13.10. 10

Was für ein Herbsttag. Blauer Himmel, warme Sonne…
Ich sah zu, daß ich meine Arbeit so schnell wie möglich erledigte und schwang mich mittags aufs Rad. Am Winterfeldplatz setzte ich mich ins sonnigste Restaurant, das war das Amrit.
Ich blinzelte in die Sonne und beobachtete die Leute. Die schwulen Paare, die vom Markt kamen (die hier in der Gegend um die 60 sind). Die Menschen an den Tischen. Einige, die ihre Mittagspause machten, Touristen mit Reiseführern und Rucksäcken, einige Paare mit sichtlichem Altersunterschied (er über 70 mit sichtbaren Gebrechen, aber noch mit dem Habitus des Rudelführers, sie um die 50, agil und attraktiv). Die Frau neben mir antwortete dem Kellner auf das rituelle „Hats geschmeckt?“ mit einer längeren Geschichte. Daß sie es jetzt endgültig lassen würde, sie hätte es oft genug versucht. Der Kellner machte große Augen und sie konkretisierte: Das Fleisch im Essen schmecke nicht. Das wären sicher keine glücklichen Hühner, sondern welche aus Intensiv-Haltung. Der Kellner stotterte etwas. Ich schämte mich fremd. Schließlich sprachen wir über ein Mittagsmenü mit Suppe, Brot, Salat und Hauptgericht zwischen 6 und 7 Euro. Sie blieb noch etwas sitzen und las Zeitung. Dann sprach sie einen vorbeieilenden jungen Mann an: „Könnten Sie mir eine Zigarette geben?“ Der junge Mann bremste ab. Er habe nur Tabak. „Das macht nichts.“ Da müsse er ihr erst eine drehen. „Das können Sie gerne machen.“ Was er machte und dann weiterraste. Sie bedankte sich nicht einmal. Zweites Mal fremdschämen.
Auf dem Rückweg machte ich noch einen Gang über den Markt und erstand Herbstfrüchte, Pflaumen, Trauben, Äpfel. Der Käsemann telefonierte und es war ihm so peinlich, daß er die Damen, die bei ihm kaufen wollten, so ignorierte, daß er der Stammkundin vor mir den Einkauf komplett schenkte und mir noch was draufgab im Werte dessen, was ich bezahlte.
Ich war von diesem wunderbaren Wetter so glücksüberflutet, daß ich das Gefühl hatte, der Rest des Tages könne nur schlechter werden. Mein Gefühl trog mich nicht.
Ich ging am Abend nach Monaten mal wieder in die Muckibude. Eine Dreiviertelstunde auf dem Crosstrainer machte Spaß und brachte mich ins Schwitzen. Die paar Übungen auf der Matte, die ich danach machte, waren weniger spaßig. Das waren Sachen, die ich noch im Winter zwar mit Anstrengung, aber ohne Qual absolvierte. Ich machte einen Termin bei einem Trainer aus. Denn in den Monaten, in denen ich mit Abwesenheit glänzte, hatte das Studio völlig neue Maschinen bekommen. In der Umkleide passierte plötzlich etwas mit mir. Als hätte mich jemand in diese chilenische Rettungskapsel gesteckt und ich wäre sehr schnell auf dem Weg nach unten ins Schwarze. Das kam nicht vom Kreislauf sondern war eher eine mentale Sache. Ich machte langsam, nahm zu Hause ein heißes Bad, aber ich blieb dünnhäutig. Das war mir im Zusammenhang mit Sport noch nie passiert, da fühle ich mich eher gepusht.
Vielleicht ist es nicht an der Zeit, an Kraftmaschinen rumzupowern, weil ich dann gern wieder über die Grenze gehe. Ich sollte es mal mit Yoga versuchen.

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2 Gedanken zu „13.10. 10

  1. Könnte gut hinkommen. An Ihrem Plätzchen in der Sonne haben Sie sich trotz Fremdschämens wohlgefühlt, in der Muckibude haben Sie ungute Zustände bekommen -> nicht Ihre Muskeln brauchen vorrangig mehr Power, sondern Ihr Geist mehr Leben und Freiräume.

    PS: Das Gefühl, dass es nur schlechter werden könne, identifiziere ich für meinen Teil als selbsterfüllende Prophezeiung. Die Kunst, mir selber zu beweisen, dass ich unmöglich einen ganzen komplett wunderbaren Tag haben könnte, habe ich eine Weile sehr gut beherrscht.

  2. REPLY:
    ich kann ihnen im beidem nur zustimmen. hachja.

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