Körperpanzer

Dieser Blogpost von Anke Gröner hat (nicht nur) mich nachhaltig beschäftigt. Sie wird von einer Frau im öffentlichen Raum angesprochen, warum sie schön und dick sei, das ginge doch nicht. Hier kommen Menschen mit Körperakzeptanz und Körperkontrolle zusammen und es knallt ausnahmsweise nicht, sondern Anke Gröner kann die übergriffige Eröffnung abfedern und es gibt ein Gespräch.
„Sie gehen so selbstbewusst durch die Gegend, obwohl Sie so dick sind.“ (Zitat aus dem Blogpost) Das muss man sich mal reintun. Da zieht sich eine Frau in einem Gespräch fast aus, da liegt plötzlich ein ganzes Frauenleben auf dem Fußboden der Eingangshalle Bibliothek: Wer dick ist, muss sich schämen und etwas dagegen tun, am besten in Form von Diäten. Essen ist zwar schön, aber schlecht für das Selbstbeherrschungsziel. Und zu diesem Kampf ist man dann lebenslang verurteilt.
Viel Spaß. Wer seine Energie darin verschwenden will, möchte wahrscheinlich nichts anderes vom Leben oder lenkt sich von anderen Problemen ab.
Auf der Facebook-Diskussion zu dem Blogpost wurde dann noch erwähnt, dass für die Gesprächspartnerin das Buch einer jungen Frau, die sich von 340 auf 170 Kilo halbierte, eine Inspiration war. Was mir ein bisschen die Gelegenheit gab, über das Körpergefühl dieser wohl normalgewichtig aussehenden Dame zu spekulieren.

Der Bericht über dieses Gespräch hat mich sehr bewegt. Was ich esse und wie viel ich wiege und wie das zu beurteilen ist, ist, seit ich ein paar Monate alt bin, immer wieder Thema meiner Umwelt und oft auch meines.

Meine Erfahrung: Dünn sein macht nicht glücklicher. In den schlanksten (und sportlichsten) Phasen meines Lebens war ich todunglücklich und erschöpft. Obwohl ich es mir nicht eingestehen wollte, denn ich war doch grade schlank und schön – meine Umwelt spiegelte mir das auch wider, all die anerkennenden Blicke, die neidvoll geschürzten Lippen, die kleinen Flirts. Wenn ich mich auf Fotos sah, waren meine Augen tot.
Es waren immer Umbruchphasen, in denen ich mich einsam und nicht akzeptiert fühlte. Wenn ich in so einer Phase war, war mein Mund wie zugeschnürt und ich mochte es, dass ich von Woche zu Woche weniger Platz wegnahm. Wenn ich dazu Sport machte, war das erst ein gutes Gefühl, den Körper erstarken zu spüren. Zudem brachte mir der Kick der Bewegung sehr viel. Ich hatte keine Probleme mehr, morgens aufzustehen und rauschte den ganzen Tag auf kleinen Flügeln durch die Gegend. Ließ ich einen Tag aus oder erhöhte ich wegen Erschöpfung die Sport-Dosis nicht, rauschte ich mental in den tiefsten Keller.
Irgendwann war es nur noch Selbstzweck – wenn ich an einem Tag nicht gelaufen/geschwommen war, drohte die Gefahr, zuzunehmen und dann würde ich womöglich von Menschen, an deren Beachtung mir lag, durch Nichtachtung gestraft und würde von dieser neuen, ätherischen Person wieder zum schweren Erdenkloß. Und wenn ich dafür um halb 6 Uhr aufstehen musste, weil der Tag mit Arbeit angefüllt war.
Ziemlich widersinnig, aber so sind wir halt.
Ist das Role Model jemand, der seinen Bedarf nach Nahrung unter Kontrolle hat und sich nicht gehen lässt, tun wir alles dafür. (Früher Jahren war der Mensch, der seinen Sextrieb beherrscht, Role Model.)

In meiner Umgebung sehe ich Menschen, die um halb 5 aufstehen, um vor 6 Uhr das Laufpensum zu erledigen und am nächsten Wochenende nach einem Marathon mal eben entspannende 35 Kilometer laufen und sich wundern, dass sie auf dem Zahnfleisch kriechen, nicht abnehmen und dicke Oberschenkel haben. (Muskelmasse? Könnte das sein?) Dazu dann Arbeit plus Überstunden. Damit lässt sich ein Leben auch füllen, keine Frage.
Ich lese diese Zeitungsartikel und denke: o-o, da sind aber viele Gespenster auf den Laufstrecken unterwegs.

Ich habe auch andere Phasen. Bei Angst und Überforderung esse ich mehr als für meinen Körper gut ist. Die 10 Monate stressige Arbeit im letzten Jahr haben für mich 5 Kilo plus bedeutet. Akkumuliert durch hastig in den Mund gestopfte Schokolade und Käsebrote inmitten von klingelnden Telefonen und Restaurantabendessen in tiefer Erschöpfung mit anschließendem Gang ins Bett. Fünf Kilo klingt nicht viel, fühlte sich aber für meinen Körper sehr ungesund an. Gerade in der Sommerhitze des letzten Jahres war ich oft kurz vor einem Kollaps und dazu schmerzten bei jedem längeren Gang Füße und Knie.

Ich habe seit ein paar Jahren kapiert, dass bei mir die Toleranz zwischen dem manischen Willen, den Körper zu unterwerfen und dem absoluten Scheißegal! ziemlich eng ist. Dazwischen liegt die Wohlfühlzone, die unter anderem dadurch definiert ist, dass ich ruhig und zufrieden sein kann und spüre, wie es mir geht. (Und damit auch Hunger und Durst merke) Dass mich kein Druck hetzt, ich nicht in Anpassung verschwinde und ich niemanden an mir herumzerren lasse. Kippt dieser Zustand, spüre ich mich nicht mehr. Im letzten Jahr war es wieder so weit, dass ich mir beim Hantieren am Backofen die Unterarme verbrannte und es erst Tage später bemerkte.

Ich habe also viele kleine Messfühler, die mir zeigen, wie es mir gerade geht, wenn ich mal wieder nur im Kopf und im Außen wohne und ansonsten nichts mitbekomme.
(Ein Bild wäre: Ich bin eine Burg, bei der ich in stressigen Zeiten nur den Wachturm besetze, über den ich Eroberer kontrollieren und in Schach halten will. Im Hof braten derweil die letzten fetten Schweine, denn man weiß ja nicht, was morgen ist, lieber heute noch mal gut gegessen.)

Manchmal hilft es mir zudem, zu schauen, was ich da eigentlich gerade mache. Von November bis April habe ich aufgeschrieben, was ich esse und wieviel ich mich bewege. Die Erkenntnisse sind nicht neu, aber manchmal muss man das noch mal am lebenden Beispiel analysieren:
Alles, was man früher in schlechten Zeiten als „nahrhaft“ bezeichnete – verdichtete Speisen oder Zutaten, die fast nur aus Fett, Zucker oder Kohlehydraten bestehen, sind für mich, die sich wenig bewegt, kaum Kraft aufwenden muss und wenig in Wind und Wetter unterwegs ist, keine ausschließliche Ernährungsgrundlage. (Ja, das sagen sie alle, ich habe das dann auch noch mal für mich nachgeprüft.)
Da geht eben nur mehr bewegen und weniger konzentrierte Energie zu sich nehmen (auch in Form von Alkohol). Ich konnte dann meine geliebten Käsebrote, Getreidebreie und Pralinen als Übeltäter einkreisen. (ich bin ja nicht so die Chipsesserin.) Wenn die nicht mehr Ernährungsgrundlage sind und an deren Stelle mehr Gemüse tritt, dann ist alles fein. Das ist zwar keine Instant-Befriedigung im Mund mehr (ich vergleiche das immer mit den Saugen von Rauchern), aber es ist alles eine Frage der Perspektive. Gemüse aus der Biokiste ist ziemlich lecker. Man muss es nur erst einmal zubereiten – und Zeit dafür haben. Instant ist dann nicht mehr. Zucker braucht eine immer höhere Dosis, da muss ich genauso wie bei Alkohol immer mal runterfahren. Zuckerersatzstoffe will ich nur in Cola haben, sonst brauche ich keine Chemie im Essen.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die gute alte Ärztin hat noch mal an der Schilddrüsenmedikation gedreht. Das macht sehr viel aus. Nicht im Grundumsatz, aber in Aktionsradius, Körperspannung, Schlafphasen, Körpertemperatur und Krafteinsatz für alltägliche Bewegungen. (Sie hat die Dosis übrigens reduziert.)

Jetzt bin ich ganz froh, nicht mehr diesen prallen Bauch, der mir die Luft nahm (von innen prall, gar nicht mal in Form von Masse über der Bauchdecke) vor mir herzuschieben. Ich komme gerade langsam wieder aus meinem Panikpanzer raus. Ein dünner, drahtiger Mensch mit fester Oberfläche will ich trotzdem nicht sein. Das war ich auch nie. Wenn ich das sein wollte, bekam ich nur dünnste Arme und Beine, war brust- und arschlos und hatte einen absurd großen Kopf, den Bauch behielt ich aber. So will ich nicht aussehen. Und den Zustand, den ich dazu hatte – ständig erkältet und todmüde – brauche ich auch nicht mehr.

Im übrigen, Diät- und Fitnesstipps brauche ich keine. Das bringt mir nichts.

3 Gedanken zu „Körperpanzer

  1. Vielen Dank für diese ehrliche Zustandsbeschreibung mit dem immer wieder geführten Kampf – in beiden Richtungen.
    Ich kenne sehr gut das Zunehmen unter Stress, und hadere ganz schlimm mit meiner Unsportlichkeit und den Beschwerden, die ich damit zunehmend verbinde. Und kenne auch das gute Gefühl, richtig fit zu sein, mich voller Energie und beweglich zu fühlen – leider viel zu selten. Das Älterwerden macht es auch nicht gerade einfacher.

    Was wünsche ich mir (für mich, für uns):
    – Weniger Ausrichten nach den Idealen von außen: bin ich weniger wert, weil ich es nicht schaffe, Körpenormen einzuhalten?
    – Weniger Druck / Anspruch an sich selber, ein vermeintlich „gesundes“ Leben zu führen.
    – Mehr Vertrauen auf das eigene Empfinden / Befinden, was den Umgang mit Essen und Bewegung betrifft.

    Lieben Gruß,
    Renate

    (Lese schon länger still mit, danke für deine offenen Posts jenseits der Wechseljahre)

    • Vielen Dank! Ich freue mich immer sehr, wenn sich auch stille Mitleserinnen melden. Ich glaube, das Vertrauen in das eigene Empfinden ist ganz wichtig. Ich hatte Jahre mit Internisten zu tun, die auf meine Schilddrüsenwerte sahen und meinten „es geht Ihnen gut!“ und die Frau, die vor ihnen saß sagte „es geht mir aber nicht gut“. Ebenso ist das mit BMI-Werten und Maß- und Gewichtsvorgaben. Wir passe nicht alle auf die Zahl genau in den Durchschnitt. Wenn man sich klar macht, welche Funktion ein bestimmtes Verhalten außerdem noch haben kann (Essen, Alkohol, Geld ausgeben etc) und sich nicht in die Tasche lügt, kommt man schon auf ein ausgewogenes Maß.

  2. Ich finde es immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit einige Zeitgenossen meinen, Wildfremde mit indiskreten Fragen – so wie die Dame in dem Beitrag von Anke Gröner – zu belästigen, egal ob es um Statur, Kleidung oder Zustand der Haut geht.

    In solchen Momenten liegt mir als Antwort auf solche Fragen wie „dürfte ich Sie mal fragen …“ ein „Nein“ auf der Zunge, wüsste aber nicht, ob ich so souverän antworten könnte wie die ältere Dame, die einst an der Bushaltestelle neben mir saß. Die wurde von einer anderen auf ihre Altersflecken angesprochen und bekam als vemeintlich guten Rat den Tip, es mal mit Zitronensaft zu versuchen, um die Flecken wegzubekommen. Die Angesprochene antwortete, dass sie weitaus schlimmere Dinge wie z.B. Krebs hinter sich habe und dass ihr die „Altersflecken“ daher so ziemlich wurst wären.
    Das hat mich dann doch sehr beeindruckt.

    Lieben Gruß
    Ulrike

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