Miz Kitty reist mit dem Grafen – Zamecek Janovicky

Am Morgen unserer Abreise aus Breslau genossen wir noch einmal den tollen Kaffee, besorgten etwas mit Erinnerungswert („das ist doch aber deutsch“ meinte der, den wir um Erlaubnis fragten, es zu nehmen und wir meinten „klar, das soll ja auch deutsch sein“) und mussten am Stadtrand erst einmal das Auto durch die Waschanlage fahren. Wenn wir das Dach öffneten, flog sonst zu viel von der Staubschicht, die es bedeckte, hinein.
Es war Feiertag Mariae Himmelfahrt, für die Polen ein verlängertes Wochenende, das sie gern zum Feiern und Reisen nutzen und wir freuten uns, dass kein LKW auf der Straße war.
Auf dem Weg aus der Stadt heraus sahen wir ein neugebautes großes Werk am anderen. Sie sind alle da. Toshiba, LG, Procter & Gamble und viele, viele, mit deren Namen ich nichts verbinde.

Auf der Suche nach einem See

Wir hatten auf der Karte am Rand unserer Strecke einen größeren See entdeckt und wollten schauen, ob wir darin schwimmen können. Also verließen wir die Hauptstraße.
Wieder fuhren wir an einer großen, zugewucherten Ruine vorbei, ein verfallenes Herrenhaus, ein paar Kilometer weiter das nächste, beides barocke, klassizistisch umgestaltete Häuser. Kurz vor dem See, in Borzygniew kam die dritte Ruine, die anrührendste.
Ein hübsches Renaissance-Schlösschen mit einstmals bemalten Wänden, dessen Inschrift auf dem Schild über der Tür lautet:

1613 DURCH GOTTES GNADE UND SEGEN HAB ICH CHRISTOF VON MÜLHEIM UND DOMANTZ AUF BORGANY NEBEN MEINEM GELIEBTEN WEIBE FRAW BARBARA GEBORNE VON SEIDLITZEN AUS DEM HAUSE KEMMENDORF GEBAUET DIS HAUS NICHT AUS HOFFART SONDERN AUS NOTH DEM ES NUN NICHT GEFELT DER SCHATZ ES NICHT AUS SONDERN BAUE IHM EIN BEQUERMERS UND BESERS
GOTT BEWAHRE UND SEGNE DIESES HAUS UND ALLE DIE HIER GEHN EIN UND AUS

Den Dreißigjährigen Krieg hat es überstanden, die Artillerieangriffe 1945 nicht.
Der See war ein großer Stausee, angefüllt mit grüner Brühe und Müll, aus dem Schiffe den Grund herausbaggerten, also nix zum Schwimmen. Auf dem weiteren Weg fanden wir noch eine weitere Schlossruine, eine uralte Wasserburg.
suehnekreuz
An den Wegrändern sahen wir immer wieder Sühnekreuze, archaisch behauene Steinkreuze, die auf vergangene Verbrechen hinweisen.

Der Graf hat diese Ruinentour sehr schön dokumentiert.

Ab in die Berge

Durch den polnisch unaussprechlichen und -schreiblichen Ort Wałbrzych, deutsch Waldenburg fuhren wir, so fix es ging, denn derzeit werden gerade die Straßen erneuert. Das Steine-Tal wird nach oben immer enger und der Ort Mieroszów hat definitiv schon bessere Zeiten gesehen, aber steckt da in der Grenzecke fest.
Wir wechselten ins Tschechische, weil wir noch etwas in die Berge wollten und ich immer so von meinen Wintern in der Tschechei geschwärmt hatte und fuhren hinauf ins Eulengebirge, in den Ort Janovicky oder Johannisberg zu einem hübschen kleinen Berggasthof ganz oben.
Was uns noch nie auf unseren Reisen passiert war – wir saßen bedrippst im Zimmer, schauten uns noch mal ganz genau die Beschreibung auf Booking an und beschwerten uns dann. Das 20qm-Zimmer hatte maximal 16 und die Kategorie Deluxe bot zwei Sessel vor dem Bett, das wars. (Was wir nicht wussten – die Normalzimmer waren so klein, dass man grade noch so an der Wand vorbei ins Bett kam, aber auch die waren als größer beschrieben.) Die Chefin kam und schob erstmal alles auf die Kategorien von Booking. Jedenfalls gab sie uns nach einiger Diskussion (wir wollen darüber schreiben war dann das ausschlaggebende Argument) ein größeres Zimmer. Das große Turmzimmer, das auf allen Fotos zu sehen war, war belegt. Jetzt hatten wir ein Sofa, die für die Kategorie nötige (leere) Minibar und eine Nachttischlampe, was logisch war, denn es gab auch nur einen Nachttisch.
Das Essen war wirklich sehr gut gemachte tschechische Küche, aber Gourmet, wie im Flyer beschrieben, war es nicht. Ich habe überhaupt kein Problem mit einfachem Standard und wir hatten schon einige „als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet“-Locations gesehen. Aber das ganze Haus, das sichtlich gerade neu, mit Aufwand und vielen liebevollen Details renoviert war, litt unter ziemlichem Chaos. Im Treppenhaus zu den Gastzimmern standen kaputte Möbel und Stapel dreckiger Wäsche. Die Tischdecken waren verschmiert und krümelig, die zwei Bäder, die wir sahen, hatten in den Ecken und Rändern eine Korona von Schmutz und Kräusel-Haaren. Als wir morgens zum Frühstück kamen, war das Buffet fast leer, erst auf unsere sichtbare Körpersprache – wir standen einfach fassungslos davor – wurde nachgefüllt.
Irgendwas stimmte da nicht und wir konnten nur spekulieren, was. Als ich vor über 10 Jahren winters im Riesengebirge war, begannen die Tschechen ihre Hotels und Pensionen, die bis dahin noch 1a sozialistische Zusammenbruchs-Ausstattung hatten, zu renovieren und anderes Essen anzubieten – zu höheren Preisen versteht sich. Viele (deutsche) Leute, mit denen ich sprach, wollten das damals nicht, sie wollten es weiterhin gammelig-schlicht, aber extrem billig.
Das Zimmer war gemessen an der Ausstattung gar nicht mal so preiswert, aber das Essen kostete extrem wenig. Vielleicht steckt man auch dort in dieser Preis-Erwartungs-Schere, keine Ahnung.
Hier schreibt der Graf darüber und hat Fotos dazu.

Wir machten am Vormittag im Regen einen kleinen Gang den Berg hinauf und dann wurde, als der Regen aufgehört hatte, daraus ein immer längerer. Ich fand noch ein paar Nachzügler-Walderdbeeren, es gab Blaubeeren, Himbeeren und die ersten süßen Brombeeren. Himmlisch. Irgendwann mussten wir zurück. Wir waren einer Strecke nachgegangen, die für einen am Morgen stattfindenden Bergcrosslauf markiert war. Allerdings hatten wir keine Ahnung, wie lang die Strecke war. Wir waren schon fast 8 km gegangen und der Graf riet dringend dazu, ins Tal abzusteigen. Das waren auch noch mal viele Kilometer, insgesamt mögen es wohl 15 gewesen sein. Dann standen wir unten an der Landstraße und Gott sei Dank rief uns jemand im nächsten Haus ein Taxi und das kam auch und fuhr uns ziemlich lange zum Hotel zurück.
Hier der Artikel und die Fotos des Grafen (der Mann hat derzeit schwere Schreibanfälle).

Felsenstadt Adrspach

Am nächsten Morgen ging es mit vielen kleinen Schleifen und Mäandern in Richtung Berlin zurück.
Wir machten in Adrspach halt, einem Stück Gebirge, das schöne, fast weiße Sandstein-Tafelberge hat. Aus Zeitgründen besichtigten wir nur die Felsenstadt, die Region um einen gefluteten Steinbruch, das kostet Eintritt, so wie scheinbar vor allen Zugängen dort ein Kassenhäuschen steht. Drölfzigtausend Laute walzten mit uns über die Wege. Für mich hatte das nicht sooo den Attraktionenwert, wir waren als Kinder fast jedes Jahr im Elbsandsteingebirge wandern und der Großvater steht im Gipfelbuch der Barbarine.
… Beim letzten Besuch der Schrammsteine hatte ich den Aufstieg so getimt, dass sich morgens der Nebel über der Elbe hebt, das Panorama bewundert werden kann und man wieder weg ist, wenn die Vollhonks mit ihren Wanderstöcken von Tchibo in Rudeln kommen. – Auf meiner Merkliste steht nun eine kleine Reise mit dem Grafen dorthin.

Weiter ins Riesengebirge und dann ins Isergebirge

Wir machten einen kurzen Abstecher auf die böhmische Seite des Riesengebirges. Ich zeigte dem Grafen Benecko, wo ich einige Winterurlaube verbracht hatte und wir kehrten in der Hancova Bouda ein, wo ich vor 10 Jahren ein nettes Weihnachten allein feierte. Das Haus ist noch immer sehr schön, rustikal, mit Seele und einer guten Küche.
Der Graf hatte Freude am Bergstrassenfahren und so kurbelte er uns über kleine Straßen durchs Isergebirge, bis hinunter nach Liberec, das sich endlos in die Täler erstreckt. Gut 80 Einzelsiedlungen umfasst die Stadt und wir fuhren das Tal der Schwarzen Neiße hinunter, an dem hinter jeder Straßenwindung eine (nun leerstehende) Fabrik mit dazugehörigem Schornstein und Besitzervilla stand. Liest man nach, so ist der Glanz dieses dicht besiedelten Industriegebietes schon vor fast 100 Jahren verblasst, denn nach dem 1. Weltkrieg brachen die Absatzmärkte der böhmischen Textilindustrie zusammen.

Richtung Heimat

Mit Einbruch der Dunkelheit kamen wir in Görlitz an. Wir hatten es sogar vorher noch geschafft, uns in einem polnischen Supermarkt, mit Grundnahrungsmitteln – Bier, Chips, Schokolade – und Waschmittel einzudecken. Nennt mich blöde, aber mir ist das Markenwaschmittel mit der weißen Frau in Deutschland zu teuer und ich komme mit der Dosierung des Konzentrats nicht zurecht.
Ab Görlitz fuhren wir auf geleckten, perfekten Landstraßen nach Norden bis zur Autobahn, ständig überholt von ungeduldig rasenden Autofahrern. Deutschland hatte uns wieder.
Und der Text des Grafen.

Was mir der Urlaub ein weiteres Mal gezeigt hat – was Geschichte ist. Wir sind ständig über europäische Vergangenheit gestolpert. Über Zeiten von Völkerkoexistenz, Wirtschaftsblüte und Verfall, Königsschach mit Bauern, Krieg und Exodus. Es war zu sehen, wie sich Gebiete verändern, wenn das gesellschaftliche Ordungsprinzip Clan von dem der Nation abgelöst wird, wie sie sich nun wieder unter der Globalisierung wandeln. Und – die Zeugen der goldenen Zeiten sind zwar lange sichtbar, aber sie waren oft sehr kurz, die Zeiten von Umschwung und Veränderung um so länger.

Auch das noch: