Eigentlich nicht

Edit: Die Diskussion über sexuelle Belästigung ihn Berufsleben und Alltag ist eine endlose Tapete, gemustert mit dem patricharchen Stereotyp „Damsel in Distress“ oder Deutsch „Jungfrau in Nöten“. Gemischt mit einer guten Portion Voyeurismus, nicht umsonst sagt man der modernen westlichen Welt Sexbesessenheit nach.

Man kann es nicht laut genug sagen: Es geht nicht um Sex. Sex ist ein Symptom, nicht die Ursache. Es geht um Macht und direkten Zugang zu Ressourcen, um das Messer und den Tortenheber, um das richtige Stück vom Kuchen abzubekommen.

Bei der Damsel in Distress-Diskussion zu bleiben, heißt, bei der Definition zu verharren, daß der größte Wert einer Frau ihre sexuelle Unversehrtheit ist und andere über den Wert bestimmen, während er Frau allerhöchstens die Ja/Nein-Entscheidung über ihre Unversehrtheit zugebilligt wird. Objekt mit Schlüssel. Aber kein freies Subjekt.

Edit Ende.

Vor ein paar Wochen dachte ich noch, och nö, bitte nicht schon wieder so ein Hashtagaktivismus, bei dem sich Frauen alles von der Seele brüllen und hinterher so weitermachen wie bisher, weil sie glauben, eskalieren und brüllen reicht schon für Veränderung. Nun weiß das jeder von Ehekrächen, rumbrüllen ist nur ein Ventil. Schweigend das eigene Verhalten zu ändern, um das Gegenüber in Bewegung zu bringen – womöglich um den Preis des beiderseitigen Verlustes von Teilen der Komfortzone – ist zielführender.

Überhaupt ist Veränderung nie einseitig. Wer vom Gegenüber Veränderung verlangt, stellt das gesamte Setting um und muss sich ebenfalls bewegen. Die eigene Rolle wird eine andere.

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie wenig Frauen in (West-)deutschland ernst genommen werden und wie rigide die konservativen Mann-Frau-Machtstrukturen sind, die Belästigungen und Übergriffe erst entstehen lassen*. Betrachte ich, wie gelernt und kommod das Leben in diesen Machtstrukturen für Frauen sein kann und wie anstrengend das Leben „draußen“, verstehe ich die Zählebigkeit der Strukturen.

*Machen wir uns nichts vor. Es geht in den seltensten Fällen um Sex. Kein Mann, der eine Frau blöd angeht, rechnet damit, dass sie sich ihm beeindruckt hingibt. Die Botschaften sind „weil ich es kann, Mäuschen und du nicht“ oder „eine Frau wie dich bekomme ich nie im Leben, dann zeige ich dir wenigstens, dass du noch weniger wert bist als ich“ (tbc).

Irgendwann schrieb ich, darüber befragt, wie das denn war im Osten mit dem Liebesleben, „es war wild“. Aber der wesentliche Unterschied war, dass Frauen keine sexuellen Objekte waren. (Zumindest nicht in meiner Generation.) Die Frauen waren wirtschaftlich selbständig, verdienten so viel und manchmal auch mehr als die Männer. Also gab es keine Verknüpfung zwischen Beziehung, Sex und Versorgung. Eine „alleinstehende“ Frau wurde nicht in erster Linie an ihrer F*ckbarkeit/Attraktivität/Erreichbarkeit bewertet (dieser schmale Grat, die Ambivalenz: Heiße Braut oder Schlampe?).
Es war kein Riesenereignis, wenn eine Frau im Chefsessel saß. Wenn ideologisch und fachlich alles ok. war, ging das fix.

Allerdings war es nicht so, dass die Männer darüber erfreut waren. Im Krankenhaus meines Heimatkaffs ließ sich eine Chirurgin die Gebärmutter entfernen, damit sie stundenlange OPs durchhielt. Um dem satten Chefarztgrinsen, Frauen müssten doch ständig aufs Klo, etwas entgegenzusetzen.
Meine Mutter erhielt jahrelang obszöne Anrufe. Ich bin mir sehr sicher, dass der Anrufer einer ihrer Untergebenen war, eine dummes, rotzfreches Arschloch, den die Stasi ihr hingesetzt hatte.
Ich hörte vom Kindsvater mehr als einmal „aber du bist doch nur ein Mädchen“(scherzhaft vorgetragen, mit bitterernstem Kern), wenn ich Zukunftspläne schmiedete.
Auf dem Dorf waren die jungen Agronomieaspirantinnen „det Fleesch“ und trotzdem war die nächste Generation, die die alten Säcke in der Chefetage demnächst ablösen würde, weiblich.

Die Hoffnung, Dinge nur laut genug anzuprangern, damit die Schuldigen einsichtig ihr Verhalten ändern, ist relativ gering. Die Schicht an dumpfem Alltagssexismus war in der wesentlich gleichgestellteren Gesellschaft der DDR ebenfalls da. Die Frauen waren nur weniger kränkbar und stabiler. Es war nicht ihr Kernwert, ein schützenswertes sexuelles Objekt zu sein. Sie fühlten sich nicht sofort als Opfer, wenn ein Idiot sich daneben benahm und konnten sich bei Übergriffen ziemlich gut wehren.

(Mir fehlte es oft sehr, als Frau nur durch Frau sein Dinge bewirken zu können. Schutz und Aufmerksamkeit zu bekommen, geborgen zu sein. Das weibliche Spiel von Attraktivität, Anziehung und Verweigerung zu spielen.
Anderseits wußte ich, dass die Welt, in der sich die Frauen-Frauen bewegten, klein und beschränkt war. Bürgerliche Freiheiten, Werte und Wohlstand gab es in dieser proletarisierten Gesellschaft kaum noch. Meine Großmutter war die erste und letzte der Familie, die ein großes Haus führte. Sonst hatte kaum jemand die Ressourcen dafür.
Und: Das, was Männer machten, war viel interessanter. Sie gingen in die Welt, erlebten Abenteuer, machten Erfindungen, schufen große Dinge. Und diese Männerwelt stand im Sozialismus den Frauen offen. Warum sollte ich in einer kleinen Welt hocken bleiben und Mangel verwalten?
Trotzdem wußte ich, dass der Preis hoch war. Frauen arbeiteten doppelt und dreifach. Für den Job, den Haushalt und die Familie. Das war extrem hart.)

Mir fällt noch etwas dazu ein. Wenn die viktorianische Epoche das Sexuelle rigide verdrängte, dann war es, weil in den Städten die Spielregeln des Dorfes nicht mehr funktionierten. Im Dorf kannte jeder jeden und wußte man, wer welchen Stand hatte oder aus welcher Familie kam. Welche Konsequenzen der Kontakt zwischen den Geschlechtern hatte. Welche Paarbeziehungen existierten oder angebahnt wurden und welche Frauen niemand und damit allen gehörten.
In der modernen Welt ist Geld- und Einflussakkumulation kein dynastisches Spiel mehr. Frauen sind als Instrument, Pfand und Verhandlungsmasse für Machterhalt nicht mehr nötig. Sie müssen nicht mehr als Gebärerinnen von Söhnen, den Kraftmaschinen der Familie, herhalten. Zugang zu Wohlstand nicht mehr von Körperkraft und Aggressivität bestimmt, sondern von Bildung.
Bildungsressourcen können nicht mehr verschwendet werden, weil immer weniger geeignete Menschen für die übriggebliebenen teilweise hoch anspruchsvollen Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Es macht keinen Sinn mehr, Frauen teuer zu bilden und sie dann in niedrigschwelliger Familienarbeit einzusetzen.
Also begegnen sich Frauen und Männer in der Arbeitswelt neu. Sie müssen nun auf Augenhöhe zusammen arbeiten und konkurrieren miteinander. Dafür braucht es neue Spielregeln.

Insert: Die sexuelle Revolution hat Sex und Zeugung und Sex und dauerhafte exklusive Paarbeziehungen entkoppelt. Trotzdem haben sich in Deutschland die Hausfrauenehe und der Mann als Familienernährer lange gehalten. Ergebnis ist die sonderbare Gemengelage von hochgradig sexualisierter Atmosphäre (Männer sehen in einer Allmachtsphantasie Frauen als Ansammlung von für sie immer verfügbaren T*tten und Ä*schen) und drögem, aber empfindsamem Biedermeier (Frauen haben das Bedürfnis nach übersichtlicher, kleiner Welt, solange der Lebensstandard stimmt).

In veränderten Bedingungen, wo Bildung, aber nicht Geschlecht über den Zugang zu bezahlter Beschäftigung entscheidet, knallt es immer dann, wenn die mit der Allmachts- und die mit der Empfindsamkeitsphantasie gegeneinander laufen.
Da werden sich eine Menge Allmachtsgefühle verabschieden müssen und es müssen dicke Felle über zarte Haut wachsen es muss der Wille (Druck/Lust, was auch immer) vorhanden sein, sich zu beteiligen, Verantwortung zu übernehmen, zu scheitern, Gegenwind zu bekommen.
Das Ziel ist Respekt voreinander, Allianzen schmieden.

***

Über das, was in der Entertainmentbranche abgeht, könnte ich lange Artikel schreiben. Das mache ich nicht, weil ich keine Namen nennen möchte. Es ist ein Fleischmarkt mit viel Angebot und Nachfrage. Es sind eine Menge narzisstische schwarze Löcher, wunderhübsche Supernovae und Borderliner-Pulsare in diesem Universum unterwegs.
Aus meiner Sicht: Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich kapiert hatte, dass die Avancen, die junge attraktive Schauspieler mir machten, wenig mit mir zu tun hatten, sondern mit dem, zu dem ich Zugang verschaffen konnte. Ich für mein Teil wollte nie erpressbar sein und war nicht ansprechbar. Macht über andere hatte ich genug und Sex mit im Job Abhängigen machte mich nicht an.
Ich hörte da aber mal eine Geschichte über eine Kollegin, die im normalen Leben längst Rentnerin gewesen wäre. Sagen wir mal so, in heutigen Zeiten wäre das eine himmelschreiende sexuelle Belästigung gewesen. Einen ganzen Nachmittag lang, ohne viel Aussicht auf Flucht für den Mann. Er hätte sich wehren können, hätte gehen können und hat sich nach Stunden irgendwie charmant lächelnd aus der Affäre gezogen. Er wollte nicht allzu viel Porzellan zerschlagen, schließlich besorgte sie ihm die Jobs und hatte exzellente Verbindungen. Aber das ist schon länger her und die alte Dame ist nun schon einige Jahre tot.

Edit: Nicht gut? Wir waren uns doch immer einig, daß die Männer die Schweine sind. Die Geschichte ist mit Absicht gewählt und kein Einzelfall. Denn es geht um Macht und um Zugang zu Ressourcen. Es geht nur am Rande um Sex.

WMDEDGT November 2017

Frau Brüllen fragt, was wir heute den ganzen Tag gemacht haben und ich hatte heute einen richtig netten Sonntag.

Ich stand um 8:30 Uhr auf und ging für eine Stunde in die Badewanne.
Als es um halb 10 zum Kirchgang läutete, machte ich mir Joghurt mit Banane und Ananas und trank einen halben Eimer Kaffee dazu. Ich hatte schlecht geschlafen, obwohl ich vom Vollmond in keiner Weise beeinflusst werde.

Um 11 Uhr machte ich mit dem Grafen zusammen einen Rundumschlag durch das Gästezimmer und das Bad: Betten beziehen, Staub wischen, durchfeudeln.
Seit wir Kisten packen, um Teile unserer Existenz nach Norden zu verlegen, haben wir des öfteren Kurzzeitmitbewohner in einem unserer Zimmer.
(Aber es bleibt spannend. Nach der Ansage, 30. September, nein doch nicht, 31. Oktober, gibt es nun die Information, dass vielleicht nach dem 30. November das kleine Nebenhaus für uns frei wird.)

Dann setzte ich mich gegen 12 Uhr an den Nähtisch. Es gibt jetzt eine schicke Lupenleuchte, da trenne ich doch noch mal so gern auf. Ich musste den Versuch von gestern Abend, einen nahtverdeckten Reißverschluss einzunähen und gleichzeitig den Karorapport nicht zu verschieben, noch mal wiederholen. Es wird ein Glockenrock mit Schottenkaro, wenn ich das mit dem Reißverschluss denn mal hinbekomme.

Um 13 Uhr kamen unsere Gäste an. Zwei chinesische Studentinnen. Wir rannten erstmal frontal in höflich kommunizierte unterschiedliche kulturelle Erwartungshaltungen. Die jungen Frauen wollten am nächsten Morgen zum Frühstück kochen und fragten nach Töpfen, Pfannen und Gewürzen – obwohl sie weniger als 24 Stunden bei uns sein würden. Das war dann auch das erste Mal für uns. Sonst sieht man von den Leuten nichts, sie sind den ganzen Tag unterwegs und machen sich höchstens einen Kaffee oder stellen ein Doggy Bag von letzten Restaurantbesuch in den Kühlschrank.
Aber ok. Ich glaube, die Welt des Gastgebens sieht in Asien anders aus. Vielleicht wundern sie sich über unsere komische Distanziertheit und dass kein Essen auf dem Herd kocht. Während unsere Botschaft ist: Fühl dich frei, mach dein Ding und störe unsere Kreise nicht.

Eine halbe Stunde später packte ich eine angestrickte Babyhose in meine Tasche und fuhr zu Kind und Schwiegersohn nach Pankow. Das mittlerweile schon fast 7 Monate alte Enkelmädchen war beim Essen. Was in dieser Phase heißt, dass der Kartoffel-Broccoli-Brei auf Gesicht und Armen klebt und sich in die Haare vorarbeitet und es neben einem wasserdichten Lätzchen noch eine Windel um den Hals gibt, in die das Essen gut eingearbeitet wird. Aber es schmeckt ihr und sie nagt ebenso begeistert an Apfelstückchen.
Der Schwiegersohn putzte das Mausebärchen sauber und ich schnallte sie mir warm angezogen vor den Bauch. Ich lief mit ihr in Richtung Schloßpark Niederschönhausen. Zuerst wippte sie noch begeistert in ihrer Trage (Omas Bauch ist scheinbar wie ein Wasserbett), aber nach ein paar Minuten schlief sie. Ab und zu spannte ich den Schirm auf, weil es leicht regnete. Ich schaute mir den Majakowskiring an, da, wo bis in die 60er die DDR-Regierung wohnte. Vor langen langen Jahren war ich in einem dieser Häuser, das damals Gästehaus war, auf einer Party. Aber Pankow war nie richtig meine Go Area, ich erinnerte mich erst allmählich daran, dass das hier gewesen sein muss.
Die Freunde, denen ich kurz Hallo sagen wollte, waren leider nicht da und so fuhren wir zwei Stationen mit der Straßenbahn zurück und liefen den Rest der Strecke. Das kleine Mädchen war längst wach und amüsierte sich königlich darüber, wenn ich mit ihr wie ein Pferd durch die Gegend galoppierte.
Um 16 Uhr war ich zurück und wurde gebeten, noch zu bleiben, weil die beiden Eltern beim Möbel rücken waren. Ich spielte noch ein bisschen mit der Kleinen – in Holzkugeln beißen, durch die Gegend robben, Mamas Tasche anlutschen, ich fing sie immer wieder ein, wenn es in Baustellennähe ging. (Sie robbt mittlerweile nicht mehr nur Mama hinterher, sondern erkundet von sich aus die ganze Wohnung.)
Da mein Telefon extrem interessant war, versuchte sie sich zum Sofa hochzuziehen, um es zu erhaschen. Da geht es wohl bald mit Stehen weiter.

Kurz vor 18 Uhr brach ich auf und fuhr nach Hause. Der Graf war inzwischen von einem ausgedehnten Flohmarkttrip zurück.
Wir grillten uns Hamburger und als Dessert gab es Crème brûlée. Für den Grafen gab es dann als Charlotte-Lindholm-Fanboy den Tatort.

Die zwei Mädels sind seit zwei Stunden wieder da. In der ersten Stunde haben sie Tee gekocht. bzw. heißes Wasser. Meine Grüntee fanden sie komisch. Die Gutschlafen-Teemischung von Primavera haben sie nicht angerührt. Jetzt duschen sie seit einer Stunde.

Es ist 22 Uhr, ich stricke jetzt noch etwas an der Babyhose weiter, mit einem Hörbuch auf den Ohren und werde gegen Mitternacht ins Bett verschwinden.

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Herbstsonntag

Am Montag eine Badewanne aus den 40er Jahren aus einer Gentrifizierungswohnung geholt. Diese Badewanne am Donnerstag aufs Dorf gebracht und beim Transport in die Scheune prompt von den Ortsansässigen belächelt worden. Wer nimmt so alten Schrott, wenns super Acrylwannen im Baumarkt gibt?

Am Samstag unbändig geärgert. Über einen Menschen, der auf Twitter zuerst von sich gab, er wäre unerträglich gelaunt, weil er wegen seines Babies nicht genug Schlaf bekäme. Der danach auf üble, herablassende Art und Weise eine Kollegin, die Opfer eines Verbrechens geworden war, maßregelte, weil sich nach seinem Ermessen nicht politisch korrekt genug ausgedrückt hatte. Die Frau zog sich daraufhin tief verletzt unter Löschung der Tweets der letzten anderthalb Jahre zurück. Er löschte ein paar Stunden später seine Statements. Victim blaming zur Verbesserung der Laune. War was?

Sonntagsmäander in kurzem Scheinsommer

Mittlerweile stricke ich seit 6 Wochen an einem Paar Socken. Die haben zwar ein Muster, aber das kann ich schon auswendig und auftrennen musste ich auch, weil Sock Nummer 2 enger war als Sock Nummer 1, das ist schon ein Zeichen, dass rundherum extrem viel los ist.

Der beste Zahnarzt der Welt hat einen Zahn repariert und nun kaue ich wieder freiwillig auf dieser Seite des Kiefers. Es ist schon bemerkenswert, was man so alles verdrängen kann. Ich ging hin mit „irgendwas ist da“. Es war nicht nur irgendwas und ich kann froh sein, dass es mir nicht mehr in einem halben Jahr weit weg vom Zahnarzt um die Ohren fliegen kann.

Dann warten Nähpläne mit anklagendem Blick auf den Beginn. Ein warmer Morgenmantel, eine Fleecejacke für den Grafen und (aber das ist schon Zugabe) eine Weste zum Tweedrock aus dem letzten Jahr. Auch die Strickmaschine klappert ungeduldig mit den Nadeln. Ein schlichter schwarzer Pullover, bei dessen Handfertigung ich mich zu Tode langweilen und eine bunt gemusterte Jacke in diesem Stil, die mich wiederum mit Zählen und auf die Spannfäden achten in den Wahnsinn treiben würde, stehen auf der Liste.
Letzte Woche habe ich sogar Konfektion gekauft. Ich probierte mich in einem Laden, der meine Größe führt, weil die Zielgruppe generell nicht dünn und durchtrainiert sondern normal bis moppelig ist, durch das Jeanssortiment und erstand drei Stück davon zum Preis, die mich vor 10 Jahren eine halbe mit irgendeinem coolen Etikett gekostet hätte. Ob das jetzt so gut ist, wenn ich an die Produktionsbedingungen denke (die für billige und teure Klamotten leider erschreckend gleich sind), aber ich mag im Moment nicht noch an einem Hosenschnitt arbeiten.
Die Zeichen der Zeit stehen auf einen robusteren Look. Wasserfeste Schuhe, Röcke und Hosen, die nicht gleich im Dreck schleifen, warme Jacken, in denen einem der Wind entgegenblasen kann.

Menschen aus dem Internet bedenken uns mit Umzugskartons. Einer sogar mit ladenneuen, die eine Firma ihm und diversen Freunden als Dank für einen Vertragsabschluß offerierte.

Am Freitag fuhren wir kurz entschlossen zu einer Tagung zum Thema alte Häuser und Gärten in McPomm und was wir mit zurück nahmen war nicht immer neu, aber interessant:
Je mehr du dich um Subventionen bemühst, desto mehr bürokratische Institutionen dürfen mitreden. Das geht bis zu der Frage, inwieweit ein im Zugang wehrhaft und abweisend gestalteter Renaissancebau behindertengerecht sein kann. (Mit dem Etat der Elbphilharmonie lassen sich überall Fahrstühle einbauen, keine Frage. Aber der lässt sich bei solchen Projekten nicht voraussetzen.)
Oder ob, obwohl es seit 600 Jahren da steht, da überhaupt noch ein großes Haus stehen darf, weil der Park hinterm Haus in einen Wald zugewuchert ist und es Abstände zwischen Wald und Haus als ehernes neues Gesetz zu beachten gilt. (Und nein, einfach roden geht nicht, die Besitzerin weigert sich. Der Wald aka Park gehört nämlich durch eine politische Volte nicht mehr zum Haus.)
Wie man Subventionen, die oft nicht einmal abgerufen werden, erschließen kann. Für ein fast zusammenstürzendes Baudenkmal von hoher regionaler Bedeutung gibt es keine Kohle. Findet man aber heraus, dass es im Umkreis von 40 km kein öffentliches Klo für Touristen gibt, ist einiges an Geld da. Man muss sich nur zu helfen wissen. (Eine Karte, die wir leider nicht mehr ziehen können, denn in unserem Örtchen wurde im Sommer ein öffentliches Kompostklo errichtet.)
Eine Kabarettnummer für sich ist die Sache mit dem Energieausweis. Im Gesetz steht eindeutig, dass denkmalgeschützte Gebäude keinen brauchen. Was aber, stellt man einen Antrag, für dessen Genehmigung ein Energieausweis als unabdingbar gilt? Dann kann man nur hoffen, einen Landkreis erwischt zu haben, der diesen Widerspruch als gegeben hinnimmt und nicht sofort im Verfahren stehenbleibt und wartet, bis das von höherer Stelle entschieden ist. Nicht vergessen: Andere bereits beantragte Mittel laufen irgendwann ab und verfallen. So kann es passieren, dass 4 Millionen, für deren schrittweise Einwerbung über 10 Jahre vergingen, innerhalb eines reichlichen Jahres verbaut werden müssen.
Dass es dann in einem Landstrich, in dem viele Leute keine und noch mehr Leute keine so gut dotierte Arbeit/Rente haben und Kapitalvermögen ein Fremdwort ist, Menschen gibt, die fragen, warum dafür Geld da ist, aber für (hier dringendes Versorgungsbedürfnis einsetzen) nicht, das hat man umsonst. Und dass die, die das Geld verteilen und erhalten, dann auch noch von woanders kommen, es einfach geschmeidiger können und man als Eingeborener halt so rumsitzt in seinem Reservat und säuft, weil man glaubt, dass man das nie hinkriegt, da mitzuspielen – plus die daraus resultierenden Mikroverwerfungen und -aggressionen, das hat man auch umsonst.

Energieausweis. Dämmen. Auch ein Kapitel für sich. Unsere Nachfahren werden über diese Ära mal sagen, dass die Deutschen einst alle sehr alt wurden und aus Angst, im Alter zu frieren und die Heizung nicht mehr bezahlen zu können, für viel Geld ihre Häuser warm einpackten, die Zugluft erfolgreich bekämpften, mit abenteuerlichen Heizungen experimentierten, die irgendwie Grundwärme schufen, damit nix einfriert. Da sitzen sie dann in ihren lauwarmen Investitionspaketen und es breitet sich Feuchtigkeit, Schimmel und Holzfäule aus wie Alteleutegeruch.
Ich habe in der DDR schon in ziemlichen Bruchbuden gelebt. Dichte Fenster und funktionierende Heizungen sind ein Segen. Aber bevor ich für viel Geld den Schwamm einlade, es sich hinter einer Dämmung gemütlich zu machen, dämme ich mich lieber selbst, ziehe mir Filzschuhe und einen dicken Pullover an und fluche über die verdammte Kälte.

Mir wird immer bewusster, mit der Phase, die jetzt beginnt, werde ich unweigerlich die Nachwendezeit aufarbeiten müssen, der ich in den 90ern mit dem Umzug nach Westberlin und der Beziehung zu einem in München aufgewachsenen Mann entflohen bin.
Was habe ich über „Jammerossis“ die Augen verdreht, verlangt, dass man halt den A… bewege und sich der neuen Zeit stelle.
Als ich am Freitag die Schilderung eines in den 90ern in den Nordosten Zugezogenen hörte, der dort mit seiner Familie ein großes Projekt begann, bekam ich einen dicken Hals vor Wut. Dass man die in der Gegend zahlreichen Säufer sofort feuerte, wenn man sie mit der Flasche während der Arbeit erwischte, das mag ja noch – irgendwie – angehen. Die hatten halt keine Ahnung von Arbeitsgesetzgebung, ihr Pech. Aber der Satz „Zuerst haben wir denen ausgetrieben, sich morgens die Hand zu geben, das tut man im Rheinland nicht.“ zeigt die Situation von nicht nur wirtschaftlichem sondern auch kulturellem Machtgefälle, verbunden mit tiefen Demütigungen, deutlich. Das klingt, wie wenn Opa aus der Kolonialzeit erzählt, als man „den Negern auch erst mal beibringen musste, sich eine Hose anzuziehen“.
Vorpommern war in den 80ern wirtschaftlich und sozial der Arsch der DDR. Irgendwer war da immer Verschiebemasse. Erst waren sie Büdner und Mägde und Knechte. Dann durften sie Bauern auf eigenem Land sein und kurze Zeit später kam schon wieder die Kollektivierung. Da machte jeder seins und wenn es unvermeidbar war, das, was einem vorgeschrieben wurde. Das war keine gute Basis für eine neue Zeit und eine neue Herrschaft. Es ist wie mit dem, was Opa aus der Kolonialzeit erzählte und den Folgen. Man kann sich auch in Hosen mit Macheten in Stücke hacken. In Vorpommern gab man sich nun zwar nicht mehr die Hand, trat dafür Leute, die genauso am A… waren, tot und schrie „Sieg Heil!“
(Ich schramme an der Oberfläche von Geschichten, mehr nicht.)

Es gibt ein Buch von Marten t’Haart „Der Psalmenstreit“ [Affiliate-Link], das nur auf der oberen Folie ein historischer Roman ist. Es geht um gesellschaftliche Konvention, um den schmalen Grat zwischen Übersättigung und Angst vor dem Verlust von Wohlstand und um privilegierte Menschen mit offenem Geist, denen wütende Zukurzgekommene die Hölle heiß machen. Lesen Sie es. Denn alles hängt mit allem zusammen. Es gibt keine einfache Wahrheit und noch weniger gibt es Gut und Böse in Reinform.
Das macht es so schwer, zu begreifen, was auch im Moment in der Welt abläuft. Gemessen an meinen moralischen Maßstäben und aus meiner lokalen Perspektive habe ich eine Meinung dazu, auch wenn sie hier und da nicht unbedingt Mainstream ist.
Aber wenn aus alten Schneebrettern und Frühlingswärme eine Lawine wird, nutzt es auch nichts, der zu sagen, dass man diese zutiefst verachtet. Schon weil man sich massiv selbst überschätzt in dem Empfinden, für diese Lawine irgendwie verantwortlich zu sein. Sie ist da. Sie ist Ergebnis von Zusammenwirken so vieler kleiner Elemente, daß sie nicht beeinflußbar ist. Wirklich? Sind wir Menschen nicht das Größte? Das Herrschaftstier?
Ich merke, wie ich in die Empfindung des existenziellen Geworfenseins kippe.
Sehen wir es mal so. Menschen denken und handeln in großen Gruppen nicht immer gleich. In einer anderen Gemengelage als am 9. November 1989 hätte der Satz „Das gilt meiner Meinung nach sofort, unverzüglich!“ nur anderntags lange Schlangen an den ostdeutschen Meldeämtern ausgelöst, und keine schreienden Menschenmassen an Grenzübergängen. Aus der Sicht von Recht, Ordnung und moralischen Werten ihrer Heimat waren die vielen lauten Grenzüberschreiter (im wahrsten Sinne des Wortes) Verbrecher. Es ist also alles nicht so einfach.
Was man dazu auch lesen könnte: Georg Diez, schon weil er sich auf den von mir sehr verehrten James Baldwin beruft.

Weiter im Text. Der Freitag hatte eine hohe Tweedjackettdichte, wir merkten, dass wir in der Gemeinschaft noch zu den Jungen gehören. Und wir wurden bereits erkannt und sind bei einigen als Nachbarn einsortiert. Die alten Häuser sind ja oft nur ein paar Kilometer auseinander.
Überhaupt. Mit einer Besiedelungsdichte von 70 Leuten pro Quadratkilometer steht man dann auch ganz fix als „die Neuen“ mit einem Satz, der vor Monaten so nebenher gesagt wurde, in der Regionalzeitung.

So isses in diesem Lebensroman.