Is so

Als ich gestern Abend Twitter öffnete, hatte ich das Gefühl, dass meine Filterblase und ich (ich mag sie nicht immer, aber ich hab mir die Leute schließlich ausgesucht) ein paar Stunden Realitätskontakt hatten. Wir Leute aus Dörfern und Kleinstädten, die diese Orte in Richtung Metropole verlassen hatten, wo wir seither lautstark und aktionsreich versuchen unsere Wurzeln zu verdrängen und irgendwie ganz besonders zu tun, waren plötzlich wieder mit unseren Ursprüngen konfrontiert. Per Wahlergebnis. Schwarz der Westen, Rot der Osten. Mit dem Statement: Ordnung, Vertrautes, Überschaubarkeit, bitte keine Veränderung, läuft doch.*
Kurze Verwirrtheit, dann Hämegedöns über den Absturz der FDP.
Hey Leute – Piraten? War da was? Aber der Splitter im Auge der anderen ist immer noch attraktiver als der Balken im eigenen.
Je konkreter das Wahlergebnis wurde, desto mehr Mimimi und Rabäh. Blöde Mehrheit aber auch. Alles Idioten. Apokalyptische Visonen: Vier Jahre ohne Zukunft! Nur: Was sind vier Jahre? Es braucht langen Atem, um zu verändern. Wer ist eigentlich überhaupt auf diese Idee mit der Demokratie gekommen? Kann doch nicht sein, dass das Volk wählt, das ist doch viel zu blöd dazu oder?
Dann kam der Erste mit „Auswandern!“ Zeit, Twitter wieder zu schließen.

Die Frau Wortschnittchen und ich verbrachten den Abend in einem bretonischen Restaurant, aßen Galettes, tranken Cidre auf die Liebe und die Gesundheit und plauderten. Zurückgekehrt sah ich mit dem Grafen zu, wie die Fernsehjournalisten versuchten, per Infotainment die sehr lange und sorgfältige Auszählung zu überbrücken und dann auch schon mal nicht mehr ganz nüchterne Politiker befragten. (Oder wie nannte sich das, was der Bütikofer da hatte?)
Twitter wieder an. Ich schaute noch mal nach, ob die Koffer für die Auswanderung schon gepackt waren oder ob man dann doch eher, wie am Stammtisch der Kleingartenanlage „Frohe Zukunft“ in Merseburg-Süd, schwadronierend das nächste und übernächste Bier bestellt hatte.
Eine Frau hatte, obwohl es ihr unter der CDU-Regierung sehr gut ging, um den weniger Glücklichen zu helfen, eine Partei der sozialen Gerechtigkeit gewählt und war nun erschüttert, dass die sozial Zukurzgekommenen das nicht taten.
Kurzer Dialog zwischen zwei Müttern, die sich immer recht gewogen waren. Eine outete sich als FDP-Mitglied. Ich bin gespannt, ob die andere – eine Anhängerin alternativer Lebensformen, die von anderen Toleranz erfordern – das auf die Reihe bekommt.
Ein paar Leute beginnen, das Wahlergebnis pragmatisch zu sehen und gehen schlafen.
In die Stille hinein trompetet eine einsame Seele R E V O L U T I O N!
Dann schlafe ich auch.

Wie ich das sehe? Nicht anders als vor der Wahl. Ich bin Realo, nicht Fundi und habe keine Lust auf Rumspacken in der Selbstreferenzialität.
Ich werde mich weiter in meinem Wirkungskreis aktiv für digitale Bürgerrechte engagieren. Gerade durch den Wegfall der FDP aus dem Bundestag, die bei diesen Themen ein Korrektiv war und vom Totalausfall der Piraten mal ganz zu schweigen, braucht dieses Thema Struktur und Einsatz. Ja, es ist Neuland, vielleicht nicht für die Pioniere, aber für die nachfolgenden Siedler allemal.
Außerdem sind für mich Frauen als Protagonistinnen in Wirtschaft, Kultur und Politik wichtiger denn je, denen gilt meine Unterstützung. Mein Thema ist nicht „wie Frauen behandelt werden“, sondern „handelnde Frauen“.
Es ist so: Es bleibt kompliziert und es gibt leider keine einfache Wahrheit, auch wenn wir die gern hätten. Es hilft nichts anderes als sich in das Leben und in die Realität zu begeben und zu handeln.

Es gibt noch eine Linkempfehlung. Antje Schrupp zu Thema Reibung zwischen Eliten und Mainstream. Ich schätze Antje Schrupp immer mehr, weil sie unaufgeregt genau hinschaut. Das braucht es.

 

*Was die Linkswahl-Folklore im Osten betrifft, ist das nicht ganz so pointiert darstellbar, aber das ist nun mal so, wenn man mit einer Ideologie vor mehr als 20 Jahren ein Land in den Sand gesetzt hat.

Auch das noch:

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