Fleisch

Triggerwarnung: Dieser Text ist mit Sicherheit nix für Veganer*innen und Vegetarier*innen. Es wird hervorragendes Rindfleisch zubereitet und gegessen.

Frau Indica war wieder einmal für ihre Gastro-Kolumne im Analogblog unterwegs. Da ich ihr die Idee zugetragen hatte – über den Grafen und dessen Bekannten Wiemer Wiemers, so geht der Weg von Empfehlungen – über gut zubereitetes Fleisch und speziell über den Goldhorn Beefclub zu schreiben, nahm sie mich als Mitesserin mit.

Ich dachte erst einmal Club … ok., das ist so etwas ganz Schnöseliges, Elitäres. Voller Leute, die nachsichtig lächeln, wenn frau nur Filet, Entrecôte und Rumpsteak kennt.
Am Ende hatten wir einen lehrreichen, amüsanten Abend voller Fleischlust.

Am Anfang war der Grill, den Josh Jabs, der Inhaber des Clubs, konstruierte.
Ich muss mal ein bisschen ausholen. Ich bin – so es mir mein Wohnort erlaubt – leidenschaftliche Grillerin. Mit Kohle, unbedingt, ein Gasgrill ist für mich ein schlechter Kompromiß, ein Elektrogrill kommt mir nicht ins Haus.
Der Graf ist in Hinsicht Holzkohlenfeuer und Schmurgelaromen, die jede Menge andere weniger schöne Kohlenwasserstoffe huckepack haben, ein bisschen vorsichtig und mag es lieber in der Grillschale.
Der Grill von Josh Jabs trägt diesen Bedenken Rechnung und hat ein Ableitsystem für das Fett, das nun nicht mehr ausschließlich rauchend verbrennt. Trotzdem trifft das Feuer durch enge Schlitze auf das Fleisch und die Temperaturen des Grills sind so hoch, dass ein Steak mit Kruste gart und innen blutig-rot bis rosa bleibt.
Das ist schon erst mal prima.

Vor zwei Jahren war der Boss es leid, als Grillmeister große Empfänge und Events zu bespielen und hat sich einen flachen 60er-Jahre-Bau in der Mommsenstraße* als Niederlassung gesucht, um die Berliner zu begrillen.
Der Gastraum ist in Dunkel und Gold gehalten, es gibt eine Bar und eine Zigarrenlounge und ganz vorn in der Schauküche steht der Grill und speit Feuer. Ein großer Reifeschrank mit Salzfliesen (zur Aufnahme der Feuchtigkeit) nimmt eine ganze Wand ein und darin liegen viele Stücke Fleisch von unterschiedlicher Herkunft und Schnitt und in unterschiedlichen Reifestufen.
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Von Kobe-Rind bis zu deutschem Rindfleisch aus natürlicher Haltung geht das Angebot, dazu gibt es Iberisches Schwein, etwas Fisch und ab und zu Besonderheiten, wie Zebu oder Fleisch von alten Tieren (bei richtiger Zubereitung eine Delikatesse).
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(Ich muss echt für die Fotos um Entschuldigung bitten. Frau Indicas Fotograf hat die Speisen immer ins bessere Licht gestellt, die verlinke ich dann noch mal, wenn es so weit ist.)

Die Beilagen und Vor- und Nachspeisen sind zurückhaltend und aus erstklassigem Material. Wir teilten uns als Vorspeise das handgehackte, bereits gewürzte Tatar mit Wachtelei und einen Burrata-Käse.
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Dann kamen nach gebührender Zubereitungszeit, in der der Grill die Hauptrolle spielte und wir uns die Zeit mit Wasser und Wein vertrieben
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viele Speisen auf den Tisch: Tomahawk-Steak, ein Teres Major- und ein Flankenstück. (Auf dem Foto oben wird übrigens das Tomahawk zubereitet. Hinterher kommt es noch in den Garofen.) Mein Favorit war das Teres Major, ein Zuschnitt, den ich bisher nicht kannte.
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Dazu kamen Kartoffelgratin, Fenchel-Lauch-Gemüse und Spinat.
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Bei einem so dicken Stück wie dem Tomahawk gibt es in den aufgeschnittenen Stücken alle Garstufen, von Rot über Rosa bis durch mit Kruste. Das fand ich ziemlich interessant, denn beim klassischen blutig oder rosa gebratenen Steak ist das nicht so ausgeprägt.
Der Spinat war ein Träumchen, da haben wir gleich beim Koch nachgefragt, wie er den zubereitet hat.

Für Dauer-Club-Mitglieder gibt es natürlich die Möglichkeit, das eigene Stück Fleisch im Reifeschrank zu haben. Wer die 24-Stunden-Clubmitgliedschaft nimmt, findet eine große Spannbreite sorgfältig zusammengestellter Fleischsorten und kann im Preis wählen von die von „Ich bin reich, wo ist der Topf mit dem Gold!“ bis „Exzellent Fleisch essen und den Rest des Monats trotzdem nicht an den Nägeln knabbern.“

Chef Josh, der Restaurantchef, der Küchenchef und der argentinische Grillmeister sind mit viel Herz bei der Sache. Man merkt, die Jungs mögen das, was sie tun und haben hohe Ansprüche und Respekt vor dem Tier, das sie zubereiten.

Ich glaube, ich habe noch nie so viel Fleisch auf einmal gegessen, wie an diesem Abend. Jedes Stück war anders, der Rest des Tomahawk wurde am Schluss noch einmal aufgewärmt und war dann noch besser. Natürlich hätte es auch Sößchen dazu gegeben. Aber grobes Salz und die hauseigene Würzmischung reichten völlig, da vermissten wir nichts.

Am Schluss gabs dann noch ein paar kleine, vorwiegend frische Desserts. Dreierlei Sorbets aus der Eismanufaktur und weiß und dunkle Mousse au Chocolat, nicht im Bild meine obligatorische Creme Brulee.
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Ein großer Dank geht an Frau Indica und ihre Printmagazin-Restaurantkolumne!

Fazit: Unbedingt empfehlenswert!

*der vor 7 oder 8 Jahren als Gourmetrestaurant sehr teuer renoviert worden war, nur war Berlin damals in Hinblick auf sehr gute Küche noch nicht so ganz so weit und eine ganze Weile schlief die Location.

Körperpanzer

Dieser Blogpost von Anke Gröner hat (nicht nur) mich nachhaltig beschäftigt. Sie wird von einer Frau im öffentlichen Raum angesprochen, warum sie schön und dick sei, das ginge doch nicht. Hier kommen Menschen mit Körperakzeptanz und Körperkontrolle zusammen und es knallt ausnahmsweise nicht, sondern Anke Gröner kann die übergriffige Eröffnung abfedern und es gibt ein Gespräch.
„Sie gehen so selbstbewusst durch die Gegend, obwohl Sie so dick sind.“ (Zitat aus dem Blogpost) Das muss man sich mal reintun. Da zieht sich eine Frau in einem Gespräch fast aus, da liegt plötzlich ein ganzes Frauenleben auf dem Fußboden der Eingangshalle Bibliothek: Wer dick ist, muss sich schämen und etwas dagegen tun, am besten in Form von Diäten. Essen ist zwar schön, aber schlecht für das Selbstbeherrschungsziel. Und zu diesem Kampf ist man dann lebenslang verurteilt.
Viel Spaß. Wer seine Energie darin verschwenden will, möchte wahrscheinlich nichts anderes vom Leben oder lenkt sich von anderen Problemen ab.
Auf der Facebook-Diskussion zu dem Blogpost wurde dann noch erwähnt, dass für die Gesprächspartnerin das Buch einer jungen Frau, die sich von 340 auf 170 Kilo halbierte, eine Inspiration war. Was mir ein bisschen die Gelegenheit gab, über das Körpergefühl dieser wohl normalgewichtig aussehenden Dame zu spekulieren.

Der Bericht über dieses Gespräch hat mich sehr bewegt. Was ich esse und wie viel ich wiege und wie das zu beurteilen ist, ist, seit ich ein paar Monate alt bin, immer wieder Thema meiner Umwelt und oft auch meines.

Meine Erfahrung: Dünn sein macht nicht glücklicher. In den schlanksten (und sportlichsten) Phasen meines Lebens war ich todunglücklich und erschöpft. Obwohl ich es mir nicht eingestehen wollte, denn ich war doch grade schlank und schön – meine Umwelt spiegelte mir das auch wider, all die anerkennenden Blicke, die neidvoll geschürzten Lippen, die kleinen Flirts. Wenn ich mich auf Fotos sah, waren meine Augen tot.
Es waren immer Umbruchphasen, in denen ich mich einsam und nicht akzeptiert fühlte. Wenn ich in so einer Phase war, war mein Mund wie zugeschnürt und ich mochte es, dass ich von Woche zu Woche weniger Platz wegnahm. Wenn ich dazu Sport machte, war das erst ein gutes Gefühl, den Körper erstarken zu spüren. Zudem brachte mir der Kick der Bewegung sehr viel. Ich hatte keine Probleme mehr, morgens aufzustehen und rauschte den ganzen Tag auf kleinen Flügeln durch die Gegend. Ließ ich einen Tag aus oder erhöhte ich wegen Erschöpfung die Sport-Dosis nicht, rauschte ich mental in den tiefsten Keller.
Irgendwann war es nur noch Selbstzweck – wenn ich an einem Tag nicht gelaufen/geschwommen war, drohte die Gefahr, zuzunehmen und dann würde ich womöglich von Menschen, an deren Beachtung mir lag, durch Nichtachtung gestraft und würde von dieser neuen, ätherischen Person wieder zum schweren Erdenkloß. Und wenn ich dafür um halb 6 Uhr aufstehen musste, weil der Tag mit Arbeit angefüllt war.
Ziemlich widersinnig, aber so sind wir halt.
Ist das Role Model jemand, der seinen Bedarf nach Nahrung unter Kontrolle hat und sich nicht gehen lässt, tun wir alles dafür. (Früher Jahren war der Mensch, der seinen Sextrieb beherrscht, Role Model.)

In meiner Umgebung sehe ich Menschen, die um halb 5 aufstehen, um vor 6 Uhr das Laufpensum zu erledigen und am nächsten Wochenende nach einem Marathon mal eben entspannende 35 Kilometer laufen und sich wundern, dass sie auf dem Zahnfleisch kriechen, nicht abnehmen und dicke Oberschenkel haben. (Muskelmasse? Könnte das sein?) Dazu dann Arbeit plus Überstunden. Damit lässt sich ein Leben auch füllen, keine Frage.
Ich lese diese Zeitungsartikel und denke: o-o, da sind aber viele Gespenster auf den Laufstrecken unterwegs.

Ich habe auch andere Phasen. Bei Angst und Überforderung esse ich mehr als für meinen Körper gut ist. Die 10 Monate stressige Arbeit im letzten Jahr haben für mich 5 Kilo plus bedeutet. Akkumuliert durch hastig in den Mund gestopfte Schokolade und Käsebrote inmitten von klingelnden Telefonen und Restaurantabendessen in tiefer Erschöpfung mit anschließendem Gang ins Bett. Fünf Kilo klingt nicht viel, fühlte sich aber für meinen Körper sehr ungesund an. Gerade in der Sommerhitze des letzten Jahres war ich oft kurz vor einem Kollaps und dazu schmerzten bei jedem längeren Gang Füße und Knie.

Ich habe seit ein paar Jahren kapiert, dass bei mir die Toleranz zwischen dem manischen Willen, den Körper zu unterwerfen und dem absoluten Scheißegal! ziemlich eng ist. Dazwischen liegt die Wohlfühlzone, die unter anderem dadurch definiert ist, dass ich ruhig und zufrieden sein kann und spüre, wie es mir geht. (Und damit auch Hunger und Durst merke) Dass mich kein Druck hetzt, ich nicht in Anpassung verschwinde und ich niemanden an mir herumzerren lasse. Kippt dieser Zustand, spüre ich mich nicht mehr. Im letzten Jahr war es wieder so weit, dass ich mir beim Hantieren am Backofen die Unterarme verbrannte und es erst Tage später bemerkte.

Ich habe also viele kleine Messfühler, die mir zeigen, wie es mir gerade geht, wenn ich mal wieder nur im Kopf und im Außen wohne und ansonsten nichts mitbekomme.
(Ein Bild wäre: Ich bin eine Burg, bei der ich in stressigen Zeiten nur den Wachturm besetze, über den ich Eroberer kontrollieren und in Schach halten will. Im Hof braten derweil die letzten fetten Schweine, denn man weiß ja nicht, was morgen ist, lieber heute noch mal gut gegessen.)

Manchmal hilft es mir zudem, zu schauen, was ich da eigentlich gerade mache. Von November bis April habe ich aufgeschrieben, was ich esse und wieviel ich mich bewege. Die Erkenntnisse sind nicht neu, aber manchmal muss man das noch mal am lebenden Beispiel analysieren:
Alles, was man früher in schlechten Zeiten als „nahrhaft“ bezeichnete – verdichtete Speisen oder Zutaten, die fast nur aus Fett, Zucker oder Kohlehydraten bestehen, sind für mich, die sich wenig bewegt, kaum Kraft aufwenden muss und wenig in Wind und Wetter unterwegs ist, keine ausschließliche Ernährungsgrundlage. (Ja, das sagen sie alle, ich habe das dann auch noch mal für mich nachgeprüft.)
Da geht eben nur mehr bewegen und weniger konzentrierte Energie zu sich nehmen (auch in Form von Alkohol). Ich konnte dann meine geliebten Käsebrote, Getreidebreie und Pralinen als Übeltäter einkreisen. (ich bin ja nicht so die Chipsesserin.) Wenn die nicht mehr Ernährungsgrundlage sind und an deren Stelle mehr Gemüse tritt, dann ist alles fein. Das ist zwar keine Instant-Befriedigung im Mund mehr (ich vergleiche das immer mit den Saugen von Rauchern), aber es ist alles eine Frage der Perspektive. Gemüse aus der Biokiste ist ziemlich lecker. Man muss es nur erst einmal zubereiten – und Zeit dafür haben. Instant ist dann nicht mehr. Zucker braucht eine immer höhere Dosis, da muss ich genauso wie bei Alkohol immer mal runterfahren. Zuckerersatzstoffe will ich nur in Cola haben, sonst brauche ich keine Chemie im Essen.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die gute alte Ärztin hat noch mal an der Schilddrüsenmedikation gedreht. Das macht sehr viel aus. Nicht im Grundumsatz, aber in Aktionsradius, Körperspannung, Schlafphasen, Körpertemperatur und Krafteinsatz für alltägliche Bewegungen. (Sie hat die Dosis übrigens reduziert.)

Jetzt bin ich ganz froh, nicht mehr diesen prallen Bauch, der mir die Luft nahm (von innen prall, gar nicht mal in Form von Masse über der Bauchdecke) vor mir herzuschieben. Ich komme gerade langsam wieder aus meinem Panikpanzer raus. Ein dünner, drahtiger Mensch mit fester Oberfläche will ich trotzdem nicht sein. Das war ich auch nie. Wenn ich das sein wollte, bekam ich nur dünnste Arme und Beine, war brust- und arschlos und hatte einen absurd großen Kopf, den Bauch behielt ich aber. So will ich nicht aussehen. Und den Zustand, den ich dazu hatte – ständig erkältet und todmüde – brauche ich auch nicht mehr.

Im übrigen, Diät- und Fitnesstipps brauche ich keine. Das bringt mir nichts.

Gina-Lisa Lohfink, Celebrity

Zum Thema Gina-Lisa ist eigentlich alles gesagt.
Aber daran, dass Celebrity ein Job ist und nicht alles so ist wie es scheint, denken wenige. Der Fall Gina-Lisa Lohfink ist auch ein Lehrstück von gegenseitiger Benutzung zu PR-Zwecken. Die Allianz Celebrity-Frau – Fem-Aktivistinnen/Politikerinnen ist im besten Fall ein win-win-Geschäft.

Saßen vor acht Jahren auch langgediente und zukünftige Feministinnen bei GNTM vor der Glotze und ereiferten sich über diese unmögliche Person Gina-Lisa, sind sie jetzt Team #teamginalisa. Das sind gut öffentlich in den sozialen Medien zu sehende Veränderungsprozesse.
Die im Fall der Falschaussage agierende Richterin und Staatsanwältin scheinen noch zur denen zu gehören, die Frauen, die im Geruch stehen, eine Schlampe zu sein, hart bestrafen.
(Für Details und Hintergründe von Rechtssprechung in diesem Fall lesen Sie bitte diesen Text, Fischer ist wie immer nach meinem Geschmack zu wortreich und natürlich ganz böse politisch inkorrekt, aber er erklärt die Fakten besser als Journalisten.)

Jetzt noch meine Selbstpositionierung, nicht dass jemand flott schreibt, die Koma sei wasauchimmerfeindlich und der Text tauge darum nix.
Niemand hat das Recht, Sex mit einer Frau zu haben, die sagt „hör auf“ und wenn sie dreimal vollkommen bedrogt und benommen ist. Und dass diese rammelnden Karnickel das dann auch noch dokumentieren, öffentlich machen und nicht für ihren Übergriff bestraft werden, ist der eigentliche Skandal. (Ja, ich habe mir das Video angesehen, die Körpersprache ist für eine Frau, die immer auf ihre Wirkung bedacht ist, ziemlich eindeutig, aber ich habe darüber nicht zu befinden.) Es ist oft viel Grauzone von Aussage gegen Aussage in solchen Dingen. Hier gibt es sogar einen Beleg und es passiert – nichts! Es passiert noch mehr als nichts, die betroffene Frau wird der Falschbeschuldigung bezichtigt.
Ob eine Veränderung des Sexualstrafrechts ein anderes Urteil gebracht hätte, das kann ich nicht beurteilen, davon habe ich keine Ahnung.

Wenden wir uns nun dem Phänomen Celebrity zu. Das sind Menschen, die in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen und Projektionsfläche für viele sind. Sie selbst sind ein Produkt, sie müssen meist nicht viel mehr leisten und können, als sie selbst zu sein  – oder das Bild, dass sie von sich in der Öffentlichkeit erzeugen. (Ausführlicher steht das in diesem Text, den ich vor einigen Jahren schrieb.)
Für uns Publikum sind solche Menschen Projektionsfläche. Sie haben all das, was wir nicht (glauben zu) haben. Sie sind dünn, schön und immer gut zurechtgemacht (zumindest, wenn die Kamera dabei ist), sie arbeiten scheinbar nicht für ihr Geld, müssen sich nicht mühen, sondern werden geliebt, gesehen und versorgt, weil sie einfach da sind. Ein tiefes, kindliches Bedürfnis zeigt sich dabei in uns, wenn wir das bewundern.

Was für Profit schlagen Celebrities aus ihrem Job? Sagen wir mal so, für jemanden mit einem guter Bildung und gutem Beruf gibt es genug besser bezahlte Alternativen. Wer das nicht hat, aber eine gute Portion Narzissmus und sich in der Öffentlichkeit sehr wohl fühlt, kann sein Aufmerksamkeitsbedürfnis stillen, wird als Testimonial, Fotomodell und Partystargast bezahlt, bekommt Werbe- und TV-Jobs, rutscht auf der Rechnung reicher Leute mit und erhält in der Regel eine ganze Menge Dinge umsonst – Hotelzimmer, Klamotten, Transfers, Urlaub, vielleicht sogar Schönheits-OPs. Dafür ist man zwar immer unterwegs, wie der Hamster im Laufrad, aber in der Regel fällt das in die Lebensphase, wo das auch passt.

Nicht selten kommen Celebrities aus dem Nichts, aus den Regionen zwischen Provinz und Gosse. Das ist das Fazinosum: Du bist nichts und du wirst alles.
Die Celebrity-Selfe-Made-Woman ist keine deutsche Figur. Sie ist amerikanisch oder im tiefen Grund höfisch-französisch. Für die deutsche Kultur, die auf schmucklose Wahrhaftigkeit pocht, ist diese glitzernde Selbstinszenierung zu lügenhaft.
Gina-Lisa Lohfink hat einige Vorläuferinnen. Deren Storytelling ist zum Beispiel:
„Eigentlich nicht dünne oder schöne, aber blonde Heidekönigin hat einen Komparsenauftritt ohne Unterhöschen, der sie intern bei der Presse bekannt macht und danach ein weitgehend öffentliches Privatleben (mit Dünnwerden und berühmtem Freund) mit heißem Draht zur Bildzeitung, seriös geworden dreht sie ein paar Filme, säuft aber.“
oder
„Für das deutsche Standardpublikum zu unblonde hübsche Frau mit alberner Stimmführung hat Kurzzeitehe mit reichem, blondem deutschem Star und macht danach doof aber clever zur Marke, muss aber die Pleite ihres zweiten Ehemannes kommunizieren.“
Gina-Lisa Lohfinks Geschichte ist etwas anders:
„Frech und unangepaßt kommt weit, zeigt Fräulein Rottenmeier-Klum den Mittelfinger und hat die große Klappe und danach jede Menge Aufmerksamkeit mit optimierten Tits, Lips and Ass, sagt, sie wurde vergewaltigt, aber man bezichtigt sie der Lüge.“

Die beruflichen Biografiealternativen all dieser Frauen wären etwa Einzelhandelskauffrau, MTA oder Hotelfachfrau gewesen. Oder Hausfrau mit ein paar minderbegabten Blagen und einem zu viel Bier trinkenden Ronny oder Steve auf dem Sofa. Also wenig Geld und niedriger Status.
Celebrities erzählen Erfolgsgeschichten, die tiefe Wünsche in vielen von uns ansprechen: Öffentlich sprechen, obwohl die Stimme klingt, als ob man auf ein Meerschweinchen tritt. Moppelig die Freundin eines Fernsehstars werden und plötzlich (scheinbar ohne große Mühe) dünn sein und bleiben. Ne geile Schnitte sein, mit großen Brüsten und allem drum und dran, die tollen Typen abkriegen und trotz großer Klappe nicht als böses, lüsternes Mädchen bestraft werden.

Diese Erfolgsgeschichten eint ein Fakt, der von außen nicht zu sehen ist: Diese Menschen müssen die Kontrolle über ihr Leben und über ihr Produkt (also sich selbst) behalten, selbst bei Problemen und Irritationen.
Ob nun der Alkoholausfall vor laufender Fernsehkamera, die nicht ganz lupenreine Insolvenz des schwächlichen Ehemanns oder die chemische Absenz, an deren Ende ein Video mit nicht nach Einvernehmen aussehendem Sex steht – all das muss schnell und klug in die Story integriert werden, bevor die Eigendynamik des „die Leute reden darüber“ die Kontrolle über die Geschichte zerstört.

Menschen, die den Vergewaltigungsvorwurf kritisch sehen, fragen warum Lohfink sich einen Tag später wieder mit dem Mann traf, der sie in der Nacht zuvor vergewaltigt haben soll. Welche Frage! – Sie machte ihren Job, denn durch diesen Mann, den VIP-Betreuer eines Clubs, konnte sie den Fußballer Jerome Boateng treffen und an ihrer Geschichte weiterspinnen. (TW für zart Besaitete: Link geht zur Bildzeitung)
Für Celebrities, sie sich nicht als brav und keusch verkaufen, wie die Frau mit der schlimmen Stimme, sondern mit vollem Körpereinsatz arbeiten, ist es normal, dass Bettgeschichten mit berühmte Leuten – oder Spekulationen darüber – zur Story gehören, das erhöht die Sichtbarkeit und damit den Marktwert. (Man erinnere sich an die Heidekönigin und Thomas D., der nur konsterniert bekannt gab, er habe mit der Frau nix zu tun.)
Dass man ein paar Tage brauchte, um einzuschätzen, was in dem Hotelzimmer mit dem VIP-Betreuer und seinem Kumpel eigentlich passiert ist und was das an Konsequenzen haben kann und es vielleicht auch nicht unbedingt Einigkeit zwischen der Betroffenen und den Beraterinnen gab, halte ich für normal. Da war einfach die Scheiße richtig fett auf den Ventilator gefallen.
Eine ganze Menge Frauen kennen solche Erlebnisse, bei denen impulsives Vorpreschen mit so einer Geschichte ggf. mehr Probleme gebracht hätte, als das Erlebnis selbst, ich auch. Auch wenn diese Impulsivität einen zum lupenreineren Opfer macht. (Die Erwartung ist: Eine wirklich vergewaltigte Frau hat kopflos ihr Elend herausklagen, statt nachzudenken, wie sie jetzt vorgeht.)
Öffentlich klar zu machen, dass frau sich zwar körperbetont-sexualisiert darstellt und dass das Teil ihres Konzepts ist, aber dass niemand das Recht hat, sich an diesem Körper ohne Einverständnis der Besitzerin sexuell zu bedienen und damit selbst ein Geschäft zu machen, ist sehr schwer.

Damsel in Distress oder zu deutsch Verfolgte Unschuld ist ein starkes Narrativ – nicht nur in der Kunst, auch in der öffentlichen Kommunikation, siehe Köln/Silvester. Aber wenn die Rolle der Frau eben nicht die der Unschuld ist, ist sie kein einfach zu akzeptierendes Opfer. Es ist fast folgerichtig, dass sie bestraft wird. Böse Mädchen werden bestraft, um zu demonstrieren, dass brave Mädchen besser leben. Dagegen lässt sich anrennen, aber solche archaischen Werturteile sitzen tief. (Genauso tief, wie die landläufige Vorstellung, dass ein Mann größer als seine Frau sein und mehr Geld verdienen und die Frau erobern sollte, um spontan Beispiele zu nennen.)
In der klassischen Dramaturgie wird das Good Girl vom Helden gerettet und das Bad Girl, das den Helden kurzzeitig faszinierte, stirbt. Manchmal wird sie sogar für die Rettung des Good Girls geopfert.

Schon in Zeiten von GNTM war ich erstaunt, wie viel Hass und Häme das böse Mädchen Gina-Lisa bei Frauen auslöste. Selbst bei denen, die wissen mussten, dass Gina-Lisa eine Rolle von Frau Lohfink ist oder die selbst gern unangepasste Mädchen waren.
Das, was Gina-Lisa Lohfink passierte, ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung: Öffentlich geschändet von einem statusniedrigen Mann, der sie eigentlich nur beruflich etwas weiterbringen sollte. Da sie selbst solche Videos auch inszenierte, machte sie das nur noch unglaubhafter.
Sie kämpft bei den Widerspruch gegen die Verurteilung wegen Falschverdächtigung um Gerechtigkeit und das, was wir sehen, ist ein Stück sehr professionelle PR-Arbeit.

Die studierten Soziologinnen und Kulturwissenschaftlerinnen beklagen öffentlich, dass Gina-Lisa Lohfink boulevardesk auf ihre Äußerlichkeiten reduziert wird, nennen sie zwar im Hashtag #teamginalisa auch nur beim Vornamen, ja, nennen sie sogar ihre Heldin, aber verlieren keinen Gedanken daran, dass es um eine öffentliche Rolle geht.
Die wasserstoffblonde Gina-Lisa mit Silikonbrüsten und fettem Lippenimplantat ist der Job von Frau Lohfink. Zeitungen können nicht über Dinge schreiben, die außerhalb der Figur Gina-Lisa liegen und Frau Lohfink betreffen. Sie sind nicht bekannt. Oder besser, das, was bekannt ist, ist professionell und mit Kalkül gesetzt und das ist gut so. Wir begegnen nun Frau Lohfink, hinter großer Sonnenbrille, klar und zurückhaltend ihre Verletzungen benennend.
Das schlimmste, was dieser Frau passieren kann ist der Kontrollverlust – als hilfloses, zerbrochenes Opfer durch die Mühle der Öffentlichkeit gedreht zu werden (obwohl sich das auf dem Boulevard, unter Allys und in der Politik phantastisch verkaufen würde, weil dann keine Fragen offen wären) oder wenn Leute, egal wer, ob feministische Aktivistinnen, Politikerinnen, Stern- oder Bildzeitungsredakteure, die Deutungshoheit über ihr Sein bekommen und sie das nicht mehr beeinflussen kann.

Wir haben gerade einen vortrefflichen Kumulationspunkt von Interessen: Frau Lohfink will Gerechtigkeit, die feminististischen Aktivistinnen und viele Frauen, die in der Politik tätig sind, wollen eine Gesetzesänderung im Sexualstrafrecht.
Frau Lohfink und ihr Team lassen Menschen für sich fighten, die Gina-Lisa noch vor drei Monaten nicht mit der Feuerzange angefasst hätten, weil Schlampe oder männerbedienendes Sexualobjekt. Die sich engagierenden Frauen argumentieren mit einem Video, das sie in der Regel nicht einmal gesehen haben und einer Frauenfigur, die eigentlich kein klassisches Opfer, keine Damsel in Distress ist und die so gar nicht ihrem Frauenbild entspricht. Mal schauen, ob sich das Bad Girl für die Good Girls opfern muss.
Ich bin sehr gespannt, auf das Ergebnis und ob diese Allianz von gegenseitigem Nutzen ist.

Vereinbarkeit – Alles auf einmal, geht das?

Triggerwarung: Ich meine mal wieder rum. Ich bin keine Soziologin, keine Politologin. Ich habe Augen im Kopf und ein Hirn und kann graben, wo ich stehe. Deshalb sind die Dinge, die ich aufschreibe, wie immer sehr subjektiv.

Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Geht gar nicht, sagen die einen. Natürlich geht das, habt euch nicht so, sagen die anderen, wer will findet Wege.

Ich bin bei diesem Thema tief gespalten, darüber hatte ich hier und da auch schon geschrieben.

Zum einen verstand ich die westdeutschen Frauenbiografien nicht. Was ist so attraktiv daran, sich in einer Wohnung oder einem Haus festzuzuzeln, als Mittelpunkt des Universums 1-2 Kinder und einen Mann zu haben, knappes Geld zu verwalten und immer nur über Kinder, Kochen und von Dritten gehörtes zu reden? Ausbildung? Ja, da war mal was, aber das diente nur dazu, mal rauszukommen, um jemanden kennenzulernen und ein Fallback zu haben, falls man niemanden abkriegt wird alles überschrieben, wenn er endlich da ist und der normale Lebensplan beginnt. (Das ist jetzt etwas polemisch formuliert, aber ich habe das zu meiner großen Befremdung genauso ansehen können. Ein halbes Germanistikstudium mit Ziel Lehramt, dann Ehe und Aufgabe aller eigenen Lebenspläne, von da ab ist das größte Thema, was man ihm kocht, wenn er mittags nach Hause kommt. Frauen, die genauso alt waren wie ich, Anfang der 90er.)

Die ostdeutschen Frauenbiografien sah ich aber genauso kritisch. Als ich das Abitur hatte, wollte ich auf gar keinen Fall eine dieser todmüden, abgearbeiteten Frauen werden, die zwar große berufliche Aufgaben übernehmen konnten, wenn sie nur wollten, aber immer nur hinterher rannten. Selbst die Chefärztin hatte abends den Haushalt und die Kinderbetreuung zu erledigen.
Auch wenn die Kinderbetreuung tagsüber sehr gut war – wer gab sein Kind wirklich gern morgens um 6 in der Krippe ab und hoffte, dass es nicht im Laufe des Tages Fieber bekommt und abgeholt werden musste (von der Mutter selbstverständlich), um es nach 6 Uhr abends erst wieder zu sehen?
Es war ja nicht nur die Familienarbeit selbst. Es war die Energie und Hirnkapazität, die in Verantwortung, Organisation, Planung und Aufmerksamkeit ging. Ist genug Milch im Haus? Ist die Wurst noch gut? Was stelle ich auf den Tisch, damit alle davon essen? Gibt es gerade etwas, für das es sich anzustellen lohnt? Der Staubsauger ist schon wieder kaputt und muss zur Reparatur-Annahmestelle drei Straßenbahnstationen vom Haus entfernt gebracht werden. Bügeln, Wäsche schleudern, irgendwann zum Friseur, für den frau sich aus dem Betrieb schleicht. Von schönen Kleidern träumen, die immer nur die anderen kaufen, weil sie die Zeit haben, sich mitten am Tag in der Jugendmode anzustellen.

Die Männer lebten ihr Männerleben. Taten beruflich sehr wichtige Dinge. (Oft die selben, wie die Frauen. Aber eben wichtig!) Kamen und gingen, wann sie wollten, waren niemand Rechenschaft pflichtig. Besorgen gespundete Bretter und Betonbohrer. Wussten, wo es Zement gab und wie man den Trabbi noch mal zum Laufen bekam, obwohl der Keilriemen ständig riss. Gingen auf Dienstreisen, hingen noch einen Tag Freizeit irgendwo ran und warfen nach der Rückkehr ihre Schmutzwäsche ab. Brüllten mal kurz rum, weil die Wohnung dreckig und unaufgeräumt war. Kontrollierten die Schulhefte der Kinder. Sagten der Frau, dass da was passieren müsse, das ginge so nicht. Erwarteten Begehren und Sex und keine ungekämmte, verschwitzte Mutti in der Kittelschürze, die um 9 Uhr ins Bett fällt und einschläft.

Das war oft von beiden Seiten aus anders gedacht und geplant. Aber für den Rückfall in die alten Rollen reichte es, als Mann in Sachen Kinder und Haushalt ein wenig ungebildet, desinteressiert, aber proaktiv zu sein.
Keine Zeit für den eigenen Putzanteil haben (wichtige Dinge!). Mit dem Kind, das Bronchitis hat, im kalten März mit dem Fahrrad durch die halbe Stadt zum Kinderarzt zu fahren (das muss Rad fahren lernen!) und für die anschließende Lungenentzündung bleibt die Frau zu Hause. Komisches Essen (Aber das ist leckere Würfelbrühe!) auf den Tisch stellen, wenn die Frau auf Dienstreise ist. Alle Wäsche in die Maschine schmeißen (das geht doch ganz schnell!) und das 60 Grad-Programm anstellen.
Was tut frau mit solchen Heldentaten? Ausrasten? Dann macht sie in Zukunft alles allein und ist noch die blöde Zicke. Erziehen? Dann hat sie noch ein zusätzliches Kind. Das Gespräch suchen? Wann bitte?
Außerdem kann sie das Auto nicht reparieren, vor der Schlagbohrmaschine hat sie Angst und die ganze Organisation rund um Handwerkliches ist ihr ein Rätsel. Und überhaupt wofür? Um noch mehr tun zu müssen?

(Fun Fact: Männer, die ganz selbstverständlich ihre Wäsche machten, bügelten, einkauften und kochten lernte ich erst nach der Wende kennen. Der ostdeutsche Normalo-Mann hatte bis auf Aufenthalte in Kasernen, Studenten- und Ledigenwohnheimen nie allein gelebt und wechselte von den Eltern zur Ehefrau.)

Ich hatte in der DDR panische Angst, in diese Doppellast-Falle zu laufen. Ich wollte Filme machen oder Theaterstücke inszenieren. Dafür hätte ich aber entweder mein Kind vernachlässigen oder aber Zeitkonto und Rückzugsmöglichkeiten eines Mannes haben müssen.
(Vernachlässigen heißt in diesem Fall, nicht unbedingt, im Kindergarten abgeben. Ein heute sehr bekannter Theaterregisseur war plötzlich alleinerziehender Vater. Der Deal mit der Mutter war von Anfang an: Du willst das Kind, du übernimmst es, wenn wir uns trennen sollten. Die Frau hat das durchgezogen. Er suchte fortan händeringend nach einer neuen Partnerin, die die Sorge um das Kind übernimmt und ernährte derweil eine Zweijährige ausschließlich von Vanillepudding, legte sie um 18:30 Uhr ins Bett, schloss die Tür zu und ging bis 23 Uhr zur Abendprobe.)
Ich hatte das große Glück, nach dem Fall der Mauer auf einen Mann zu treffen, dem Arbeiten nicht so wichtig war, der finanziell auf Karriere nicht angewiesen war und mit Kindern sehr gut konnte. Aber selbst in dieser Situation habe ich mich vorzeitig kaputtgearbeitet. Es war zu viel. (Kann man aber auch als individuelle Konditionierungs- oder Organisationsschwäche betrachten. Besseres Zeitmanagement, andere Prioritäten, was auch immer…)

Ich hatte noch andere Vorbilder, auch wenn ich ahnte und wußte, dass ich so ein Leben nicht würde leben können. Die Großmutter hatte nie (erwerbs-)gearbeitet, hatte Lyzeumsbildung und mit 17 geheiratet. Sie konnte einen großen Haushalt und wichtiges Gesellschaftsleben organisieren und war die starke Frau hinter einem erfolgreichen Mann. (Das war nicht so nicht abzusehen, aber es kam so.)
Die Mutter der Jugendliebe war eine etwas anstrengende, aber wunderschöne Frau mit künstlerischen Ambitionen, die dafür sorgte, dass die genormte Plattenbau-Wohnung schick eingerichtet und sauber war und dass es ihrem Mann und den Kindern gut ging, dass es gutes, gesundes Essen gab, die richtige Literatur im Regal stand und alle gut angezogen waren. Der Deal war: Er konzentrierte sich aufs Geld verdienen, sie musste nicht irgendwo als technische Zeichnerin am Brett stehen, sondern konnte malen und Mode entwerfen, wenn die Hausarbeit erledigt war.
Ich sah sehr genau hin. Das war nicht nur eine Frage des Geldes.
Bei uns wurden Unmengen an verdorbenen Lebensmitteln und schlecht gepflegten Klamotten weggeworfen, es gab teure Fehlkäufe und die stressige Situation für alle Beteiligten verleitete zu Kompensation an anderer Stelle.

Für schlecht ausgebildete Frauen in einfachen Berufen konnte das Teilzeit- und Hausfrau-Konzept auch in der DDR ganz gut funktionierten, wenn der Mann regelmäßig arbeiten ging. Für gut ausgebildete Frauen lohnte es sich nicht, weil sie genauso viel oder oft sogar mehr Geld als ihr Mann verdienten. Das gab wenig Anreiz, plötzlich nur noch zu Hause zu bleiben. Trotzdem war die Situation unbefriedigend, weil – trotz niedrigerer Produktivität und weniger anstrengender Arbeit als heute – die Frauen am Abend und Wochenende ihre zweite Schicht leisteten.

Edit: Der Mann war in der DDR nicht mehr der Familienpatriarch. Aber warum sollte er seine Komfortzone verlassen und sich neben Arbeiten und Handwerken nun noch den Haushalt zu einem Teil anhängen?
Mein Eheratgeber aus dem Jahr 1968 aus dem Verlag für die Frau hat ein Kapitel zu Vereinbarkeit. Der große Tenor ist: Es ist alles eine Frage der Organisation, auch Männer können Hausarbeit lernen, die Frau braucht die Freiheit, sich im Beruf zu verwirklichen und der Haushalt und die Kindererziehung können auch tiefer gehängt und an andere Strukturen delegiert werden. – Argumente, wie sie auch heute aktuell sind
Das Buch ist der Hinsicht sehr weit vorn, aber theoretisch. Andere Publikationen zeigen die klassische Rollenverteilung. Der Mann „hilft mit“.

Im übrigen gab es in Zeiten der politischen Wende in der DDR eine Bewegung aus jungen Familien, denen wichtig war, dass sie sich ihr familiäres Lebenskonzept allein aussuchten. Die Selbstverständlichkeit „Mann und Frau gehen arbeiten, die Kinder werden fremdbetreut“ erschien ihnen kritikwürdig. Das war zum Teil bedingt, weil diese – oft religiösen Menschen – keine ideologische Einflussnahme auf die Kinder wünschten, aber ihnen war auch der Gedanke zuwider, dass alle Familienmitglieder in einem entfremdeten Apparat verschwanden – die Eltern in ihren Betrieben und die Kinder in der Fremdbetreuung – und sich der familiäre Kontakt auf das Wochenende und kurze Abende beschränkte.

Ich verfalle jetzt nicht in „früher war alles besser“. Handwerker- und Bauernfamilien, deren Arbeit in die Großfamilie integriert war, waren bei weitem nicht so produktiv und nur selten auskömmlich wohlhabend. Entfremdete Erwerbsarbeit und Spezialisierung ermöglichten die hohe Produktivität der modernen Industriegesellschaft und damit den heutigen gesellschaftlichen Wohlstand.
Aber ich habe den Eindruck, dass dieser Effekt in Europa weitgehend ausgereizt ist. Wir profitieren heute zusätzlich von der Ausbeutung von Menschen in ärmeren Ländern. (Nur so können wir uns leisten, Menschen, die die hohen Ansprüche an Erwerbsarbeit hierzulande nicht (mehr) erfüllen können oder die gerade nicht benötigt werden, ohne Arbeit zu lassen und knapp zu alimentieren. Bei Hartz IV ist die Ausbeutung in Ländern wie Bangladesh und China Bestandteil der Kalkulation.)

Die Freistellung der Frauen von der Erwerbsarbeit war lange Zeit Ausdruck von individuellem und gesellschaftlichen Wohlstand. Eine Menge Bestandteile unserer Kultur zeugen noch davon – Gesetze, die die Hausfrauenehe stützen und das populäre Bild der „guten Mutter“ wie auch des „Erfolgsmannes“.
Das hat sich überlebt, weil Potentiale brachliegen. Arbeitskräfte mit Potential (Bildung, Verhalten, Konditionierung, Sprachbeherrschung) für Arbeit in modernen Industriegesellschaften sind angesichts niedriger Geburtenraten scheinbar knapp.
Dass Frauen arbeiten gehen, ist also nicht nur im Interesse ihrer Selbstverwirklichung. Diese Gesellschaft kann sich nicht mehr leisten, Frauen teuer gut auszubilden und dann als Arbeitskraft zu verlieren. Als in Leistungsfähigkeit und Verhalten dem Mann gleichwertige Arbeitskraft wohlgemerkt, denn die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, ist männlich codiert. Sie erfordert lange Abwesenheit von der Familie, Fokussierung auf die Sache und flexible Verfügbarkeit und hat kaum Platz für Menschen, die im Zweitjob nach Feierabend noch als Hausfrau und Mutter arbeiten.
Das klingt alles ganz fürchterlich. Als wären wir eine Armee, die zur Rekrutierung für die Arbeitswelt bereit steht. Aber unsere Kultur ist dominiert durch entfremdete Erwerbsarbeit und Konsum durch Kaufen. Dann ist das halt so.
(Das Argument „das Geld eines Alleinverdieners reicht nicht mehr für eine Familie“ würde ich hingegen nicht unbedingt akzeptieren. Unsere Großelterngeneration war wesentlich anspruchsloser und sparsamer. Wer in der Großstadt wohnen und einen schichtenadäquaten Lebensstil führen will, kommt halt mit dem Geld einer Verdienerin nicht mehr aus.)

Es gibt eine ganze Menge Ansätze, das Problem zu lösen:

  1. Verzicht auf Kinder, Konzentration auf Leistung und Karriere. Damit wird der Mangel an optimalen Arbeitskräften aber auf die nächste Generation verschoben.
  2. Delegierung des Problems an das Individuum: Frauen und Männer sollen sich über die Verteilung der Familienarbeit einigen. Das führt zu verbaler Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre und ändert das auf männliche Bedürfnisse und Potentiale eingerichtete Arbeitsleben nicht.
  3. Vergesellschaftung familiärer Strukturen. Die Gesellschaft schafft Organisationen, um den Anteil der Familienarbeit zu verringern, wie Kindergärten, Ganztagsschulen, praktische, leicht zu pflegende Wohnungen, der Haushalt wird aufgelöst, Arbeiten wie Essen kochen und Hausarbeit werden genormt, optimiert und nach außen delegiert. Das ist das Modell der (kommunistischen) Moderne und funktioniert in individualisierten Gesellschaften schlecht.
  4. Das Konzept Dienstpersonal wird neu aufgelegt. Die sonst kostenlose Familien-Arbeit erledigen bezahlte Helfer, deren Qualifikation ihnen keine Chancen bei moderner Industriearbeit ermöglicht, deren Kenntnisse in Familienarbeit aber wertvoll sind. Diese Kosten werden steuerlich berücksichtigt. Das ist in Europa derzeit nicht bezahlbar, organisierbar und ich denke, auch nicht politisch gewollt.
  5. Ältere, aber nicht zu alte Familienmitglieder übernehmen die Familienarbeit. Das wäre die Rückkehr der Großfamilie. Das funktioniert im ländlichen Raum, in Bayern und Baden-Württemberg recht gut. Für Städter, die zudem örtlich flexibel sein müssen, ist es schwierig.
  6. Alles wie gehabt, aber ohne Geschlechterfixierung. Der für die Erwerbsarbeit erfolgversprechendste Partner geht arbeiten und erwirtschaftet so viel, dass der andere Partner  für die Familienarbeit freigestellt werden kann. Bleibt das Problem, den unbezahlt arbeitenden Partner ausreichend finanziell abzusichern, auch über den Bestand der Partnerschaft hinaus. – Oder ihn einfach für die Arbeit zu bezahlen.
  7. Beide Partner arbeiten Teilzeit. Dafür müsste sich die Arbeitswelt enorm ändern, die in großen Bereichen so organisiert ist, dass Arbeitnehmer mental und körperlich 100%ig zu Verfügung stehen muss, wenn dies nötig ist.
    Bis hin zu Umzügen und Ortswechseln der Arbeit hinterher, die dann auch beide machen müssen. Ich habe starke Zweifel, dass sich der Aufwand wirklich lohnt. Das mag in Ausnahmen funktionieren, in der Masse könnte das schwierig werden.

Was meiner Meinung nach überhaupt nicht geht: Dass ein Mensch in einer Partnerschaft ganz entspannt sein Tun hat, während der andere fast zusammenbricht oder sich kaputtarbeitet. Oder beide sich kaputt arbeiten, weil sie die gesamte Organisation nicht hinbekommen.
Das Ergebnis der Versuche von Vereinbarkeit von Kindern und Familie sehen wir ja nicht sofort. Es kann sein, dass die Gesellschaft entspannter wird, weil eh keiner mehr den Nerv hat, über Gebühr Arbeitsleistung zu erbringen. Kann auch sein, wir versacken irgendwo in Mittelmaß und Chaos. Oder es hängt eine ganze Generation ausgebrannt und fertig 10 Jahre vor der Rente zu Hause, weil man doch nicht alles haben konnte.

Ich weiß es nicht. (edit: Die meisten Veränderungen passieren aus Not oder Komfortgewinn, nicht aus „man müßte mal“. Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist aus Sicht der Partner gerade beides nicht unmittelbar gegeben. Es gibt nur die mittelbare Not, dass Frauen beruflich weit abgeschlagen und finanziell verelendet sind, wenn die Ehe zerbricht. Aber das ist komischerweise selten öffentliches Argument. Über die Reform des Ehegattenunterhaltes von 2008 wird selten gesprochen. Die Zahlen sprechen für sich, 39% der Alleinerziehenden bekommen Hartz IV.)

Edit: Ich habe so einen Text schon einmal geschrieben, merke ich, vor einem Jahr beschäftigte mich das schon mal. Textlich etwas pointierter, aber in den Schlußfolgerungen nicht so detailliert.