan?
„Ich streite mich mit denen von der Rentenversicherung nicht mehr rum, ob ich das ambulant machen kann, sondern ziehe die stationäre Reha durch.“ Letztlich bin ich dort angeschlagener raus- als reingegangen.
Überhaupt sollte ich ein lautes Warnsignal auf den Satz: „Ich ziehe das jetzt durch!“ bekommen. Aber die Menschen aus dem Internet und der Graf haben ja schon versprochen, darauf zu achten, wenn es mit meiner Achtsamkeit nicht weit her ist.

Die gefährlichste Unternehmung?
Es gab nichts gefährliches, allerhöchstens ein- oder zweimal den Ansatz zu einer veränderungsträchtigen, nachhaltigen gemeinsamen Entscheidung.

Die teuerste Anschaffung?
Ein neues iPad, das mein 7 Jahre altes iPad1, das kaum noch Websites absturzfrei aufrufen konnte, ablöste.

Das leckerste Essen?
Sämtliche Teile von dem Ochsen, den die Familie einer Freundin geschlachtet hatte. Ich habe ewig nicht mehr so gutes Rindfleisch zubereitet und gegessen.

Das beeindruckenste Buch?
Nicht beeindruckend, aber sehr unterhaltsam und treffend: Juli Zehs Unterleuten(Amazon-Link)

Der ergreifendste Film?
Keine Ahnung. Ich habe extrem wenig Filme gesehen.

Die beste CD?
Ich höre beim Stricken Hörbücher und merke, wie sehr ich gute Stimmen schätze.

Das schönste Konzert?
Konzerte bedeuten viele Menschen und das mag ich nicht.

Der beste Sex?
:)

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Schreiben, Stricken und Nähen. Eigentlich genau das, was ich seit Jahrzehnten tun will.

Die schönste Zeit verbracht damit…?
Mit dem Grafen eine große Lebensveränderung zu planen. Das war zwar auch immer wieder sehr sehr aufreibend und es ist noch nicht klar, ob es funktioniert und ob wir es realisieren können, aber es ist schön, sich in vielen Dingen einig zu sein.

Vorherrschendes Gefühl 2016?
Berlin tut mir nicht gut.
Im weiteren Sinn, auch auf das Leben im Netz bezogen: Das, was um mich herum passiert, die Kriege der moralisch-ideologischen Extempositionen, hat immer weniger mit mir und meinem Leben zu tun. Dort, wo es mein Leben und sicher auch das vieler anderer betrifft, verhindern diese ideologischen Spiegelfechtereien nötige Veränderungen.

2016 zum ersten Mal getan?
Am Grab eines Menschen aus dem Freundeskreis gestanden.
Verhandlungsgespräche um hohe Summen geführt und diesmal nicht für andere.
Aufgehört, die Super-Dynamikerin zu spielen und öfter „Nein, nicht jetzt, nicht heute.“ oder „Dafür brauche ich doch länger als gedacht.“ gesagt.

2016 nach langer Zeit wieder getan?
Langtext geschrieben. Es geht leider sehr langsam voran. Das hat damit zu tun, dass ich keine so gute Planerin, sondern eher die Drauflosmacherin bin und das Planen erst lernen muss, denn Langtext braucht Planung.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Die Grippe am Jahresanfang und als Weihnachtsgeschenk meines Körpers den Sprung der Herpesviren ins Auge.
Die desaströse Reha.
Die Kollision zwischen dem Entschluss, eine Vollzeit-Arbeits-Teilhabemaßnahme zu beantragen, obwohl ich wußte, dass ich das kaum durchhalten werde, es aber einige dringend benötigte Rentenanwartschaften bringt und der Bewilligung der Berufsunfähigkeitsrente lange Zeit nach dem Antrag. – Und die heftigen Ängste, sie wieder zu verlieren, ob der Kollision.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ich bin dabei, weil dein Plan gut ist.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Nach meiner Einschätzung war es das:
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Und eine Dampferfahrt nach Potsdam Ende Mai.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Beteiligung, immer wieder.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
„Es hätte schlimmer kommen können!“ :)

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Keine Ahnung.

2016 war mit 1 Wort…?
Geerdetes Ankommen auf der einen Seite und umsichtige Vorbereitung auf den nächsten Schritt auf der anderen Seite.

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Sonntagsmäander mit Vorweihnachtsrant

Link

Sonntagsmäander mit Vorweihnachtsrant

Keine weihnachtliche Harmonie in Blogsdorf. Es ist 2016, ich hatte es fast vergessen.
Ein Tod, der mich still macht. Das, was ich zu diesem Menschen erzählen könnte, ist eine amüsant-groteske, zynische und scharfzüngige Geschichte, dafür ist es jetzt aber nicht an der Zeit.
Ich glaube, wir mochten uns nicht. Ich war nicht ansprechbar und verfügbar. Ich kannte die Tricks, solche Menschen hatte ich schon einmal zu oft getroffen.
Aber man muss nicht von allen gemocht werden und nicht alle mögen. Es reicht, sich sein zu lassen und sich zu respektieren, wenns heftig kommt, dann muss man sich halt aus dem Weg gehen.

Was mich zum nächsten Thema bringt. Was macht man mit Menschen, die man gern las, von denen man gern hörte, deren Meinung und Wissen man schätzte und die plötzlich anfangen, sich auf den sozialen Kanälen mit Gewichtsreduktion zu beschäftigen – inklusive Abnehmbuch-Fangirlhashtags, Kalorienzählen und Gewichtszielmarken nennen?
Drüber weglesen? Muten? Den Wegfall der anderen Themen bedauern? Was ich darüber denke, habe ich schon hier und hier aufgeschrieben.

Ich habe seit ich 19 war, in Branchen gearbeitet, wo es bei Frauen immer um das Aussehen ging und gutes Aussehen und Erfolg waren zu 90% konotiert mit einer schlanken Figur – die sich über die Jahre mit einem veränderten Schönheitsideal in Richtung hagere Leistungssportlerin bewegte.
Ich habe es hier nicht nur einmal geschrieben. Die Körper, die wir da sehen, sind Ergebnis eines Fulltimejobs (Kate Winslet ist ein gute Beispiel). Nur wenige haben die genetische Voraussetzung, daran nicht arbeiten zu müssen. Wenn Menschen, zu deren Jobanforderung „schlanker Körper“ gehört, nicht in einem Projekt sind, sehen sie aus wie wir, also leicht bis schwer angefettet. Sie geben nur diese Fotos nicht raus.
Die Promi-Abnehm-Erfolgsgeschichten, die ich aus der Nähe sehen durfte, obwohl sie auch in der Bl*d-Zeitung gehyptes Thema waren, waren im Hintergrund meist tragisch. Die junge zierliche Turnerin, die nie richtig essen durfte und mit 38 Kilo unter ärztlicher Beobachtung stand, aber soooo schön war, bis sie sich normal ernährte und hautzerfetzend „explodierte“. Drei Frauen, die sich aus dem Typ „lustige dralle Blonde“ rausgehungert hatten und nur noch bleich und angestrengt rumwankten und sich wunderten, dass sie nicht wesentlich mehr Jobs angeboten bekamen.
Die Moral von der Geschicht? Am Schluss waren sie entweder (wieder) dick oder todkrank. Keine ist auf der neuen Umlaufbahn geblieben.

Ich bin ja nicht vernagelt. Natürlich habe ich auch irgendwann das Buch gelesen, das die Geschichte einer erfolgreichen Gewichtsreduktion beschreibt und das in meiner Filterblase seit zwei Jahren herumgereicht wird. Meine Gedanken: Aha, klingt interessant, aber irgendwann am Ende nicht mehr gesund, sondern leicht manisch. Eine Sucht durch die andere ausgetauscht, das ist nicht meins.

Und wenn ich die Early Adopter höre, die beklagen, dass sie nicht immer die Motivation haben durchzuhalten und konsequent zu sein… Leute, führt ihr Krieg gegen euch selbst oder lebt ihr?
Die Freundin, die sich vor 12 Jahren das Versprechen gab, in Zukunft nie mehr als 60 Kilo zu wiegen und das in meinen Augen sehr entspannt und gut hinbekam (bis auf die Momente, wenn sie denn mal aß und in plakatives Genuß-Stöhnen ob des ersten Bissens ausbrach), steht trotzdem mit Mitte 50 kurz vorm Diabetes, hat seit Jahren schwere Bandscheibenprobleme und beziehungstechnisch ist es immer wieder kompliziert.
Aber sie hatte 12 Jahre die Überlegenheit, gesellschaftlich akzeptiert attraktiv zu sein, grenzte sich damit von ihrem Normalo-Umfeld ab und konnte problemlos billig Klamotten auf ebay kaufen, weil es ihre Größe massenhaft gab. Dafür ist Dünnsein durch reduzierte Nahrungsaufnahme scheinbar eine gute Lösung.

Ich denke immer noch darüber nach, was mich so stört am exhibitionistischen Abnehmen. Es ist kein Verrat an feministischen Idealen, wenn jemand sein Leben ändert. Handeln und Selbstermächtigung sind immer gut.
Aber: Das Prinzip Frau=öffentlicher Körper kommt plötzlich wieder hoch. Was ist der Unterschied zwischen den „das sind meine Beauty-Tipps und hier ist mein nächstes Selfie“-Hotbabes auf Instagram und ihren Herden von Groupies und der unter einem Hashtag versammelten Frauengruppe, die sich unter Aufdeckung intimer Daten gegenseitig anfeuert, einer gesellschaftlich akzeptierten Norm Ideal zu entsprechen?
Jetzt ernsthaft mal.

Sicher stört mich auch nicht der Fakt, dass jemand in eine andere Lebensphase kommt und was tun muss und will, um sich wohl zu fühlen und sich neu erfindet. Im Gegenteil. Ich finde es cool und habe einen Heidenrespekt, wenn jemand sich konsequent, vielleicht auch gegen Widerstand des Umfeldes, Gutes tut.
Ob das mit Abnehmen allein funktioniert, weiß ich nicht. Es ist oft die naheliegendste Lösung, „wenn ich erst mal dünn bin, dann…“. Dann sind Probleme noch lange nicht gelöst, auch wenn der Körper nicht mehr unter Überernährungs-Volllast läuft.
Oft ist der Panzer, den man sich anfrisst, auch Symptom einer Lebenssituation. Was heißt, ändert sich das Setting nicht, ist die Reduktion Ausnahmesituation und bald alles wieder beim Alten.
Es sei denn, das neue Setting ist Gewicht halten: 4-5 mal in der Woche Sport, immer reduziert essen, ständige Selbstkontrolle. Wers mag. Da habe ich lieber Sex.

Vielleicht nervt mich, dass es plötzlich in meiner Umgebung so laut ist. Instagram ist schnell, bunt und präsentabel, fix ein Foto rüberschieben, so wie es alle anderen machen, Herzchen abgreifen…
Es ist jetzt ja das Gute, das Erwünschte, das Verhalten mit dem man geliebt wird und dann auch noch Schwestern zu treffen… Fans eines Buches und einer Abnehm-Methode sind wie Benedict-Cumberbatch-Fans oder Katholikentagsteilnehmer. Ziemlich fokussiert und für die Außenwelt anstrengend.
Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie mich in Diäten der Hunger und der viele Sport geflasht haben. Alles hatte eine leichte Aura, ich war immer einen Tick zu laut, zwanghaft auf das Thema Gewicht und Ernährung fokussiert und dachte, ich habe nun endlich begriffen, wie es funktioniert. Bis ich mich wieder entspannte und zunahm.
4-5 Jojo-Effekte später mache ich so was lieber im stillen Kämmerlein mit mir selbst ab. Ich habe in den letzten 12 Monaten 7 Kilo abgenommen. Es wäre mir nicht großartig in den Sinn gekommen, den Weg dahin zu thematisieren. Es ist keine Leistung, wirklich nicht. Es ist Gleichgewicht und auf sich hören. Es ist für mich etwas Intimes.

Darüber hinaus: Als ich in die Nähnerd-Szene eintauchte, faszinierte mich die Mischung: Dass coole, kluge Frauen zum Thema Kleidung  über nachhaltige, technisch-ästhetische Dinge nachdachten, experimentierten und arbeiteten oder einfach nur Spaß mit buntem Stoff hatten. Es ging darum, den Körper gut zu kleiden, Stoffe und Schnitte so zu verändern, dass Kleidung stilistisch eigen, bequem und nicht mehr langweilig normiert war. Da hatte sich viel entwickelt an technischem Wissen und Gestaltungskraft, einer ganzen Untergrundbewegung von anwendbarer Gestaltung. Für jeden, nicht nur für einer Konfektions-Norm oder einem bestimmten Alter entsprechenden Frauen.
Einige Bücher sind erschienen, ein Schnittlabel war geboren, ein nächstes reift noch, wie ich hörte und ich bin sehr gespannt darauf.
Ich habe von all dem Wissen und Tun enorm profitiert und für mich ist das auch noch lange nicht durchgespielt, denn das Netzwerk von Frauen bietet mehr als Stricken und Nähen. Da ist viel Wissen, da sind Wohlwollen, Respekt und verschiedene Weltsichten. Dagegen ist ein Essensfoto mit den Abnehmkampagnenhashtags und der Info, dass das jetzt drölfzig Kalorien sind, ein stilistischer und inhaltlicher Rückfall in die Steinzeit bunter Frauenklatschpostillen.
Sorry, da hatte ich mehr erwartet. Können wir statt dessen mal wieder über was Interessantes und Fundiertes reden?

Naß, trübe und kühl – Ein Sonntagsmäander

Es ist wie immer, wenn es auf Weihnachten zugeht und man erwachsen ist. Die Zeit beginnt zu rasen. Das beißt sich gerade sehr mit meinem aktiven Bemühen, mein Leben noch weiter zu entschleunigen und Dinge nacheinander, mit Pausen, und nicht vermeintlich parallel zu erledigen. Aber es ist auch ein Test, ob und wie ich das hinkriege.
Auch wenn ich vernetzt denke und mein Kopf rasend schnelle Rösselsprünge macht, so kann ich nicht agieren. Ohne Struktur scheitere ich, weil Strukturlosigkeit mehr Kraft braucht, als Struktur zu schaffen.
Seit ich letztes Jahr krank aus dem Arbeitsversuch ausschied, ist mein Spielraum, so weiterzumachen wie bisher, noch geringer geworden.

Ich konzentriere mich auf die kleinen Dinge und bei den großen sage ich immer öfter: Heute nicht mehr oder lege Sachen unvollendet aus dem Händen und mache später weiter. Das wäre früher unmöglich gewesen. Der Output wird geringer und die Welt wird übersichtlicher. Das ist gut.

Das Programm zur Vereinfachung der Welt bringt auch mit sich, dass ich an vielen Diskursen das Interesse verliere. Das meint nicht mich, das ist nicht die Welt, in der ich leben will. Ich habe damit nichts zu tun. PAL – Probleme anderer Leute. Es macht keinen Sinn, dass ich da nun auch noch dran rum analysiere.
Ich weiß noch nicht, ob ich viel verliere, wenn ich das alles loslasse. Oder ob es mich ohnehin verloren hat. Es ist auch nicht so, dass es mich gar nicht mehr interessiert. Ich denke darüber nach, aber Lust, mich laut dazu äußern, habe ich immer weniger.

Ich weiß nicht, was das ist. Alt werden? Verspießern? Weisheit? Klarheit? Die süße Interesselosigkeit dessen, der sich ernsthaft ans Nirvana hinarbeitet? (Hahaha!)  Oder nur die Resignation eines Menschen, der viel erlebt und immer öfter den Gedanken, hat, dass das jetzt, zu diesem Moment, eigentlich reicht. Es muss jetzt nicht noch mehr kommen. (Es kommt sowieso.)
Dass das Gefühl, sich als Angelus Novus zu fühlen, rücklings in die Zukunft hineinrasend, die Trümmer der Geschichte wahrnehmend, einfach nur Selbstüberhebung ist. Das bin nicht ich, das ist nicht meins. Nicht mehr.
Den sächsischen König von 1918 zitierend: „Machd eiern Dreck doch alleene…“

Aber die einfachen Dinge.
Nina Petri ist froh, dass ihre Kinder einen anderen Berufsweg als sie einschlagen. Ich habe die Frau immer sehr sehr bewundert. Sie hatte es in dem Job nicht leicht, weil sie kein hübsches Mäuschen war und gerade das hat ihre Arbeit so sehenswert gemacht.
Heiner Müllers Auftrag am Gorki Theater. Es hat mich wenig so geprägt wie dieses Theaterstück. Überhaupt. Müller. Sein dichterisches Grand Guignol passt in diese Tage. Ich habe immer wieder Merteuil im Ohr, wie sie angstvoll von „denen da“ phantasiert, die zu ihrer Gesellschaft und ihrer Existenz gehören, ob sie es will oder nicht.

Die noch einfacheren und sehr schönen Dinge: Das Enkel hat mich durch des Kindes Bauch freundlich angebufft. Wir haben uns also schon miteinander bekannt gemacht.
Und wenn es nächste Woche hier weitergeht, wird es sicher auch wieder weniger trübe, sondern hat ein wenig Weihachtsstrahlen.