Das Leben der anderen

Kaffee mit einem Klienten, der wiederum befreundet ist mit anderen, ehemaligen Klienten.
Ichso: Wie gehts denn X.? Und vor allem seiner Frau?
Erso: Der Frau gehts gut, die hat den Krebs endgültig überstanden.
Ichso: Ach, das freut mich.
Erso: Und der X. hat jetzt dafür wieder mit zocken angefangen…

Nachtrag:
Der letzte, leicht dahingesagte Satz überraschte mich nicht. Ich überspielte, daß der Fakt neu für mich war. Aber nun wußte ich, daß mein Gefühl nicht mich getrogen hatte all die Jahre. Der X. war von Anfang an ein Typ, von dem man sagt: „Der ist nicht echt.“ Er konnte schmeicheln und Komplimente verteilen. Hatte eine nette, welpenhafte Art und konnte einem doch nie in die Augen sehen. Nach ein paar Monaten war ich verstrickt in ein Netzwerk von Freunden, Erwartungen und Dankbarkeitsverpflichtungen.
Bei den ersten Projekten fiel mir auf, daß X. log, daß sich die Balken bogen. Danach gewöhnte ich mir an, jede Auskunft von ihm zu überprüfen und meine Kunden diskret darauf hinzuweisen, daß Sonderkonditionen jeder Art vorher mit mir abzusprechen waren.
Dann wurde er Vater und heiratete kurz darauf. Ich lernte seine Frau kennen, tough, und kompetent, mir war völlig unverständlich warum sie sich so ein krummes Jungchen ans Bein band. Das Kind war von Anfang an ein Problemfall. Es schrie Tag und Nacht, schlief kaum und hatte später schwere Neurodermitis.
Ich verlor die beiden bald aus den Augen, weil er die geschäftliche Verbindung trennte, er fühlte sich von mir nicht genügend gefördert. Ab und zu wurde mir etwas zugetragen. Zweites Kind. Erstes Kind wieder halbwegs gesund. Immer wieder Karriereanfänge. Immer wieder Geldnot. Frau kurz vorm Karrieredurchbruch, dann brachen die Projekte doch weg. Wieder Geldnot. Die Frau bekam Krebs. Operation und mehrere Chemotherapien. Die Kollegen sammelten Geld zur Unterstützung.
Ich wußte nicht, daß sie sich die letzten zehn Jahre damit beschäftigt hat, seine Schulden zurückzuzahlen, die er immer wieder machte. Bei seinem letzten Rückfall hat er eine Bank eingewickelt und sich einen hohen Kredit auszahlen lassen. Das Geld ist komplett weg. Sie hat ihn rausgeschmissen und er ist in Therapie. Mit wenig Aussicht auf Erfolg, aber mit dem unbedingten Willen, zu seiner Familie zurückzukehren.
Codependenz. Und nicht nur seine Frau hat ihn gedeckt, sondern sein ganzer Freundeskreis, der Bescheid wußte. Heftig.

Auch das noch:

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7 Gedanken zu „Das Leben der anderen

  1. Mein Schwager?
    Dass diese Sorte nie ausgeht, wundet mich.
    Und dass sie immer wieder nette Frauen finden, die sie ausnutzen können, ist mir ein Rätsel. Die Frau, die dann den Geschäftsführer der vierten Firma spielen, nur weil sein Name nirgends mehr stehen kann.
    Na ja, ich jedenfalls habe jetzt einen neuen Schwager. Selbes Kaliber. Er sitzt im selben Büro und hat sich nun selbstständig gemacht.
    Er sieht sogar aus wie der Vorgänger und mag auch andere Frauen.
    Ich habe ihr geraten, ihn gleich rauszuwerfen.
    Jetzt ist sie böse mit mir, weil ich ihr ihr Glück nicht gönne.

  2. Das Thema Spielsucht in mir unveständlicherweise ein kaum in der Öffentlichkeit erwähntes. Da ich aus einer Familie stamme, in der Spielsucht über einige Generationen ein Thema war, war ich etwas sensibilisiert als ich mal einem «Computerspiel» mehr oder weniger verfallen bin. Im Vergleich zu anderen war ich harmlos, aber ich hatte doch immer ein ungutes Gefühl dabei, wie schnell man bereit ist Lebenszeit für so etwas zu opfern. Dabei ging es nicht einmal um Geld.

    Ich kann aber nach wie vor nicht verstehen, warum Werbung für Computerspiele im Fernsehen z. B. auf Musiksendern – die ja hauptsächlich junge Menschen erreichen – noch erlaubt ist. Und dieses gerade permanenteen vogue sein in den Medien eines Spieles namens Poker, das hat für mich nichts mit Sport zu tun.

    Spielsucht kommt gleich nach Alkoholsucht.

  3. REPLY:
    ja. und ich finde es sogar noch heftiger, bedrohlicher. saufen tun halt alle ein bißchen. manche mehr.
    aber spielen. geld vernichten. ui, da sträubt sich die preußische protestantin in mir.

  4. REPLY:
    mein Exmann ist Ihr Schwager ?
    Aber so lange wie die Frau vom X hab ich nicht gewartet, sondern ihn hochkant rausgeschmissen, als gleich nach der Geburt meiner Tochter die Fassade nicht nur Risse bekommen hat, sondern gleich ganz heruntergekracht ist. Und ein zweites Mal bin ich auch nicht auf so ein Würstl hereingefallen. Immerhin etwas.

  5. REPLY:
    Respekt!
    Nur schade, dass meine Schwester nicht Ihre Konsequenz hat.Und auch nicht Ihre Intelligenz.
    Ein zweites Mal sollte man einen solchen Fehler eigentlich nicht machen.

  6. REPLY:
    Schuh mit der Intelligenz würde ich mir zwar nicht ungern anziehen, aber tatsächlich war es der reine Selbsterhaltungstrieb, der mich am Ende meiner psychischen und physischen Kräfte dazu gebracht hat, der traurigen Chose ein Ende zu setzen.

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