21 Straßencafé im Oktober

Die Frau Engl getroffen. In einem Neuköllner Galeriekaffeehaus, in dem die Bedienung den bestellten Kuchen stolz kommentiert mit „Der ist vegan!“ und ich mir den Spruch „Aber das ist doch nicht so schlimm!“ nicht verkneifen kann. (Ich warte schließlich auf den Tag, an dem die ganzen Veganer-Mimis begreifen, dass Gluten-Unverträglichkeit und Kuchenappetit wirklich schlimm sind. Die eigentliche Heldentat ist, guten glutenfreien Kuchen zu backen. Weizenmehl-Heldentaten kann jeder.)
Wir versaßen einen ganzen Nachmittag plaudernd auf der Straße, in seliger Wärme und mildem Licht. Ans Geschäft gegenüber (Kaffee, Pancakes, Bagles, Altkleider Vintage Clothes) hatte jemand Fuck off, Hipsters geschrieben. Ich kenne die Gegend um die Weserstraße aus meiner Kreuzberg-Zeit, wo ich ja knapp vor der Gentrifizierung noch billig und luxuriös wohnte, eher als Ecke, in der Spätverkaufsläden und staubige vom LKW-gefallen Handy- und Elektrobutzen dominierten. Es wird eben alles anders.
Zurückgekehrt, hatte ich schon wieder Hunger. So ein Stück sehr sehr leckerer veganer Vollkorn-Apfelkuchen, ist ja was für den hohlen Zahn, weil nur aus Kohlehydraten bestehend.
Der Graf hatte da so eine Idee. Eine Kneipe, die es schon 1986, zum Berlin-Jubiläum gab, den Schusterjungen. Was für ein bürgerliches-Essen-Paradies! Der Graf nahm die Roulade mit Apfelrotkraut und Klößen, ich die Schlachteplatte mit Blut- und Leberwurst, Kartoffelpürree und Sauerkraut. Es kamen haufenweise spanische und französische Touris herein, die auf einen freien Tisch warten mussten. Es gibt ja kaum noch richtig bodenständiges und gutes deutsches Essen im Berliner Zentrum (schwäbisch und österreichisch güldet hier nicht).
Mittlerweile haben die Gaststätten, die 1989 eingefroren wirken, inmitten der Spanisch-Italienisch-Fusion-Trendy-Bäuerlich-Modekneipen ihren Charme. Überlebt haben nur die Besten und die wärmen mittlerweile das Herze. Eine vom Andrang etwas gestreßte Mutti in meinem Alter als Bedienung, ihr zur Seite eine englischsprechende Studentin, hinterm Tresen ein stoischer Bierzapfer, vorm Tresen ein zwei zum Inventar gehörende stoische Biertrinker und in der Küche jongliert der Koch mit Eisbein und Klößen. Vor dem Fenster Wolkenstores aus dem Baumarkt.
Wir machten bald Platz für hungrige Franzosen und schlenderten heimwärts, auf der Suche nach einem Glas Rotwein. Bedingung war: Keine Raucherkneipe, nicht zu voll, nicht auf Essen optimiert. Und wenn auf den 1000 Metern Weg ca. 25 Kneipen liegen, fällt die Auswahl plötzlich schwer. Wir landeten in der Kollwitzstraße in einer Butze, die den Namen Kleiner Keller trägt. Ich hatte aus meinen Zeiten, in denen ich das Büro in der Metzer Straße hatte, noch in Erinnerung, daß es dort mal einen Blumenladen gab. (Der Link klärt das auf.)
Herrlich gemütliches, kramiges Interieur, eine kleine Insel alte ostdeutsche Alternativkultur, die früher mal die Gegend bestimmte. Der Wein, naja. Da bin ich mittlerweile schon gewöhnt, auf der Karte mehr zu lesen, als Rebsorte, Land und den Namen. Muss ja nicht Sommerlierpoesie sein, aber der Erzeuger und die Region interessieren mich schon.
Einer Stunde später eierten wir in Richtung Heimat. Seit Kolle Belle und das Haus mit dem LPG am Ende der Kollwitzstraße stehen, ist die Gegend eh ein Düsseldorfer Paralleluniversum geworden.

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