Den Schuß nicht gehört

TL;NR -> selbstreferentielles Gejammer zum Thema Arbeit

Doch, irgendwie schon. Nur manchmal verhakeln sich bei mir Kausalitäten und actio und reactio.
Auch in der Geschichte aus dem Gleimkiez (letzter Abschnitt) ging es mir so. Der Typ schoss auf mich und ich zog zu einem Freund, weil ich so etwas nicht noch mal erleben wollte. Auf die Idee, dass es legitim sei, zur Polizei zu gehen, kam ich nicht. Das war schließlich eine Schreckschusspistole, für die man damals noch nicht mal einen Waffenschein brauchte. Ich habe es auch sonst ewig niemandem erzählt, weil ich dachte, die lachen mich alle aus. Ich war der Meinung, ich dürfte meine Angst und Verwirrung nicht zeigen und müsste das aushalten.

Aber eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben. Ich bin gerade dabei, noch mal etwas am Leben zu schrauben. Ende letzten Jahres war es die monatelange Übung, wie arbeitsfähig ich überhaupt bin. Die ging im März dieses Jahres mit positivem Ergebnis zu Ende, aber auch mit der Erkenntnis, dass es mich umhaut, sobald ich der Meinung bin, ich kann da noch zwei Tage oder eine kleineren, aber sehr streßbeladenen Termin draufpacken.
Das fand alles in liebevollem, freundschaftlichen Umfeld statt, wo die Chefetage und die Menschen an meiner Seite Bescheid wussten, mich schützten und ich nicht Theater spielen musste.
Der Sommer tat mir sehr gut, ich bin körperlich wieder viel besser drauf, weil das Schilddrüsenhormon gut eingestellt ist und ich habe mich einfach auch von vielen Dingen verabschiedet. Man schmeichelt mir nicht mehr mit „nur du kannst $tollklingendenjob machen“ und mein Ehrgeiz, alles Mögliche gut zu können und selten Nein zu sagen, ist mittlerweile deutlich zurückhaltender, ohne dass mein Ego heult.
Der Graf arbeitet im Brotjob wieder halbtags, Vollzeit hat ihn sehr belastet. Jetzt lächelt er wieder, das ist wichtig. Zeit, dass ich meine Arbeit etwas mehr hochfahre, ich hatte Luft seit Anfang 2011. Nur wie?
Noch vertraue ich meinem Zustand nicht so, dass ich reinen Herzens viel Aufwand für langfristige Verpflichtungen treiben möchte.
Wenn ich eine 100km-Umkreis-Akquise für meine Seminare machen würde und mich Leuten verpflichte, die mich nicht kennen, aber an dem, was ich biete, interessiert sind, dann bringt das eine Menge Druck mit sich. Vielleicht ist das auch Käse, aber der Druck ist in mir drin. Das ist nicht der Zweifel, es nicht gut genug zu können, da bin ich ganz sicher. Wenn ich erstmal vor Leuten stehe und den Laden rocke, dann ist es super.
Es ist die klassische Angst nach dem Sturz vom Pferd und diese Angst ist vertrackt. Sie überfällt einen, wenn der Zug zum Termin nur zwei Minuten zu spät kommt oder der Fahrkartenautomat streikt oder aber in der Entspannung hinterher, wenn womöglich der nächste Termin vor der Tür steht. Dann passieren blöde Sachen. Eine Panikattacke in der Öffentlichkeit ist für mich noch irgendwie zu händeln. Die Leute halten einen zwar für verrückt, aber kennen einen nicht. Wenn der Druck auf den Körper zielt, wird es für mich unangenehm. Eine BPLS-Episode macht mich 3-4 Tage gesellschaftsunfähig, keine Chance, das Haus zu verlassen, wenn man mit ruckenden Augen wie ein Stein umfallen könnte. Aber meist ist es banaler. Mein Körper zieht die Reißleine, in dem er sich den nächsten Infektcocktail schnappt, der vorbeisegelt. Das ist in meinem Fall meist eine üble Erkältung mit Husten und langanhaltendem Nebenhöhlengedöns. (Andere kriegen an der Stelle Magen-Darm, aber mein Magen gibt nichts wieder her, was er einmal bekommen hat.)
Körperbotschaft: Halt mal schön die Füße still, das wird hier grade zu umtriebig.
Die andere Sache ist das Organisationslevel, das ich ab einem bestimmten Arbeitsvolumen wieder bräuchte. Ich habe ein stetes Rinnsal von Menschen, die zu mir kommen und sich von mir beraten lassen und daran habe ich viel Spaß. Aber wenn ich das hochfahre und aus dem Bereich Zufall und Mundpropaganda rausgehe, hängt da eine ganze Menge dran. Der Arbeit angemessenen Raum zu geben z.B. Das ist dann kein Wohnzimmerjob mehr, denn ich zeige mich in dem Moment nicht als Privatperson. Man bekommt zwar in Berlin jederzeit einen Mietschreibtisch mit anderen zusammen oder einen Besprechungs- und Seminarraum. Aber ein kleines, schalldichtes Zimmer in akzeptabler Lage, in dem Menschen sich geborgen fühlen und sich konzentrieren und entspannen können, das ist teuer. Was sehr wahrscheinlich heißt, die Hälfte der Arbeit würde ich machen, um arbeiten zu können – nämlich die Miete zu zahlen.
Dann kommt noch ein sich potenzierender Rattenschwanz hinterher – konstante Akquise (nichts ist schlimmer als eine Hauruck-Akquiseaktion, deren Ergebnis einen umrennt, dann drehen die Interessenten ab, dann kriegt man wieder Panik wegen Kundenmangel, macht wieder ne Hauruck-Akquise etc.), Netzwerken, Buchhaltung, Terminkoordination und obendrauf noch die kleinen Internetprojekte und Websites, die der Graf und ich oft zusammen machen. Entweder liegt es an mir, weil ich ein „ganz oder garnicht“-Typ bin, dann lasse ich mich gern korrigieren, aber ich habe das Gefühl, für eine Vergrößerung der Teilzeit-Selbständigkeit im Trainings- und Beratungsbereich sind der Aufwand und das Risiko sehr hoch.

Ich erinnerte mich daran, dass ein Freund, der ansonsten als Freiberufler arbeitet, seiner Existenz eine solide Grundlage gegeben hat, die unabhängig von „das ist derundder und der ist gut!“ ist. Er macht ein paar Tage in der Woche etwas wenig glamouröses, sehr spezialisiertes, in das seine bisherigen Arbeitserfahrungen einfließen, es aber nicht um ihn geht und deshalb strengt ihn das nicht sehr an. Er verdient ein Basisgeld und dass er wieder im sozialen Netz hängt, fand er auch gut. Also sozusagen „ich will bei Mutti aufn Arm!“ light. Auch ein paar Schauspieler, mit denen ich zu tun hatte, begegneten so jahrelang ihren existenziellen Herausforderungen, als Immobilienmakler oder Büroangestellter, je nach Eignung.
Nach diesem Vorbild hatte ich mich seit dem Sommer auf die Suche gemacht. Beim Lesen mancher Stellenanzeigen wurde mir kurzzeitig schwindelig. Schon erstaunlich, was man alles in 20 Stunden reinpacken soll, das wären Tätigkeiten für drei Vollzeitstellen gewesen. Oder man suchte Mrs. Perfect, jung, unfehlbar, schön, nicht sehr anspruchsvoll, allzeit bereit und devot. Die eine oder andere Sache verbot sich, weil es schon wieder zu viel Ehrgeiz erfordert hätte. Aber wenn ich Seminare gebe, sage ich den Leuten immer, dass die Stelle, die man in der jeweiligen Lebensphase gerade braucht, sicher nicht mit extremer Selbstverbiegung auszufüllen ist.
Man sagt zwar immer, Akademiker hätten den Vorteil, auch einfache Arbeit machen zu können, was ihre Arbeitsmarktchancen vergrößert, aber man vergisst dabei gern das soziale Umfeld, in dem so etwas stattfindet. Es gibt einen diffusen, archaischen Gruppen-Hass auf Leute, die nicht dazu gehören, den falschen Stallgeruch haben. (Unterhalte dich mit einem Abteilungsleiter übers letzte Konzert in der Philharmonie und sei gleichzeitig nicht bei Mario Barth im Olympiastadion dabeigewesen, das reicht in manchen Firmen schon.) Menschen, die ggf. auch Können verbergen müssen, weil sie sonst Vorgesetzte oder Kollegen beschämen könnten, brauchen dafür innere Größe und Entspanntheit, aber meist kommen sie sinister rüber. Es kann manchmal ein Blick oder ein Halbsatz sein, mit dem man in so einer Situation seinem Gegenüber das Gefühl gibt, 12 Jahre alt zu sein und nicht gelernt zu haben.
Aber zurück zum Thema. Meine Anforderungen an den Job waren, dass ich eine erprobte, dichte Arbeitsorganisation mit Standardhandlungen vorfinden und etwas tun wollte, bei dem ich tatsächlich mental Feierabend habe. Ich hatte mir irgendwann klar gemacht, das ich ein paar Fähigkeiten, die ich im Schlaf kann – nämlich gern auf mich gestellt und freundlich sein, Ruhe und Souveränität bewahren, Technik bedienen und angenehm mit Worten umgehen – vermieten wollte. Und das war auch genau das Segment, das eine ganze Menge Angebote hatte.
So war ich also diese Woche zu einer Fahrstuhlführerinnen*-Schulung unterwegs.

Heute, am Freitag, hocke ich etwas desillusioniert in der Sofaecke. Die Schulung war gut, auch wenn ich kritisch beäugt wurde. Wahrscheinlich fragte man sich hinter meinem Rücken „Wat willn die hia?“ Aber da hilft mir mein hohes Ignoranzpotential weiter.
Ich habe alles gelernt, weiß, wie ich die Stockwerke in der richtigen Reihenfolge anfahre und Leuten mit Stock über die Schwelle helfe. Ich klingele zur rechten Zeit und rufe charmant und lächelnd die Stockwerke aus. Man braucht derzeit händeringend jede Arbeitskraft, die Bezahlung ist nicht gut, aber ok., der Job ist so, dass es Leute gibt die ihn schon Jahrzehnte machen, alles paletti.
Aber am Montag morgen hustet mich in der U8 jemand verschleimt an, am Montagabend hatte ich Halsweh, am Dienstag und Mittwoch Fieber, das ich mit Aspirin bewarf und den Rest des Tages besser im Bett verbrachte und gestern, beim ersten Fahrstuhltest mit Publikum, war ich mit einem Schlag stockheiser. Wenn ich etwas angespannt bin und erkältet, passiert mir das. Nun ja. Heute nacht versagte meine Stimme dann vollständig. Den letzten Schulungstag sagte schrieb ich ab. Langsam kann ich mich wieder verständlich machen, huste aber dafür erbärmlich. Mein innerer Hypochonder zählt manisch schlimme, chronische Krankheiten auf. Montag und Dienstag werde ich je 8 Stunden mit Betreuung probearbeiten.

Ich bin sehr gespannt, ob ich gerade den Schuss nicht gehört habe oder ob das eine ganz normale Erkältung ist.

 

*Berufsbezeichung von der Redaktion geändert

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11 Gedanken zu „Den Schuß nicht gehört

  1. Oh, dann wünsche ich dir für Montag und Dienstag alles Gute – und dass es nur eine stinknormale Erkältung ist. Ich fange demnächst auch mit einem „ganz normalen“ Nebenjob an und bin auch etwas nervös. Sowas habe ich zuletzt als Studentin gemacht, und der falsche Stallgeruch war schon damals leicht problematisch, wobei es mit dem Status „Studentin“ immer noch geht, die Leute wissen: die macht das nicht ewig.

    • Danke, ich bin mir noch noch nicht sicher, ob ich Montag wieder fit bin. Wäre ich auf der anderen Seite, wäre ich auch skeptisch, ob das mit dieser Frau, die schon in der Schulung einen Ausfall produziert, funktioniert.
      Auch wenn es mir altem Klugscheißer schwerfällt, es macht viel Sinn, in sozialer Hinsicht zu Anfang mehr zu beobachten als zu agieren. Erst mal sehen, wohin der Hase läuft, wer hier Meinung macht, wie hier tatsächlich die Hierarchien sind und wer welche Feindbilder pflegt.

  2. Es ist nur eine normale Erkältung. Das weiß ich, weil wir die alle haben. Ich diese Woche auch. Wahrscheinlich hat uns der Cheesecake letzten Samstag angesteckt.

    Und zum Rest; Ach Du, was soll ich sagen? Weißt Du, wie sehr dankbar ich Dir für Deine Offenheit bin?

    • Die Offenheit fällt mir extrem schwer. Ich habe lange gekämpft, diesen Artikel zu schrieben. Das aktuelle Ereignis war der Auslöser, weil ich aus dem Gefühl rauswollte, damit mutterseelenallein zu sein.
      Ich habe in einer Branche gearbeitet, wo dich Geschäftspartner schon verraten haben, wenn sie nur mitbekamen, du wärst im Krankenhaus und beim Kontrollanruf gingst du nicht ans Handy. Da mußte hollywoodmäßig immer alles super sein.
      Ich weiß auch nicht, was jetzt passiert.
      (Und ich habe wenigstens wieder ein bisschen Stimme.)

  3. ich kenne das Thema von einigen Freiberuflern und weiß wie schwer es ist, etwas angemessenes zu finden.
    Manchmal träume ich auch von so einer stundenweisen Hängematte, die mir „Druckstellen“ erspart und mich ein bisschen über dem Boden hält, ganz ohne, dass ich mich so sehr dafür anstrengen muss.
    Das Dilemma ist aus meiner Sicht aber, dass es nicht nur wenige solcher Hängematten gibt, sondern sie zumeist mit anderen Nervfaktoren (als Druck) und einem ebenso hohem Maß an Unsicherheit versehen sind.
    Ich drücke Dir die Daumen, dass Du eine angenehme Stelle findest, so wie Du dir sie wünschst und vor allem, dass die blöde Erkältung wirklich nur eine blöde Erkältung ist (ganz ohne Fingerzeig from the bottom of your heart).
    Oder aber, dass Du evtl. doch einfach ständig selbst bleibst und den inneren Drucksauhund an die Kette legst.
    Lieben Gruß, von der Ro

    • Danke! Naja, der innere Drucksauhund hat einen ziemlich festen Verbündeten, den Kollegen Gehtnicht Weil. Ständig selbst ist es wahrscheinlich tatsächlich. Wenn ich die zwei jetzt mal an die Kette gelegt kriege.
      Bei der Fahrstuhlführerinnensache ist jetzt der Status „wir melden uns“, nachdem ich zweimal signalisieren mußte: kann nicht wg. erkältet. Ich hatte von der ersten Gesprächsminute das Gefühl, dass man dort meint, ich passe da nicht hin.
      Also weiter… nutzt ja nüscht.

  4. Pingback: Results for week beginning 2014-10-13 | Iron Blogger Berlin

  5. oh, das ist betrüblich. einerseits. weil halt die druckentlastung flöten ist.
    andererseits: auf das bauchgefühl ist üblicherweise verlass … und so ein stück weit lese ich aus dem, was du schreibst, auch ein „ich fühlte mich dort auch seltsam“ raus.

    wie dem auch sei, die daumen sind gedrückt, dass das nur ein minderspannendes fenster war, was sich geschlossen hat, und dass sich jetzt eine spannende, passende tür öffnet.

  6. Vielen lieben Dank für Deinen Mut und Deine Offenheit. Ich kenne das alles auch – von dem Gefühl, überfordert zu sein, bis hin zu der Erkenntnis, dass Hängemattenjobs nicht gerade auf Akademiker mit großer Berufserfahrung warten. Ich habe auch immer mal wieder diese Anfälle, in denen ich mich auf die Suche nach so einer Hängematte mache. Ein schwieriges Unterfangen – denn die Vorurteile gibt es ja auf beiden Seiten. Ganz oft stellen Personaler Leute mit dem falschen Stallgeruch gar nicht erst ein, um Stress zu vermeiden.
    Mittlerweile habe ich auch selber so große Widerstände aufgebaut, dass ich in Dürrezeiten lieber den Gürtel enger schnalle, als mich erneut auf die Suche nach dem Broterwerbsjob zu machen. Das ist nicht unbedingt die gesundeste Lösung, und auch mein Körper streikt gerne mal, wenn ich ihm zu viel Druck zumute – was dann noch mehr Druck erzeugt, usw. Es gilt wohl, solche Entscheidungen immer wieder neu zu überprüfen.
    Wie auch immer – ich hoffe, die Erkältung ist bloß eine Erkältung (ich habe übrigens auch gerade eine, obwohl ich meinen Körper ausnahmsweise mal nicht geärgert hatte) und jetzt, einige Tage nach Deinem Post, ist bereits alles wieder im Lot.

  7. Liebe Kitty,

    versuch es wegen des Raums für Deine Coachings doch mal mit meet – ist in der City West und sehr gut über den U-Bhf Konstazer Str. zu erreichen. Schöne Räujme, nette Leute, kleines Geld. Viel Glück. Fände es sehr schade, wenn solche Fähigkeiten im Fahrstuhlschacht endeten.

    Lieben Gruß
    Friederike

    ggf. bitte einen Gruß ausrichten. Mag sie sehr.

    http://meeet.de/gute-beratungsraeume-berlin/

    • Vielen lieben Dank! Das mache ich auf jeden Fall.
      (Die Existenz im Fahrstuhlschacht hat sich erledigt, da hat meine Stimme den Saft abgedreht.)

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