Frauentag 1983

Obwohl ich gelernte DDR-Bürgerin bin, habe ich nur einmal so eine richtige Frauentagssause erlebt.
Als Kind kündigten sich mir die Bacchanalien des 8. März bereits an, denn eine ganze Woche lang liefen betrunken singende grölende Frauen durchs Plattenbauviertel.
Dann, im ersten Berufsjahr nach dem Abitur, das ich als Landarbeiterin verbrachte, war es so weit. Auch ich wurde zur Frauentagsfeier der LPG „10. Jahrestag des Sieges“ eingeladen.
Die Fraue mußten nur bis zum Mittag arbeiten und wurden dann nach Hause geschickt, damit sie sich feinmachen konnten. Was auf dem Dorf hieß, das buntgeblümte Kleid anziehen, die Goldkette drüberhängen, Haare auftoupieren und Lippen rot malen. Gegen drei Uhr versammelten sich alle im Saal des Kulturhauses. Die Männer hatten ein reines Hemd angezogen, den Schlips umgebunden, die Tische gedeckt und servierten.
Eine faßrunde Dame mit gußeisernen Dauerwellen vom Demokratischen Frauenverband hielt eine Ansprache. Der LPG-Vorsitzende und der BGL*-Vorsitzende würdigten in kurzen Reden die Damen. Was beim BGL-Vorsitzenden einen besonderen Gout hatte, denn der war im gesamten Dorf unter dem Spitznamen „Der Blaue Hahn“ als Schürzenjäger bekannt, er liebte vor allem die ganz jungen Mädchen, nahm aber alles mit.
Dann gab es ein einstündiges Unterhaltungsprogramm – eine Schlagersängerin mit Kapelle, der Schul-Kinderchor und die Kindergarten-Tanzgruppe.
Der Schallplattenunterhalter, der den Rest des Abends bestreiten würde, spielte während des Essens leise die Ostmusik-Quote ab.
Es gab Kaffee und pro Tisch je eine Flasche Wasser, Limonade, Cola, Rotwein, Weißwein, Likör (Kirsch oder Pfefferminz), weißen und braunen Schnaps. Die Herren signalisierten beim flotten Nachschenken, daß außer bei Wein der Nachschub kein Problem sei.
Dazu wurde kräftig gegessen. Cremetorte mit Schagsahne.
Als die Tortenberge halb abgetragen waren, begann der Tanz. Die ortansässigen Damen tanzten meist miteinander, weil ihre meist als Bedienung anwesenden Männer das Tanzen verweigerten und lieber draußen die Neigen aus den Schnapspullen tranken.
Und dann waren dann noch wir junges Gemüse (oder wie die älteren Bauern sagten „Det Fleesch“). Zwölf 19jährige in der Vorbereitung auf das Agrarstudium. Wir hatten Neuigkeitswert und waren verfügbar, während die Lehrmädels, die 14jährig nach der Sonderschule aufs Land gingen, im Wohnheim bewacht wurden.
Sobald wir einen Schluck aus dem Schnapsglas genommen hatten, wurde nachgeschenkt. Jeder, aber auch jeder der Herren wollte mit hochrot angesoffenem Kopf mit uns Brüderschaft trinken, mit Kuß natürlich. Weigern war zwecklos, auch wenn die Herren nicht mehr alle Zähne im Mund hatten. Die einheimischen Damen zischten schon gereizt.
Eine der Geschiedenen meinte es gut mit uns. Sie gab uns Tipps, vor wem wir uns ein bißchen vorsehen sollten, weil entweder die Frau recht aggressiv werden konnte oder der Typ selbst gewohnt war, sich zu nehmen, was er wollte.
Die drei schnuckeligen Jungfacharbeiter waren schnell an uns Mädels vergeben und tanzten sich die Seele aus dem Leib.
Der Rest des Saales war entweder besoffen und spitz wie Nachbars Lumpi oder besoffen und vor Wut kurz vor der Explosion.
Ich weiß gar nicht mehr, ob es noch Abendbrot gab. Ich glaube, die Party war offiziell um acht Uhr abends vorbei, damit die Familien auch noch was von Mutti hatten.
Ich versuchte zuerst, mich hinter den Gardinen zu verstecken, was aber als Signal verstanden wurde, zum Knutschen hinterher zu kommen, weshalb ich mich bald davonschlich.
Am nächsten Morgen waren nur wenige Frauen bei Arbeitsbeginn anwesend. Sie kamen im Laufe des Tages angeschlichen und hatten fürchterliche Kopfschmerzen und ganz kleine Augen. Die meisten hatten sich eine Flasche und ein paar Freundinnen geschnappt und privat weitergefeiert. Am Ende des Abends, so heiß es, waren die Männer im Festsaal weitgehend unter sich, hackestrackedicht und hatten sich wie immer gepflegt aufs Maul angeboten. Der Blaue Hahn war bei irgendeiner alleinerziehenden Mutti aus dem Lohnbüro gelandet, die sich noch Wochen hinterher Hoffnungen machte.

So, das war mal wieder ein Kapitel „Kitty erzählt vom Krieg“

*Betriebs-Gewerkschafts-Leitung

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18 Gedanken zu „Frauentag 1983

  1. das ist irgendwie wie science-fiction.
    nur anders rum … [was für bilder!]

  2. REPLY:
    damals fand ich es garnicht zum lachen. weißt du, ich würde mich freuen, wenn du in 20 jahren geschichten aus deiner jugend erzählen würdest und sie wären genauso bunt, fremd und weit weg. :)

  3. REPLY:
    es gibt aber noch die möglichkeit einfach zu feiern und spaß zu haben, jenseits von staatlicher oder politisch korrekter verordnung.
    dazu brauchen die mädels meistens keine männer.
    (finde das thema ihrer rede übrigens sehr interessant!)

  4. Hihi, mein Herz liebt solche altertümlichen Stories. Endlich mal wieder Kultur und Geschichte, Land und Gut von Damals!

  5. REPLY:
    danke! das sind die geschichten, die ich am liebsten erzähle. vielleicht wird doch noch mal eine heimatschriftstellerin aus mir.

  6. REPLY:
    da gab es schon ein paar jungs, die hätten einen auf der fingerspitze tragen können.

  7. REPLY:
    Die Rede hat auch meine Zukunft ganz maßgeblich beeinflusst, aber das ist eine gänzlich andere Geschichte:)

  8. Den Frauentag verband ich mit Kommunismus. Kennengelernt habe ich ihn in den Achtzigerjahren in Russland. Da waren die Frauen zumindest im mittleren Management. In die Nomenklatura kam praktisch niemand.
    Aber Frauentag ist gut. Das ist wie beim Spiel „Civilization“ der Bau eines Kolosseums. Beruhigt die Massen.
    Ich finde es ja lustig, dass der Frauentag jetzt den Westen erobert hat. Wo es ihn doch schon 100 Jahre geben soll. In Österreich ist er nie aufgefallen.
    Fast so intelligent wie der Muttertag. Interessanterweise weigern sich in meiner Verwandschaft alle weiblichen Personen ab der Generation meiner Frau und abwärts, den Muttertag zu feiern, auch wenn meine Tochter selbst schon Mutter ist.
    Etwas Verlogeneres als den Muttertag kann es ja kaum geben. (Der bringt auch nur den Gegenwert von einem Viertel Kolosseum.)
    Der Frauentag ist halt auch ein Tag.
    Ich hab an einem Frauentag (ich glaube, es war 1997) eine Rede gehalten, die mit den Worten begann: „ich bin eine Frau!“
    Der Inhalt war der, dass ich durch meinen Studienabbruch ungefähr die Verhältnisse einer Frau simulierte. Im Job musste ich immer doppelt so viel arbeiten, um mir die Positionen zu erobern. (Das stimmt wirklich, war aber nicht unbedingt ein Zwang, weil ich sehr gerne arbeitete. Die Beförderungen bekam ich echt ungefragt.)
    Nur zweimal im Leben war das Fehlen des Titels spürbar, aber im Prinzip nicht schlecht. Mein Leben hat sich halt nur anders entwickelt.
    Aber in Wirklichkeit kommt mir der Frauentag als der Tag vor, an dem die Frauen am meisten verarscht werden!

  9. ich kann’s geradezu vor mir sehen.
    mir gefällt, wie du hinschaust und mir gefällt sehr, wie du das in buchstaben bringst :-)

  10. eine ähnliche geschichte (wenn auch nicht so bunt und anschaulich) hat mir eine bosnisch-kroatische kollegin aus titos jugoslawien erzählt. zum frauentag bekamen sie alle vom örtlichen parteisekretär eine rote nelke geschenkt und waren ab dem frühen nachmittag „fett wie ein radierer“ (wie man in wien den zustand der totalen besoffenseins zu umschreiben pflegt).

  11. Ich kenne diese Chose ja eher vom 7. Oktober inklusive Aktivistenverleihung. Aber ansonsten ist das ein realistisches DDR-Bild wie ich es selten fand. Danke!

  12. REPLY:
    :)
    den 7. Oktober habe ich nie so richtig mitbekommen, das war eher für meine Eltern und Großeltern ein wichtiger Tag.
    Ich war dafür noch nicht etabliert genug.

  13. Diese Feste, die einen zur späten Stunde das Fürchten lehren.
    Habe übrigens letztes Jahr zum 1. Mal in Berlin einen Pfeffi probiert. So was hatten wir ja hier nicht im Südwesten. Schlimmes Zeug!

    • Pfeffi ging ja noch. Es gab ein Gesöff namens „Berliner Luft“, das bei den ernsthaften Trinkern den Namen „nie wieder Mundgeruch“ trug. Schmeckte nämlich wie Mundwasser.

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