Was Leib und Seele zusammenhält I

Laßt uns übers Essen reden. Nein, das wird kein Abnehm- und auch kein Kochtext.
Ich habe vor Jahren mal einen Text zu einem Filmprojekt namens „Ochsenhunger“ geschrieben und finde ihn nicht mehr. Schade, denn er war gut. Ich hätte ihn sehr gern hier veröffentlicht und mit der Distanz von 5 Jahren noch einmal kommentiert.
Aber gut, dann gibt es einen neuen Text.

Im frühen wie im späten Leben achten die Bezugspersonen auf Einfuhr und Ausfuhr. Wie viel geht rein in das Stück Leben? Genügt es? Kommt eine adäquate Menge auch wieder raus? Klemmt irgendwas?
Baby-Kitty war in dieser Hinsicht ein Sorgenkind. Es kam zwar vorbildlich alles wieder aus ihr raus, aber nach Meinung der umsorgenden bzw. wortführenden Großeltern und -tanten, die samt und sonders im Krieg bitter hungern mussten, hätte in Baby -Kitty wesentlich mehr reingepasst, wenn sie es denn gewollt hätte. „Mädel, iss!“ war mein zweiter Vorname.
Es wird von panischen Arztbesuchen berichtet, denn als ich die Masern hatte, aß ich drei Tage nichts. Der Arzt saß es gelassen: Wenn sie gesund wird, bekommt sie auch wieder Hunger. Was auch so war.
Auch zu normalen Zeiten waren die Mahlzeiten für mich Stressmomente. Kartoffeln schälen oder Brötchen holen fand ich noch spannend. Ich knabberte für mein Leben gern rohe Kartoffeln, weil sie einen ähnlichen Geschmack hatten wie die gekalkten Zimmer-Wände, die ich anleckte und abkratzte (frühkindliche Perversion, ich weiß) und morgens mit der Großtante in die warme Backstube zu gehen, weil der Laden noch nicht aufhatte, das war ein Erlebnis, denn wenn ich wollte, durfte ich sogar die Brötchen aussuchen. Aber wenn das Geschirrgeklapper losging und der Tisch gedeckt wurde, verkroch ich mich am liebsten darunter. Natürlich holten sie mich hoch und setzten mich vor einen vollen Teller, den ich ambitionslos ansah, um kurz darauf in anhaltendes Geplapper auszubrechen, damit niemand auf die Idee kam, mir etwas in den Mund zu schieben. Ich erinnere mich nicht daran, dass ich ein Lieblingsessen oder ausgeprägte Abneigungen hatte, für mich war – zumindest in der Erinnerung – alles geschmacklos. Ob ich Süßes mochte, kann ich nicht sagen. Es waren ohnehin noch nicht die Zeiten, in denen Kinder täglich Süßigkeiten bekamen. Schokolade gab es zu Ostern, zu Weihnachten und am Geburtstag, Kekse und Kuchen waren mir egal. Das einzige, was ich ganz gern mochte, waren schokoladengefüllte Karamell-Lollies und herbe Lakritzstangen. Aber selbst an denen lutschte ich gut drei Tage.
Die Tricks, mit denen mir Essen nahegebracht wurde, waren zirkusreif.
„Kuck mal, da kommt eine Dampflok: sch-sch-sch, tut-tut, Mund auf!“
„Ein Löffel für Papa, der muss studieren, ein Löffel für Mama, die muss studieren und ein Löffel für dein kleines Brüderchen, damit er groß und stark wird!“
„Wenn du jetzt nicht aufisst, müssen wir dich leider anbinden, bis der Teller leer ist. Das ist ganz peinlich, was soll denn der Nachbar sagen, aber es hilft ja nichts.“
Die Tricks brachten meist nicht viel und das mit dem Anbinden versuchten sie einmal und nie wieder, denn ich saß ewig vor dem Teller.
Einmal ging ich in die Speisekammer und holte mir ein Stück Würfelzucker. Nicht, weil ich das so toll fand, sondern weil mir fortwährend Geschichten vorgelesen wurden, in denen Kinder Süßigkeiten mopsten. Als ich dann den Würfelzucker kostete, fand ich das zwar sehr süß, hatte aber keine Ahnung, warum andere Kinder für so etwas langweiliges Ärger riskierten.
Dafür konnte ich mit drei Jahren schon recht manierlich im Restaurant am Tisch sitzen und mit Besteck umgehen. Ich schob das Essen zwar weitestgehend auf dem Teller herum, aber ich muss dabei reizend ausgesehen haben, denn meine Großeltern gingen gern mit mir essen. Vielleicht waren es auch die umständlichen Tischsitten, die mich davon abhielten, Spaß am Essen zu haben. Nur am Waschtag wurde in der Küche eine vorgekochte Suppe gelöffelt. Ansonsten gab es Mittagessen am gedeckten Tisch, mit komplettem Besteck, Stoffservietten, Vorsuppe und Nachtisch.
Zur großen Empörung von KKM mochte ich am allerliebsten jenes Arme-Leute-Essen, das in diesem Haushalt nicht mehr auf den Tisch kam: frisches Graubrot mit Schmalz und Äpfel vom Baum. Es war ihr jedes mal herrlich peinlich, wenn die Omi von gegenüber stolz berichtete, ich hätte mit ihren Enkeln zwei ganze Stullen verputzt und auch nebenan, im Postenhaus, mochte ich das Soldatenbrot. Weißbrot mit ungarischer Salami und Camembert mochte ich eben weniger gern.
Mit fünf Jahren lag ich wochenlang mit einer Hepatitis-Infektion im Krankenhaus. Es war Vorschrift, danach ein Jahr lang Gallendiät zu halten – nichts Gebratenes, kaum Fett, keine Hülsenfrüchte. Die Mädchen in diesem riesigen Krankensaal waren den ganzen Tag damit beschäftigt, dem hinterherzutrauern, was sie nicht mehr essen durften: Schnitzel, Linsensuppe, Knackwurst, Kakao, Torte, Backfisch. Ich lag in meinem Bett und fragte mich, was daran so besonders wäre.
Ich hatte es ohnehin wieder ausgereizt. Bevor ich ins Krankenhaus kam, hatte ich so lange kein Essen in mir behalten können, bzw. es gleich ganz verweigert, dass ich vor Schwäche nicht mehr laufen konnte. Es dauerte lange, bis ich wieder aufrecht stand und die Puddingsuppe, die es manchmal morgens anstelle des Haferschleims gab, fand ich ok., aber ich gab den anderen, die sich darum fast prügelten, gern meinen halben Becher.

Die nächsten Aha-Erlebnisse kamen, als ich zu meinen Eltern und meinem Bruder umsiedelte. Der Kleine war damals wohlgenährt und hatte, da er von Anfang an im Kindergarten war, einen gesunden Futterneid entwickelt, neben dem ich zunächst wie ein spackes Alien stand.
Ich erinnere mich an einen der ersten gemeinsamen Abende, wo er vor dem Abendbrot hungrig war, ein Ende Teewurst aus dem Kühlschrank griff, sie sich mit den Fingern herauspulte und in den Mund schob. Ohne Brot! Freiwillig! Ich schüttelte mich, als ich auch probierte.
Auch das Kindergartenessen war für mich zunächst abartig. Breiiger Milchreis, Milchnudeln (ich hasste süße Hauptspeisen!), „Stullenfleisch“ (Hackbraten), Nudeln mit Tomatensauce, alles was die anderen Kinder in Entzücken versetzte, war mir egal. Das einzige, was ich interessant fand, war der nachhaltige Glutamatgeschmack der Saucen.

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13 Gedanken zu „Was Leib und Seele zusammenhält I

  1. Ich hab als Kind auch gar nichts gegessen, kein Gemüse, keinen Salat, höchst ungern Kartoffeln oder Fleisch. Bei anderen Leuten aber durchaus. Ich nehme an, ich wollte mich von meiner Mutter abgrenzen.

  2. Ich war auch ein ganz schlechter Esser. Habe meine Mutter manchmal zur Weißglut gebracht, weil ich eben noch Fischstäbchen wollte und als die auf dem Tisch standen dann doch lieber wieder was anderes und dann wollte ich gar nichts mehr. Ich kann mich an einige Situationen erinnern, wo sie mir den Teller Spagetti über den Kopf gekippt hat und ein paar grüne Flecken gab es auch an der Wand. Ich hab es drauf angelegt, vermutlich aus den gleichen Gründen wie Herr Lucky. Mein Spitzname war dann auch für Jahre Geveret Lo-Lo, was Hebräisch ist und soviel heißt wie Fräulein Nein-Nein.
    „Nein, meine Suppe ess ich nicht!“

  3. Zu dem Thema würde mir viel einfallen, im Moment aber nur der Spruch eines „väterlichen Freundes“. Wir sassen beim Chinesen, ich trank Wein, er war über dem zweiten Hauptgericht: Dummheit frißt, Intelligenz säuft. Als Kind hat man ja nicht so die Wahl…

  4. und ich dachte schon, ich wär als Kind verkorkst gewesen, was Essen angeht. ;-)

  5. REPLY:
    es ist ohnehin ziemlich schräg, liebe über essen mitzuteilen. da bin ich nicht frei davon.

  6. REPLY:
    hat deine mutter dann tatsächlich etwas anderes gekocht? das hätte es in meiner familie nie gegeben. da wurde gegessen, was bestellt wurde bzw. auf den tisch kam.

  7. REPLY:
    ja, aber man hat wenigstens auch noch keinen likör. (ich würde es nie aushalten, jemandem beim essen zuzusehen!)

  8. REPLY:
    das komische ist, daß ich merke, daß wir alle so eine geschichte zu erzählen haben. vielleicht ist es normal. vielleicht ist es eher unnormal, daß „normal“ essen so ein großes thema ist.

  9. REPLY:
    Heute kann ich das ja auch meist – goutieren.

  10. Das klingt beinahe nach meinem Schwesterchen… ich war dagegen absolut pflegeleicht (zumindest was das Essen anging) und kann mich nur an einmal erinnern, wo wir unterwegs waren und ich mich im Auto dann konsequent geweigert habe, einen Apfel zu Essen – weil der nicht vorher mit Wasser abgewaschen werden konnte, sondern nur mit einem Taschentuch abgewischt worden war (man will sich ja nicht mit irgendwelchem Spritzmittel vergiften). Da war ich schätzungsweise 7 oder 8 Jahre alt…

  11. REPLY:
    Ja, manchmal hat sie dann was anderes gemacht. Hauptsache, das Kind ißt was…

  12. REPLY:
    da könnte durchaus was dran sein. Bei meinen Eltern spielte sicher eine Rolle, dass beide den Krieg noch erlebt haben, die Entbehrungen, das prägt natürlich. Entsprechend schlecht und unsourverän gingen sie damit um, dass es eine ganze Reihe von Dingen gab, die mir nun mal nicht reingingen. Viele dieser Abneigungen haben sich auch gehalten, ich weigere mich auch, da einen großen Makel drin zu sehen.

    Mein Töchterlein ist vergleichsweise offen und unvoreingenommen, was Essen angeht. Aber als Papi und Hausmann merke ich natürlich auch, dass es mich irgendwie trifft, wenn sie lustlos im Teller rumstochert oder gar „willichnich“ äußert – vor allem wenn da Sachen auf dem Teller sind, die sie bei früheren Gelegenheiten mit Heißhunger reingemampft hat. Mit einigermaßen konstanten und kalkulierbaren No-Gos, so wie ich selber sie hatte und habe, täte ich mich wahrscheinlich etwas leichter.

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