Das Wochenende der kulinarischen Desaster

Am Samstag wollten wir am frühen Abend noch eine kleine Radausfahrt machen. Den Panke-Radweg Richtung Rosental und zurück und vielleicht noch irgendwo einkehren. Und da um uns herum die Leute grillten, war uns nach griechischem Essen.
Wir radelten bis zum Rosentaler Weg und ich erinnerte mich an einen Griechen, in dem ich vor 5 Jahren mal war, der ziemlich nett und irgendwo in der Nähe. Ich wußte noch, dass es ein historisches Gebäude war. Das Hercules am Rosentaler Weg war es definitiv nicht. Es war zu vermuten, daß es das Syrtaki in Blankenburg sein könnte, sagten uns unsere Schlau-Telefone. Aber bis dahin hätten wir noch knapp 4 km fahren müssen, ich war mir nicht ganz sicher, da ich mich erinnerte, dass das Gebäude an einer Ecke lag, noch ein Irrtum wäre also anstrengend gewesen und nach dem Essen hätten noch 10 km Rückweg vor uns gelegen.
Der Graf hatte mir gesagt, es gäbe da noch das Olivenbaum in Pankow, aber ihm wäre da früher zweimal schlecht geworden. Nun aß er früher fast vegetarisch,  es könnte also auch an seiner Ernährungsweise gelegen haben.
Da ich kurz vor meiner typisch weiblichen Quengel-Heul-„Ich habe HUUUnger!“-Phase war, schlug ich vor, wir könnten es doch noch mal probieren. Ein Restaurant, dass es seit ewigen Zeiten gibt und ständig voll ist (wir waren gerade vorbei gefahren) kann doch nicht immer unterirdische Qualität liefern.
Oh doch, es konnte.
Die dreckige Gabel kann passieren, da kommt eine neue. Das Taramas war ok., auch das Brot, das wird ja auch nur angeliefert und auf den Teller gepackt. Das Gyros war schlicht und ergreifend Körperverletzung. Es roch nach dreckiger Schlachterei, gesengten Borsten und altem Fett, war schwarz gebrannt, trocken und bretthart. Die grünen Bohnen waren aufgetaute Frostware, kurz in Fett gewendet, wassertropfend und ungewürzt. Die in rotem Bratfett geschwenkten Kartoffeln lasse ich eh immer weg, das ist so eine griechische Marotte, der ich nichts abgewinnen kann. Das Tzaziki wiederum war in Ordnung, kein Wunder, das kommt aus dem Eimer, den man in der Metro kauft.
Ich bin ja sonst hart im Nehmen, wenn ich Hunger habe. Aber hier habe ich mehr als die Hälfte auf dem Teller gelassen. Der Graf auch. Als der Kellner frage, ob es denn geschmeckt habe, meinte ich: Nö. Er war beleidigt. Ich hätte das doch sagen sollen. Damit ich wieder so einen Teller üblen Fraß vor mir stehen habe? (Und das war jetzt nicht untere Preiskategorie, der Teller Gyros kostete 9,90€.) Das war ja kein Detailproblem, sondern ein systemisches.
Um uns herum amüsierten sich die Leute wie Bolle, denen schien das Essen egal zu sein. Am Nebentisch unterhielten sich Veteranen der DDR-Kulturschickeria, darunter eine Liedermacherin und eine Dame, die nach Kulturbund aussah, man berlinerte, trank eimerweise Rotwein, rauchte Kette und unterhielt sich über denundden „der ist doch im Ministerium, der hat doch, als ich für mein Konzert in die Schweiz durfte…“ und „…der Heiner Müller und ich“. Als wäre die Zeit vor 30 Jahren stehengeblieben.
Irgendwie merken die da alle nichts.
Wir fuhren nach Hause und tranken noch grummelnd Wein im Rebkeller, was uns etwas versöhnte. Aber dem Grafen war zum dritten Mal schlecht.

Am Sonntag wollte der Graf einen Tag am Meer. Wir schliefen, stiegen mittags ins Auto und fuhren an seinen Lieblingsstrand kurz hinter Boltenhagen. Es war göttlich, Sonne, frisches Meerwasser, weiße Muscheln, Segelschiffe. Wir gingen schwimmen, dösten in der Sonne und bekamen (also vor allem ich) … HUUNger! Und was ist ein Tag am Meer ohne frischen Fisch?
Die Fischbude am Meer zwischen Boltenhagen und Redewisch war leider schon zu. Dort gibt es nämlich all das, was die Fischer am Vormittag an Land bringen. Direkt in Boltenhagen hatte ich noch so eine Bude gesehen und war guten Mutes. Auf der Karte stand Dorsch mit Bratkartoffeln, nach Wismar in die Seeperle wollte ich nicht mehr fahren  und mich erinnerte das Ambiente an die Hafenkneipe in Altefähr auf Rügen, wo das Essen auch sehr gut ist. Der Graf war bereits skeptisch, aber als er mein quengel-heul Gesicht sah, lenkte er ein.
Die Bedienung war schon mal nett und freundlich (das war in McPomm nicht immer so) und wir warteten lange und schauten wir uns das ganze geballte Vorsaison-Elend von Gesundheits-Sandalen, beigen Caprihosen und Partnerlook-Funktionsjacken an, das an uns vorbeiflanierte.
Dann kam für jeden von uns ein gebratener Dorsch. Prima. Leider war das arme Tier in der Friteuse langsam zu Tode gefoltert worden. Er war trocken und hart wie Dörrfisch. Die Bratkartoffeln waren essbar, aber auch nicht berühmt, die eine Stufe vor „verkohlte Brocken in Kartoffelpamps“. Dazu war an alldem weder Pfeffer noch Salz. Meine Vermutung: Der Koch wollte grade gehen und hat widerwillig die Friteuse noch mal angemacht. Er hat die Fische vorbereitet und ins halbheiße Öl gegeben, als das Öl dann heiß war, waren sie dunkelbraun und trocken. Er hat den Fisch mit den noch mal scharf angebratenen Bratkartoffeln, die schon auf der Mülleimerposition standen, auf einen Teller gepackt, Rohkostbeilage dazu, fertig. Würzen? Könnse selber machen.

Bei den Überlegungen, warum so miese Gastronomie trotzdem überlebt (und im Fall des Olivenbaumes seit Jahren voll ist), habe ich die zugegebenermaßen etwas steile These aufgestellt, dass man Läden meiden sollte, deren Hauptkundschaft aus älteren (60+) Ostdeutschen besteht. Es gibt zwar Ausnahmen, wie meinen Onkel und meine Tante. Aber in der Hauptsache ist diese Generation recht anspruchslos, hat wenig wirkliche Vergleichsmöglicheiten angesammelt, ist froh, wenn man nett zu ihnen ist, hat die ansteigenden Preise irgendwie akzeptiert, hat nicht mitbekommen, dass das Niveau nicht mitgewachsen ist und würde nie etwas zurückgehen lassen und sich beschweren.

Was ich daraus lerne? In Zukunft nehme ich etwas Traubenzucker mit und der Graf entscheidet. Wenn ich Hunger habe, ist mein Gehirn einfach zu vernebelt.

Vor lauter rumhängen am Meer haben wir das dann nicht mal mehr zu LaPrimavera geschafft, denn die lag sicher nach dem Offene-Gärten-Wochenende schon im Bett als der Mond aufging.

Auch das noch:

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  • Das warsDas wars Warnung: Die folgenden Zeilen enthalten sehr persönliche Bekenntnisse. Wahrscheinlich stehen sie nicht am richtigen Ort, wären […]
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  • 4 – Zwei Tage in einem4 – Zwei Tage in einem Diese Wochenende raste kaum bemerkt vorbei. Ich frickelte hier, schrieb dort und schon war es wieder Samstag abend und der Sonntag verging […]

11 Gedanken zu „Das Wochenende der kulinarischen Desaster

  1. Das Dilemma ist ja, dass solche Lokale auf diesem Niveau weitermachen, solange sie keine finanziellen Einbußen spüren. Womit wir einmal mehr beim mündigen Konsumenten wären. Schade.

    • Ich muss mich auch an der eigenen Nase zupfen. Mit diesem wirklich ausnehmend schlechten Essen hätte ich in die Küche gehen können um den Koch zu fragen, was das soll. Und wenn der es nicht hören will, den Chef. Und Geld hätte man dafür auch nicht zahlen müssen.
      So viel Arsch in der Hose zu haben nehme ich mir demnächst vor.
      Das ist das ewige innere „Du hättest das doch ahnen können! Selbst schuld!“, was mich abhält. Da bi ich nicht wesentlich weiter als die 10 Jahre älteren Mitossis.

    • Die Frage ist ja doch auch, ob man sich wirklich den Tag/Abend mit einem solchen Auftritt und dem damit verbundenen Ärger vertun möchte. Mein Mann und ich sind mittlerweile dazu übergegangen, uns bei Ausflügen in weniger bekannte Regionen mit guten Informationen (hier gibt es z.B. eine Heurigen-App) abzusichern. Etwas in dieser Form gibts doch bei Ihnen auch, oder etwa nicht ?

      btw: Manchmal scheint mir auch, Leuten, die nicht selber zu kochen verstehen, kann man so ziemlich alles an minderwertigem Essen unterjubeln.

    • Leuten, die Fast Food gewöhnt sind, kann man alles andrehen. Nei den Ostdeutschen ist es noch spezieller. Die Ost-Gastronomie hatte schlechte Ausgangsmaterialien und ist damit schlecht umgegangen. Die Frauen können alle kochen, aber wissen, in der Kneipe schmeckts nicht wie bei Muttern.

    • Und auf die Apps habe ich nie viel gegeben, weil (zumindest in Berlin) auf eine negative Meinung fünf gefakte positive kommen. Die „Möwe“ in Kühlungsborn hat laut Qype den Dorsch als empfehlenswertes Gericht.

  2. Herrlich, ich musste so lachen. Ich bin auch der „Ich-haaabb-Huuuunger“-Heuler und will dann nicht auf den Mann hören. Wir kommen öfters ins gleiche Desaster.

  3. Na, den Rentnern macht das ja nix aus, die sind ja schon durch und durch vormedikamentiert.

  4. Großartig! Sie haben mir die Antwort auf die mich seit Jahren beschäftigende Frage gegeben, warum es immer noch so viel schlechte Gastronomie im Osten gibt. Danke!

    Man muss wirklich viel Wissen aufbringen, um auf Ausflug einfach mal was Gutes zu erwischen (so heute in Babelsberg geschehen. Guter Italiener, aber auch keine nativen Ü60-Ostler.)

    • Ich habe ja etwas gezögert mit dieser Schlussfolgerung. Aber ich fürchte wirklich, sie trifft zu.

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