Wieder auf Deck

Mit wackeligen Knien, einer blassen, spitzen Nase und Falten werfenden Beinkleidern.
Am Samstag kam das Kind und versorgte mich. (Eigentlich sollte es umgekehrt sein?!) Kochte mir Suppe und kaufte Überlebensnotwendiges. Ich lag in meine Decke zusammengerollt und ließ mich betütern. Danach ging es mir wesentlich besser.
Am Sonntag nachmittag karrten mich die Zivis Dick und Strike per Telebus ins Mutter-Kind-Viertel zu Frau Casino. Ich nippte ihr himmlisches Vanilleeis und (was wohl!) ein kleines Sektchen dazu und siehe, ich blühte auf.
Ich sollte meine Zukunft in Baden-Baden beschließen, beim geselligen Zusammensein mit Torte und Piccolöchen, es gibt nichts, wie ich mich wohler fühlen könnte. (Weia!) Außer Sex natürlich. Aber das ist eine andere Geschichte.
Den Bloggen-ist-durch-Diskurs muß ich jetzt nicht weiter referieren, den hat Glam schon aufgegriffen. Ich fand ein anderes Thema gut, das wir streiften. Wie wollen wir morgen leben und auch heute schon?
Wer dann doch über leicht 40, so wie wir ist, hängt nicht mehr jeden Abend rumlabernd in der Kneipe, schießt sich den Kopf weg oder läßt sich abschleppen. Wo verankern wir uns? In immer wieder scheiternder Monogamie, die Enge bedeutet und Geborgenheit zugleich? Wohngemeinschaften? Ja, aber nur mit getrennten Küchen und Bädern! Also Hausgemeinschaften, wo die Tür auch zubleiben kann?
Was wieder hieße, eine Entscheidung zu fällen, für Kontakt oder nicht Kontakt und das Feedback der anderen Seite abzuwarten. Solche Entscheidungen gibt es in Enge und Geborgenheit nicht, da hockt man gezwungenermaßen aufeinander, da geht nur willentlicher Rückzug.*
Die Konsequenz unserer Lebensweise wird uns erst langsam bewußt werden. Jetzt sind es nur die persönlichen Extremfälle, die sichtbar werden. Frau Casino, mit ihrer Virusinfektion in der Familie, drei kanke Kinder und selbst bettlägerig, ein neuer Job vor der Tür und niemand, der da ist. Keine Lust, sich anzustecken – verständlich – oder keine Zeit. Oder auch meine letzte Woche. Ich hätte niemanden bitten wollen, zu kommen. Wenn es noch schlimmer geworden wäre, hätte ich mich eher im Krankenhaus aufpäppeln lassen.
Der Kauf von Nähe und Zuwendung ist nicht weit, wenn der eigene Wert auf dem Jahrmarkt der Interessen niedriger ist als die Bedürftigkeit.
Wie alles immer komplizierter wird. Eine Virusinfektion in einer Familie oder Lebensgemeinschaft heißt: es zieht einmal durch, gut, wenn es zeitversetzt ist, dann kann man sich gegenseitig versorgen und das ausliegen.
Eine Virusinfektion in einer Together-Apart-Beziehung heißt: Ich ziehe mich zurück, da ich den anderen mit den negativen Seiten meines Alltags nicht behelligen sollte. In dem Moment, in dem ich den anderen existenziell wesentlich nötiger brauche, als beim gemeinsamen Cocktailnippen an der Bar.
Das ist schräg. Da komme ich einfach nicht drüber weg. Ich glaube, ich bin für so was nicht gemacht.

*Was habe ich das gehaßt, wenn der urwüchsigste Teil meiner Familie in seinem Sommerhäuschen im Gebirge wochenlag wie eine Schafherde logierte. Noch zwei kleine Kinder in der Mitte des Ehebetts, das Sofa und die Liege im Wohnzimmer nachts aufgeklappt für weitere Gäste. Gruselig.

Auch das noch:

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10 Gedanken zu „Wieder auf Deck

  1. REPLY:
    Du hast allerdings recht, es ist eine andere Hürde, sowohl Hilfe in Anspruch zu nehmen, als auch, daß andere in die Intimsphäre eindringen, die einen nicht schon seit Monaten und Jahren verschwitzt im Pyjama kennen. Das muß man dann (zulassen) lernen, wenn man nicht mehr in Lebensgemeinschaft lebt, auch wenn es immer wieder schwer fällt. Geht mir auch so. Aber was solls – die Alternative ist, daß die Nachbarn in ein paar Wochen die Feuerwehr holen, weil es im Treppenhaus riecht. Im Extremfall.
    (Aber ich guck zur Sicherheit immer mal bei Twitter nach, ob du schon auf bist und wie’s dir geht ;-)

  2. REPLY:
    hihi lebendmeldung auf twitter :)
    wahrscheinlich ist mein problem deshalb so exotisch, weil ich noch nie wirklich allein gelebt habe.
    in wochenendbeziehung, auf selbstgewählten solotrips, in einer art wg (eher timesharing), aber als single höchstens ein halbes jahr.
    das heißt, ich war bewußt und selbstgewählt allein, wenn ich das wollte. mit dem entschluß „das wird mir hier alles zu viel, ich verpiß mich mal ne weile“.
    ein „ich muß mal wieder unter leute“ oder „das schaffe ich nicht allein“ gab es in dem maße nicht. das muß ich tatsächlich erst lernen.
    und das mit dem kranksein ist ein weites feld. das ist die einzige gelegenheit, wo ich mal schwach und bedürftig sein darf. (ja fuck!) und das dann auch noch so rauszuhängen und nicht in der situation zu sein, daß es jemand einfach sieht und drauf reagiert.
    ich komme mir vor, wie ein korriger alter mann, dem die frau weggestorben ist.

  3. kitty-my-dear, ich lese das. und ich empfände das als selbstverständlich, wenn da ein privater hilferuf käme, mit bitte um hühnersuppe. und verstehe auf der anderen seite, dass man diesen anruf nicht tätigt, weil man angst, hat zu nerven. da halte ich es mit marlene. „it is the friends you can call at 4 am that matter.“ you got the licence to call.
    die leute, die sich angesichts drama abwenden – triple-anal-fuck them-without-lube. shame on them. ich kuck sie mr im nachhinein an und denke georgette-seeräuber-jenny-mäßig, betonung auf mäßig: siehste siehste siehste.

  4. Für’s nächste Experiment mit der Verdauung oder was auch immer, trau dich zu rufen. Es kostet nur ein wenig Überwindung und die klitzekleinen Telefongebühren.

  5. … ist das nicht mehr ’ne persönliche veranlagung*, sich zurückziehen wenn es einem schlecht geht? ich mag dann meist niemanden um mich herum. andererseits ist es natürlich schön, wenn hinter der beschlossenen tür jemand ist, der sich auf zuruf kümmern würde.

    *die welt teilt sich meiner beobachtung nach in menschen die immer hilfe brauchen und die, die eigentlich nie hilfe wollen. das sind die potientellen burnout kandidaten. ich bin ganz klar in der zweiten gruppe.

  6. REPLY:
    Gewisse Dinge muss man eben einfach alleine durchstehen…

  7. Das mit dem Kontakt in Hausgemeinschaften ist einfach: Tür auf bedeutet Kontaktmöglichkeit, Tür zu das Gegenteil.
    Und im Krankheitsfall ist das Verfahren genauso: Hörer abnehmen, wählen, sprechen, Wünsche anmelden. Im Idealfall ist am anderen Ende jemand, der auch sagen kann, ob er grade helfen kann und will oder nicht.
    Und für besonders schüchtern schwache Stunden gibts SMS.
    Ich kenne mindestens 3 Personen, die sofort herbeigesprungen wären, aber riechen können sie es alle nicht, liebe Kitty…

  8. Hach scheiße, da ist mir die Diskussion genauso weggerutscht, wie ich es nicht wollte. Es geht mir garnicht um “ ich hab so gelitten und keiner hat’s gemerkt!“
    Das war tatsächlich selbst gewählt, sonst hätte ich mich gemeldet.
    Ich bin da tatsächlich anders konditioniert. Es dauert ewig, bis ich jemanden so nah an mich heran lassen kann. Es gibt Situationen, da ist es einfach. Weil man mit Menschen ohnehin das Bett teilt und das Bad. Da teilt man sich auch die Krankheitserreger und die schlechte Laune.
    Da muß keiner von prenzelberg oder Kreuzberg auf einen Hilferuf hin angereist kommen. Sondern da stellt man einfach den Tee aufs Nachtschränkchen und hat immer mal nen Blick auf das kranke Huhn.
    Ich hatte einfach zuviel Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, wie kompliziert das alles geworden ist. Der ältere Herr, den ich letztes Jahr kennenlernte. 20 Jahre mit seinem Freund zusammen, die beiden sind zusammen um die halbe Welt gereist. Uns als er dann nicht mehr so der einsame Tiger war und ruhiger wurde (seine eigenen Worte -als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet), wehrte sich sein Freund mit Händen und Füßen: alles, aber nur nicht mit dir in einer Wohnung.
    Zurückgezogener sein heißt bei dieser Art zu leben allein sein.
    Darum mache ich mir Gedanken.

  9. REPLY:
    Twitterkieken ist das neue An-der-Wohnungstür-Riechen!

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