Critical Westness

Vor drei Tagen versuche ich einer Frau zu erklären, wie ihr Vater den Admiralspalast in Berlin findet.
Da die beiden auf dem Schlauch standen und die Friedrichstraße lang ist, versuchte ich es vorsichtig mit einer Erklärung, die in 50% bei Älteren funktioniert: „Die alten Ostberliner kennen den Admiralspalast noch als Metropol-Theater.“
Das empörte die Tochter zutiefst: „Wir sind bestimmt keine alten Ostberliner! Wir wohnen im Prenzlauer Berg!“
Meine Reaktion war wortlose tiefe Fremdscham angesichts solcher innerdeutscher kolonialistischer Dämlichkeit. Die Lady konnte echt froh sein, dass meine Kettensäge gerade in der Durchsicht ist.

Ganz eigentlich ist das ein Text für den Kiezneurotiker. Aber auch ich habe – wie der Graf dazu bemerkte – meine ganz dünnen Stellen. Und eine davon befindet sich genau da, wo die großen Massas und Missuses, die hier qua Wirtschaftswundererbschaften in ganze Stadtbezirke eingeritten sind, nun irgendwas mit Medien machen, Dawanda-Shops betreiben und sich für was besseres halten. Das ist so, das ist auch nicht zu ändern, aber davon krieg ich so’n Hals!

Auch das noch:

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7 Gedanken zu „Critical Westness

  1. tja, was soll ich sagen . . . es geht mir alt-wessi mit neu-ossis nicht anders . . . ;-)

    • Ich kenne ja eine Menge nette Leute darunter. Aber die Dame erfüllte jedes Klischee, in Beruf und Geisteshaltung.

  2. Vor längerer Zeit in der S-Bahn bei der Vorbeifahrt am Bundeskanzleramt:

    Gymnasiallehrertyp aus einer Reisegruppe zeigt und spricht: „Un desch henn mir alles bezahlet!“
    Älter Herr fragt: „Kommen Sie aus Rheinland Pfalz?
    „Noi.“
    „Weil, der Typ der das bestellt hat, kommt von da …“

  3. Womit eindeutig bewiesen ist, im Prenzelberg wohnen keine ‚echten‘ Berliner mehr! Was dann wieder die Frage aufwirft, wann ist man ein ‚echter‘ Berliner?
    Das Bild von Ihnen und Ihrer (geliebten) Kettensäge wird mich wohl eine Weile beschäftigen…. :-)

    • @ Frau Irgendwas
      M. E. ist das völlig belanglos und führt zu nullkommanix: In unserem Haus [Petersburger Platz] sind die Kroaten und die Schweizer am angenehmsten, die Polen praktisch unsichtbar und die Russen ein wenig zu investigativ; am lautesten und poltrigsten [aber gut hinnehmbar] sind die Berliner und die Brandenburger … Ich selbst habe einen holländischen Urgroßvater und eine sudentendeutsche Urgroßmutter, wuchs in Westsachen auf und bin seit 40 Jahren in Berlin …
      So what?!

  4. Boah, wieder ein Zeichen, dass Einigreich Europa für die Deutschen echt viel zu früh kam. Das Vereinigen haben sie ja noch nicht mal auf unterster Ebene verinnerlicht.

    • Ja, den Endruck kann man wirklich gewinnen. Aber vielleicht werden wir uns sogar an die 20 Jahre nach dem Mauerfall als an eine entspannte und frontenfreie Zeit erinnern.

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