Gehäutet

Mittlerweile verschwimmen die Lebensphasen der Menschen etwas. Wer jeden Tag ein neues weißes Blatt vor sich legen kann, um es zu füllen (oder das zumindest glaubt), hat scheinbar sieben Leben und nicht nur eines aus verschiedenen Reifestadien oder, wie ich gern sage, Häutungen.
Als das Kind und ich auseinander zogen – auf meinen Wunsch übrigens, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie man nach dem Abitur noch freiwillig mit Mama wohnen möchte – fiel ich in ein ziemliches Loch, weil ein ganzer Nähe-, Emotions- und Verantwortungsblock plötzlich aus meinem Leben verschwand, die neue Haut war glänzend, wie neu und sehr empfindlich.
Letzte Woche riss die nächste Haut. „Jetzt hast du das Kind verheiratet“, sagten die Verwandten, ein Schritt der früher tiefgreifende Konsequenzen hatte, trat eine Tochter doch von einem in den anderen familiären Schutz- und Verfügungsbereich. Nichts, was heute noch von Bedeutung ist, aber die Schatten der Tradition sind lang.

Es ist ja nicht unkompliziert, die Familien mit ihren Macken, Marotten und alten internen Grabenkämpfen durch so einen Tag zu bekommen. Wir tüftelten eine knappe Stunde an der Sitzordnung für 20 Leute, wer mit größeren Gesellschaften feiert, kommt ganz schnell auf solche Sitzordnungen. Heute sind die Ost- West-Gräben nicht mehr so tief und selbst die politisch sehr korrekte Sozialarbeiter*innenfraktion musste nicht von potentiellen „Man wird doch wohl noch sagen dürfen!“s separiert werden.
Es gab 14 Tage Intensiv-Kleidungsstreß der Mitmenschen, den ich am Nachmittag vorher dann auch nur noch entnervt abwies, weil es mir zu viel wurde. Ich bekam 2 Tage vorher mal kurz den Anfall „OMG, du kannst doch als Brautmutter nicht mit nem schwarzen 9€ Shirt von Hasi und Mausi und ner Strickjacke zum eisvogelblauen Rock unterwegs sein!“ Der Graf ging mit mir tapfer durch Geschäfte und sponsorte mir eine Seidenweste und eine weite Viskose-Bluse, die ich aber dann doch wegen zu bunt doch nicht trug und die späterer Verwendung zukommen. Aus Kraft- und Gesundheitsgründen hatte ich auf Nähstreß verzichtet, obwohl in meinem Stofflager noch die passende blaugraue Dupionseide für ein Schößchenoberteil lag.
Dann kam der große Morgen, das Kind hatte hier geschlafen, und um halb 8 schlug die Visagistin hier auf, zwei Stunden später stand die Limousine vor der Tür, um eine zarte, in weißen Tüll und Seide gewandete und mit Feinstrahlastern geschmückte Braut mit schwarzen Lederboots an den Füßen abzuholen.
Es war ein schöner Tag. Es sahen sich Menschen aus vielen Lebensphasen wieder – oder trafen sich überhaupt erst mal. Es war warm und herzlich. Die drei Brautväter – er leibliche, der soziale und der Graf – hielten eine Rede, ein 8-Wochen-Baby wurde immer mal schreiend eine Runde getragen und alle strahlten vor sich hin.
Danach war ich zwei Tage platt, ich hatte den schwarzen Hund ja nur mal eine Runde um den Block geschickt, und das junge Paar fuhr nach Usedom.

Hachseufzja… In der Hoffnung, dass das Paar eine lange Zeit zusammen vor sich hat und die neue Haut eine Drachenhaut wird.

Auch das noch:

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2 Gedanken zu „Gehäutet

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  2. .

    Für Kleidungsfragen und -sorgen unter bestimmten besonderen Anlässen ist man wohl nie „zu alt” oder? ;-)

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