Einmal rund um „Geschickt eingefädelt“

Nachdem ich mir 3 Folgen der deutschen Adaption von GBSB angeschaut habe, kann ich mir langsam eine Meinung bilden.

Vorangeschickt, es geht mir gar nicht darum, zu bewerten, wie gut oder nicht gut Kandidaten sind. So ein Cast ist so zusammengestellt, dass eine unterhaltsame Geschichte erzählt werden kann und auch beim britische Original wurden selbst vor der Kamera sichtbare Patzer von der Jury „übersehen“ wenn es noch eine Geschichte mit einem Kandidaten zu erzählen gab.
Was ein Sender wie Vox für unterhaltsam hält, das bestimmt die Vorstellung, die er von seiner Zielgruppe hat.

Bei einer ersten Staffel ist das immer ein Risiko. Die BBC hat beim Original in der ersten Staffel zunächst in eine so kleine (wahrscheinlich billige) Location investiert, dass sich die Kamera kaum bewegen konnte, nur 4 Folgen mit 9 Kandidaten (7 Frauen, 2 Männer) produziert und in den ersten Folgen mehrere Kandidaten nach Hause geschickt. Das ist in Deutschland anders, in Berlin findet sich problemlos ein geräumiges Loft, es treten 8 Kandidaten an, davon 3 Männer – erstaunlich, da Hobbynähen in Deutschland eine Frauendomäne* ist.

Die Ausstattung der Location finde ich sehr angenehm. Ich hatte befürchtet, in einem übel überniedlichten Interieur zu landen, ähnlich wie bei Das große Backen, das im Look unfallartig vom dezenten britischen Original abwich.

Die deutsche Jury ist ein wenig komplizierter zusammengestellt als die britische – dort moderiert mit Claudia Winkleman eine in Contest-Shows versierte und bekannte Fernsehjournalistin und ihr sind eine Maßschneiderin und ein Designer als Jury zur Seite gestellt.
In Deutschland moderiert Guido Maria Kretschmer, selbst Modedesigner und etabliert durch Formate wie Shopping Queen, gleichzeitig ist er Jury-Mitglied, ihm zur Seite stehen die Vorsitzende des Verbandes des Schneiderhandwerks und eine weitere Modegestalterin. Ein bisschen designlastig ist die Jury also.
Das wird allerdings dadurch ausgeglichen, dass die handwerkliche Jurorin Inge Szoltysik-Sparrer eine ungeheuer medienpräsente Persönlichkeit ist und klar und unverhandelbar ihre Ansprüche formuliert. Eine echte Entdeckung, ich liebe diese Frau!
Anke Müller als Design-Jurorin hält sich eher im Hintergrund und darf bestätigen oder Stichworte geben, denn das ist ganz eindeutig Kretschmers Show. (Ihr gewöhnungsbedürftiger Fifties-meets-Kinderzimmer-Look hat schon auf Twitter die Spekulation gebracht, sie verkörpere die klassische deutsche DIY-Frau.)

Die Kandidaten sind ein Querschnitt der deutschen Nähszene. Also fast. Es gibt zwei Leute, die aus der recht großen und jungen Cosplayszene kommen. Eine Frau, die schon zu DDR-Zeiten genäht hat, eine junge Frau, die ganz korrekt nach Schnittmustern arbeitet und zwei Nähbloggerinnen. Dazu noch zwei junge Männer, die im weitesten Sinne mit Mode bereits Geld verdienen bzw. eine Ausbildung in der Branche gemacht haben – einer hat ein kleines Label für Vintage-Kleider, der andere Modemanagement studiert und ein Taschen-Label.
Scheinbar gibt es in Deutschland kaum nähende Männer mit genügend Zeit und deshalb sind zwei männliche Fast-Profis dabei… Allerdings kam das englische Original auch mit einem Männer-Frauen-Verhältnis 7/2 aus. (Warum 6/3 in so einem Format nötig sind, vielleicht an der Angst des Senders liegen, dass die mit ihren Frauen auf dem Fernsehsofa sitzenden Männer sonst den „Weiberkram“ ablehnen könnten.
Edit: In den Kommentaren wurde die Vermutung geäußert, man hätte sich an den Briten orientiert, die merkte, dass die Zuschauerinnen unheimlich auf die nähenden Männer abfuhren.)

Auch wenn es offiziell um Hobbyschneiderinnen geht – das Spannungsfeld zwischen deutscher Wertarbeit und Designer-Geniekult geht mir in der Denke zu sehr in Richtung Professionalität.
Daß in Kunst-Castingshows eine große Karriere versprochen und mit dem Plattenvertrag gewinkt wird, ist verständlich. Aber weder in den unzähligen Kochshows noch bei Das Große Backen wird den Kandidaten eine Gastronomen- oder Bäckerkarriere avisiert.
Bei Geschickt eingefädelt wurden im Castingaufruf mit Nur Hobbyschneider, keine Profis! explizit Leute gesucht, die berufsfern sind. Ich finde das nicht ganz sauber.
Ich erinnere mich daran, dass es auch bei Veranstaltungen wie DSDS immer mal Kandidaten gab, die eigentlich schon Profis waren, wenn sie auch erst im Musical als Zweitbesetzung arbeiteten. Klar ist es anstrengend, mit womöglich losenden Laien zu arbeiten. Leute die irgendwie schon in die Branche reingeschnuppert haben, kennen die Codes und wissen, wohin sie ihre Leistung fokussieren müssen. Da stimmt mir die Verabredung der Sendung nicht.
Wo Hobbyschneider drauf steht, sollte auf keinen Fall Jungdesigner drin sein.

Die Aufgaben, die an die deutschen Kandidaten herangetragen werden, sind einfacher als im Original, scheinbar traut man den Kandidaten höhere handwerkliche Fertigkeiten/Leistungen im vorliegenden Drehplan nicht zu. Statt dessen gibt es im zweiten Teil, der als Kreativ-Teil bezeichnet wird, eine lieblose Upcycling-Aufgabe** nach der anderen, die irgendwann dazu führen, dass einige Kandidaten Upcycling so definieren, dass ein Alibi-Fetzen Stoff des Alt-Materials reichen muss, um effektvoll herrliches, sauteures Material meterweise zu verbraten. Was die Jury goutiert.
Die im Original gestellte dritte Aufgabe fehlt ganz. Auch die Animationen, die den Zuschauern erläutern, worin die handwerkliche Aufgabe besteht, fehlen. Als würde man fürchten, die Zuschauer damit zu langweilen.

Im Storytelling bleibt die Show ganz bei Vox-Traditionen, die auch aus „Das perfekte Dinner“ oder „Shopping Queen“ bekannt sind. Die Kandidaten kämpfen gegen die Zeit und mit der Aufgabe und das wird von außen mit ironischen Sprüchen bedacht. Beim Perfekten Dinner passiert das über einen anonymen, nicht personifizierten Off-Kommentar, bei Shopping Queen sitzt Kretschmer in der Green Box und beobachtet und kommentiert.
Die Nähshow geht noch näher an die Kandidaten ran – Kretschmer und zum Teil auch die Juroren kommentieren das Geschehen hinter der Glastür des Ateliers.
Das ist sehr wahrscheinlich gescripted, so was wird seltenst selbst ausgedacht. Dazu werden im Schnitt Sequenzen und Sätze rausgepickt, die die realen Personen der Teilnehmer zu merkfähigen, recht stereotypen Figuren werden lässt.
Ziel ist, ein kleines, voyeuristisches Bündnis mit dem Publikum einzugehen, im Lachen über andere ist man sich einig. Das muss man natürlich mögen.
Das britische Original macht das nicht über die Technik „lustig hinter vorgehaltener Hand lästern“ sondern über mit Kamera und Musik. Es gibt in der ersten und zweiten Staffel zum Beispiel eine fast gleiche mit lustiger Musik unterlegte Kamera-Einstellung eines völlig vernähten Rockes, vorgeführt von einem männlichen Kandidaten, der sich in seinem Können völlig überschätzt.
Sonst wird über ausdruckvolle Gesichter und Gesten erzählt, manchmal auch über Satzfetzen oder Gespräche der Kandidaten untereinander.

Hier unterscheiden sich die Konzepte m.E. um einiges voneinander. Bei der BBC geht es um das Produkt und die Macher (und da war in der ersten Staffel auch der Typ schüchterne graue Maus dabei), bei Vox um merkfähige komische oder sympathische Typen im Kampf mit der Materie, die zufällig diesmal Nähen ist. Aber unironisiert und 100% zu den Kandidaten stehend geht es scheinbar nicht.
Wer sich mit dem Format beschäftigt, sollte sich darüber im Klaren sein, daß die Kandidaten nur Material anbieten. Wie sie dargestellt werden, liegt weitestgehend außerhalb ihrer Kontrolle.
Bisher ist meine Vermutung: je länger jemand im Wettbewerb dabei bleibt, desto weniger holzschnittartig ist er oder sie dargestellt.
Die junge Cosplayerin, die als erstes rausflog, war bunt wie ein Papagei, vom zweiten Cosplayer, der gehen musste, wurde ständig erzählt, dass er so schrecklich schwitzen würde und die Kamera kroch ihm ins über dem Bauch aufsperrende Hemd. Das Best-Ager-Model muß als Sexy Oma herhalten und man filmt ihr auf den Schlüpfer, die runde Autorin ist das klassische Fatshaming-Ziel, der Fifties-Kleiderschneider aus Brandenburg das unsichere Muttersöhnchen.
Einzig drei jungen Leuten im besten werbezielgruppenkompatiblen Alter zwischen 25 und 35 blieb das bisher weitgehend erspart. Das sind scheinen die Heroes zu sein.
Ich bin gespannt, ob das wirklich so ist.
(Edit: Ja, die Vermutung wurde bestätigt, nur noch die jungen Leute sind im Rennen.)

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Edit eine Woche später:
ok. In der nächsten Folge passiert ein kompletter Wechsel der Tonalität. Wir verlassen jetzt die Zone Spott und Häme und menscheln rum. Plötzlich werden die lang erwarteten kleinen Geschichten erzählt, die Teilnehmer werden emotional nahbar und respektvoll dargestellt. Wir erfahren sogar etwas über Nähtechniken.
Ich gehe nicht davon aus, dass die Postproduktion letzte Woche eine Sonderschicht geschoben und die Sendung umgeschnitten hat. Es ist Entertainment. Erst auf die grobe Tour im üblichen Vox-Stil einprägsame Leute vorführen und nun der Endspurt mit viiiiel Emotion und sogar ein wenig Annäherung an das Originalformat.
Ist das abgefuckt. Es kostet ja nix. Da wird ja nur ein Unternehmensberater als schwitziger verdallerter Depp dargestellt, eine mitten im Leben stehende Mutter, Oma und arbeitende Frau als Sexobjekt und eine erfolgreiche Autorin als inkompetentes Trampel.
Wer sich für das kurzzeitig schon ausgeschriebene Casting für die nächste Staffel bewirbt, weiß, wer nicht normgerecht und jung ist, ist ohnehin nur Kamerafutter für die nächste Hämenummer. (Das vor dem Hintergrund, dass gerade ältere und nicht in Konfektion passende Frauen verdammt gut nähen können und den „Wettbewerb“ auf ein höheres Niveau gebracht hätten.)
Der junge Brandenburger, den ich übrigens interessant und sehr kreativ finde, geht mit dem Banner „möchte ein Modelabel gründen“ – das er schon vor den Dreharbeiten hatte. Das Internet vergisst leider nichts.
Ich weiß gar nicht, warum ich mich so aufrege. Das ist die Erzähltechnik dieser Shows.
Vielleicht, weil ich diesmal auf der anderen Seite stand, weil die Leute diesmal für mich nicht die anonymen Nummern waren, die man durchs Casting schleust. Weil es diesmal nicht um Halbasis ging, für die die Teilnahme in einer Freakshow wahrscheinlich das Erlebnis ihres Lebens ist. Weil es nicht eine Woche Arbeitsaufwand war, wie bei „Das perfekte Diner“, sondern wesentlich mehr Zeit geblockt werden musste. Weil die englische Vorlage so großartig war und ich deshalb hohe Erwartungen hatte. Weil die Atmosphäre unter den Nähnerds so anders ist.

Und das Fazit zum Finale ist ein Rant.

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Drumherum finde ich sehr interessant, dass in den sozialen Medien die Zuschauerinnen sofort auf die Produkte anspringen – „Welche Bügelstation, welche Nähmaschine, welche Stoffe?“
Die Hersteller der Produkte scheinen ob dessen ungerührt und fangen den Impuls nicht auf, sondern spulen ihren Monate vorher festgelegten Social-Media-Plan ab. Oder irre ich mich?
Nächstes Phänomen: Trotz passabler Quoten sind die Facebookseiten zur Sendung nicht sehr frequentiert. Die Zuschauer scheint nicht so wahnsinnig Facebook-affin zu sein. Das hätte ich nicht erwartet.

So, das waren erst einmal jede Menge Spekulationen und Medienkritik Genörgel. In anderthalb Stunden beginnt die nächste Sendung. Ich bin gespannt.

BTW. Nach einem sonntagabendlichen Streitgespräch mit dem Grafen über die Sendung hat er gestern diesen Artikel zum Thema geschrieben.

Weitere Blogposts zur Sendung gibt es von
Muriel in Nahtzugabe 5 cm
Mädchen für alles
Claudine in Holyfruitsalad

*Ausnahme ist Outdoor- und Cosplayausrüstung, da gibt es viele Männer.

** also aus Alt und Doof mach Neu und Schick unter Schonung von Ressourcen

Auch das noch:

  • MMM 4.9. 2013 – Das TenniskleidMMM 4.9. 2013 – Das Tenniskleid Das war eine meiner ersten Arbeiten im Sommer, die noch unter Aufwärmübung liefen. Der Stoff ist gestreifter Baumwolldamast, Meterware […]
  • Young, white, male. Noch Fragen?Young, white, male. Noch Fragen? So, jetzt kommt ein Rant. Die bei "Geschickt eingefädelt" angebotenen Rollenmodelle: Die Cosplayer. Spinnert, etwas sonderbar und […]
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  • Nie mehr Shopping QueenNie mehr Shopping Queen Als ich am Samstag aufschrieb, dass ich vor 6 Jahren den letzten teuren Kleidungs-Spontankauf machte - ein dunkelblauer […]

22 Gedanken zu „Einmal rund um „Geschickt eingefädelt“

  1. Tja, mit deiner Vermutung, wer länger dabei bleibt, lagst du ja vollkommen richtig. Ich habe auch den Eindruck, dass nur die drei Werbezielgruppenrelevanten in einer Kommunikation auf Augenhöhe mit der Jury gezeigt werden. Die anderen werden in der Jurygesprächen vor der Tür ständig küchenpsychologisch abgeurteilt („bockig“, „traut sich nichts zu“) oder brauchen beim Nähen ständig Ratschläge, die sie entweder devot-dankbar annehmen, oder ignorieren und dafür abgestraft werden. Es wird schon alles getan, diejenigen, die ausscheiden, denkbar unsouverän dastehen zu lassen.
    Dass die ganzen involvierten Hersteller nur ein paar vorgefertigte Beiträge zur Sendung posten, finde ich auch sehr kurios. Aber vermutlich ist denen nicht mal klar, welche Möglichkeiten sie sich gerade entgehen lassen.

    • Ich spekuliere jetzt mal: die drei „Heroes“ sind Celine, Ella Mara und der junge Mann mit dem Taschenlabel. Ella Mara hat inzwischen eine Kooperation mit Bernina, heute erschien auf dem Bernina-Blog ein Interview mit ihr. Ohne die beiden anderen auf dem Radar zu haben … das könnte darauf hindeuten, dass Ella Mara die Staffel gewinnt. Sie näht gut, ist ein schnitttechnisches Naturtalent, und kreativ ist sie auch. Würde also passen.

      Übrigens: vielleicht wissen die involvierten Hersteller nichts mit der Publicity anzufangen, Bernina hingegen, obwohl nicht involviert, offenbar schon. Frage an Ella Mara: „Was müssen wir tun, dass bei der nächsten Staffel BERNINA Maschinen eingesetzt werden?“ Clever.

  2. Ich kann nicht verstehen, wieso die Charaktere so stark vorgezeichnet sein müssen. Damit meine ich nicht, dass man nicht möglichst diverse „Typen“ casten sollte, wenn sie denn zu haben sind, sondern das Regie führen, Scripten und Schneiden nach vorgegebenem Plan. Ist es nicht viel spannender, Leute mit Potenzial auszusuchen und sie sich entwickeln zu lassen, Hochs und Tiefs inklusive? Ganz abgesehen von der Werbezielgruppe, wer kann denn vorhersehen, ob nicht der oder die „Falsche“ zur tollsten Form aufläuft? Bei GBSB 1 hat die „nette Oma“ gewonnen – und ich denke, sie war ausgesprochen beliebt, wahrscheinlich auch bei der Werbezielgruppe.

    Dass es Vox offenbar so wichtig ist, noch mehr Männer als das englische Original dabei zu haben, führe ich übrigens darauf zurück, dass bei GBSB die Männer ziemlich gut rüberkamen. Insbesondere der nähende Offizier war gerade bei Frauen sehr beliebt.

    Viele Grüße
    Ursula

  3. Volle Zustimmung zu dieser Analyse.

    Ich frage mich nur, ob unsere Gesellschaft wirklich im großen Durchschnitt so ist: voyeuristisch, lästernd und voller Schadenfreude?
    Oder lässt sich so nur am Einfachsten und Schnellsten Geld verdienen?

    Sollten Fortsetzungen geplant sein, können CastingteilnehmerInnen jetzt wohl kaum noch auf ein freundlich-sachlich-respektvolle Fortsetzung hoffen und wissen besser, worauf sie sich einlassen.

    Es wäre schön glauben zu können, dass die Hersteller nicht mehr auf die Sendung und ihre Wellen im sozialen Netz eingehen, weil sie mit dem wenig respektvollen Format nicht einverstanden sind. Ob das wohl Wunschdenken ist?

    Wenn da nicht zwei Nähbloggerinnen dabei wären, würde ich mir die Sendung nicht weiter ansehen.

    • Wir lästern alle gern, das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Und es gibt halt Medien, die haben solche Elemente zum Erlösmodell gemacht.
      Nee, die Hersteller haben das mit Sicherheit verpennt. Pfaff ist nur noch eine Marke und gehört mittlerweile einem chinesischen Konzern, der so was gar nicht wahrnimmt. Die haben hier maximal ein oder zwei Leute in D, die Promotion machen und die machen nichts, was sie nicht bezahlt bekommen, verständlicherweise.
      Wie in einem anderen Kommentar zu lesen ist – Bernina blieb erst mal in der Reserve, die fahren ja ihr ganz eigenes PR-Programm über Blogs und kann nun sicher gut aufspringen, wenn es weiter gehen sollte.

  4. Danke für diesen Beitrag. Das sind die Gedanken, die auch mir im Kopf herumschwirren, allerdings nicht so deutlich strukturiert.

    Was mich noch umtreibt, ist die Frage, warum dieses neue Format gleich von Anfang an für die Prime Time so groß aufgezogen wurde. Wollte man unbedingt GMK und/oder hat der gesagt, entweder groß oder gar nicht?

    Es ist ja inzwischen hinreichend deutlich geworden, daß die Macher neben dem Studium des britischen Originals während der ewig langen Vorbereitungszeit etliche Nähblogs konsultiert haben. Da sollte auch eine Ahnung entstanden sein, daß eine Nähshow nach den bewährten Läster- und sonstigen Kriterien nicht unbedingt der große Kracher werden könnte. Und das alles mit einem Nischenthema und ganz überwiegend weiblicher Interessenten. Aber vielleicht ist die Sendung u.a. ja auch deshalb so schrecklich unausgegoren, weil zu viele Aspekte eine Rolle gespielt haben (ohne entsprechende Umsetzung).
    Im übrigen befürchte ich, daß „Deutschlands bester Hobbyschneider“ tatsächlich ein Mann ist ….

    • Deutsches Fernsehen hängt so was gern an Stars auf (wenn einmal etwas mit jemandem funktioniert hat, geht man ungern Risike ein, das hat uns ja jahrelang Veronika Ferres beschert) und GMK passt schon da hin. Und der muss in die Prime Time, für alles andere ist er zu teuer.
      Zu deiner Vermutung: So langsam befürchte ich es auch. Das wäre doch typisch deutsch. Den Mädels das Hobby und den jungen Männern das professionelle Potenzial.

  5. also:
    ich stimme , wenn ich darüber nachdenke, jetzt nach dem ich hier die kritiken wegen einer scripted-show lese, Kitty zu.
    aaaaber: ich finde auch dass viel zu viel bauchpinseleien innerhalb der nähnerd-blogger-gruppe ausgetauscht werden.
    ernsthafte kritik, dass der saum doch besser gerade genäht werden sollte (als beispiel) kommt da nicht.
    und wenn frau einige der nähblogs kennt, dh sie regelmäßig verfolgt, dann weiß ich auch, dass es dort vereinzelt durchaus extreme und völlig distanzlose selbstüberschätzung zu lesen, und zu sehen gibt.

    zur sachlichen, fachlichen, Sprachanalyse:
    es heißt im englischen „die beste britische Nähbiene“, das ist angemessen und trifft den punkt und den inhalt der sendung.
    im deutschen heißt es : HobbySCHNEIDER/IN.
    wer glaubt, schneidern zu können -und zu wollen- muß, was den unterschied zwischen nähen und schneidern nun einmal ausmacht, auch kennen, bzw diesen standard des Hobby-schneiderns dann eben auch erfüllen können.
    nähen, kann wirklich jede/r, mit ein bisschen Übung sogar exakt und geradeaus.
    schneidern hat etwas mit echtem können, materialkunde, und sorgfalt zu tun. ein handgenähter saum ist im grunde das mindeste, und wenn nicht handgenäht, dann wenigstens den blindstich der maschine einsetzen. einfach oben drüber nähen ist tatsächlich unterste stufe des nähens.
    tut mir leid, ich bin da rigoros.
    ich habe früher auch Hobby-geschneidert !! – heute nähe ich nur noch. weil mir für das schneidern ein paar fertigkeiten im laufe des lebens abhanden gekommen sind; exaktes sehen können; die Hände gezielt einsetzen und benutzen können; und auch die eigene Körperform (die viel mehr anpassungen erfodern würde) und nicht zuletzt dass es kaum noch gutes material ( zu einem realistischem preis) zu kaufen gibt (außer 2ndHand).

    und noch ein paar sätze zu der Medienkritik:
    wer sich entschließt da mitzumachen und mitbekommt was wie „gestaltet“ wird, und dann trotzdem dabei bleibt . . . tja, so werden formate unterstützt. ganz einfach.
    guckt euch sowas nicht an und schon ist sowas weg vom fenster. warum also wundern dass die werbeigeier nicht aufspringen ? täten sie es, wäre auch das ein grund mehr am Format herumzumäkeln.
    sendungen dieser art werden immer der ambivalenz unterliegen, geradezu zwangsläufig unterliegen müssen.

    • Was die Bemühungen um größtmögliche Harmonie in Frauengruppen betrifft, so stimme ich dir zu. Dir wird niemand sagen, dass was nicht gut oder verbesserungswürdig aussieht, wenn man sich nicht lange kennt, schon gar nicht öffentlich. Früher war das für mich ein großes Problem, weshalb ich eher als einzige Frau in Männergruppen zu finden war. Der Ton war rauer, aber eindeutig.
      Und Selbstüberschätzung – ja Herrgott, das finde ich ok. Der Bescheidenheitsterror, in dem Frauen sonst anerzogen werden, ist eher kontraproduktiv. Da darf man auch mal auf die Pauke hauen. Das ist schließlich einer der wenigen Bereiche, wo nicht gleich irgendein Mann kommt und laut tönt, dass er es besser kann und Mäuschen mal ruhig sein soll.
      In Bezug auf die Sendung fand ich die Geschlossenheit, mit der gegen die sehr persönlichen Hämeattacken vorgegangen wurde, sehr gut.
      Die Technik, per Materialauswahl und durch bestimmte Situationen Privatpersonen auf Rollen zu bringen (die sind sterotyp: die Zicke, die Brave, das Sensibelchen, die Heulboje, die Sexbombe, das Engelchen, der stille Held…), manipuliert das Publikum extrem. Schauspieler sind meist so professionell, Attacken von Fernsehzuschauern an sich abperlen zu lassen. Da passiert nicht selten, dass man am nächsten Tag im Supermarkt aggressiv abgegangen wird, wenn man am Tag vorher mit einer übel fiesen Rolle auf Sendung war.
      Für Nicht-Profis kann das traumatisierend bis rufschädigend sein.

      Was die Medienkritik betrifft, so habe ich nicht umsonst den Vergleich mit dem britischen Original gemacht. Das hat die Latte hoch gelegt und Erwartungen geweckt – auch in Hinblick auf die respektvolle Behandlung der Kandidaten und die ganz am Thema Nähen bleibende Erzählweise, die darauf verzichtete, sich mit Körperlichkeiten und persönlichen Makeln der Kandidaten zu beschäftigen.
      (Im übrigen: Sewing Bee sind nicht nur die fleißigen Nähbienen, sondern das Wortspiel bedeutet auch im Sinne von be together ein Nähkränzchen. So hießen die patriotischen Nähzirkel in England nach dem Krieg.)
      Die Erwartung, dass die ausgewählten Kandidaten als Hobbyschneiderin tatsächlich die Erwartungen von zwei Designern und einer Schneidermeisterin erfüllen, ist genau das, was ich dabei kritisiere. Das pendelt zwischen Geniekult (eine unklar formulierte Upcycling-Kreativ-Aufgabe nach der anderen) und deutscher Wertarbeit (der Handsaum dauert halt länger als die kalkulierte Zeit). Ich bin mir sicher, dass es da draußen Leute gibt, die viel besser nähen. Nur die sind vielleicht zu alt (der Handarbeitsunterricht wurde ja irgendwann abgeschafft) zu unscheinbar oder zu zurückhaltend. Oder es gibt keine Männer dabei – schließlich besteht die Männerriege schon zu 2/3 aus Semiprofis.
      Dazu kommt, dass du als Zuschauer nur das Können siehst, das die Kamera und die Inszenierung dir zeigt. (Nicht umsonst kam die anonyme Bewertung zu völlig anderen Ergebnissen.) Das Schottenkaro-Bustier, das mir sehr gefiel, war hinten eine handwerkliche Katastrophe. Und wenn die Schneidermeisterin nicht noch mal darauf bestanden hätte, den Knopf zu öffnen, wäre das gar nicht zu sehen gewesen. Das royalblaue Schlankmacherkleid war schlecht gebügelt und schlecht gerafft, das rote nur auf die Schnelle zusammengetackert. Das Graue Leokleid war bis auf die Raffung auf der falschen Seite völlig ok und gut gemacht, das Kleid mit den Farbblöcken war handwerklich völlig ok., da wurde das Haar in der Suppe gesucht. Es war aber sehr wahrscheinlich schon klar, dass die beiden älteren Frauen gehen. So ist die Inszenierung.

      Nebenbei: So eine Veranstaltung nur mit Cosplayern würde ich z.B. sehr cool finden. Aber die Cosplayer haben sie gleich am Anfang rausgeschmissen.

      Ich habe die Fernsehbranche zu einer Zeit verlassen, als scripted Formate mit Laien mehr und mehr das Programm bestimmten. Ich langweilte mich nur noch, für mich gab es keine Herausforderungen mehr. Das GBSB, war für mich ähnlich wie The Great Bake Off ein Ansatz, einen Wettbewerb darzustellen, der an der Sache bleibt und nicht Personen vorführt. Das ist im konkreten Fall nicht passiert.
      Was die Verkaufsförderung von Produkten anbelangt. – Davon lebt Privatfernsehen. Kluge Platzierung von Produkten, die dann auch noch in Funktion vorgeführt werden, finde ich ok.

  6. Dieser Artikel beschreibt auf wunderbare Weise mein Empfinden beim gucken dieser Serie. Ich dachte schon es würde nur mir so vorkommen, als würde von vorne rein auf den „möglichen“ Sieger hingearbeitet. Ungerechte Beurteilungen, und ,in meinen Augen, unfreundliche Komentare zeigen mir zu wenig Professionalität. Ich hätte mir weniger Häme und runtermachen gewünscht, dafür interessante Erklährungen oder ähnliches zu den einzelnen Aufgaben.
    Mein Fazit: Sollte das Niveau so bleiben, schalte ich die 2. Staffel sicher nicht mehr ein.

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  8. Danke für die professionelle Sichtweise. Das sind Einblicke, die man als Außenstehender kaum hat.
    Sie haben recht, man könnte viel mehr daraus machen. Die Betonung des Handwerklichen ist zwar da, aber zeigen wäre schōner.
    Oder halt sowas : Wenn Sie wissen wollen, wie ein Saum genäht wird, schauen Sie doch bitte hier nach….fazebuk, homepage, sowas halt.

    Ich weiß, ich leide unter der Illusion der Volksbildung. Aber die könnte man auch mit Werbeträgern gut gestalten. Schade eigentlich um das vergeudete Potential.

  9. Vielen Dank für die ausführliche Analyse und Insiderinfos. Ich habe mir zwar (in meiner Funktion als Nähnerd) die britische Version mit großer Begeisterung angesehen, mir aber von Vornherein wenig von einer deutschen Version erwartet und dementsprechend nicht geguckt. Aber die Taktik des Senders ist ja wohl voll aufgegangen – viele meiner Nähnerdfreundinnen guckten, bis die Glotze rauchten, und echauffierten sich dementsprechend, besonders über den nicht zu übersehenden Bias des Moderators. Damit hat doch der Sender, was er will – ob die Leute einschalten, weil das Ding so toll ist, oder ob sie einschalten, weil sie sich am nächsten Tag in den Schneiderforen aufregen wollen und deshalb up to date sein wollen, kann ihm doch egal sein, oder? Er will sich ja nicht dauerhaft als Maßstab gepflegter Unterhaltung für Hobbyschneiderinnen etablieren, schätze ich mal. Hauptsache, die Leute reden!

  10. Pingback: Das Fernsehen ist kein Wunschkonzert - mädchenfürallesblog

  11. habe eben Ihr update gelesen – ich rege mich auch auf und Danke Ihnen sehr, für die Mühe, Gedanken und Gefühle aufzuschreiben.

    Ich verstehe es nicht – was wäre so schwer daran gewesen, die Vorlage umzusetzen? Hege ein wenig den Verdacht, dass die Briten tatsächlich um vieles Mode-bewusster sind, und dort diese Jury nicht mit einem diesem hohen angeblichen Profi-Status hätte eingeführt werden können. Neben der Diffamierung der Kandidaten, die mE allen Beteiligten, Kandidaten wie Sponsoren, schadet, schmerzen mich die fehlenden oder dann fragwürdigen Näh- und Gestaltungstipps. May Martin ist Dozentin für textiles Gestalten, Patrick Grant weiß, was Stil, gute handwerkliche Verarbeitung, perfekte Passform ist… scheinbar können die Briten auch besser erzählen und beherrschen die Mittel des Mediums.

  12. Danke für diese ausführlichen Gedanken zu dieser Sendung.
    Sie haben meine etwas diffusen Gedanken sehr, sehr schön in Worte gefasst.

  13. Rechthaben ist manchmal ganz schön bitter …

    Und wie war das noch, hab ich das richtig verstanden?
    Nähen ist ja auch so technisch, und deshalb ist es völlig in Ordnung, wenn ein Mann gewinnt (Anke). Das haut mich wirklich aus den Socken.

    • Ja und es gibt ja landauflandab so viele nähende Männer…
      Ich habe nichts gegen den jungen Mann, ich habe mir ein paar Tricks abgeschaut, wie er an Projekte rangeht.
      Aber es ist so 50er-miefig, wie es in vielen Ecke in Deutschland noch ist.

  14. Also ich fand die Sendung auch nicht so prickelnd. Ich bin auch der Meinung, dass die Redakteure nicht ausreichend zum Thema, der Näh-Zielgruppe, und der Näh-Community recherchiert haben. Einige Nähblogs sollen ja von der Redaktion kontaktiert worden sein – wenn jedoch die Infos nicht verwertet werden, dann bringt das rumfragen auch nichts.
    Die Sendung wurde wohl eher auf die Vox-Läster-Zielgruppe zugeschnitten, leider

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