Was werden wir morgen essen?

In meiner Kindheit hatte ich viele Bücher aus der Regenbogen-Reihe, das waren Wissenschaftsthemen für Kinder bearbeitet. Eines hieß „Auch Pflanzen haben Hunger“ und beschäftigte sich eigentlich mit Chemie in der Landwirtschaft. Die grundlegende Botschaft dieses Buches war aber: Was man im 19. Jahrhundert getan hat, um alle Menschen in Zukunft satt zu bekommen.
Sie wissen sicher, worauf ich hinaus will. Auf die Wahrscheinlichkeit von 7,5-75 g Pferd in einer Lasagne. Ich schicke voraus: Das ist der Versuch einer Analyse. Keine emotionale Brandrede für oder gegen etwas.
Aber erstmal bewege ich mich in einer anderen Zeit, nämlich im 18. und 19. Jahrhundert. Das, was ich jetzt ausführe, ist ein grober Abriss, den ich noch aus den Zeiten im Kopf habe, als ich Landwirtschaft studieren wollte. Das Thema ist nämlich hochkomplex.
Während bei Mißernten vor dem 17. Jahrhundert einzelne Landstriche und Dörfer, je nach Versorgungslage, dezimiert wurden, hungerten nun Städte voller Menschen, die auf die Versorgung einer großen landwirtschaftliche Einzugsregion angewiesen waren. Je konzentrierter die Stadtbevölkerung wurde, je dichter ein Land überhaupt besiedelt war, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es bei Mißernten und Transport- und Lagerverlusten von Nahrungsmitteln und damit verbundenen Hungersnöten richtig krachte in einem Land. Zumindest, wenn die Wut und die Angst noch nicht von der Schwäche übermannt waren. Hunger läßt jeglichen Common Sense zusammenbrechen und ersetzt Gesetze, kulturelle und gesellschaftliche Spielregeln durch blanken Darwinismus. Sobald es große Gruppen von Menschen gibt, die nicht mehr als Selbstversorger leben können, weil sich die Produktion spezialisiert hat, ist es eine gesellschaftliche Notwendigkeit, deren Versorgung sicherzustellen.
Deshalb gab es von allen Regierungen unterstützte Forschung, um Ernteverluste durch Schädlinge und Lagerverluste einzudämmen und darüber hinaus den Ertrag der Felder zu erhöhen und nahrhafte und extrem preiswerte Nahrungsmittel zu finden.
Die Rumfordsche Suppe ist so ein Forschungsergebnis. Sie soll – je nach Bestandteilen – gruselig geschmeckt, aber satt gemacht haben. Wenn ich mich recht erinnere, war es ein Franzose, der die (Selbst-)Versuchsreihe unternahm, Kuhfladen als Pastetenfüllung einzusetzen, was aber nicht von Erfolg gekrönt war.
Kartoffeln und jede Menge leistungsfähiger Getreidesorten machten das Rennen und lieferten neue Nahrungsmittel. (Zur Erinnerung: in Europa aß man vorher, je nach Region und wenn man wenn man nicht gerade König war, Korn-, Knöterich- und Hülsenfruchtbreie und dazu Frucht und Gemüse der Saison, wenig hartes, haltbares Brot, mitunter, aber selten, Fleisch und Fisch, getrocknet, gesalzen und gepökelt, Weißbrot, Braten und Kuchen waren Festessen) Die Menschen ernährten sich nun, in verbesserter Landwirtschaft, von gedüngten Feldern, hauptsächlich von Kartoffeln und Brot.
Darüber hinaus wurde die Konservierung perfektioniert, weg vom stark geschmacksverändernden und störanfälligen Trocknen, Pökeln, Räuchern und Salzen. Mit dem Pasteuerisieren wurde es möglich, komplette Gerichte in Dosen aufzubewahren. Diese waren ohne Verderb zu transportieren und zeitsparend zu erhitzen.
Weiter im Thema: Wenn eine Mutter aus irgendeinem Grund nicht stillen konnte und kein Geld für eine Amme da war und keine Kuh oder Ziege in Reichweite, starb das Kind. So einfach war das. Milchpulver reduzierte die Säuglingssterblichkeit. Das war der Urspung der Firma Nestlé.
Im 20. Jahrhundert kam, auf Grund der gestiegenen Felderträge, die nun auch zum großen Teil als Futter verwendet werden konnten und wegen der besseren Kühlmöglichkeiten die intensivierte Viehhaltung dazu. Es wurden spezielle ertragreiche Rassen gezüchtet, diese gegen Krankheiten geschützt und der Traum, daß auch arme Menschen Fleisch essen können, verwirklichte sich. Ja, Fleisch auf dem Tisch von Armen und Milch für die Kinder war neben einem ausreichenden Dach über dem Kopf ein demokratischer Traum. Nicht umsonst sind diese Elemente immer wieder Bestandteil politischer Kampagnen gewesen.
Denken wir das mal grob weiter: Bessere Ernährung mittels gleichbleibender Ressourcen, niedrigere Säuglingssterblichkeit, mehr Bevölkerung, die ernährt werden muss. Das ist wie mit dem Hamstern oder den Feldmäusen in fetten Jahren.

Die ethisch-zivilisatorischen Ansprüche unserer modernen Industriegesellschaft sind jung.
Hungersnöte von afrikanischem Ausmaß? Reichen 1 Million Tote und 2 Millionen Auswanderer (also Wirtschafts-Flüchtlinge) in Irland während An Gorta Mór?
Kinderarbeit in der Textilindustrie? Vor 150 Jahren in Deutschland gang und gäbe. Kinderhandel? Bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Deutschland auf dem Land üblich.
Arbeiter, die in Fabriken schlafen? Ratet mal, wo „Made in Germany“ herkam. Krankmachende Arbeitsbedingungen, Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten… Was wir heute in Richtung Indien und China anprangern (das Zeug aber trotzdem kaufen), war für unsere Urgroßväter und -mütter Realität.

Die in den 60ern geborenen Kinder sind die erste Generation, die in Deutschland ohne die Erfahrung von Hunger auf- und in den Nahrungsüberfluss hineinwächst. Die Generation, zu der auch ich gehöre. Trotzdem wurde ich von Menschen sozialisiert, in denen die Angst vor Hunger und Mangelversorgung noch tief steckte. Für meine Mutter gab es nichts tolleres als Kondensmilch und ein paar Stücke Würfelzucker. Meine Omas, je nach Typ, betrieben entweder absurde Vorratswirtschaft (Ich dachte, eigentlich ich hätte von den drei fünfzig Jahre alten Weck-Gläsern Butterschmalz und den zehn Stück Butter im Kühlschrank, die wir bei der Haushaltsauflösung von KKM fanden, schon mal geschrieben.) oder halfen mir mit für mich absurden Tips: „Iß Kartoffeln, das ist billig!“ „Hebe alte Rinden auf, da kannst du mit sauer gewordener Milch Brotsuppe machen!“ etc.
Ich lachte nur darüber und hatte tatsächlich nur dreimal im Leben das Problem, kein Geld für Essen zu haben, so dass ich ernsthaft schauen musste, wie ich bis zum nächsten Monatsersten hinkomme. Gehungert habe ich nie, sondern billige Sattmacher vom letzten Geld gekauft.
Wir waren allesamt, die wir uns kennen, wahrscheinlich nie in der Situation, außer wenn wir auf Diät oder beim Fasten waren, vor Hunger nicht einschlafen zu können oder unsere hungrigen Kinder trösten zu müssen.

Nach dem 2. Weltkrieg hat sich die Familienstruktur allmählich tiefgreifend geändert. Die an einem Ort zusammenlebende Großfamilie zersplitterte, die Frauen machten nicht mehr so viel schwere Hausarbeit, auch hier zogen Maschinen ein.
Ich habe irgendwann mal auf Arte eine Reportage über die Ernährung einer Sardischen Familie gesehen. Das hat mich tief beeindruckt, weil mir nie klar war, wie eine ländliche Produktionsfamilie kooperierte. Ein Sohn hatte ein kleines Fischerboot und damit Fisch und Meeresfrüchte, der nächste Schafe und Bienen, also steuerte er Käse, Fleisch und Honig bei. Mutter und Vater bewirtschafteten einen Garten und etwas Weinberg, für Wein und Gemüse war also auch gesorgt. Die Nonna kochte. Brauchte man nur etwas Reis und Mehl und das Essen war der Himmel auf Erden. Große Töpfe, viele Portionen und Esser, eine auf das Zubereiten von Essen spezialisierte Person. Toll. Wenn man aber schaut, wie archaisch die Sarden auch heute noch leben, hat das seinen Preis. Eine iPhone ist da meist nicht drin.
Zurück zur deutschen Großfamilie. Vom konservativen Roll Back im Westen nach dem Krieg bis zu modernen Single- und Alleinerziehenden-Haushalten passierte eine riesige Veränderung. Meine Mutter und die beiden Ex-Schwiegermütter waren Vertreterinnen der Frauengeneration in Ost und West, die lieber arbeiten ging, statt Heimchen am Herd zu spielen. Sie waren stolz darauf, nicht kochen zu können oder hatten sich auf schnelle kleine Gerichte spezialisiert. Man ging am Wochenende essen und machte in der Woche Fertiggerichte warm. Darüber hinaus: Die hohe Verarbeitungsstufe von Zutaten garantierte, daß keine Frau, wenn sie es nicht wollte, über Gebühr in der Küche stand.

Seit den 50er Jahren entwickelte sich neben anderen Industrien eine Landwirtschafts- und Lebensmittelindustrie. Das Ziel, mittels Intensivierung höhere Ergebnisse zu erhalten, war mehr als erfüllt. In Europa und Amerika muß kein Mensch mehr hungern, es sei denn, er stellt sich richtig blöde an. Da in Europa und Nord-Amerika die Bevölkerung nicht mehr wächst, sind auch Grenzen im Absatz erreicht.
Das Ziel, Absatzmärkte in Asien und vor allem Afrika zu erschließen, ist nicht so ganz aufgegangen. Afrika hat ganz andere Probleme und ist zu archaisch, um hochveredelte Nahrungsmittel gegen Geld zu kaufen und damit umzugehen. Wer kein Wasser hat, kann kein Milchpulver anrühren. Teile von Asien gehen traditionell anders an Nahrung heran, da sie schon immer wenig Raum für Ackerbau und viele Menschen hatten. China kann ein Markt der Zukunft sein, sagt man doch den Chinesen nach, sie würden alles essen (das ist nur leicht ironisch gemeint).
Problem der Nahrungsmittelindustrie ist, wie immer im Kapitalismus, die Technologien und Fabriken sind einmal da. Also muss Bedarf geweckt oder erhalten werden, auch wenn die Zahl der Interessenten nicht mehr wächst. Denn Wachstum ist noch immer alles.

Ich kann sehr bodenständig kochen, meine Oma und meine Urgroßtante haben mir einfache Arme-Leute-Küche beigebracht. Die großen Braten und raffinierten Gerichte habe ich erst später gelernt. Aus meiner Geschmackserfahrung, die ich sicher mit vielen teile, kann ich sagen, einfaches, selbst gemachtes Essen schmeckt erst einmal viel schlichter und langweiliger als Industrienahrung. Denn diese ist in Geschmack, Farben, Mundgefühl und Texturen hochgradig an unsere reflexhaften Geschmackslüste angepasst, da ist ganz viel süss, würzig, salzig, kau-ig, knusprig. Laff oder gar sauer und bitter kommen nicht mehr vor bzw. werden überdeckt.
(Edit. Das fiel mir vorhin noch ein, als ich in einer endlosen Besprechung saß:)
Das Problem der preiswerten und nahrhaften Produkte war im 19. Jahrhundert oft, daß sie nicht schmeckten (die Rumfordsche Suppe war berüchtigt dafür) und/oder hart, faserig, labberig, geschmacklos waren. Man ging parallel daran, Hilfsmittel zu entwickeln, die billige Produkte schmackhaft und besser kaubar machen sollten, damit Menschen ausreichend davon aßen. Alles wurde süßer, Margarine schmeckte nach Butter, Würzextrakte, wie Maggi entstanden, die schlaffe Nudelsuppen nach Fleisch schmecken ließen, etc.
Ein Teller Gemüsesuppe und eine Salami-Tiefkühlpizza zum gleichen Preis sind ein Unterschied wie Rauf-Rein-Raus-Sex und Porno, machen wir uns nichts vor.

So, langsam habe ich mich zur Pferdelasagne vorgearbeitet.
Wer seine Prioritäten so setzt, daß er nur 10% seine Einkommens für Nahrung ausgibt, genauso viel, wie für Freizeit und Unterhaltung, muss die Konsequenzen dafür tragen. Die billigen Nahrungsmittel entbinden uns vom Führen eines Haushaltsbuches, vom vorausschauenden Wirtschaften und Selberkochen. Diese Form von Fähigkeit und Bildung konnten wir gleichgeschlechtlich verkümmern lassen. Wir können uns von der Hand in den Mund leisten.
Das konfrontiert uns aber damit, dass wir die Augen vor den Tatsachen verschließen, beschissen werden und uns bescheissen lassen. Denn der gesunde Menschenverstand sagt jedem, dass in einer 2 Euro-Lasagne kein vernünftiges Fleisch enthalten sein kann. Und ganz ehrlich, obwohl ich Pferd nicht esse, das ist wohl nicht das Schlimmste. Huhn oder Rind mit Federn, Schnabel, Därmen, Krallen und Hufen und Haaren durchgedreht und zu Surrogatfleisch geformt, das ist widerlicher. Dann esse ich lieber Tofu.
Die Argumentation, daß sich nur die untere Mittelschicht wertvolle Nahrung leisten könne, kann ich so nicht teilen. Es ist in den meisten Fällen keine Frage des Geldes. Man kann sich von wenig Geld gut ernähren, wenn man es denn gelernt hat und bereit ist, Nahrungsmittel nicht nur nach dem Lustprinzip zu wählen.

Man muss also nicht mehr viel tun, um richtig satt zu werden.
Seit einigen Jahren fällt mir auf, daß eine Seuche über Amerika und Europa hergefallen ist: Man muss nur mal Straßen-Fotos aus den 70ern anschauen und mit heute vergleichen. Der Anteil der wirklich krankhaft fetten Menschen und vor allem Kinder ist höher als früher. Ich meine damit nicht das eine lustige dicke Kind in der Gruppe, das immer Hunger hat und ich meine auch nicht dicke Nerds und Landpomeranzen, Matronen oder angespeckte Ehemänner bzw. Leute, die es tatsächlich „an den Drüsen“ haben. Sondern ich meine Menschen mit metabolischem Syndrom, die sich schlecht oder recht mit wirklich extremem Übergewicht durch die Welt schleppen, nicht mehr Weiblein noch Männlein sind und eigentlich nur durch die moderne Medizin eine akzeptable Überlebensrate haben, die ihnen mit künstlichen Knien, Rollstühlen, Magenverkleinerungen, Insulin und fehlschlagenden Diäten hilft und kräftig daran verdient.

Irgendwas ist in unserem Essen, das etwas mit uns Menschen macht. Und irgendwas ist in unserem Verhalten, es in den meisten Fällen zu akzeptieren, den einfachen Weg zu gehen. Aber keiner zwingt uns, diesen Dreck zu kaufen und zu essen. Was folgern wir daraus?

Auch das noch:

  • Empfindlich uff die WörterEmpfindlich uff die Wörter Das ist wahrscheinlich der letzte und drölfzigtausendste Artikel zum Thema politisch korrekte Sprachbereinigung in Kinderbüchern, aber ich […]
  • Holzreich, der TagHolzreich, der Tag Noch 'n Stöckchen, diesmal zielgerichtet beworfen von der Nachtschwester. Schlager, die untrennbar mit Situationen aus der Kindheit […]
  • KindersachenKindersachen Immer mehr Mütter sind genervt darüber, dass Waren für Kinder gegendert sind, das betrifft scheinbar jeden Bereich, Kleidung, Spielsachen, […]
  • Sonntagsmäander mit balzenden VögelnSonntagsmäander mit balzenden Vögeln Selbst hier in der Innenstadt erklingt morgens ein filigranes und ohrenbetäubendes Vogelkonzert. Ich mag die Rotkehlchenstrophen […]

27 Gedanken zu “Was werden wir morgen essen?

  1. Ja, da ist irgend etwas in unserem Essen was nicht hineingehört. Ich habe letztens mal wieder Wattstax gesehen, den Film über das „schwarze Woodstock“ 1972 (Trailer und Clips auf YouTube) und war erschüttert über den Unterschied zu heutigen Gewichtsklassen. Ich vermute allerdings auch, daß es noch mehr etwas mit einem totalen Mangel an Bewegung zu tun hat, daß die Leute im Schnitt heutzutage deutlich dicker sind als früher. Wer als Kind draussen gespielt hat statt am Computer, keinen Fernseher hatte bzw. einen, wo das Programm erst um 17 Uhr auf Sendung ging und ab Mitternacht ein Testbild zeigte, wer später ein Leben lang hart körperlich gearbeitet hat und eine Cola nur ausnahmsweise am Wochenende trinken durfte oder konnte und sich außer Kohlen nichts liefern liess sondern alles selbst heranschleppte (ohne Fahrstuhl) der hatte kaum Gelegenheit zum Ansetzen.

    • Ja, ich glaube, es hat sicher auch etwas mit Bewegung zu tun und auch damit, daß Arbeit mehr und mehr entkörperlicht ist.

  2. Heyahoo!
    Guter Artikel, so (historisch gewachsen) habe ich die ganze Problematik noch nie gesehen! Respekt!

    + Grüße aus dem Norden der Republik

  3. Ich lasse mal den Teufelsanwalt raushängen: Eigentlich war’s dann doch ganz schön, so damals, als man zwar ein bisschen hungrig war, aber den ganzen dicken Menschen keine künstlichen Kniegelenke bezahlen musste? Oder was genau ist die Pointe des Artikels?

    Ich habe mich (Werbung) in meinem Buch (Werbung off) auch mit diesen Aspekten beschäftigt, also der industriellen Herstellung von Nahrung. Im Gegensatz zu dir war meine Erkenntnis eine andere: Ja, das mag sein, dass wir alle ein bisschen dicker geworden sind, aber das ist weitaus besser als vorher, als wir (gegen 1900) gerade 40 Jahre alt geworden sind.

    Können wir bitte aufhören, so zu tun, als würden Europa und Amerika mit fetten Menschen überschwemmt, die das Gesundheitssystem ruinieren? Dem ist nämlich nicht so, ganz egal wie sehr die eigene Perspektive einem das vielleicht vorgaukelt.

    Hier sind eine Menge lustiger Statistiken. Wenn Sie sich da bitte mal die gerade passende raussuchen würden? Danke.

    http://lovelivegrow.com/2012/05/these-are-the-fat-faqs/

    („Seuche“? Ich kotz gleich.)

  4. „(„Seuche“? Ich kotz gleich.)“
    Nur zu. Kotzen ist allerdings nicht sehr gesund. Es sei denn, man hat etwas Schlechtes gegessen.
    Liebe Anke, geben Sie zu, Sie wollten meinen holzschnittartigen Analyseversuch missverstehen. Analyse. Kein „Iiiieh, die vielen dicken Menschen!“-Gewäsch.
    Man ist, was man isst. Nicht mehr und nicht weniger. Und unter diesem Gesichtspunkt schlage ich noch immer in Ihrem Blog nach, weil ich viele Gerichte sinnlich und anschaulich beschrieben bekommen habe und sie nachkochen möchte. Diese enthalten aber weder Formfleisch sonderbarer Herkunft, wabbeligen Fisch aus Antibotikatümpeln, Glukosesirup aus chemisch veränderter Maisstärke, noch Füllmittel, Farben oder Glutamat etc.
    Ich bin weder vegane Salatlutscherin noch Gewichtsfetischistin, geht bei meinen Maßen und Massen auch nicht.
    Mir fällt auf, dass mit dem Zeitpunkt der problemlosen und billigen Verfügbarkeit von Nahrung, die so schmeckt, dass man immer mehr davon will, sich das Äußere von Menschen beträchtlich veränderte.

    Seinen Körper zu lieben, heißt mitunter auch, seinem Kopf die Aufgabe zu geben, zu realisieren, warum jemand dem Gesamtkonstrukt Mensch diese Fressdrogen verkaufen will. Weil sie ein Geschäft sind, ein ziemlich lohnenswertes sogar. Genauso wie Diäten und Medikamente gegen Diabetes.*
    Das ist wie mit Autos. Obwohl unsere Konzepte individueller Mobilität Auslaufmodelle sind, gibt es noch einen Roadster, noch einen SUV etc.pp. Von mir mit großem Vergnügen gefahren. Ohne Notwendigkeit besessen. Wenn eine Industrie erstmal läuft, läuft sie.

    *interessant übrigens auch, dass derzeit immer mehr Menschen zu Diabetikern gemacht werden. Denn Blutzuckerregulierer sind nach Blutfettsenkern das nächste große Geschäft.

    Sonderbar, ich dachte, dass ich die Haue eher von anderer Seite bekomme, weil mich Entsagung so gar nicht interessiert und ich ungern Hunger habe.

  5. Okayokay. Ich war schon kurz davor, dir ne Mail zu schreiben und dich zu bitten, den Kommentar zu löschen, aber das war mir dann doch zu doof.

    Was ich im wütenden Überschwang meinte: Mir ist der Zusammenhang zwischen Industrienahrung und erhöhtem Gewicht der Gesamtbevölkerung schon klar. Ich sehe ihn nur weitaus weniger dramatisch. Mir sind dicke Menschen, die lange leben, halt lieber als dünne, die früh sterben. Und das klang in deinem Artikel eben nicht so.

    • Alles fein. Ich finde Auseinandersetzungen wichtig, besser als das ewige „wir sind uns ja so einig“ und da stecke ich gern ein, ich nehme das als Korrektiv meiner Äußerungen und nicht persönlich.
      Ich fühle mich jetzt, so drall wie ich bin, für ein langes Leben prädestiniert.
      Was mich (und das kam vielleicht nicht so ganz raus) etwas bestürzt, ist der Ansatz einer Argumentation in der Öffentlichkeit, der lautet „arme Menschen müssen so etwas essen“.
      Nö. Müssen sie nicht, nicht in Europa und Nordamerika. Sie können zwar kein Biofleisch kaufen, aber sie können auch wieder lernen, sich ok. zu versorgen ohne gleich an dem von Mama Nestlé angebotenen Fläschchen für Erwachsene zu saugen.
      (Dahin geht auch das, was Jamie Oliver machte.)
      Mich hat Florida 1992 absolut erschüttert. Ich habe noch nie so viele krankhaft (wirklich krankhaft, indem sie in jungen Jahren kaum noch laufen konnten) dicke arme Menschen gesehen. Und dann dagegen die Society-X-Rates, die ihr teures Essen auf dem Teller rumschoben und glauben, so ein Anblick wäre gesund und schön.

    • also mir ist das mit den dicken menschen die länger leben gar nicht soooo recht (jetzt bitte nicht gewollt mißverstehen, ich will natürlich nicht, dass sie eher sterben). als drangsalierter ex-raucher (und heutiger gelegenheitsraucher) setze ich immer mal gerne beide seiten zum vergelich gegenüber. rein wirtschafltich haben raucher ’ne gute mortalitätsrate, was zu geringeren ausschüttungen der rentenkasse und deutlichen einsparungen bei der krankenkasse führt. die koalteralen steuereinahmen mal ganz außen vor.

      wenn ich hingegen in meinem umfel (und familie) sehe, welche folgekosten durch falsche ernährung / lebenswandel verursacht werden, stehen mir die haare zu berge. unter anderem auch deswegen, weil meine krankenkasse sich einen scheiß für die ausgaben interessiert, die ich jaährlich habe damit ich möglichst nicht in dieser liga lande.

      ich habe kein ahnung wie man das sozial gerecht angehen soll, aber ich finde, da besteht handlungsbedarf an der ein oder anderen stellschraube. langfrsitig natpürlich und nicht von heute auf morgen.

      was die entwicklung der bevölkerung angeht: die mutter eines schwagers, so um 1920 studierte ärztin (SEHR liberale frau) hat mal bei einer abendlichen urlaubsdiskussion sinngemäß den satz gesagt „veranlagung der gene?! da muss seit ’45 ’ne spontanmutation geschehen sein, im krieg gabe es keine dicken menschen in der normalbevölkerung.“

      (ich nehme an sie hat göring bewusst ausgeklammert).

      das problem ist doch weniger die industrie. das problem ist die tägliche allgegenwärtige verfügbarkeit gepaart mit der trägheitskomponente des menschen. wenn ich nicht abends – wenn andere schon seit stunden auch der couch dahingammeln – was dagegen tun würde hätte ich ähnliche gewichtsprobleme. die lösung liegt also nicht im regal, sondern in den köpfen, und daran muss gearbeitet werden.

      (man muss fairerwesie sagen, dass das inzwischen in schulen und kindergärten auch passiert … und *schwupps* … sind wir schon wieder bei der herdprämie!)

    • Timan, ja und nein, ich glaube, das Thema ist komplexer.
      Es gab Jahrhunderte der Konditionierung des menschlichen Sexualtriebes. Als die Menschen in Städte zogen und die gesellschaftliche Kontrolle nicht mehr so stark war, dass ein ganzes Dorf auf die jungen Frauen und ihre Unversehrtheit aufpasste, wurden bestimmte Verhaltensweisen, Körperregionen und Signale, die nur im entferntesten mit Sexualität zu tun hatten, tabuisiert. Sämtliche Sexualisierung wurde ausgelöscht. Man zeigte keine Beine mehr, redete nicht über seine Geschlechtsregion, sondern über „untenrum“, als sich die Schraube weiter andrehte, schlief man mit den Händen über der Decke etc.
      Im Victorianischen Zeitalter gab es eine extreme Angst, die Menschen könnten sich die Kleider vom Leibe reißen und übereinander herfallen.
      Das ist so ein Prozess, in dem Triebe gesellschaftlich kontrolliert werden, weil eine triebauslösende Ressource überall reizt. Wir erleben gerade eine ähnliche Phase. Plötzlich werden Fett, Zucker, Kohlehydrate stigmatisiert. Menschen, die viel und gern essen und „sich nicht beherrschen können“, gelten als charakterlich fragwürdig, ihr Verhalten als Gefahr für die Gesellschaft.
      Ich frage mich, ob diese Phase nötig ist. Wahrscheinlich. Und wenn es dann die Pille für den konsequenzenlosen Genuss gibt, feiern wir kulinarische Revolution. (und haben prompt die nächsten Probleme)

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  9. „schön“, bzw. SEHR angebracht die SEHR NOTWENDIGE erinnerung, wie es in deutschland mal war und wie kurz das erst her ist (kinderarbeit usw.). das mag ich immer denen vor augen halten, die mit dem höchsterhobenen moralischen zeigefinger (guten morgen herr ströbele) durch die welt rennen und von jetzt auf gleich ganze länder bekehren wollen. beispiel china: eine sofortige menschenrechtskonforme demokratie in china würde der welt probleme in einem ausmaß schaffen, das wir uns nicht mal ansatzweise vorstellen können. und ich meine nicht nur das problem der atomwaffen, was bei der auflösung der gus staaten um haaresbreite noch mal gut gegangen ist.

    irgendwie ist der aleinheilsbringende missionsgedanke nach wie vor ein fester bestandteil des gedankengutes des abendlandes …

    p.s.: am sonntag habe ich im zoo neben dem schildkrötengehe eine „mahntafel“ angeschaut, auf der schildkrötenschlachtungen, berge von schildkröten auf märkten und sonstige unappetitliche bilder zu sehen waren. alles nicht schön. leider habe ich den hinweis vermisst, dass für den zoo in mumbai eine ähnliche tafel gestiftet wurde mit bildern auf denen eine kuh mit der kettensäge zerlegt wird über die bilder von der haltung, über den transport zum schlachthof sowie die aufreihung der eingeweide in unseren kühltheken (zur real-begleitmusik von modern talking / your my heart, your my soul) …

    • Ja, da ist Kulturdünkel. Die Augen der alten Damen bei der Kindernothilfe (ich war mitunter auf deren Versammmlungen) wurden immer kugelrund, wenn ich sie daran erinnerte, dass das in Deutschland alles noch nicht so lange her ist.

  10. Irgendetwas ist in unserem Essen, das dachte sich auch eine britische Stoffwechelforscherin und untersuchte die Auswirkung von Chemikalien in den Verpackungen sowie allerlei anderer Alltagsgegenstände und ihre Auswirkungen auf das menschliche Hormonsystem. Das Ergebnis: Diese Stoffe stehen im Verdacht „Fettmacher“ zu sein, sie sorgen wie’s scheint dafür, das die DNA von Mensch und Tier anders „ausgelesen“ wird. Eine Studie („Obelix-Studie“) dazu läuft noch. So habe ich’s in dieser interessanten Sendung gesehen:
    http://www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/167805/index.html

    • Auch da muss ich die Parallele zur Disziplinierung des Sexualtriebes ziehen: Früher rankten sich die Theorien um die Auslöser von Lust, wahlweise wurden das Klavierspielen, Reiten, lange Schlafen, warme Bäder, sündige Ammen, bestimmte Luft und Speisen mit schlagenden Beweisen dafür verantwortlich gemacht.

  11. Was für ein grandioser Artikel. Ich finde ihn absolut klasse und kann dem – als Mitte der 60er Geborene – nur zustimmen.

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  13. Mein erster Impuls angesichts dieser sehr dicken Menschen sieht meistens auch dem Wunsch recht ähnlich, diesen einen ordentlichen Kochunterricht zu verschaffen, nach deren Ende dann eine schlanke Erbsensuppe mit Minze oder ein Couscous mit Fisch auf dem Tisch steht und nicht mehr das fette Zeug aus der Tiefkühltruhe. Dann fällt mir meistens ein, dass es mich ja nichts angeht, wie andere Leute leben. Vielleicht schmeckt denen ja der Baconburger und die Dosenravioli. Und vielleicht verbringen sie ihre Zeit lieber vor dem Fernseher als beim Kochen. Im Anschluss bin ich oft ein wenig ratlos, denn auf der einen Seite soll ja jeder machen können, was er will. Auf der anderen sollen niemandem – auch keinem Tier und auch keinem Beitragspflichtigen der gesetzlichen Krankenkassen – Nachteile aus dem Verhalten anderer erwachsen. Ich bin da recht unentschieden, ich weiß nicht, wie man’s richtig macht.

    • Das geht mir ähnlich. Und das puritanische „Disziplin und Mund zusammenkneifen, Fett und Zucker sind des Teufels“ geht schon mal garnicht.

    • Das Missionarische ist ein menschlicher Urtrieb ;) Ich glaube, die Beste Variante™ ist, es selbst besser zu machen. Seine Meinung vertritt man doch am ehrlichsten, wenn man auch so konsequent als möglich danach handelt. Gespräche darüber ergeben sich von selbst und das Gegenüber fragt meist von selber nach, wenn einmal angerissen ist, wie man isst. Man braucht die eigenen Einstellung also nicht mal auf einem Schild vor sich her tragen.

      Wer Billig-Lasagne kauft, muss (leider) damit rechnen, beschissen zu werden – Kapitalismus halt. Gibt ja auch gute Nachrichten, in Island haben die Verbraucher z.B. Glück gehabt: die Kontrolleure haben eine „Fleischpastete“ gefunden, in der kein Fleisch drin war.

      Und wg. der Krankenkasse: Mir erwachsen aus /meinem/ Verhalten direkte Vorteile (Geld -> Bonusprogramm).

    • Der ist wirklich gut und treffend, das Missionarische ist tief in uns drin, denn man möchte sehr gern mit dem anderen auf einer Welle schwimmen und tut eine Menge dafür.
      Fleischpastete ohne Fleisch… Früher hieß das, die Bouletten wären vom Fleischer, nicht vom Bäcker.

  14. @Kitty
    Danke für die Denkanregungen!

    Minderheitenvotum:
    Erstens: Für mich kommen Übergewicht, Rauchen und Alkoholsucht u. v. a. aus derselben Ecke: Das ist zur Sucht [und damit Krankheit] gewordene Angewohnheit.
    Ich moralisiere hierbei durchaus nicht. Selbstverständlich darf/soll sich jeder seine Todesursachen/Alltagsbeeinträchtigungen selbst schaffen. Und ich würde nie Kosten für implantierte Kniegelenke o. ä. ins Feld führen … Auch ästhetische Aspekte würde ich nie in die Diskussion einführen.

    Ich mag nur dieses Angriff-ist-die-beste-Verteidigung-Gehabe nicht, wonach die Süchtigen finden, immer neue „Gründe“ dafür verlangen zu können, ihr Verhalten als vollständig selbstbestimmt zu betrachten.

    Zweitens: Es fällt auf, dass Übergewichtige den sozialen bzw. Bildungsaspekt falscher Ernährung* gern ausblenden. Oder sie versuchen die Erklärung umzudrehen, indem sie darauf verweisen, dass es auch Gutgebildete unter den Dicken gibt. Als ob es nicht ein zusätzlicher Hinweis auf den Suchtcharakter des Übergewichts sei, sich trotz guter Ausbildung falsch* zu ernähren.

    Drittens: Das Verhalten, mehr zu sich zu nehmen als benötigt, könnte auch daher rühren, dass in frühen Zeiten der nicht organisiert und geplant bereitgestellten Nahrung, immer dann gegessen wurde, wenn gerade Nahrung zugänglich war … Dieser Aspekt wäre dann allerdings – mal abgesehen von der schrägen, anrüchig darwinistischen Argumentation – ein beinahe herabwürdigender Hinweis auf ein überdauertes, sehr archaisches, nicht zeitgemäßes Essverhalten.

    *Gemeint ist die Tatsache, dass Übergewicht allein aus dem Ungleichgewicht zwischen der Energiemenge in der zugeführten Nahrung und der Menge der verbrauchten Energie resultiert. Gemeint sind nicht einzelne Nahrungselemente.

    • Ich bin richtig gut im unmäßigen Essen hochkalorischer Dinge. Deshalb bin ich da nicht so hart.
      Ich habe aber das Gefühl, daß das (ausschließliche) Essen dieser mit Geschmacksstoffen und Energie aufgepeppten Nahrungssurrogate, für die man nichts tun muß, außer sie nach Hause zu tragen, auszupacken und runterzuschlucken, langfristig tatsächlich etwas Suchthaftes, zumindest Selbstschädigendes an sich hat.

    • Könnte aber auch sein, daß man in 50 Jahren über so eine Meinung wie meine lacht, wie über die Prognosen, Selbstbefriedigung mache Rückenmarksschwindsucht und blind.

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