18 Altes Westberlin

Meinen Arzttermin in C-Burg konnte ich mit dem Grafen zusammen zu einer kurzen Stippvisite in das Herz des alten Westberlin, das KaDeWe verbinden. Es verändert sich mal wieder, ist nicht mehr so voll und kramig. Wenn man aber mit einem Wunsch reingeht, der nicht markengebunden ist, nervt es nur. „ich möchte mir einen Rock kaufen“ bedeutet, alle Markenartikler abzuklappern, um sich die Röcke anzusehen, denn es gibt fast nur noch vermietete Flächen, mal mit eigenem Verkaufspersonal, mal mit hauseigenem Personal. Das nervt, weil man als Kunde immer noch differenzieren muß: Darf ich die Dame jetzt fragen, wo es noch andere Röcke gibt, die mir ggf. besser gefallen / die ich mir leisten kann? Sagt sie es mir dann heimlich, mit angstvollem Seitenblick, weil sie das eigentlich nicht darf? Lässt sie mich abfahren, weil sie nur auf ihren 25 qm Bescheid wissen muss? Wird sie arrogant und kanzelt mich mit: „Da müssen Sie zu einem Massenhersteller irgendwo da hinten gehen!“ ab?
Dazu die Zielgruppeneinengung auf rheinische Touristen im Rentenalter, Berliner Neureiche und Russen. Es sieht alles entweder langweilig aus oder ist mit echten Swarowski-Steinen beklebt. Wirklicher Luxus wird in den Shops im Erdgeschoß feilgeboten, vor denen steht wiederum ein Security-Typ, da würde ich mich im Leben nicht reintrauen.
Ich habe in den Jahren meiner Kaufkraft oft im Lafayette ausgewählt und im KaDeWe gekauft, weil die einen die bessere Präsentation, die anderen die Sortimentsfülle haben. Heute würde ich wahrscheinlich im Lafayette anprobieren und im Netz die richtige Größe ordern, weil ich keinen Bock darauf habe, im KaDeWe von einer mittelalten Verkäuferin dämlich behandelt zu werden, weil sie grade ihren Schwatz mit einer Frohnauer Witwe unterbrechen muss.
Es gibt eine Abteilung, in der verweile ich traditionell länger, auch wenn nur noch ein Rest davon übrig ist: Der Steiff-Zoo. In meinen Studentinnen-Junge-Mutter-Zeiten bin ich oft mit dem Kind hingegangen. Damals war es eine Riesenabteilung, in der Plüschtiere von ganzganzklein bis ganzganzgroß standen. Löwen, Geparden, Giraffen, Teddybären. Jetzt sind leider nur noch ein paar Regale mit Steiff-Tieren gefüllt und auch da passte man sich an den Publikumsgeschmack an: Möglichst viel Kindchenschema und Comicstyle. Schon schade. Aber die Babyhasen Hoppel und Poppel sind schon niedlich… (Nein, ich sammele keine Plüschtiere und kaufe auch keine.)
Die Feinkostetage ist nur noch provinziell, miefig und wirkt überfressen. In der ganzen Stadt gibt es mittlerweile gute Feinkostläden mit liebevollem oder exotischem Angebot, warum soll ich da Majonäsesalate aus dem KaDeWe kaufen? Will ich bodenständige Sachen, gehe ich zu Rogacki.
Alles in allem die letzte Verwurstung des Luxus-Kaufhaus-Konzepts, bevor es vorbei ist.

Am Abend glotzte Kitty TV, weil sie zu nix anderem mehr in der Lage war. Es gab nichts anderes als Serien.
Das mit den Serien ist so eine Sache. Ihr alle steht da bis zu Oberkante Unterlippe in der Materie. Ich war jahrelang nicht in der Lage, auch nur eine Fernsehsendung in Gänze anzusehen. Das hat mich alles viel zu sehr geärgert und genervt und nicht unterhalten.
Mittlerweile bin ich wieder frustfreier, weil raus aus der Branche. Trotzdem sehe ich ein Produkt. Und im Fall von Serien ist es in der Regel ein optimiertes, es ist Fast Food, ob nun Organic, mit frischen Zutaten, bahnbrechend im Konzept oder McDoof. Ich lese selbst lieber Bücher mit konventionell gestalteten Geschichten wie Krimis, weil ich da nicht im Korsett der Konsumzeit stecke. Ich kann schnell lesen (das mache ich sowieso), viel, wenig, im Bett, aufm Klo, in der Wanne, die Bilder habe ich selbst im Kopf. Für vor dem Fernseher sitzen und einen Serienproduzenten über meine Zeit verfügen und meine Vorstellungskraft blockieren zu lassen, bin ich oft zu ungeduldig.
So bin ich eigentlich wie ein Ingenieur für Nachrichtentechnik, der 1975 versehentlich eingefroren und nun wieder aufgetaut wurde. Er sieht Menschen mit Smartphones, weiß um die technische Vorgänge, der kulturelle Overhead, das unsichtbare Universum drumherum, ist ihm verschlossen. So geht es mir mit Serien.

Wenn ich mich über Fernsehen äußere, sehen Sie es so: Eine graugelockte Miß Piggy, seit einigen Jahren verwitwet – Kermit hatte es am Herzen – nimmt die verwaiste Loge von Waldorf & Stetler, die längst der grüne Rasen deckt, in Beschlag. Auf der Bühne läuft Glee oder CSI oder Sherlock oder oder… und sie kann sich ihre unzeitgemäßen Kommentare nicht verkneifen und erzählt auch immer mal von früher.

Und gestern gab es zwei Folgen „Crossing Jordan“, die haben nun auch 5 Jahre auf dem Buckel und es ist die dritte Wiederholung. Ende des 19. Jahrhunderts hieß das Ur-Genre Grand Giugnol. Großes Kasperle-Theater in handlichen Episoden mit Masken und Schockeffekten. Die Darsteller tragen heute keine Masken mehr, sehen aber ungeheuer merkfähig aus. Der Nerd hat ein irgendwie verschobenes, sonderbares Gesicht, der Intern-Böse ist schön und aalglatt, die Pathologen-Hauptdarstellerin sieht mädchenhaft zart und unschuldig aus, die Intern-Zicke ist ihre grobschlächtige Karikatur und über allen steht der Chef, meist ein mittelalter, charismatischer Ex-Kinodarsteller, der nie so richtig zu Star-Ruhm kam.
Exposition im Tempo eines Elevator-Pitches. Wenn der Vorspann zu Ende ist, ist die Story inclusive Nebenstory fertig exponiert. Im Hintergrund liegt immer irgendwo eine ausgeweidete Leiche rum, wahlweise können das auch Leichenfotos sein. Die Räume sind transparent, gehen ineinander über, haben Glaswände (ist auch bei CSI so), im Grunde spielen die Innenraum-Polizeiaufnahmen auf einer großen Bühne, in der jeder sein Eckchen hat. Damit ist eine sehr verdichtete Erzählweise möglich. Die Kamera macht nur einen Zoom, um den Schauplatz zu wechseln oder fährt einen Meter zu Seite. Das erinnert mich an die Steadycam-Expositionen von Polizeirevieren, die Kathryn Biegelow in den 90ern machte, eine Kette von Zooms, Fahrten und Seitbewegungen, die alle Figuren umfasste und heranholte, die gerade ihre Arbeit machten. Die Polizei eine abgeschlossene Welt, ein Bunker, in dem Auserwählte an der Wiederherstellung der Gerechtigkeit arbeiten und die Welt im Gleichgewicht halten. Das, was sie in 20 Sekunden zu Anfang eines Films als atmosphärische Exposition absolvierte, um dann eine konventionelle Geschichte zu erzählen, ist hier Bestandteil der Handlung. Die Kamerabewegungen haben Ähnlichkeit mit der Aufzeichnung von Shows und Sportereignissen. Mitunter wird es sogar asiatisch-theatral. Es wird darauf verzichtet, linear und partikular zu erzählen. Jordan steht außerhalb der mit Folien abgeteilten Infektionskabinen geht an ihnen vorbei und stellt ihre Fragen ins Leere, als dynamisches Symbol für 10 oder 12 Gespräche, die stattfanden. Eine Erzählweise die visuell äußerst fesselnd ist. Konventionell erzählt würde so: Ein Gespräch und später die Information, dass sie mit allen gesprochen hat.
Nachteil: Bei so einer Erzählweise klebt man am Bildschirm wie bei einem Computerspiel. Nebenbei bügeln, twittern, lesen geht nicht mehr. Die Geschichte ist, wenn man nicht ständig zuschaut, sondern eher zuhört, ziemlich mau. Also ist es nicht so meins.

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