Die Sache mit meinem Friseur

Meinem Friseur bin ich länger treu als allen meinen Männern. Seit 12 Jahren darf er mit meinem Haar machen, was er will. Das bedeutet bei dem miesen Ausgangsmaterial (straßenköterblond, fein, dünn, Geheimratsecken und unkalkulierbare Naturwellen) und meinem Unvermögen, mit Föhn und Bürste umzugehen, viel Arbeit bei weistestgehend gleichbleibend magerem Ergebnis. Also kaum Herausforderung in Sachen innovatives Design. Es gab das eine oder andere Highlight: strubbelige Kurzhaarfrisuren, was marilynmäßiges und auch Schulterlänge hatten wir geschafft, aber seit einigen Monaten bin ich extrem unzufrieden und das bessert sich nicht.
Es wäre ja kein Problem, da ginge ich zum nächsten und mal schauen, was der mit mir macht. Aber so einfach ist das nicht. Mein Friseur und ich haben eine gemeinsame Geschichte. An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal zu ihm ging, hatten wir beide gerade unseren finalen Streit mit dem damals aktuellen Geschäftspartner. Wir redeten über Trennung und Neuanfang. Wir starteten beide zeitgleich durch und hatten Erfolg. Wir erlebten uns in allerlei Lebenslagen. Krank und dennoch arbeitend, beziehungsfrustriert, frisch verliebt, erfolgseuphorisch, ausgebrannt, in Geldnöten, mit dem Finanzamt über Kreuz etc., etc. Er ackerte mit mir eine seelisch tödlich verstrickte Arbeits- und Liebesbeziehung durch. Ich besprach mit ihm seine Familiendynamik, denn die Frau rettet sich seit Jahren über Kinderkriegen und nunmehr chronische Krankheit ins Hausfrauendasein. Er verkaufte mein vorletztes Auto zum sehr guten Preis, überließ mir das rote Hurenauto, schickte mich zu befreundeten Autohändlern mit Rabattvorverhandlungen. Ich verschaffte ihm einen Auftritt in einem Kinofilm und schickte ihm Kunden.
Die jeweiligen Liebsten nörgeln schon aus Prinzip an meinen Frisuren rum, denn dieser enge Kontakt ist ihnen nicht geheuer. Und dann ist er auch noch nicht mal schwul, dieser Typ. Und ziemlich attraktiv und nett. Und steht auf etwas ältere Frauen…
Beim letzten Mal, kurz vor Weihnachten, saß ich bei ihm (man muß wissen, er hat keine Mitarbeiter und läßt sich viel Zeit, für Färben, Schneiden, Föhnen gehören drei Arbeitsstunden nur mir) und wir redeten. Er schnitt und schnitt und ich lächelte in den Spiegel und war wie immer erschrocken, wie viele Falten in den zwölf Jahren dazugekommen sind. Und neben dem Schneiden telefonierte er. Winterreifen übers Internet. Billig, aber mit Lieferverzögerung. Dann schnitt er wieder. Wir waren beide so mit den Winterreifen beschäftigt – ich brauchte auch welche – daß ich beim finalen Blick in den Spiegel einen Schreck bekam. Oben zu kurz, an den Seiten so lang wie Pudelohren, die Geheimratsecken glänzten raus. Garantiert nicht zu stylen. Nach zwei Haarwäschen sah ich aus wie diese ostdeutsche Bürgerrechtlerin, die sich aus Zeitmangel die Haare mit der Bastelschere schnitt. Und das auch noch im Winter, wo mir beim Mützen- und Wollpullovertragen sowieso nur noch Gefissel vom Kopf absteht. Auf die zahlreichen Komplimente von Frauen gabe ich da garnix. Dieses „Hach, diese tolle Kurzhaarfrisur!“ Heißt im Untertext: „Dann muß ich mir wenigstens nicht anhören, daß mein Männe dich atraktiv findet.“ oder „Würd ich mich nie im Leben trauen. Aber es ist so wahnsinnig praktisch.“

Was soll ich nur tun? Einen Termin bei Vidal Sassoon machen? Oder zu meinem Friseur gehen und sagen, er müsse das retten?

Welcome Back, Kitty

Komisch, wenn sich die Internet-Entzugserscheinungen der ersten Urlaubstage in einen ganz und gar akzeptablen Zustand verwandeln. Kein „das muß ich mal schnell nachschlagen“ (Pflanzen, Spanischvokabeln, Wanderkarten), kein Jiepern nach Mails, plötzlich freiwillige Blogpause. Natürlich gab es ein paar Ausreden. Daß es anstrengend war, im Haus des Wirtes am altersschwachen PC zu hocken, denn irgend jemand verwickelte einen immer in ein Gespräch. Daß UMTS immer noch zu teuer ist und hinter meterdicken Steinmauern ohnehin nicht funktioniert. Daß offline-bloggen am Kamin keinen Spaß macht, weil die Flammen interessanter sind als der Bildschirm und zudem gefährlich für die fragile Technik, weil sich der immer hektischer laufende Lüfter jede Menge heißen Rauch reinzieht.

Geblieben sind Erinnerungsfragmente, die ich nach Belieben schüttele und in meinem inneren Kaleidoskop neu anordne.

Lola, der schwarze kleine Hund. Meinen Therapiehund habe ich ihn am zweiten Tag genannt. Sie folgte mir überall hin, sah mir mit großen Augen zu und wenn ich nichts tat, dann rollte sie sich zusammen und schnarchte leise. Unwahrscheinlich beruhigend. Gab keine Widerworte, diskutierte nicht und schenkte mir unendlich viel Aufmerksamkeit.

Das kalte, türkisblaue Meerwasser. Hinausschwimmen. Immer mit internen Berechnungen: Gibt es eine Strömung nach draußen? Gegenwind auf dem Rückweg? Wie kalt ist mir schon? Habe ich noch die Körperwärme, dieselbe Strecke zurückzuschwimmen? Das intensive Hallo-Wach-Gefühl noch Stunden danach. Last, but not least: Die bewundernden Blicke und Kommentare der Passanten, die natürlich eher meiner Unerschrockenheit galten, denn meinem Traumkörper im Natur-Neopren-Anzug (1A Weihnachtsspeck!)

Palma, allein, bei Nacht.

Wiedehopfe. Lämmer, springende Zicklein, Schafsglockengeläut. Leicht frustrierte Esel im Ruhestand. Ein Kreis von Hühnern, sich gegenseitig pickend. (Sehr leckere Eier! 15 ct das Stück.) Eine 20 Jahre alte Katze, eigentlich nur mehr ein Stück mißfarbenes Fell und Knochen. Und eine einzige Kakerlake.

Weißwein. Rotwein. Cava. Spanish Brandy. Gambas à la HeMan (Mit Messer und Gabel zu essen. Doch, das geht!) Ratatouille aus frischem Marktgemüse. Lammkoteletts. Lammfilet. Lammkeule. Rosmarinkartoffeln. Wintersalat. Risotto mit viel Weißwein. Tomaten. Crema Catalana. (Und eine ganze Versuchsreihe, die Karamelkruste richtig hinzukriegen.) Turron. Polvones. Mit Gas kochen.

Deutsche Residentials. Die großkopferten Immobilienbesitzer mit ihren gelifteten Ehefrauen. Die kleinen Abenteurer und Sonnensucher, immer klamm, immer pleite, für jeden Deal zu haben. Der Inseltratsch unter den Deutschen. Die All-Inclusive-Zombies, die einem Gott sei Dank nur im Flieger begegnen. Wir mittendrin. Zu niemandem gehörend. Zu sportiv, zu outdoorhaft für die haute volee, zu alt für die hängengebliebenen Technokinder, zu individuell für die Pauschaltouristen.

Wandern auf Mallorca. Ein Witz. Wenn Spanier auf einen Berg wollen, fahren sie mit dem Auto hoch. Beim mühsamen Suchen nach nicht bezeichneten Wegen und Pfaden kommt plötzlich Nationalstolz auf. Wald-, Berg- und Landbesitzer haben in Deutschland die Verpflichtung, ihr Gut öffentlich zugänglich zu machen.

Das Kloster San Salvador zur Christmette, hier Hahnenmesse genannt. Die Kirche ist dunkel. Nur in der Bar mit dem blasphemischen Namen (ich glaube, die hieß zur Unbefleckten Empfängnis oder so) brennt Licht, aus der Tür taumelt eine Frau in Richtung Klo. Überhaupt sind nur noch alte Leute in den Kirchen. In Andalusien war das anders.

Spanisch sprechen. Eigentlich sinnlos. Hier redet alles Mallorquin, ein unverständlicher Ableger des Katalan. Meine paar Sätze Kastillian erregen eher Mitleid.

Schlafen. Sich am Tag einfach beim Lesen auf die Seite fallen lassen, das Buch weglegen und einschlummern. Nachts in tiefer Stille und Dunkelheit in den alten Gemäuern liegen. Die leicht defekte Klospülung imitiert ein plätscherndes Bächlein. Morgens weckt Lola mit Kratzen an der Tür.

Der Gastgeber, der uns das kleine Häuschen auf seiner Finca vermietete. Ein weiser alter Mann, Mitte 80. Bevor HeMan kurz vor Weihnachten nachkommt, flirtet er mich kräftig an, auch wenn er grade aus dem Krankenhaus kommt. Jeder seiner Sätze ist wichtig. Klugheit, Erfahrung, Bescheidenheit und messerscharfe Formulierungen lassen einen gern zuhören. Er ist Schriftsteller, einstmals ein wichtiger Mann fürs Fernsehen. Was ich über seine Werke weiß, habe ich aus dem Internet. Er redet nicht davon. Er redet vom Schreiben, vom Abliefern, von der Arbeit als Autor, Journalist und Verleger. Aber inhaltlich wärmt er die Sachen nicht mehr auf. Noch mehr redet er vom Leben. Von seinen zahlreichen Ehefrauen und Kindern. Von seiner Sehnsucht, im Ausland zu leben. In Spanien, dann in der Schweiz, dann wieder in Spanien. Wenn er seinen Haß auf das städtische Leben formuliert, wenn er beschreibt, wie gern er Menschen auf dem Land beobachtet, beneide ich ihn. Er war immer auf Distanz und trotzdem war er mittendrin.
HeMan findet in ihm so etwas wie einen Vater. Und der alte Mann liebt ihn.
In den Tagen, in denen wir zu Gast sind, erfährt er, daß er Krebs hat, nicht operabel. Die Kinder kommen, beraten mit ihm. Kluge, authentische Menschen. Mächtig zwar, aber bescheiden. Ich könnte mir eine Scheibe abschneiden von der Selbstverständlichkeit, mit der sie durchs Leben gehen.
Wir werden bald wiederkommen, haben wir uns vorgenommen.

Veröffentlicht unter Leben