The Diary of Kitty Koma

lace-test

Auf dem Crosstrainer strickt es sich schlecht

Zum Verständnis dieses Artikels muß man zuvor Suschnas Post lesen, der eine wichtige Diskussion weiterführt. Warum haben Handarbeiten und die Frauen, die sie machen, in Deutschland so ein schlechtes Image?

Vielleicht ist es die Verstärkung dieses Idealbildes in der Nazizeit (wieder von der Realität kaum gedeckt), oder es ist der Rückfall in den 50er Jahren, gegen den sich dann die Jugend in den 60er Jahren auflehnte?  (Suschna)

Das war auch mein erster Gedanke.
Als ich mich vor ein paar Wochen mit traditionellen Strickmustern befasste, fielen mir mehrere Sachen auf:
1. Meine Kenntnisse im Strickvokabular sind fast nur englisch, weil die Tutorials im Netz auf die ich zurückgriff, alle englisch sind.
2. Ich beschäftigte mich fast nur mit Techniken, die nicht aus Deutschland kamen.
3. Als ich dann auf deutsche Quellen aus den 70ern und 80ern zurückging, merkte ich, dass es viele dieser Techniken – in regionalen Abwandlungen – auch in Deutschland gab. (Zum Beispiel hat die irische Cable-Technik der ein ebenbürtiges Pendant in der süddeutschen Modelstrickerei.)

Ich schreibe ungeordnet mal ein paar Vermutungen und Stichworte auf:

  • Moderne. Die weltweit prägende deutsche Moderne machte mit Ornamenten und Verzierungen radikal Schluss. Somit verzichtete sie auch auf die Technik, Textilien reich zu verzieren (Stickerei) oder kleinteilig strukturierte Textilien herzustellen (Stricken, Häkeln, Weben).
    Gleichzeitig dekonstruierte die Moderne gern den vorindustriellen Formenkanon
    (Hedwig Bollhagen zum Beispiel adaptierte die Karo-Muster der leinenen Küchentücher) oder orientierte sich gleich an den radikal reduzierten asiatischen Formen.
    Wenn ein Designer häusliches Klein-Klein adelt, wird es plötzlich groß. – Oder andersherum gesprochen: Das erwählt schön Gestaltete kann sich nun jeder leisten. Damit kommen wir zum nächsten Punkt.
  • Geniekult.* In der Kommunikation industrieller Produkte überleben das gesichtslose Massenprodukt und die Marke. Egal was es ist, macht es ein Designer oder eine Designerin, wird es wahrnehmbar, auch wenn es von deren Oma auf dem Dachboden stammt.
    Deutsche sind sehr anfällig für Genialität und Virtuosität und groß im Zweifeln an ihrem eigenen Können. (Grassroot-Bewegungen hatten es in Deutschland immer schwer, schon weil sie ganz fix zur Orientierung an Führern streben und das Ergebnis kennen wir alle.)
  • Industrialisierung. Wenn wir genau hinschauen, überleben alte Handarbeitstechniken vor allem in Regionen, die abgelegen, archaisch und für die Industrie nicht interessant sind. Windgebeutelte Inseln, Bergtäler, Bauerngegenden mit Familienclans.
    Aber gerade diese ländlichen Gegenden (Bayern, Baden-Württemberg) wurden nach der deutschen Teilung industrialisiert und wohlhabend, weil ihr die aus die Ostzone flüchtenden Unternehmen Arbeitskräfte und Platz fanden.
    Außerdem sind Bewegungen, die sich für vorindustrielles Leben und Schaffen interessierten, in Deutschland stark diskreditiert. Die Reformbewegung**, der Wandervogel, die Suche nach authentisch deutschen Wurzeln der Kultur Ende des 19. Jahrhunderts ging nach wenigen Jahrzehnten in die nationalsozialistische Bewegung ein.
    Dass unser gesamter deutsch-regionaler Formenkanon, bis hin zu archaisch religiösen Wurzeln und Brauchtum als kulturelle Grundlage des Nationalsozialismus diente, hat viele Adaptionsmöglichkeiten extrem schwierig gemacht.***
    Nicht umsonst ist die Orientierung an anderen Kulturen, vor allem der amerikanischen, die ihre Traditions-Impulse immer wieder aus den Einwandererkulturen erhält, so stark. Das bringt mich zum nächsten Punkt:
  • Globalisierung. Deutschland hat keine produzierende Textil- und Porzellanindustrie mehr und auch kaum Luxusmanufakturen für Gebrauchsgegenstände. (Dafür werden in Deutschland die besten Autos der Welt gebaut, man kann halt nicht alles haben.) Das kann man erst mal mit Schulterzucken abtun. Es schneidet uns aber vollkommen von Gestaltungswissen und -fertigkeiten ab. Was wir als Textiltechniken wahrnehmen, ist irgendwo auf der Welt gestaltet und in Fabriken in Asien produziert. Wir haben das Gefühl für den Wert der Arbeit und das Können für die Fertigkeiten, der in einem Alltagsgegenstand steckt, weitgehend verloren. Nicht umsonst können viele der jungen DIY-Frauen, die sehr gut mit der Nähmaschine umgehen können, nicht mal eine ordentliche Handnaht.
    Das bringt mich thematisch weiter, auf den deutschen Weg der
  • Emanzipation. Textile Handarbeiten wurden früher von Frauen und Männern gemacht, genauso wie Landarbeit. Die Männer gingen früh zur körperlich sehr anstrengenden Erwerbsarbeit über. Die Frauen taten es ihnen oft in der Textil- und Porzellanindustrie nach, weil hier ihre Feinmotorik gefragt war. Wer zu Hause blieb, war die halb blinde, Socken und Topflappen strickende Oma. – Ganz verkürzt dargestellt.
    Junge Frauen wollten Geld verdienen und sich die Dinge leisten, auf die sie Lust hatten. Waschkleider, Seidenstrümpfe, leichte Schuhe, jede Saison neue und nichts, was fürs Leben gemacht, grob, schwer, mit beschränkten Ressourcen gefertigt, dreimal aufgeräufelt, geflickt oder umgearbeitet war. Sie wollten unkomplizierte Einrichtungsgegenstände, die nicht schon drei Generationen als Staubfänger dienten oder ein von der Arbeit freigestelltes Familienmitglied zur Pflege brauchten.
    Machen wir uns nichts vor. Das, was wir als handgefertigt verehren, weil es uns überliefert wurde, sind die ausnehmend schönen Dinge, die meist „für gut“ aufgehoben und nicht benutzt wurden. Die Mehrzahl der anderen Alltagsgegenstände war schäbig, ärmlich, grob und weit weg von bewusster gestalterischer Schönheit.
    Der Aufbruch der Frauen in eine anderes, selbstbestimmtes Leben, weg von traditionellen Familienstrukturen und -aufgaben: Aussteuer sticken, Handarbeiten machen, um Fertigkeit und Fleiß zu demonstrieren und sich züchtig als Heiratskandidatin zu profilieren, wurde zweimal unterbrochen. Einmal durch das Dritte Reich, das die Frau als gut sorgende Mutter vieler Kinder aufwertete, später durch die Zeit des Wirtschaftswunders, wo auf ähnliche Muster zurückgegriffen wurde und die Frau in die Rolle Mutter, Hausarbeiterin und attraktives Statusobjekt des hart arbeitenden Mannes drängte. Da die Idee des Wirtschaftswunders verbunden war mit dem Stolz auf Industrialisierung, Ingenieurkunst und Traditionsbrüche (man ging idealerweise mit weißem Kragen zur Arbeit, nicht im Blaumann, machte sich nicht mehr die Hände schmutzig oder arbeitete sich blind und krumm), passten mit unterschiedlicher Kunstfertigkeit selbst handgefertigte Dinge einfach nicht mehr in die Welt. Außerdem kümmert sich eine Frau, die Handarbeiten macht, in dieser Zeit weder um die Kinder oder den Mann, noch um die mit Haushaltsgeräten ausgestattete blitzblanke Wohnung oder um ihre Attraktivität. War früher eine Frau das Ideal, die in jeder freien Minute Handarbeiten macht, ist jetzt das Ideal, eine Frau zu haben, die immer für einen da oder bereit ist und – aus Sicht der Frau – die nicht ständig arbeiten und schaffen muss, sondern Erholung hat wie früher eine reiche Dame.
    Außerdem verlagerten sich die Zeitpensen. Vor dem Fernseher kann man nicht Sticken und Spitzen häkeln/stricken, sondern nur noch mittlere bis grobe Maschen machen. Auch die Zeit, in der in der bäuerlichen Gesellschaft bei längeren Fußmärschen gestrickt wurde (vor allem Strümpfe), gibt es nicht mehr, denn man fährt Auto. (mal abgesehen davon, dass die ganz feinen Maschen von Maschinen schneller und präziser gemacht werden können)
    In Ostdeutschland sah das anders aus. Es wurde jede Arbeitskraft gebraucht, die Arbeitsdichte war vielerorts nicht hoch, es herrschte Mangel und die Produkte wurden immer primitiver. Deshalb hatten die Frauen (und Männer) einerseits die Energie für Handarbeiten, andererseits mussten sie die Techniken beherrschen um fehlende oder individuelle (oder westliche Industrieprodukte nachahmende) Dinge herstellen zu können, damit ihre Welt nicht im Viskose- und Synthetik-Einheitslook bestand.
    Da die industrielle Arbeitsproduktivität stagnierte und sank und Geld nichts mehr wert war, weil man davon immer weniger kaufen konnte, entwickelte sich eine Zweitwirtschaft die auf DIY und nicht kontrollierten Preisen oder Tauschhandel basierte. Außerdem waren alte Berufe eine Nische, in der der staatliche und ideologische Einmischung nicht so stark war, alte Handwerksberufe, die regionale Ressourcen verarbeiteten, hatten daher Zulauf. – Also auch hier, vorindustrielle Techniken erhalten sich in deindustrialisierten, abgeschotteten Zonen. Mit dem Fall der Mauer verabschiedeten sich die meisten Ostdeutschen von ihren Fertigkeiten, denn nun konnten sie die ersehnten Produkte kaufen.
  • Entwicklung pulsiert.****
    Wir bekommen meist nur eine, vielleicht die aktuelle Richtung und das „Früher“ mit. Die Impulse gehen zwischen Handarbeit und Industrieprodukten hin und her.
    Design und Herstellung von Alltagsgegenständen ist zur Zeit so beliebig und anonym, dass jede sichtbare Verbindung mit Menschenwerk einen Gegenstand adelt. Wenn wir in ein paar Jahren wieder die Schränke voller Granny Squares in fürchterlichen Farben haben, reicht das dann auch.
  • Bescheidenheit, eine protestantische Tugend und Angst vor dem Internet.
    Die typische deutsche Häkeloma macht nicht viel Aufsehens um sich und bleibt in ihren Damenkränzchen. Sie hält sich und ihr Tun nur für sich und einige wenige wichtig und wertvoll, wenn überhaupt. Alles andere wäre ihr peinlich. Die aktuelle DYI-Bewegung ist vor allem eine Internet-Bewegung. Ältere deutsche Frauen, die die traditionellen Techniken noch beherrschen, sind aber gerade die Bevölkerungsschicht, die sich dem Internet verweigert. Daher fehlen im kollektiven Wissen über Handarbeiten die deutschen Wurzeln und Traditionen.
    (Notiz: Sabine Barber. Sie hat sich Jahrelang von alten Frauen Sticktechniken beibringen lassen. Kriegt man das irgendwie außerhalb der „das ist Kunst!“-Konotation ins Netz?)

Das sind meine Gedanken dazu. Mit DIY ist es wie mit amerikanischen Fernsehserien. Wir nehmen aus der Entfernung nur das Erwählte und Schöne wahr. Das aber kommt aus einem nicht immer schönen Wildwuchs von Tun und Schaffen.
Außerdem: Frauen, die in Deutschland Zeit für Handarbeiten haben, sind nicht gerade die mit dem größten Selbstbewußtsein und Standing. Sie definieren sich oft über konservative Lebensweise und über ihre Männer, die die (finanziell) wertvolle Arbeit tun, weniger über ein selbstbewusstes Verhältnis zum eigenen Tun. Die sich für modern haltende Frau verbringt die Zeit, die sie zum Stricken und Häkeln haben würde, bei der Arbeit und im Fitnessstudio. Da ist im Diskurs sicher zwischen den Polen auch einiges an Neid dabei.
Außerdem: Vielleicht hören wir die Häkeltrutschenbeschimpfungen aus England und Amerika nur nicht. Könnte das sein?

 

*Gegen den sich Bollhagen wehrte. Sie mache nur Töpfe. Sie ist aber als Designerin ein Begriff.
**der wir immer noch das Wort Reformhaus verdanken
***kleines Detail am Rande: in der DDR waren Sonnenwendfeiern offiziell nicht erlaubt, weil Nazitradition, Sport- und Kleingartenvereine machte sie trotzdem
****Siehe Norbert Elias „Über den Prozeß der Zivilisation“ Er schreibt, es gäbe immer wieder Peripetal- und Zentrifugalkräfte in der gesellschaftlichen Entwicklung. Entgrenzung bedingt Ausgrenzung, Ausweitung bedingt Fokussierung. Eine Gesellschaft atmet – weiten um Luft einströmen zu lassen, pressen, um die Luft auszustoßen. Der isoliert betrachtete Vorgang ist zu klein, um den gesamten Prozess zu begreifen.

Auch das noch:

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17 Kommentare

  1. Hallo, ich bin über die Featurette zu dir gestoßen. Interessanter Artikel mit ien paar Punkten zum nachdenken.
    Eins möchte ich dennoch schon anmerken:
    „Frauen, die in Deutschland Zeit für Handarbeiten haben, sind nicht gerade die mit dem größten Selbstbewußtsein und Standing.“
    Das klingt, als gelte das für alle Frauen, die Handarbeiten machen, dabei wissen wir alle, dass dem nicht ausschließlich so ist :)

  2. Zumindest in unserer Filterblase nicht, wo wir uns mit Leuten umgeben, die ähnlich ticken.

  3. Pingback: Results for week beginning 2015-02-23 | Iron Blogger Berlin

  4. hallo Kitty,
    diesmal möchte ich dir zu mehr als 90% widersprechen. nur habe ich gerade keine zeit das alles aufzutippern. will aber auch nicht erst in drei wochen auf den eintrag antworten. ein bisschen zwickmühle.
    würde gerne mit dir telefoniern, wenns möglich ist, und du das möchtest.
    kannst mich ja anmailen – ich gehöre trotz jeseits der 60 zu den frauen die sich im IN bewegen ;-) – bin ja aber auch von anfang an bei der Computerrevolution ( 1982 begann es mit dem sinclair) dabei . . . ;-)

    grüße
    carola ( nicht aus HH, sondern aus kreuzberg)

    • liebe carola, ich finde es schön zu hören, daß du so weit vorne mit dabei warst.
      das mit dem telefonieren wird schwer, ich arbeite gerade sehr viel.
      laß dir ruhig zeit mit der antwort, dann kann ich sie noch einmal anderweitig verlinken. :)

  5. Vielleicht darf ich Ihre Liste noch um einen Punkt ergänzen: Das westdeutsche Handarbeitsrevival der 70er/80er-Jahre hat verbrannte Erde hinterlassen. Es gibt ja nicht von ungefähr das Klischee der strickenden Latzhosenträgerin im Hörsaal. Handarbeit hatte immer auch einen demonstrativ antiintellektuellen Charakter und ist – zumindest in meiner Generation – mit einem gefühligen Differenzfeminismus assoziiert.

    • Vielen Dank für die vielen Überlegungen, das bringt mich weiter, auch die Gedanken in den Kommentaren. Zur Häkeltrutsche in anderen Ländern: Jedenfalls für Frankreich und die USA habe ich das Thema schon öfter mit Leuten aus den Ländern besprochen, so beleidigende/abwertende Bemerkungen kannten sie da nicht. Auch die englischsprachigen Blogs/Webseiten deuten auf eine andere Wertschätzung hin, es gibt auch viel mehr offizielle textile Guilds/Societies. Für Frankreich ist noch interessant: Dort ist es schon länger normal, dass beide Partner arbeiten, Hausfrau im altmodischen Sinne gibt es gar nicht mehr, dennoch (deshalb?) wird z.B. Kreuzstichsticken in der Freizeit nicht belächelt.
      Allerdings sind meine Feldstudien tatsächlich da eher auf die Provinz bezogen, also evtl. doch Stadt/Land-Thema.

    • @paul der gefühlige differenzfeminismus ist durch die mauer an mir vorbei geschrammt. aber das kreuzberger wollgeschäft, das ich mitunter aufsuche, stammt aus genau der zeit.
      es war auch ein versuch, handarbeiten vom muttchenimage zu befreien. aus heutiger zeit betrachtet, manchmal ein unfreiwillig komischer.
      @suschna ich glaube, das ist der punkt. da wir in deutschland das hausfrauendasein immer noch als lebendigen lebensentwurf haben, reiben sich die menschen daran.
      diese spötteleien sind ausdruck von dem versuch, übermütter, verhuschte ud vertratschte wesen und zu mächtige frauenfiguren zu verarbeiten, habe ich das gefühl. viele, die über häkeltrutschen spotten, distanzieren sich von den lebenshaltungen ihrer mütter, glaube ich.

  6. Liebe Frau Kitty,
    was ich immer noch suche ist eine vernünftige, historisch fundierte Abgrenzung (bin keine Geisteswissenschaftlerin) zwischen Handwerk (geregelte Ausbildung, ernsthafter Gelderwerb, höhere Wertigkeit, „Beruf“, „“männlich““) und Handarbeiten („weiblich“, Freizeit“beschäftigung“, Zeitvertreib, geringere Wertigkeit, selbsterlernt, aber Schulfach!!) insbesondere im historischen Verlauf: schliesslich war m.W. stricken einst männliches Handwerk, für Frauen teilweise daher auch nicht offen.
    Auch aus Eigeninteresse, weil ich gleichzeitig Handwerkerin (schreinern) und Handarbeiterin (stricken) bin.

    lG
    antje

    • Hallo Antje,
      noch immer einschlägig ist die „Sozialgeschichte der deutschen Handwerker seit 1800“ von Friedrich Lenger. Damals in der neuen historischen Bibliothek bei Suhrkamp erschienen. Auf Amazon wird sie gerade für drei Euro verramscht :-)

      Das Buch lohnt schon wegen der vielen Literaturangaben…

    • davon verstehe ich nicht viel. pauls buch scheint ein sehr guter tipp zu sein.
      ich weiß nur, daß es immer gegenden gab, in denen handarbeiten von frauen zum verkauf gefertigt wurden – brüsseler spitzen, shetland lace, estonian lace.
      im erzgebirge gab es die spitzenklöpplerinnen. das waren erwerbsberufe, wenn auch ohne ständische regulationen, so weit ich weiß. und ständische strukturen waren für handwerke sehr prägend.
      ansonsten wurde für den bedarf der familie gestrickt, für tauschhandel (die schäfer z.b.) oder für die eigene aussteuer.

    • Nachtrag:
      Es gibt ein sehr gutes Buch von Merith Niehuss: Familie, Frau und Gesellschaft. Studien zur Strukturgeschichte der Familie in Westdeutschland 1945-1960. Darin auch ein zum Thema passendes Kapitel über erwerbstätige Frauen im Haus.

      Netterweise kann man das Buch als Digitalisat bei der bayrischen Staatsbibliothek als pdf herunterladen (http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/start/static.html). Für – durchaus lesbare und auch aktuelle – Forschungsliteratur eine echte Fundgrube. Wer sich dort eingedeckt hat, wird mittelfristig keine neuen Bücher kaufen :-)

  7. „Deutschland hat keine produzierende Textil- und Porzellanindustrie mehr und auch kaum Luxusmanufakturen für Gebrauchsgegenstände.“

    Stimmt nicht für alles Gegenden in Deutschland, hier in Württemberg finden sich internationale Modemarken, Strickwarenfabriken (verarbeiten auch einheimische Merinowolle). Sowie diverse Garnhersteller, die ihre Garne teilweise mit aller neusten Spinnmaschinen hier herstellen.

    Selbstverständlich können die meisten Frauen hier stricken. In meinem Stricktreff auf sehr hohem Niveau und die Damen besitzen meist einen Uniabschluss.

    Sonderausstellung im Industriemagazin Reutlingen:
    Textile Vielfalt – Industrielle Erfolgsgeschichten aus Württemberg 1. März – 25. April

    • ok., dann bin ich falsch informiert. Ich ging davon aus, daß die meisten betriebe in deutschland entwerfen, aber im ausland fertigen lassen.
      und es geht nicht um dummheit und primitivität. mich wundert nur, warum die öffentliche präsenz der deutschen oder amerikanischen handarbeitsladies kein deutsches pendant hat und auch kaum (im netz) sichtbare traditionspflege passiert.

  8. ich verfolge dieses thema ja nun schon länger und rolle bei Handarbeiten auch schnell mal die Augen (sorry…es liegt sicher auch daran, dass ich zwei Hände der linken Sorte und Null Geduld habe). Ich gehöre zu den „bösen“, die es eher trutschig finden und lese dann mit Erstaunen und Wohlgefallen all die klugen Einlassungen über Industrie, Geschichte und Geschlechterrrollen. Alles interessant und bedenkenswert. Und dann gibt es halt Hobbies, die man nicht teilt und nicht so recht nachvollziehen kann. Hasen züchten z.B. oder Tischtennis spielen.
    Die Tatsache, dass man Hasenzüchter und Tischtennisvereine nicht so sehr kritisiert, könnte nun daran liegen, dass dort sehr viele Herren unterwegs sind. Aber nehmen wir Damenhockey. Hey… sicher ein geiler Sport. Und vielleicht ist die Abwertung so mancher Handarbeiterin gar nicht dem Geschlecht gewidmet, so wie oft vermutet. Es ist halt ein Hype. Anders als Damenhockey. Deshalb regt man sich über Damenhockey halt weniger auf.
    Als Tupperparties oder Männergruppen ein Hype waren, haben die auch ihr Fett weg gekriegt.
    Vermutlich liegt es m.E. nicht am Geschlecht der Hobbyprotagonisten, sondern am Hype ums Hobby.

  9. viel image(und -schaden) ist wohl auch dem me-too-effekt geschuldet, zu jeder zeit.

    als ich meine eigenen pullover stricken und röcke nähen musste, war ich 12 jahre alt, anno 1965. da trug man eigentlich jeans und t-shirts. es wurde gebatikt, aber weder gestrickt noch genäht. ich bekam zum 12. geburtstag: wolle und stoff, die stricknadeln erhielt ich von meiner mutter geborgt (!!!), die nähmaschine meiner grossmutter durfte ich mitbenutzen. die grundbegriffe von stricken und nähen hatte ich in der schule gelernt. es war kompliziert, und die anfänge waren mühsam.

    ich war ein zorniges, verbissenes kind, und nach einem halben jahr konnte ich es schon recht gut. ich entwarf meine eigenen pullover (anleitungen kosteten geld das ich nicht hatte), miniröcke zu nähen war nicht schwer. zuerst lachten meine mitschülerinnen – reine mädchenschule. nach einem jahr und den ersten modellen, die man so nicht kaufen konnte, begannen langsam auch die anderen sich für das stricken und nähen zu interessieren. batiken konnte in der zwischenzeit ja jeder. und nach einem weiteren jahr – zu beginn der oberstufe, also mit ~ 14 jahren, strickten eigentlich alle, aber nur in „meiner“ klasse, nicht in den beiden parallelklassen. und während sich die parallelklassen-besucherinnen und einige stufen drüber und drunter viele lustig machten über uns, strickten wir wie die irren. das ging so weit, dass wir in einigen fächern sogar während des unterrichts stricken durften, vorausgesetzt, wir klapperten nicht zu laut mit den nadeln und konnten dem unterricht folgen resp. beim stricken auch lesen was in einem buch oder auf der tafel stand. sogar lehrkräfte kamen manchmal mit strickzeug und holten sich von den versierten ratschläge, liessen sich muster zeigen, etc..

    abgesehen davon, dass wir sehr viel weniger zeit mit unter-dem-tisch-lesen, zetterln an die nachbarin schreiben oder blöd aus dem fenster schauen verplemperten als alle anderen, folgten wir tatsächlich auch viel aufmerksamer dem unterricht und beteiligten uns aktiv – wer das nicht tat, der verlor das strick-privileg.

    wir haben bei den diversen maturatreffen immer wieder darüber gesprochen: tatsächlich war die initiative von mir ausgegangen, und als die ersten zwei es nachmachten, wollten die anderen nicht zurückstehen. unsere „alten“ lehrkräfte haben berichtet, dass es so ein phänomen in keiner anderen klasse an der schule jemals gegeben hätte. also: reines herdenverhalten.

    die meisten von uns stricken übrigens immer noch. und weil wir es in der schule schon geübt haben, können wir auch sehr komplizierte muster beim fernsehen stricken. an besonders spannenden stellen kann man die arbeit ja durchaus ein paar minuten niedersinken lassen.

    so ähnlich ist es wohl nicht nur mit handarbeiten, sondern auch mit all den anderen hypes, die sich in den diversen gesellschaften so ausbreiten. wenn wir daran denken, wie viel sich innerhalb von ganz wenigen jahren verändert hat von ganz toll zu hä?: bärlauch und rucola und selbstgestrickte socken: vor eigentlich recht kurzer zeit waren die blogs voll davon. und jetzt? jetzt lebt man vegan, also nix mit wollsocken, und ständig das gleiche grünzeug ist auch langweilig. dafür aber jetzt: vegane rezepte mit tofu-wurst und soja-milch.

    die unsäglichen kunst-fingernägel der optisch korrekt gestylten xx-chromosomen-trägerinnen hindern selbige mit sicherheit oft auch am öffnen und schliessen von knöpfen: die industrie gibt also vor dass „man das gerade nicht trägt“ und produziert entsprechende kleidung. auch das einfädeln eines fadens in eine nadel oder das bedienen von stricknadeln stelle ich mir mit kunstnägeln schwierig vor. und man lernt das mit dem handarbeiten auch in der schule nicht mehr so wie früher.

    und was machen die menschen, wenn sie was nicht können? viele tendieren leider dazu die, die es können und tun, auszuspotten. wenn dann noch modediktathörigkeit und billige sog. markenkleidung vom diskonter dazukommen, ist das unglück geschehen. wer strickt und häkelt und näht, der kann nur kurze, eigene fingernägel haben, entsprechende kleidung tragen und birkenstock oder turnschuh statt der ach so tollen high-heels oder ballerinas (denn da kann man ja keine wollsocken dazu tragen). und kleidung muss in jedem fall dem augenblicklichen modediktat entsprechen – und das schreibt von jahreszeit zu jahreszeit, also viermal jährlich, andere farben und formen vor. jetzt gerade wieder ist neon im kommen, und wir dachten doch alle, wir hätten unsere sünden schon gebüsst. aber so gross das spektrum der farben auch ist, irgendwann muss man sich wiederholen. und man will ja in sein. so schnell, wie sich die mode ändert, kann man eigentlich gar nicht stricken und nähen, wenn man zwischendurch auch noch was anderes machen will.

    von den preisen, die gute wolle oder guter stoff haben, fange ich gar nicht erst an. leisten können muss man sich das nämlich auch noch. und bevor man sagt, das kann ich mir nicht leisten, da sagt man lieber: das ist so furchtbar.

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