Hantelhelden

Da Frau auch im nächsten Jahrzehnt nicht mit Jabba-Pizzamampf verwechselt werden möchte, geht sie, wenn ihr innerer Schweinehund nicht allzu laut jault, in ein Mittelklasse-Fitnessstudio.
Es ist nicht zu teuer, es ist nicht zu verschwenderisch ausgestattet und es ist auch kein Heiratsmarkt für 30jährige Blondinen mit Pferdeschwanz.
Frau ignoriert die streberhaften Joga-Mimis ebenso wie die Hupfdohlen, die nach Ende eines Step-Kurses die Umkleide in einen Gänsestall verwandeln. Sie übersieht auch die klapperdürren Eßgestörten, die am Sonntag um 10 Uhr 2 Stunden auf dem Stepper keuchen, weil sie am Abend vorher bei einem Date etwas zu sich genommen haben, das sie nicht sofort wieder auskotzen konnten.
Frau geht zielgerichtet in den Gerätepark, rackert redlich vor sich hin und versucht sich einzureden, daß sie gerade einen Garten urbar macht. Sie hat sogar Spaß dabei, bis der Teil des Trainings beginnt, der mit freien Gewichten absolviert wird.
Frau lugt vorsichtig um die Ecke, in den Hantelbereich. Ist es dort leer, stürzt sie hinein. Ist es dort voll, drückt sie sich noch eine Weile woanders herum. Denn dort sind die, die immer dort sind. Deren Privatleben auf schweißstinkenden Matten stattfindet. Deren Gespräche sich um Körperfettanteil, Gewichte und Sätze drehen. Die stolz verkünden, sich das letzte Vierteljahr nur von Kräutertee und Rucolasalat ernährt zu haben.
Sie treten in Rudeln auf. Am Montag sind die Midlife-Crisis-Heteros da. Ab und zu findet sich auch eine sehr trainierte Frau ein, dann besteht das Training aus Quatschen und Baggern. Sind sie allein (Frau macht sich weitestgehend unsichtbar mit ihren lächerlichen Übungen), wird gerackert, mit lauten Stöhnen bei jeder Bewegung. Und ganz auf Tuchfühlung.
„Soll ich ein bißchen rücken?“, fragt Frau.
„Oh nö, brauchste nich“, meint der freundliche Bär, der sich in den Satzpausen immer ausgiebig im Spiegel bewundert und beginnt in 20 cm Entfernung mit einer Übung, die ein Mittelding zwischen Bankdrücken und Hantelheben ist. Frau hat, ob sie will oder nicht, seinen rhythmisch wippenden Hintern im Blickfeld und wünscht sich Ohrenstöpsel, um nicht vor Verlegenheit zu platzen: „Schnaufschnaufschnaufschauf…hachjachhachjachhachjach
…oochoochoochooch…ha!ha!ha!…uff!“ – das war der erste Satz. Der freundliche Bär trollt sich Richtung Spiegel, spannt den linken Gluteus Maximus an und dreht sich langsam in der Hüfte.
Frau flüchtet.
Am Wochenende ist der Club der Neutren da. Die Neutren sind klein, mager und sehnig. Sie haben rasierte Schädel und gezupfte Augenbrauen. Sie sehen aus wie Jungmänner mit Methusalemsydrom, denn ihre ausgemergelten Gesichter sind faltig. Wenn sie keine Eisen stemmen, wackeln sie mit ihren abgeknickten Handgelenken und erzählen mit effeminierter Stimme darüber, wie viel sie abgenommen haben und wie wenig sie wiegen.
„Achtundfünfzig! Hallo! Ich bin Einsfünfundsiebzig!“
Als wäre ein vergessenes Sportstudentenseminar aus einer Zeitmaschine gepurzelt, sind sie jenseits von Geschlecht, sexueller Orientierung und anderen als oberflächlich-körperlichen Interessen.
Wahrscheinlich sehen Metrosexuelle so aus, wenn sie in die Jahre kommen.
Am Mittwoch kommt die Türsteherfraktion, alles kleine Klitschkos. Riesige Körper, kleine Köpfe, Tatoos, komische Gespräche in komischem Slang. Frau ist sich sicher, daß sie ihren Urlaub ohne eine Minute Schlaf in einem Hotel in der Nähe des Ballermanns verbringen. Und würde man sie nach der einen oder anderen Ware fragen, hätten sie sicher etwas vom Laster gefallenes vorrätig.
Aber manchmal gibts auch nette Nerds, in komischen Sporthosen, die einsam und verlegen versuchen, ihre dünnen Arme in Form zu bringen. Da zieht sich Frau schon aus Rücksicht zurück. Die wollen schließlich auch irgendwann mal ne Freundin finden.

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25 Gedanken zu „Hantelhelden

  1. Ei, wie brutal. Und wie böswillig klischeebeladen. Aber naja, warum nicht, Frau will ja auch ihren Spaß haben bei all der Schinderei.

    Ich mach mir meinen Spaß immer daraus, möglichst zerlumt in alten Army-Klamotten und mit ner zerdengelten Plastikpulle voller Leitungswasser da aufzukreuzen. Und ich tu den Jungs immer den Gefallen, ihre riesigen Gewichtseinteilungen demonstrativ zu dritteln, wenn ich nach ihnen auf die Maschinen gehe.

    Die Rache ist dann, (das Studio ist im zweiten Stock) nächster Gelegenheit locker an denen vorbei die Treppe raufzujoggen, wenn sie schnaufend den ersten Absatz erklimmen.

  2. REPLY:
    und ich gehe inzwischen dahin, weil ich einmal in meinem leben so eine wand hoch gehen möchte. bis die arme abfallen. darf natürlich gerne etwas kürzer sein, 50m würden mir schon reichen. was das an körperlicher gesamtkraft braucht ist unbeschreiblich [und mit den ganzen gepumpten schwächlingsärmchen nicht zu reissen], da durfte ich vor ein paar wochen mal dran schnuppern. ausgerechnet am nächsten wochenende habe ich den film im fernsehen gesehen. totaler wahnsinn. und ich kann ihn inzwischen verstehen.

    gut für alle mir nahe stehenden, dass ich nicht im süden wohne …

    http://www.huberbuam.de/archiv/d_index.htm

  3. REPLY:
    hm. das kann ich verstehen. großvater und bruder haben sich diesen traum verwirklicht. meins ist es nicht. zuviel höhenangst.

    (und so weit ich mich erinnern kann trainierte mein bruder diese an zwei-fingern-hängenlassen-geschichte.)

  4. REPLY:
    ich gebe unumwunden zu, daß mein spitzzüngiges genöle auch einen grund darin hat, daß ich beim sporttreiben zu gern allein bin.

  5. REPLY:
    … da isses ja gerade – ich habe auch höhenangst. ich bin anfang juni vor angst fast gestorben! (o;

    [das mit der höhenangst ist training. ich habe – trotz höhenangst zimmermann gelernt – und konnte hinterher in jeder höhe handstand. aber wenn du das nicht jeden tag machst, kommt es halt wieder.]

  6. REPLY:
    genau das. ich gehe ja meist abends, so gegen 20:30 uhr. mehr als fünf leute treffe ich da eher selten …

  7. Haha, also von mir gibt es für diesen Beitrag eine Goldmedaille. Grandios trocken ironisch geschrieben. *Applaus*

  8. REPLY:
    das ist dort selten der fall. es gibt sogar partys und filmabende für diese leute ohne privatleben.

  9. REPLY:
    ich war ehreich gesagt, ein wenig schockiert davon, daß das leben tatsächlich dermaßen mit klischees gespickt ist.
    das studio, in dem ich vorher trainiert habe, war voller leute, die überhaupt keine zeit hatten, einem narzisstischen körperkult zu frönen. die sind abends oder zwischendurch aus ihren büros, dem konzertsaal und der nahe gelegenen privatklinik gekommen. ab und zu war auch eine einsame erfolgsfrau dabei, die sich diesen pt-kurs mit anfassen gönnte („stretching und entspannung mit sachkundiger führung“).
    der laden, in den ich jetzt gehe, existiert seit über 20 jahren unter verschiedenen konzepten und besitzern. da sind leute dabei, die kommen von anfang an dreimal die woche und zahlen einen beitrag, der wahrscheinlich nur noch das duschwasser abdeckt.
    und die ballermann-geschichte habe ich von jemandem dort gehört.

  10. ich wußte in meiner elfenbeinturmartigen lebensweise bisher nicht mal, dass es eine klasseneinteilung bei muckibuden gibt, die ich insgesamt hasse wie die pest.

    ich mag’s eher „anders“: Keine Theke, kein Gequatsche, kein Gedudel, Atmosphäre wie in einer Kirche nur ohne Gesang im Hintergrund …

    ich kann das nur messianisch wiederholen – unbedingt mal probieren, wenn’s in der nähe ist. ich mache das allerdings wahrscheinlich aus gründen, die anderen fremd sein dürften. an guten tagen genieße und zelebriere ich den schmerz – und an schlechten tagen bestrafe ich mich dafür, dass ich den schmerz nicht genießen kann. danach fühle ich mich wie neugeboren, vor allem weil ich meist nicht mehr höre als metall auf metall und das ganze ohnehin eher arbeit für den kopf [… will ich jetzt wirklich nochmal über diesen punkt des schmerzes gehen?!] denn für den körper ist.

  11. REPLY:
    es ist zumindest in berlin so. ich habe hier in 10 min fahrradweite ca. 15 studios. medizinische, schwule, esoterische (ach nee, das ist vor zwei monaten pleite gegangen), rein weibliche, super-exklusive*, super-billige, ganz normale und verranzte eisendrückerbuden.

    * das mit dem heiratsmarkt stimmt scheinbar wirklich. frisch geschiedene männer gehen hin, weils dort attraktive frauen gibt, attraktive frauen gehen hin, weils dort nicht mehr ganz so junge, aber beruflich erfolgreiche männer gibt. ich kenne ein paar, das sich dort getroffen hat, die konstellation ist klassisch: er geschiedener bankmanager über 50, sie blonde pharmaassistentin in den 30ern. (die im süden des landes schon mal ein luxuriöseres leben gelebt hat, der typ wollte sie aber partout nicht heiraten.) sie haben jetzt das trainieren aufgegeben und setzen bei gutem essen gemeinsam fett an.

  12. naja, Klischees kommen ja nicht von ungefähr. Und ich will das obige sofort unterschreiben. Aber es gibt auch wirklich freundliche und nette Menschen dort. Selbst habe ich nur wenig Zeit in Fitenessstudios verbracht, eigentlich nur weils mit dem Laufen verletzungsbedingt nicht ging, und ums mal auszuprobieren. Die Einsamkeit des Eisenstemmers kam mir dabei sehr entgegen. Aber die Hupfdohlen-Angebote sind mir einfach zuwider. Diese Herdentriebgeschichte geht mir dann doch zu weit.

  13. REPLY:
    … und weil man da sachen machen kann, die nicht zu simulieren sind. ich ziehe an einer maschine bspw. 60kg in die höhe, indem ich meine schultern über dem mittelpunkt meines körpers in beide richtungen drehe. das geht „trocken“ einfach nicht, alleine schon deshalb weil dafür einige körperregionen eingespannt sein müssen, sonst bewegt sich der unterkörper und die schultern bleiben wo sie sind.

  14. REPLY:
    und der Herdentrieb ist nicht zu unterschätzen (ich diskriminiere nicht ich zitiere meine EX die, fit wie ein Turnschuh, die meiste Zeit in der Schwitzstube verbringt. Draussen fehlt ihr der Antrieb. hm…)
    Die Frau soll angeblich die Motivation von aussen brauchen. Können Sie mal dazu Stellung nehmen? (ich meine das nicht zweideutig, hrmhrm…)

  15. REPLY:
    naja, ich laufe auch keine 400m-runden im stadion, an deren ende der innerliche ruf erschallt, den scheiß doch einfach sein zu lassen und nach hause zu gehen, sondern begebe mich auf lange parcours, deren abkürzung darin bestehe würde, den see zu durchschwimmen.
    ebenso im studio. erstmal da, gehe ich nach 10 minuten nicht wieder.
    das hat weniger mit herde zu tun (bin lupenreiner einzelkämpfer) als mit einer gehörigen portion trägheit.

  16. REPLY:
    ähm … verstehe ich das richtig, ein filmabend in der muckibude?!

  17. schade…. oder beruhigend…: meine kategorie kommt in diesem goldmedaillentext nicht vor. im studio vermutlich auch nicht.
    denn ich denke ja auch immer nur darüber nach… mal dorthin zu gehen.
    grande :-))))

  18. Das mag ein Haken an großen Städten sein. Das Sporteln im Grünen dürfte auch da nicht wirklich einsam sein. Ich bin da verwöhnt. Den Wald habe ich auf weiten Teilen für mich – zumindest bilde ich mir das ein ;-)

  19. REPLY:
    ja, immer im sommer und auf der dachterasse. freitags und samstags, mit cocktails und kuscheldecken.

  20. REPLY:
    ach, mitjogger am schlachtensee kann ich weistestgehend ignorieren (nordic walker weniger, die sind einfach zu ausladend). beim schwimmen kommt mir so schnell auch keiner in die quere (zumindest, wenn ich mich in gewässern ohne nennenswerte schifffahrt bewege).
    aber ich habe ein indoor-phase, wenn man das mal so nennen mag. die weite der seen, die ich sonst liebe, ängstigt mich gerade ein wenig.

  21. REPLY:
    tolle geschäftsidee. ich verteile dann mal am samstag versuchsweise gewichte im kino.

    in meiner „muckibude“ fährt man zusammen beim drachenbootrennen. da ist irgendwie alles anders …(o;

  22. Ihr weiß nicht, warum ihr Geld für die Stöhnanstalten ausgebt:
    1x Bodenmatte, 2x 3.5kg Hantel, 1x 5/7.5/10kg Hantel und ein Expander.
    Plan:
    Erwärmung
    Expanderzyklus
    Halbkreise
    Dehnung (Stichwort funktionelle Gymnastik)
    Situps
    Trizeps (mit der großen Hantel)
    Expanderzyklus
    Klappmesser
    Dehnung
    Liegestütze
    Situps
    Bizeps
    Dehnung
    Trizeps (kniend mit 3.5kg)
    Unterarmtraining (3.5er Hanteln)
    Lockerungsübung
    Fertig. Zeit: 1h. Schweißausbruch garantiert.

  23. REPLY:
    wegen des inneren schweinehunds und seiner ansagen:
    oh, nee, heute doch nicht.
    wäsche aufhängen ist wichtiger!
    unterm bett liegt staub. (bei den situps)
    schau doch mal nach, ob noch was im kühlschrank steht, ich habe hunger!

  24. REPLY:
    Nönö, ich wollte Ihnen da nix unterstellen. Lediglich zum Ausdruck bringen, dass es für manche Menschen eben leichter ist sich mitreissen zu lassen. Ausnahmen gibt es immer wieder und erfreuen.

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