Kalte Eier

Nee, mir war nicht nach Ostern zumute. Eigentlich hätten wir die Tage in ein spätes Weihnachten umwidmen können, das hätte vom Wetter her eher gepaßt.
HeMan hatte Besuch, sein Patenkind kam mit ihrem Mann. Beide jung, schön, erfolgreich, aber sehr geerdet und zur Generation „bekennende Spießer“ gehörig. Was heißt: Familie und Karriere, Wertebewußtsein und soziales Engagement sind wieder modern. Ich habe mich mitunter komisch gefühlt, wenn ich als alte Gegenstromschwimmerin neben diesen Menschen saß. Ein bißchen Neid war dabei, weil man sich das Leben auch leichter machen kann und damit Energie in produktive Dinge steckt. Und ein bißchen Befremden über den Welpencharme der beiden kam dazu, weil sie selbst mit 30 noch völlig unverletzt wirkten, wie grade bei Mami aus dem Bauch gepurzelt. Da gab es noch keine Enttäuschungen, keine Mauern, gegen die vergebens angerannt wurde, kein Liebesverlust, keine Resignation, keine Trauer.
Mein Kind ist mir lieber, kritisch und kindlich und kratzbürstig. „Möchte ja auch sein!“ wird sie wahrscheinlich an dieser Stelle sagen.
Ich habe „Rent a Ossi“ gespielt und den beiden die Mauer erklärt und den Prenzlauer Berg von früher und so. Selbst meine Wohnungsbesetzerstories habe ich rausgekramt: „Juten Tach! Ick bin die neue Mieterin, wir tauschen hier gleich ma dit Schloß aus, sind unsichere Zeiten heutzutare!“. Aber selbst Angie M. war ja in Wendezeiten Besetzerin…
Zum Dank dafür wurde ich dann Ersatzmama genannt. Die richtige Mama/Schwiegermutter rief nämlich alle zwei Stunden an, weil sie ihr erstes Osterfest ohne Kind verbrachte. Und um die Welt heile zu halten, hab ich sie zur Lichtmesse nach St. Michael geschleppt. Was wirklich schön war. Die Osterkerze ging im Schneesturm aus, die Glut vom Osterfeuer wehte ständig auf eine alte Nonne, die aber nicht wankte und nicht wich und alle standen mit Mag-Lites draußen rum, weil die Kerzen sofort wieder ausgingen.
Die Gemeinde ist ja sehr klein, ein paar Polen, ein paar alte Schlesierinnen, ein paar reuige Stasi-Leute. Während in St. Hedwig der Kardinal steppte, hat der Monsignore wieder eine gute Predigt gehalten, wie immer völlig frei. (ich erinnere mich an ein Pfingsten, als er die Story erzählte: fragt mich doch ein Kollege, ob ich wirklich noch Bock auf den Job habe und ich mußte lange nachdenken…). Der Chor bestand aus sechs ziemlich schrägen Leuten, die aber sangen wie die Engelchen und der Kantor verlor gleich am Anfang ein Brillenglas und mußte es erst wieder mühselig im Licht einer Mag-Lite reinbasteln, was alles ein bißchen verzögerte. Und es gab das volle Programm. Fünf oder sechs Lesungen, bei den Liedern jeweils alle Strophen (was die Patenkinder zu der Aussage veranlaßte, daß spätestens da die Düsseldorfer Gemeinde gemeutert hätte) und aufstehen-setzen-hinknien, zackzack, wir sind hier in Preußen. Als wir aus der Kirche schlenderten, haute der Kantor dann mal richtig in die Orgel und spielte irgendein sehr modernes Stück. Ich stellte ihn mir da oben vor, wie Dr. Fu Manchu, wenn der von der Weltherrschaft träumt.
Und sonst Kneipen, Kneipen, Kneipen. Safran, Café Jaques, Schwarzes Café, Henne, Würgeengel, Il due Forni, Scotch & Sofa. Und gekocht. Ossobuco mit Safranrisotto. Dazu Feldsalat mit Sauce Brigitte. Umpf. Dicke Augen, dicker Bauch.
Am Montag ein Osterspaziergang durch dieses komische kleine Dörfchen nördlich von Tegel. Mal so richtig durch den Matsch waten und Pferde streicheln.
KKM jeden Tag besucht, weil alle anderen im Urlaub waren. Mal war sie fit, mal sah sie aus, wie kurz vorm Sterben. Ihr Blumen gebracht und ihr die kalten Hände gewärmt. Mit 6stündiger Verzögerung nachts in Tränen ausgebrochen. Und einmal hat das Kind geschafft, sie zum Lachen zu bringen.
Und – Achtung, schneller Themenwechsel – am iPhone erfreut. Ich hätte nie gedacht, daß mich Technik so positiv überraschen kann. Alles funktioniert auf Anhieb und selbsterklärend. Ich habe ein Mal das Manual konsultieren müssen, weil ich nicht wußte, wo ich das Paßwort für den Mailaccount eingeben muß. Und selbst mit meinem Bluetooth im Auto gibt es keine Probleme. (Das SonyEricsson hat die Freisprechanlage ständig zum Absturz gebracht.) Schön. Wirklich schön.

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3 Gedanken zu „Kalte Eier

  1. Wenn ich vom Patenkind und seinem heilen Beziehungs- und Lebenskosmos lese, entkommt mir auch ein Seufzer, weil das eigene Leben so weit außen vorbei an diesen idealtypischen Vorstellungen verläuft, die bei manchen doch Wirklichkeit werden wie man sieht.

  2. REPLY:
    geht mir ähnlich. die beiden sind seit 13 jahren zusammen. einige davon haben sie getrennt voneinander im ausland verbracht. aber gehen ihren weg zusammen…

  3. REPLY:
    Echt schön.
    Hätte ich mir mir für dieses Leben auch gewünscht, aber ich muss scheinbar eine andere Erfahrung machen – mit der ich mich bisher nicht anfreunden konnte.

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