Gangbangs unter Enten

Jetzt wird es romantisch und sentimental.
Ich wollte aus dem Käsekästchen raus, wo wir in Ermangelung einer Couchzu dritt im Bett vor dem Fernseher saßen und unser sonntagabendliches Kartoffelgratin aßen. Die Berliner Wohnungskrise war 1996 noch nicht absehbar, allein in Potsdam gab es den einen oder anderen Leerstand. Den wir pflichtschuldigst besichtigten und uns dann gegen eine Residenz vor den Toren Berlins entschieden, Marmorbad hin oder her.
Am liebsten wäre mir eine der großen Altbauwohnungen am Schöneberger oder Wilmersdorfer Stadtpark gewesen. Aber die gingen zu dieser Zeit nur mit horrenden Abstandszahlungen über den Tisch.
Und so begann ich am Stadtrand zu suchen, auch mit dem Gedanken, daß es nicht schlecht wäre, wenn das Kind die Straße auch mal ohne Geleitschutz eines Elternteils betreten könnte.
Und dann fand ich Teilgewerbe auf Gewerbehof, Wasserlage, 150 qm.
Als ich anrief, versuchte die Verwalterin, mir die Sache auszureden. Das wäre ein verkommener Hof, viel zu weit draußen, warum ich denn von Schöneberg weg wolle, etc. pp.
Von der Straße liefen wir 250 Meter in einen Fabrikhof, ca. Mitte 19. Jhd., eine große Backsteinruine stand dort, aber die alten Ställe und Remisen waren ausgebaut. Zehn Meter vom Fluß entfernt war dann eine kleine, zweistöckige Villa. Das zweite Stockwerk sollte für die nächsten sechs Jahre unser Zuhause werden.
Meine Oma schüttelte den Kopf. Sie hatte zwei Jahre auf einem Wassergrundstück gelebt und meinte, das Wasser wäre irgendwann langweilig und der Dreck von Schwänen und Enten, die Wasserratten und der ständige Schiffsverkehr würden nerven.
Nichts von dem war der Fall. Das Haus am Fluß lag zwar am A… der Welt, aber der Blick nach draußen entschädigte für jede einstündige Fahr nach Charlottenburg (mittlerweile geht es über die neugebaute Stadtautobahn wesentlich schneller). Schien die Sonne auf das Wasser, tanzten Lichtkringel an der Decke. So bin ich morgens aufgewacht. Der Vollmond machte den Fluß zu geschmolzenem Silber. Im Herbst waren die Kastanienbätter vor dem Schlafzimmerfenster zwei Wochen lang goldgelb und wenn sie abfielen, gaben sie einen Panorama-Blick zwei Kilometer flußaufwärts frei, in dem sich an Wintermorgen auf dem Eis die Sonne spiegelte. Winters weckte mich um 6 Uhr der Eisbrecher, im Sommer kam die Ruderolympiaauswahl vorbei. Der Männer-Achter, verfolgt vom brüllenden Trainer, war schneller als der Wind.
Unsere Grillpartys dauerten bis tief in die Nacht. Wenn es windstill war, stellten wir manchmal die glühende Holzkohle auf den Steg, setzten uns daneben und schauten in die Sterne.
Morgens joggte ich eine halbe Stunde durch den Wald und im Sommer schwamm ich. Es kam ein Kajak dazu, mit dem ich viel unterwegs war.
Ich hätte nie gedacht, daß die Natur in einer Industriegegend so überwältigend sein konnte. Schließlich waren wir umlagert von Werften, Yachtclubs und Bootsheimen. Den Tieren war das egal.
Morgens, in der Dämmerung stand ein Graureiher auf dem Steg. Im Winter knackten die Krähen am Ufer Muscheln und wenn es ganz kalt war, kamen Bisamratten flußabwärts. Wenn die Schwäne Junge hatten, gab es manchmal Gartenverbot, weil sich eine Familie mit ihren drei Jungen zu gern unter dem großen Weidenbaum ausruhte. Schwaneneltern können übel aggressiv werden. Und ganz junge Schwanenkinder, die noch Flaum haben, sind wirklich unglaublich häßlich.
Wir merkten immer daß es Frühling wurde, wenn die Enten anfingen zu … vögeln. Entensex ist brutal. Wenn Weibchenmangel herrscht, kommt es zu Gangbangs. Eine Ente, die besprungen wird, wird gleichzeitig unter Wasser gedrückt. Nach drei oder vier Mal findet die Entendame das dann garnicht mehr geil, sondern haut ab, wenn ihr ihr Leben lieb ist.
Es gab wenig, was in dieser Gegend genervt hat. Im Sommer wurden in den Bootsheimen Partys gefeiert, wenn dann Livebands spielten, war das schon Horror. Die schafften es immer wieder, die totgespielten Popsongs der letzten 30 Jahre ein paar Töne daneben zu spielen. Außerdem verwandelte sich der Fluß, sobald es wärmer war, in eine stark befahrene Straße. Um auf die Berliner Außenseen zu kommen, mußte man bei uns vorbei. Segler, Paddler, Motorboote, Schubkähne.
Das Kind fühlte sich bis zum Ende der Pubertät sehr wohl. Die disziplin- und leistungsorientierte Ostschule mit ihren kompetenten und engagierten Lehrern bekam ihr besser als die „wenn du magst, kannst du ja ein bißchen mitlernen“-Philosophie in Schöneberg (Lesen, Schreiben und Rechnen durften wir ihr in den Ferien beibringen.). Das mag sicher Widerspruch erregen. Aber exemplarisch war, daß die Klassenlehrerin den Lebenskundeunterricht dazu verwendete, den Kindern ein bißchen Elektrotechnik beizubringen, damit sie wenigstens wissen, wie eine Taschenlampe funktioniert.
Das soziale Umfeld war zwiespältig. Obwohl ich mit den Leuten (sehr viele wohlhabende Rentner und Wendeverlierer aus Führungspositionen), die um uns herum wohnten, nicht viel zu tun hatte, rastete ich ein wie ein Legostein. Hier im Osten waren meine Wurzeln, hier wurde jede Geste, jedes Wort verstanden. Selbst mit meiner kleinen Klitsche war ich hier wohlhabend. Denn ich hatte Arbeit und kein Problem damit, mich auch „drüben“ zurecht zu finden. Mitte der 90er war das durchaus noch ein Thema. Ich glaube aber, daß mittlerweile tatsächlich ein starker Vermischungsprozeß stattgefunden hat.

Kleine Anekdote am Rande:
Der junge Banker kam zum ersten Mal mit zu Omas Geburtstag. Am Tisch saß verflossene DDR-Nomenklatura, mittlerweile hochbetagt. Eine der Damen eröffnete das Gespräch mit: Und sie sind also von drüben, junger Mann! und der junge Mann schloß es sofort wieder mit den Worten: Nee, sie sind doch von drüben!

Meine sozialen Kontakte waren fast Null. Was mich nicht störte, ich bin ohnehin nicht so umtriebig. Und mit den frustrierten, jammernden Menschen konnte ich so gut wie nichts teilen.
Natürlich war es hart. Und ich hatte Glück gehabt. Eine der Schulfreundinnen des Kinds war Halbwaise. Ihr Vater hatte Arbeit gefunden. Um nicht zum Arbeitsantritt zu fehlen, ging er mit einer schweren Grippe auf den Bau. Eine Woche später starb er an einer Herzmuskelentzündung. Die Mutter hat das nicht verwunden und fing an zu trinken.
Als meine Tochter auf ein wertkonservatives Privatgymnasium wechselte, wechselte auch ihr Umgang radikal. Die Kinder ostdeutscher Unternehmer gingen auf diese Schule. Leute, die sich wie die Schneekönige über ihren Erfolg und ihren Wohlstand freuten und das auch zeigten. Nicht immer mit erlesenem Geschmack. Ihr Lehrer sorgte dafür, daß aus ihnen keine elitären Schnösel wurden, sondern streitfreudige Menschen mit sozialer Kompetenz.
Nun bleibt zu fragen, warum ich nicht im Haus am Wasser geblieben bin. Ich habe zwei Jahre gewußt, daß eine Veränderung nötig ist und konnte mich nicht losreißen. Die Firma war einfach zu weit draußen, jeder Publikumsverkehr war kompliziert. Ich hätte mich gern dafür entschieden, dort nur noch zu wohnen und ein Büro in der Stadt zu betreiben. Doch dafür war die Wohnung zu teuer, es war die Zeit, in der der neue Markt in den Keller rauschte und die überhitzte Medienbranche kollabierte. Selbst wenn ich es mir damals hätte leisten können, hätte es letztlich bedeutet, täglich zwei Stunden auf der Straße zu verbringen und den Freizeitwert der Gegend dort draußen nur noch am Wochenende zu haben. Auch das Kind war mittlerweile in dem Alter, wo ihr etwas städtisches Ambiente gut tat. Mir war lieber, daß sie, wie andere, einen längeren Schulweg hatte, als sich nachts auf dem Nachhauseweg von einer Party mit einem Fahranfänger und dessen Auto um einen Laternenpfahl zu wickeln.
Außerdem war alles anders. Ich hatte mich getrennt. Leichtfertig, wie ich jetzt mit dem Abstand von acht Jahren sage. Diese Phase von Langeweile und Überdruß erlebt jede Beziehung. Ich gab auf.
Es gab eine neue Beziehung und – was ich nicht kannte – jede Menge Psychokrieg. Wir waren emotional völlig ineinander verbissen. Ich wollte und konnte mit diesem Mann nicht dauerhaft unter einem Dach leben. Damit war die Entscheidung getroffen: 150 qm für zwei Leute – und nur einem (wackeligen) Verdiener, das geht nicht.
Und so ging es nach mehr als 10 Jahren zurück in den Prenzlauer Berg. Und dort war inzwischen alles anders.

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4 Gedanken zu „Gangbangs unter Enten

  1. das ist eine wunderbar spannende umzugsreise reise durch geschichte und geographie – bin auf die letzten 8 jahre gespannt!

  2. He, ich hatte so viel nur noch in der hintersten Erinnerungskiste meines Hirns. Deutlich ausbaubar das ganze – wann fängst du an was mit Einband draus zu machen?

  3. schön geschriebene geschichte! und das tolle das es noch weiter geht.

  4. ich freue mich, daß es euch gefällt!
    gestern war ich auf einem fest mit lauter unbekannten leuten. viele älter als ich, in der nächsten lebensphase, die mittlerweile das taten, was sie immer schon einmal tun wollten. ein bildhauer, eine spät berufene psychotherapeutin und zwei weltumsegler. und heman – mit einem bein eigentlich schon in nepal – stellt mich vor mit: „und kitty schreibt“. mir war das peinlich, ich druckste rum, daß´seit jahren die halbfertigen sachen verrotten und rückte dann mit meinem üblichen scherzhaften spruch raus: mit 50 sollte eigentlich mein erster roman erscheinen. da schick ich gern witzchen hinterher. von wegen kitschbuch mir rosa einband und goldschrift oder im selbstverlag erschienen. aber in dem moment war mir klar: alte, es wird ernst, wenn du in zwanzig jahren auch nur ein fünkchen selbstachtung behalten willst, solltest du zumindest daran gescheitert sein, denn nix machen güldet nicht.
    in diesem sinne!

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