Professionalität, die

Vor reichlich 20 Jahren, im zweiten Jahr meiner Selbständigkeit, hatte ich ein unangenehmes Erlebnis. Ich hatte gerade ein Produkt auf den Markt gebracht, mit dem ich die nächsten 12 Monate meinen Lebensunterhalt verdienen wollte.
Mein Konto war mehr als leer, weil die Kosten etwas höher waren als kalkuliert, ich hatte dafür zwei Monate Tag und Nacht gearbeitet und nun hatte ich mein Baby und fühlte mich leer und fertig.
Das Telefon klingelte und ein Mensch aus meiner weiteren Korona war dran. Nach einen kurzen Intro – ich erwartete ein paar unterstützende Komplimente – legte er los: Mein Produkt wäre schlecht, er wäre total enttäuscht und hätte was besseres erwartet… dann hörte ich nicht mehr zu. Ich war viel zu dünnhäutig und fertig, das zu ertragen.
Nachdem ich das Gespräch beendet hatte, heulte ich erst mal.
Ich habe lange gebraucht, um das einzuordnen: Wenn du dich rauswagst, hast du Gegenwind. Immer. Wenn sich einer über dich kritisch äußert, kann er das gern tun. Du weißt, was du geschaffen hast. Zeitgleich kannst du die Kritik auf stichhaltige Argumente scannen. Nicht zuletzt – der andere hat scheinbar ein Problem, du nicht. Dein Produkt ist gemeint, nicht du. Was ist also dein Problem?

An diesem Montagmorgen im Januar klappte ich Twitter auf und wurde Zeugin folgender Szene.

Frau A: Hm, statt des beknackten Produktes X wäre vielleicht eine Zusammenstellung von Dingen, die man nicht braucht, besser.

Frau B: Ja, aber diese Zusammenstellung kannst du bei Frau C, die ein Produkt wie Produkt X vertreibt, auch schon kaufen.

Auftritt Herr D. Herr D. ist der Mann von Frau C. und ihr Co-Produktvertreiber (edit: wie er selbst sagt, ist er Geschäftsführer der Firma).

Herr D: ALARM!!!! HASS! HETZER!  Und ausgerechnet von Frau B., die ($Vorwurf eines Verhaltens, das Herr D. und seine Umgebung als unmoralisch empfindet)!!111

[edit: der Tweet mit dem Wording Hass und Hetze ist mittlerweile verschwunden.]

Da kann man natürlich die Schultern zucken und sich fragen, ob der Herr D. mit dem falschen Bein aufgestanden ist oder warum er sonst so rumeskaliert.

An Frau B. blieb der Vorwurf hängen, sie sei wegen des Satzes „Auch dieses Produkt kannst du schon kaufen“ eine Hetzerin, würde Hass verbreiten, sich darüber hinaus unmoralisch verhalten und hätte daher kein Recht, sich über Produkt X oder das „Welche Produkte man nicht braucht“-Produkt zu äußern.

Frau C. schloß einen Tag „wegen Haß“.

Was tut man damit?

Zurückhauen?

Das lässt die Wellen in der Regel noch höher schlagen.

Ignorieren?

Als mir Frau Erzählmirnix unjüngst in elegantem Nonmention-Stil zwei Comics an einem Tag widmete, ignorierte ich das. Das funktionierte gut und einen Tag später trieb man ohnehin die nächste Sau durchs Dorf. Meinen Blogpost, um den es ging, konnte ich derweil schon bei der VG Wort einreichen, so viel Aufmerksamkeit hatte er bekommen.

Aber im gerade geschilderten Fall steht immer noch die Botschaft der gezielten verbalen Aggression im Raum: Frau B. sei eine Hetzerin und täte Unmoralisches. Muss sie das auf sich sitzen lassen?
Finde ich nicht. Denn das würde Herrn D. von der Wirksamkeit seiner Eskalationen genauso überzeugen, wie zu viel Aufmerksamkeit.

Konfrontieren?

Das scheint mir das Beste. Der Satz „Ist Ihnen eigentlich bewusst, was Sie da gerade gesagt haben?“ wirkt unter zivilisierten Menschen Wunder. Zur Not muss man ihn mehrere Male wiederholen, bis er ankommt.

Nachsatz:

Wer ein Crowdfunding macht, das beim genauen Lesen der Projektbeschreibung ein Crowdinvestment ist – also im Vorhinein Geld für ein zu erstellendes Produkt einsammelt, möchte – ja was? Geld verdienen? Das ist legitim. Vielleicht nicht viel, aber schon so viel, dass der kalkulierte Aufwand monetarisiert wird. Was noch? Liebe, Aufmerksamkeit, Lob und Anerkennung? Das Vertrauen von Menschen? Die Welt besser machen?
Ich finde, etwas gutes Benehmen (vulgo Achtsamkeit) und Standing gegenüber Kritikern gehören unbedingt dazu.

Was schön wäre – Infinitive Liste

Kleidung

  • eine Weste/Leibl zum langen Tweedrock, eine aus pinkfarbenem Leinen für den Sommer
  • endlich ein Bleistiftrock-Schnitt, der paßt
  • das Kimonokleid als Bluse (ich bin skeptisch, ob es mir steht) aus schwarzem Batist
  • eine rote Chiffonbluse
  • ein graubraunes Shirt mit Spitze
  • mehrere weiße Blusen mit Biesen und Spitze
  • mehrere schwarze Twillhosen (Hosenschnitt, ich komme!)
  • noch ein Stadtmantel in Rot
  • mindestens zwei Jacketts oder Jäckchen nach eigenem Schnitt, aus schwarzem Samt und Cord
  • ein violettes Sommerkleid mit Entfärbetechnik gestaltet, nach einem alten Chacharel-Kleid genäht, das mir nicht mehr passt
  • gut sitzende Unterhosen aus Jerseyresten
  • eine Jacke für das Eulenfutter
  • ein Redingote-Mantel aus edlem schwarzen Wollstoff mit Omas altem Silberfuchskragen, so ihn nicht schon Tierchen gefressen haben, und schönem Futter in Windsor Purple
  • zwei taillierte Strickjacken
  • drei taillierte Pullover mit V-Ausschnitt
  • langweilige T-Shirts für alle Tage mit Stickerei versehen
  • warme Socken, viele Paare
  • noch ein Schal und Socken für den Grafen
  • zwei Vorbindschürzen mit Prinzessnaht im Oma-Style
  • Spitzenschals und -tücher
  • Handschuhe ohne Finger

Heimtextilien

  • ein Quilt für Papa, halbfertig ist er schon
  • ein Teppich fürs Bad aus alten Shirts
  • irgendwann in der Zukunft: üppige, gefütterte Vorhänge
  • ein Wholecloth-Babyquilt in grau und gelb

Dinge

  • eine eigene Overlock, am besten noch eine Coverlock dazu
  • ein langes Leben für das 9 Jahre alte Macbook
  • Kopfhörer

Gesundheit

  • ein klarer Kopf
  • gute Augen
  • standfeste Füße
  • genügend Kraft
  • viel Zeit zum Schlafen, besonders mittags
  • Futter und Auslauf, nicht zu viel und nicht zu wenig

Umgebung

  • ein Ort mit weitem Blick und guter Luft
  • ein Teilselbstversorgerbeet
  • ein kleines Gewächshaus und/oder ein Wintergarten
  • ein Walnussbaum, ein paar Obstbäume, ein Himbeerspalier
  • ein See in der Nähe

Menschen

  • das Kind und die kleine Familie, die da wächst, im Glück bitte, in bewältigbaren Verhältnissen und einer größeren Wohnung
  • den Grafen mit guter Gesundheit und voll stiller Zuversicht
  • die Eltern auf einem stabilen Weg ins Alter und lange selbständig
  • der Bruder auf einem neuen Pfad, mehr auf sich selbst achtend
  • wieder Kontakt zu Menschen, die ich aus den Augen verlor
  • überhaupt, Kontakt – ich habe viele im Kopf, im Sinn und im Herzen, ständig telefonieren und sehen muss nicht sein
  • wenn nötig handeln – statt raisonieren, eher schweigen als zu viel reden, sich sein lassen und doch aufeinander achten

Arbeit

  • weiter Langtext schreiben, die zwei angefangenen Texte zeitnah beenden, den geplanten anfangen
  • die kleinen Lehrshows mal hier mal da aufführen
  • wenn, dann vorher gut geplant, nicht drauflos
  • ein gemeinsames Projekt
  • Amen

Lebensunterhalt

  • ist völlig ok. so, kann aber auch die Hälfte davon sein
  • eine kleine Goldader fürs Alter bitte

Fünf Fragen zur Demokratie

Isabella Donnerhall hatte ein Stöckchen in die Runde geworfen. Ich hatte es gleich Anfang der Woche aufgegriffen und zu schreiben begonnen und dann ließ ich den Text liegen, weil ich dachte, das wäre zu privat. Aber jetzt habe ich es doch fertig geschrieben. (Ich werde mich um Kommentare nicht richtig kümmern können, falls es welche gibt, denn so halb bin ich ja schon weg.)

Was bedeutet der Begriff Demokratie für dich – unabhängig von seiner Definition?

Volksherrschaft. Die Beteiligung möglichst vieler Menschen, egal welchen Standes, Bildung oder Familie an der Auswahl seiner Interessenvertreter. Das Volk wählt Menschen, die die Entwickungsrichtung einer Nation, Region oder Verwaltungseinheit für die nächsten Jahre gestalten.
Durch die Vereinigung vieler Interessen kann Demokratie nicht übermäßig gerecht sein und steht immer in der Spannung von trägen Mehrheitsinteressen, Besitzstandswahrung und dem Druck der Modernisierung und den Wünschen von Vordenkern.
Das ist ok. Daß es Konflikte gibt, ist auch ok. Keine Konflikte ist Nordkorea, wo sich theatralisch freuende Militärs mit Notizblöcken um einen Erbherrscher scharen, bis der nächste von ihnen zum Tode verurteilt wird.
Und Volk ist nicht unbedingt das, womit ich mich identifiziere. Aber das muss ich aushalten. Mein Leben, wie ich es lebe, basiert auf den vielen Leben einfacher Menschen in der Provinz. Sie sind die Basis. Sie sind zu respektieren.

So gesehen kehrt plötzlich der von mir sehr kritisch beäugte Spruch meines Großvaters: „Bei allem, was du tust und sagst, frag dich, nützt es der Arbeiterklasse?“ in mein Leben zurück. Nicht, weil ich meinen Frieden mit ihm gemacht habe, oh nein. Ich werde mich nach wie vor in meinem Denken und Handeln nicht beschneiden. Ich will aber mein Leben und meine Ziele nicht auf andere projizieren. Meine Existenz, Werte, Ziele sind nicht das Maß der Dinge.
Leute wie ich, sind wenige. Leute, die erwarten, dass etwas über ihnen wacht, dem sie sich unterordnen, sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut beschützt und versorgt und die gegenüber Menschen, die anders sind als sie, mehr oder weiniger lautes und aggressives Misstrauen haben oder die das Gefühl haben, bei der Verteilung zu kurz zu kommen, sind zahlreich und ebenfalls durch das Konstrukt Demokratie in ihrer Existenz berechtigt. Wir brauchen einander, auch wenn wir uns selten verstehen. Im Gegenteil. Viele solche Spacken wie ich würden den Staat destabilisieren.

In welcher Form bzw. unter welchen Umständen könntest du dir vorstellen dich außerhalb der Stimmabgabe politisch zu engagieren? Anders gefragt – was hält dich ab?

Ich bin seit den Neunziger Jahren Mitglied einer politischen Partei. (Nachdem ich es in der DDR vermieden hatte, obwohl die Familie erwartete, dass ich mit 18 pflichtschuldigst SED-Mitglied werde.)
Ich habe eine einjährige Schulung für Frauen in der Kommunalpolitik absolviert. Inklusive Gastgesprächen von älteren Kommunalpolitikerinnen, die erzählten, was einen als Frau so erwarten kann und wie frau damit umgeht. (Schützenfeste! Politische Rituale! Männerbastionen! Mausischreibmalprotokoll-Kultur!))
Ich habe zwei Mal versucht, mich aktiv zu engagieren und wußte hinterher, ich bin dafür nicht geeignet. Ich bin Analytikerin, nicht Politikerin.
Beim ersten Mal haben mich Männer im Vorstand lächelnd ausgehebelt, indem sie ein hübsches blondes Mädchen programmierten und gegen mich und eine andere, sehr taffe Mittelständlerin zur Wahl stellten. (Verbündete finden und Allianzen machen war nie meine Stärke.) Das war noch die Zeit der Männerbünde, die noch so unfähig sein konnten, Frauen ließen sie nicht ran. Auf Bundesebene gab es Interesse an mir, da war ich schnell in Netzwerken drin und hatte Unterstützung. Das war schade, denn mich hätte aktive Medienpolitik sehr interessiert. Ich habe das verkackt.
Bei zweiten Mal stand ich für eine gänzlich andere, moderne Richtung: Politik für erfolgreiche, arbeitende, gebildete Frauen und Mütter. Gute Schulen, gute Kinderbetreuung, moderne Steuergesetze.
Ich verstand nicht, warum jemand anders in der Gruppierung immer in Richtung Sicherheitspolitik und Schutz von Frauen und Familie orientierte. Ich machte mich darüber lustig, dass Berlin scheinbar aus geprügelten Unterschichtsmuttis und bei Dates vergewaltigten Frauen bestand.
Was ich übersah: Diese Person arbeitete tief unten im gesellschaftlichen Flöz, sah das Elend und die Konflikte, die sich in manchen Vierteln und mit einigen Typen zusammenbrauten. Fünf Jahre später hat die Zeit ihr Recht gegeben. Sie gilt nun als Sicherheitsexpertin und wird bestimmt bei der nächsten Wahl eine politische Position bekommen.
Mein Fazit? Das ist nicht meine Tasse Tee. Ich bin zu ignorant und arrogant und interessiere mich nur für eine kleine Gruppe Menschen. Und für den Weg in die Politik, um zu buckeln und gleichzeitig abzusahnen, fehlt mir das Hofschranzen-Gen.
Denn die Politik, die Gestaltungsfeld von Allgemein- und Gruppierungsinteressen ist, wird nun mal von Menschen gemacht, die dort ihre persönlichen Interessen verwirklichen und die sind in den seltensten Fällen altruistisch.

Kannst du dir vorstellen freiwillig in einer anderen Regierungsform als der Demokratie zu leben? Falls ja, in welcher?

Da habe ich die ersten 25 Jahre meines Lebens gelebt, wenn auch hineingeboren und nicht freiwillig. Von der Struktur her war die DDR (für mich) eine aufgeklärte Monarchie, nicht säkulär, sondern von der religionsähnlichen marxistisch-leninistischen Lehre geprägt.
Mir ging es sehr lange verdammt gut damit, weil ich zur richtigen Familie gehörte. Als ich anfing, selbständig zu denken und zu handeln, rannte ich gegen Wände: Das darf ich nicht so denken, jenes nicht so sagen, darüber muss geschwiegen werden, das hingegen schrei laut und kämpferisch heraus, auch wenn es nur ein Euphemismus und faktisch absurd ist! Ich kam in massive Konflikte.
Natürlich hätte ich es mir in den damals bestimmenden Eliten bequem machen können, die Türen standen weit offen. Nebenher hätte ich das dumme Volk bekopfschüttelt und beschimpft, das unsere Segnungen nicht zu schätzen weiß.
Nichts für mich.
Insofern weiß ich nicht, welche andere Regierungsform für mich in Frage käme. Ich finde die westliche Demokratie von der Gestaltungsfreiheit schon ziemlich gut, im Vergleich zu dem, was noch zur Auswahl steht.

Hast du schon einmal „aus Protest“ gewählt? Wenn nein, kannst du es dir vorstellen? Oder wäre Nichtwählen deine Form des Protests?

Nichtwählen kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe seit 1989 tatsächlich die Wahl. Warum sollte ich dieses Privileg nicht nutzen?
Ich zucke sogar bei Briefwahl. Denn 1989 wurden wir Studenten zu vorfristiger Wahl am Studienort animiert (das Pendant zur Briefwahl) und in diesen Sonderwahllokalen wurden massiv Ergebnisse gefälscht.
Ich habe ein Mal in den frühen Neunzigern protestgewählt bzw. meine Stimmen an absurde rechte und linke Splittergruppen verschenkt. Deshalb hatte ich zwei Jahre ein schlechtes Gewissen. Es ging mir damals nicht gut. Ich war sehr arm und verzweifelte daran, dass die Gesellschaft von mir erwartete, dass ich arbeiten sollte, um mich zu ernähren und mir gleichzeitig alle Türen dazu verschlossen blieben.
Nichtwählen ist kein Protest, sondern Feigheit und Trägheit. Leute, die nicht wählen gehen, aber sich hinterher beschweren, dass „die da“ mal wieder nicht ihre Interessen vertreten, kann ich nicht ausstehen.

Zusammenarbeit und Kommunikation mit dem politischen Gegner – unter allen Umständen? Gibt es eine Alternative zur Diplomatie?

Definiere politischer Gegner. Das Wort hat für mich durch exzessiven Gebrauch in der DDR seinen Wert verloren. Es bedeutete irgendwann nur noch: Leute, die nicht so denken, wie wir und uns etwas von unserer Macht wegnehmen könnten.
Ganz oft werden Gruppen, auf die Unzufriedene ihre Wünsche projizieren, durch Ausgrenzung noch attraktiver. Das ist die Steigerung von Opposition. Opposition muss nur dagegen sein, Korrektiv statt Konstruktiv sein. Ein isolierter politischer Gegner bekommt den Glow des Märtyrers. Das halte ich für gefährlich.
Das, was heute als politischer Gegner dasteht, halte ich eher für eine Ansammlung von Opponenten, die durch den Zulauf von durch Parteienmodernisierung politisch heimatlos Gewordenen gestärkt werden. So unangenehm es für Manche klingen mag: Auch Traditionalisten, Angstbeißer, Ewigzukurzgekommene und Liebhaber von Autoritäten haben in einer Demokratie das Recht auf Interessenvertretung, egal ob rechts, links oder Eichhörnchen.
Für alle, die mit ihren Ansichten außerhalb der Verfassung stehen, gibt es Gesetze, um sie zu maßregeln.

In der praktischen Politik findet der „Du bist mein Feind!“-Kindergarten in der Regel für die öffentliche Show statt. Die Leute reden nun mal miteinander, wenn sie sich bei der politischen Arbeit begegnen. Was nicht immer heißt, dass man miteinander befreundet ist, aber man respektiert und schätzt sich auch manchmal. – Und sammelt natürlich hinter dem Rücken Kompromat (auch über die eigenen Leute), das im geeigneten Moment eingesetzt wird, um jemanden aus dem Feld zu kicken. Da Leute in der Politik in der Regel gleich ticken, weil sie diesen Job ergriffen haben, verstehen sie sich auch. Nicht umsonst sieht Joschka Fischer heute zu 150% aus wie ein x-beliebiger konvervativer Bonze.
Leute mit wirren und radikalen politischen Ansichten schickt man man am besten gut betreut auf den Praxisparcours, das entzaubert sie meist schnell.

Natürlich gibt es Alternativen zur Diplomatie. Aber die sind halt Haudrauf und wenig elegant. Am Ende der Diplomatie gibt es meist Krieg.

 

Veröffentlicht unter Exkurs

Fleisch

Triggerwarnung: Dieser Text ist mit Sicherheit nix für Veganer*innen und Vegetarier*innen. Es wird hervorragendes Rindfleisch zubereitet und gegessen.

Frau Indica war wieder einmal für ihre Gastro-Kolumne im Analogblog unterwegs. Da ich ihr die Idee zugetragen hatte – über den Grafen und dessen Bekannten Wiemer Wiemers, so geht der Weg von Empfehlungen – über gut zubereitetes Fleisch und speziell über den Goldhorn Beefclub zu schreiben, nahm sie mich als Mitesserin mit.

Ich dachte erst einmal Club … ok., das ist so etwas ganz Schnöseliges, Elitäres. Voller Leute, die nachsichtig lächeln, wenn frau nur Filet, Entrecôte und Rumpsteak kennt.
Am Ende hatten wir einen lehrreichen, amüsanten Abend voller Fleischlust.

Am Anfang war der Grill, den Josh Jabs, der Inhaber des Clubs, konstruierte.
Ich muss mal ein bisschen ausholen. Ich bin – so es mir mein Wohnort erlaubt – leidenschaftliche Grillerin. Mit Kohle, unbedingt, ein Gasgrill ist für mich ein schlechter Kompromiß, ein Elektrogrill kommt mir nicht ins Haus.
Der Graf ist in Hinsicht Holzkohlenfeuer und Schmurgelaromen, die jede Menge andere weniger schöne Kohlenwasserstoffe huckepack haben, ein bisschen vorsichtig und mag es lieber in der Grillschale.
Der Grill von Josh Jabs trägt diesen Bedenken Rechnung und hat ein Ableitsystem für das Fett, das nun nicht mehr ausschließlich rauchend verbrennt. Trotzdem trifft das Feuer durch enge Schlitze auf das Fleisch und die Temperaturen des Grills sind so hoch, dass ein Steak mit Kruste gart und innen blutig-rot bis rosa bleibt.
Das ist schon erst mal prima.

Vor zwei Jahren war der Boss es leid, als Grillmeister große Empfänge und Events zu bespielen und hat sich einen flachen 60er-Jahre-Bau in der Mommsenstraße* als Niederlassung gesucht, um die Berliner zu begrillen.
Der Gastraum ist in Dunkel und Gold gehalten, es gibt eine Bar und eine Zigarrenlounge und ganz vorn in der Schauküche steht der Grill und speit Feuer. Ein großer Reifeschrank mit Salzfliesen (zur Aufnahme der Feuchtigkeit) nimmt eine ganze Wand ein und darin liegen viele Stücke Fleisch von unterschiedlicher Herkunft und Schnitt und in unterschiedlichen Reifestufen.
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Von Kobe-Rind bis zu deutschem Rindfleisch aus natürlicher Haltung geht das Angebot, dazu gibt es Iberisches Schwein, etwas Fisch und ab und zu Besonderheiten, wie Zebu oder Fleisch von alten Tieren (bei richtiger Zubereitung eine Delikatesse).
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(Ich muss echt für die Fotos um Entschuldigung bitten. Frau Indicas Fotograf hat die Speisen immer ins bessere Licht gestellt, die verlinke ich dann noch mal, wenn es so weit ist.)

Die Beilagen und Vor- und Nachspeisen sind zurückhaltend und aus erstklassigem Material. Wir teilten uns als Vorspeise das handgehackte, bereits gewürzte Tatar mit Wachtelei und einen Burrata-Käse.
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Dann kamen nach gebührender Zubereitungszeit, in der der Grill die Hauptrolle spielte und wir uns die Zeit mit Wasser und Wein vertrieben
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viele Speisen auf den Tisch: Tomahawk-Steak, ein Teres Major- und ein Flankenstück. (Auf dem Foto oben wird übrigens das Tomahawk zubereitet. Hinterher kommt es noch in den Garofen.) Mein Favorit war das Teres Major, ein Zuschnitt, den ich bisher nicht kannte.
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Dazu kamen Kartoffelgratin, Fenchel-Lauch-Gemüse und Spinat.
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Bei einem so dicken Stück wie dem Tomahawk gibt es in den aufgeschnittenen Stücken alle Garstufen, von Rot über Rosa bis durch mit Kruste. Das fand ich ziemlich interessant, denn beim klassischen blutig oder rosa gebratenen Steak ist das nicht so ausgeprägt.
Der Spinat war ein Träumchen, da haben wir gleich beim Koch nachgefragt, wie er den zubereitet hat.

Für Dauer-Club-Mitglieder gibt es natürlich die Möglichkeit, das eigene Stück Fleisch im Reifeschrank zu haben. Wer die 24-Stunden-Clubmitgliedschaft nimmt, findet eine große Spannbreite sorgfältig zusammengestellter Fleischsorten und kann im Preis wählen von die von „Ich bin reich, wo ist der Topf mit dem Gold!“ bis „Exzellent Fleisch essen und den Rest des Monats trotzdem nicht an den Nägeln knabbern.“

Chef Josh, der Restaurantchef, der Küchenchef und der argentinische Grillmeister sind mit viel Herz bei der Sache. Man merkt, die Jungs mögen das, was sie tun und haben hohe Ansprüche und Respekt vor dem Tier, das sie zubereiten.

Ich glaube, ich habe noch nie so viel Fleisch auf einmal gegessen, wie an diesem Abend. Jedes Stück war anders, der Rest des Tomahawk wurde am Schluss noch einmal aufgewärmt und war dann noch besser. Natürlich hätte es auch Sößchen dazu gegeben. Aber grobes Salz und die hauseigene Würzmischung reichten völlig, da vermissten wir nichts.

Am Schluss gabs dann noch ein paar kleine, vorwiegend frische Desserts. Dreierlei Sorbets aus der Eismanufaktur und weiß und dunkle Mousse au Chocolat, nicht im Bild meine obligatorische Creme Brulee.
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Ein großer Dank geht an Frau Indica und ihre Printmagazin-Restaurantkolumne!

Fazit: Unbedingt empfehlenswert!

*der vor 7 oder 8 Jahren als Gourmetrestaurant sehr teuer renoviert worden war, nur war Berlin damals in Hinblick auf sehr gute Küche noch nicht so ganz so weit und eine ganze Weile schlief die Location.