Karen Duve: Kein Liebeslied

Es ist die Geschichte von Anne. Eines dieser Mädchen, das bleich, teigig, träge, trampelig und hungrig ist. Das im Sportunterricht bei der Mannschaftswahl immer als letzte übrig bleibt und sich ins Krankwerden rettet, um sich in die Welt von Büchern und Weingummitüten zurückzuziehen.
Duve beschreibt detailverliebt eine dröge 70er-Jahre-Kindheit im engen Einfamilienhaus. Die wunderliche Oma im Dachstübchen, die versucht, mit einem feuchten stinkenden Feudel, den sie aus der Kittelschürzentasche zieht, ihre Umgebung sauberzuhalten. Eine unterwürfige Mutter und ein unerreichbarer Vater. Die aus unerfindlichen Gründen von den Eltern mehr geliebten Geschwister. Kinder, die für Freundschaft unerreichbar sind, weil sportlich, strahlend, fröhlich und die Loser, die sich zueinander gesellen und sich inniglich dafür hassen. Die Flucht aus der Welt.
„Meine Mutter war selig, daß ich nie Freunde mit nach Hause brachte. In ihren Augen war ich ein unkompliziertes Kind. (…) Es hätte mir nichts ausgemacht, den Rest meines Lebens im Bett zu verbringen“
Die Enttäuschung, daß es kein Pferd und keinen Hund zum Geburtstag gibt kennt nur eine Kompensation:
Ich drehte ihn (den Sessel) so, daß mich die Lehne von der Kaffeetafel trennte, und dann würgte ich die Katzenzungen, zwei Marzipanbrote und eine Tüte Haribo 2000 herunter. Dabei las ich das Märchen vom fliegenden Koffer.
Aus dem dicken einsamen Kind wird eine jugendliche Eßgestörte, die sich entweder gedemütigt fühlt:
Mir wird das Widerliche meiner Liebe bewußt, das Aufdringliche und Bedürftige.“
oder gedemütigt wird:
„Es ist dir peinlich, daß du mit mir gesehen wirst, nicht wahr?“ (…) Er zuckte mit den Schultern. „Du weißt ja selbst, daß du nicht besonders aussiehst.“
Sie kotzt, um liebenswert zu sein und frißt, wenn sie geliebt wird.
Ich hatte einige erschreckende deja-vu-Erlebnisse. Nur habe ich damals, als fetter deprimierter Teenager, die Kurve bekommen und am Gymnasium die Möglichkeit benutzt, mich unter völlig Unbekannten identitätsmäßig neu aufzustellen.
Anne schafft das nicht. Sie schlufft durchs Leben und hängt jahrelang in Liebe einem Exfreund hinterher. Der Flug nach London, wo die mittlerweile 117 Kilo schwere, in H&M-Zelte gewickelte depressive Finanzsachbearbeiterin den inzwischen erfolgreichen Banker (?) / Unternehmensberater (?) treffen will, um ihm unmißverständlich ihre Liebe zu erklären, ist Anlaß, Aufhänger und Rahmenhandlung dieses Romans. Die Heldin reist in Gedanken immer wieder biografisch zurück. Kindheit, Schule, Rumhängerjahre, ein Exkurs über alternative Gruppentherapie, so wunderbar detailgetreu das erzählt wird, eine Handlung wird nicht daraus. Denn die Geschichte hat kein Ziel, keinen Schluß, keinen Bogen. Eine Antiheldin, die sich fortwährend selbstzerstörerisch auf der Stelle wälzt, ist nur für die schmale Zielgruppe, die diese Zustände und Gefühle kennt, eine Identifikationsfigur.
Auch wenn diese Art von Frauenfigur in Beharren, Träumerei und Hoffnung viel Ähnlichkeit hat mit den populären Frauenfiguren der romantischen Trivialerzählung (jede Liebesromanheldin harrt aus, leidet, liebt und hofft) ist sie doch nicht so souverän ins negative verdreht, um als eine Parodie auf die romantische Frau zu gelten und der Roman hat zu wenig dynamische Nebenhandlung um tatsächlich über das Innenleben der Heldin hinaus zu faszinieren.

Fazit: Wer als dicker Teenager gelitten hat, kann sich hier noch einmal durchlesen, wie das war. Wer ewig ein dicker Teenager geblieben ist, schwingt sich wahrscheinlich auf den Grundton der Depression ein und erschießt sich hinterher.
Schon deshalb gehören Computerspiele verboten.

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2 Gedanken zu „Karen Duve: Kein Liebeslied

  1. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Ansicht gekommen, dass ich dieses Buch lesen möchte. Das kann ich mir auch leisten, da ich mich ebenfalls zu gegebener Zeit neu erfunden habe (oder auch mein wirkliches Ich zum Vorschein gekommen ist).

  2. REPLY:
    an sie hatte ich auch wirklich nicht gedacht, als dieser zynische spruch aus mir purzelte.

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