War da was mit Mauer?

Vor zwei Tagen habe ich bemerkt, daß der Jahrestag des Mauerfalls diesmal fast spurlos an mir vorüber ging, genauso wie der Tag der Deutschen Einheit. Sonst habe ich daran gedacht, was wäre, wenn alles beim alten geblieben wäre, die Mauer tatsächlich 100 Jahre gehalten oder die DDR den alternativen Weg der Demokratiefindung gewählt hätte. Ich habe mich an das Gefühl erinnert, es kaum fassen zu können, daß nun alles anders wird, daß die Welt auch auch ohne Krieg plötzlich offensteht.* An meine Fassungslosigkeit, meine Tränen und mein Glücksgefühl. In diesem Jahr fühle ich mich erstmals in einer gesamtdeutschen Gesellschft angekommen. Vielleicht hatte der olle Kohl tatsächlich recht mit der Schätzung, daß es 20 Jahre brauchen würde. Oder es liegt in der Luft, daß wir in den nächsten Jahren alle im selben Boot sitzen und betend durch die Weltwirtschaftskrise treiben.
Jedenfalls sind die Momente selten geworden, in denen ich bemüht bin, meine Herkunft zu verbergen. Ich habe zwar den üblichen kleinen Hacker, wenn sich jemand auf einen vermeintlich einenden kulturellen Kontext beruft, aber mittlerweile sage ich: Nee, das kenne ich nicht, das gabs in meiner Kindheit nicht. Dann vermutet niemand, daß ich als Zeuge Jehovas aufgewachsen bin, sondern weiß schon Bescheid. Manche Ossis setzen vor mir zur der Erklärung an: Sie müssen wissen, ich bin nämlich aus der ehemaligen DDR. Dann kann ich sagen: Ich auch.
Es ist mir wichtig, daß ich es nicht nötig habe, mich irgendjemandem zu erklären.
Natürlich merke ich die Unterschiede. Ich trage mein Herz auf der Zunge und meine Gefühle meistens im Gesicht geschrieben. Ich füge mich schnell in unabänderlich erscheinendes. Ich kann keinen Smalltalk. Gespräche müssen für mich Substanz haben, sonst lohnen sie nicht. Ich esse für mein Leben gern und betrachte meinen Körper nicht als mein Aushängeschild. Mein Geschmack ist einen Tick zu aufgesetzt. Ich habe keine Ahnung von Inneneinrichtung. Dafür kann ich schneidern. Ich kann mich nicht als Frau benehmen, sondern bewege mich unbefangen in Männerdomänen. Ich brauche Nähe. Ich bin, was Männner betrifft, nicht kalkuliernd und habe Probleme damit, ein geringeres Einkommen als mein Partner zu haben. Ich fahre schlecht Alpinski und kann nicht surfen. Ich habe Angst davor, Englisch sprechen zu müssen. Dafür würde ich es überleben, wenn man mich in Rußland aussetzt. Ich muß auf Reisen immer checken, wo ich das nächste Essen und Trinken herbekomme, ich trage Klopapier und zur Not einen feuchten Waschlappen in einer Plastiktüte bei mir. Ich gewöhne mir langsam ab, overdressed zu sein und trainiere mir etwas edleres Understatement an. Ich kann mich nicht frisieren und tendiere deshalb zu praktischen Kurzhaaarfrisur. Wenn ich unsicher, müde oder überrumpelt bin, falle ich in brachialen Ost-Berliner Dialekt. Ich habe kein Vermögen und keine Immoblien aus Erbschaften. Ich finde ein Mercedes ist ein geiles Auto.
(Diese Liste läßt sich beliebig ergänzen.)
Jenen, die mit großer Gönnergeste unterstreichen, daß sie uns vor knapp 20 Jahren wie die Affen von den Bäumen geholt haben, fahre ich übers freche Maul. Schließlich habe ich genauso viel Solidaritätsbeitrag gezahlt wie sie. Und jammernde, lethargische Ossis (wobei ich den Eindruck habe, im Hartz IV-Bereich verschwimmen die Unterschiede auch gerade.) sind genauso wenig mein Fall.
Mal schauen, wie das nächstes Jahr aussieht.

*Ich kleines Kommunistenkind war tatsächlich der Meinung, eine Wiedervereinigung könnte es erst geben, wenn der Sozialismus auch im Westen gesiegt hätte oder wenn der Osten erobert worden wäre. Das hätte Krieg bzw. Revolution bedeutet und wäre auf jeden Fall blutig gewesen. Daß dieser Staat einfach zusammenklappt hätte ich mir – wie so viele – nie träumen lassen.

Auch das noch:

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  • SchwierigSchwierig Wenn ich in meiner allernächsten Nähe nichts darüber erzähle wie es mir beruflich geht und was mir aktuell so […]
  • FleischFleisch Triggerwarnung: Dieser Text ist mit Sicherheit nix für Veganer*innen und Vegetarier*innen. Es wird hervorragendes Rindfleisch zubereitet […]
  • Heute nachtHeute nacht hab ich doch allen Ernstes geträumt, ich bin kurz vor den Abiprüfungen. Und diskutiere im Traum mit mir, warum ich zwei Wochen bürofrei […]

20 Gedanken zu „War da was mit Mauer?

  1. Wenn ich mir Ihre Liste so durchlesen, merke ich, dass ich möglicherweise einfach als Teil-Ossi auf die Welt kam. Damit ließen sich die meisten meiner Kompatibilitätsprobleme zur Umgebung erklären. Danke!
    (Schneidern lerne ich schon noch.)

  2. Jenen, die mit großer Gönnergeste unterstreichen, daß sie uns vor knapp 20 Jahren wie die Affen von den Bäumen geholt haben, fahre ich übers freche Maul.

    Wie machst du das?

  3. kollegin eben „ick hab ja heute auch wieder ne pionierblase…“ mein westwortschatz wird jeden tag bereichert. mein liebstes ostwort „kittyfix“. ich benutze die schnöde westvariante gar nich mehr. namensähnlichkeiten mit der bloginhaberin sind reiner zufall.

  4. REPLY:
    hihi, nee, das hieß kittefix und stank erbärmlich.

  5. REPLY:
    ja. und wenn gorbatschow damals auf der krim über die klinge gesprungen wäre und nun nicht immer als entmachteter mann und bezahlter gast durch die welt touren würde, wäre er jetzt schon ein held.

  6. REPLY:
    gnihihi, brittbee, anmoderieren! treffende bezeichung. das mit der werteüberschneidung kann hinhauen.
    und das mit den ostmännern… meine nachwende-ostmann-episode (back to the roots hab ich damals gesagt) war leicht desaströs. ich war einfach schon zu assimiliert und hab die krise bekommen, wenn ich immer wieder den satz: die da oben wollen doch nur erreichen, daß wir… hörte und jedes quartal wieder erklärte, was umsatzsteuer bedeutet.
    ich glaube, daß ostfrauen auf westmänner nicht wegen der kohle fliegen, sondern weil die, ohne großartig was zu tun, bossy wirken.
    der ostmann ist bei freundinnen von mir die erste wahl zur familiengründung, denn er hat weder tiefliegende bindungsängste, stellt sich bei nähe nicht ganz so kompliziert an und betrachtet ein kind nicht als bedrohung der eigenen kindlichkeit. (der herr ereignishorizont ist auch hier wieder ausgenommen, dit is ja n leckeret stückchen, den woll wa doch nich verheiraten.)

  7. REPLY:
    frau kaltmamsell, da ich gerade meiner tochter das schneidern, stricken und häkeln beibringe, bin ich ihnen auch gern behilflich!
    nachdem ich über den text eine nacht geschlafen habe, sagt er mir komischerweise etwas ganz anderes, als ich aufgeschrieben habe. er erzählt mir, wie ich wessis sehe: arrogante, distanzierte und dialektlose schwätzer mit pokerface, die oberflächenkult betreiben, sich wenig selbst erarbeitet haben und bmw fahren.
    nuja. das sagt ja eine ganze menge über meine vorurteile.

  8. REPLY:
    @ britt: ganz wichtiges wort: innerer parteitag. das bezeichnet einen zustand stillen triumphes, der von einem kleinen sahnehäubchen schadenfreude gekrönt wird. aber das macht die kollegin dann schon…

  9. So gesehen bin ich auch Ossifrau, ich kann sogar schneidern. Hier im Rheinland hält man mich manchmal für eine, da meine Dialektfärbung nicht zu deuten ist.
    Den Pioniergruß meiner Kollegin hab ich schon übernommen.

  10. REPLY:
    entweder ich ziehe das ins witzige und kicke einen witz zurück oder ich werde sehr zynisch und frage, wie man sich denn als großer weißer massa so fühlt, wenn man kleinen negerkindern die zivilisation beibringt. wenn es engere bekannte sind, dann beginne ich mit ihnen ein sehr ernsthaftes gespräch darüber, wie sie sich in einem autoritären staat positioniert hätten. die meisten tönen zwar, sie hätten sich das in keinem fall bieten lassen, ist doch klar. aber auf simple nachfrage, ob sie für so eine haltung karriere und verdienst geopfert hätten, knicken sie meistens ein.
    ich erlebe es allerdings sehr selten, direkt angegangen zu werden.

  11. ich habe da auch nie im traum dran gedacht. die geschichte hat es leider etwas absurd gestaltet, weil es ja zufällig auf den kalendarischen tag der reichskristallnacht gefallen ist. allein deshalb erinnere ich mich jedes jahr schon im voraus an den tag des mauerfalls, den man aufgrund des datums nicht wirklich feiern kann. ich bin mit einigen freunden einen tag vorher nach berlin gefahren, weil wir alle das gefühl hatten, dass es passieren könnte, eigentlich muss. allen war klar das der innere druck der ddr entweder durch ein ventil [= mauer] entweichen oder durch militärische härte eingedämmt werden müßte. das hätte gorbatschow aber niemals akzeptiert.

    ich glaube, ich habe es hier schon mal erwähnt – ein jahr vorher habe ich an der innerdeutschen grenze noch unter meterdickem beton tief in den luftraum des warschauer paktes geschaut und an bildschirmen tracks als mögliche abschussziele für die patriot raketenabwehr isoliert. wenn ich an der oberfläche vom radarturm richtung osten schaute konnte ich teilweise die gesichter auf der anderen seite erkennen. jeder von uns bis an die zähne bewaffnet. wegen unterschiédlicher ideologien. völlig absurd das ganze …

    egal was es gekostet hat -und wen auch immer: ich freue mich da jedes jahr drüber. seit 19 jahren. das ganze war eine große geschichtliche leistung und hat endlich das ende des von uns ausgelösten 2. weltkrieges in friedlicher form definiert. die republik ist auf dem weg zu einem völlig normalen staat – ohne sonderrolle – im weltgeschehen. es ist noch nicht ganz vollbracht, aber wir sind nah dran. und ich glaube, es ist das, was beiden teilen lange gefehlt hat. der sommer der wm hat das mehr als deutlich gemacht …

    p.s.: ich hoffe übrigens, dass die geschichtsbücher eines tages mal etwas mehr darauf eingehen, dass es beim frieden in europa auf eine wichtige person ankam. die seltsame gleichung aus den beiden geschichtlich wichtigsten personen des 20 jahrhunderts hat unser heutiges gefüge erst möglich gemacht: hitler und gorbatschow. diese beiden personen sind ursache unser aller schicksal. und letzterer wird aus meiner sicht nicht wirklich ausreichend dafür gewürdigt. ohne gorbatschows zustimmung säßen wir höchstwahrscheinlich immer noch alle vor innerdeutschen stacheldrahtrollen.

  12. Was für ein schöner Einblick. Über so etwas reden wenige Leute offen. Ich werd ja immer für ne Ostfrau gehalten und konnte mir nie so recht erklären woran das wohl liegt. Wenn ich Deine Auflistung so sehe wird mir einiges klar. Aufgewachsen mit einer Feministen/Politaktivisten-Mutter gabs vielleicht eine Werteüberschneidung. Kann ja auch super nähen and all that…

    Seltsamerweise habe ich zu Ostfrauen immer einen guten Draht und habe mich noch nie, trotz hohen Aufkommens in meinem Freundeskreis, in einen Ossi verguckt (wenn ich Hrn. Ereignishorizont mal aussen vor lasse…). Woran das wohl liegt?

    Und wenn ich eins nicht mag dann sind es Ossis die ihre Herkunft anmoderieren. Ein Grund mehr warum ich die Sachsen liebe. Die haben ein völlig unerklärliches Selbstbewusstsein. Es ist ein bisschen wie mit einer riesigen Hakennase. Die kann man eh nicht wegschminken, dann muss man sie wie ein Großsegel vor sich her tragen.

  13. REPLY:
    ost-männer: ich habe einen kameramann in meinem freundeskreis, geborener und gelebter ost berliner. dreht heutzutage überall zwischen nord- und südpol, ist also durchaus „weltgewandt“. aber irgendwie auch überhaupt nicht. der alpha faktor wirkt immer etwas andressiert, nicht ganz natürlich. ich denke mal, dass man 20 jahre system nicht so einfach abstreift, das gelingt vielleicht nur wenigen.

    ich finde übrigens frau k. hat bis auf die ‚das gab’s bei uns nicht‘ und vielleicht das frühe fügen keine typischen ost akzente. das ist mehr ’ne kopf einstellung.

  14. > Ich habe Angst davor, Englisch sprechen zu müssen.
    Frau Kitty, ich empfehle Ihnen eine Sprachreise nach England (Haben Sie die Karte bekommen?), am besten 14 Tage in die Sprachschule nach Paignton (Britisch Riviera). Sie verlieren Ihre Scheu vor der Anwendung und werden staunen, was Sie alles an englischen Vokabeln wissen.

    @timanfaya: Ich habe – vor sehr vielen Jahren – wohl auf der anderen Seite des Zaunes gestanden und gen Westen geblickt. Bis an die Zähne bewaffnet waren wir nicht, nur eine „normale“ Kalaschnikov (sp?) und 60 echte Schuß. Pro Mann, die 6 läppischen Signalraketen pro Postenpaar nicht mitgezählt. Die Waffe war – entgegen anders lautender Behauptungen – im Dienst _nicht_ durchgeladen. Zu mindest bei uns nicht. Angst hatten wir vor „den da drüben“ auch und – wie ich inzwischen festgestellt habe, völlig zu unrecht. Das fassen Sie bitte nicht beleidigend auf, den so ist es nicht gemeint.

    @brittbee: Ja, so sind wir Sachsen. ;) Wir können dieses Selbstbewußtsein auch nicht erklären, aber es fühlt sich einfach gut an. 8)

  15. REPLY:
    das hat im westen eine mindestens 12 jahre längere kultur. zumindest im ruhrgebiet sagt man dazu meist „innerer reichsparteitag“ …

    [der zusatz muß sein, weil man im westen sonst nur an dröge parteitage irgendwelcher basisdemokraten denkt]

  16. REPLY:
    siehste mal, so femd ist sich das alles garnicht. wir stammen schließlich alle von nazis ab…

  17. REPLY:
    ja, ich habe die karte bekommen und sehr, sehr gefreut, aber auch gewundert ob ihrer recherchierkünste. (wobei, mit ein bißchen computerverstand sollte es kein problem sein). oder ist bill tür etwa die sächsische querverbindung?
    ich galueb jeder, der in der nva seinen wehrdienst abgeleistet hat, hat sich hinterher an den kopf gefaßt, wieviel angst vor einem gegener produziert wurde, der am wochenende die kasernen weitestgehend leer stehen läßt. ich habe es leider versäumt, die alten männer, die die befehle gegeben haben, (und ich hätte die gelegenheit gehabt) zu fragen, was sie eigentlich zu diesem fakt sagen.

  18. REPLY:
    Ach, Frau Kitty, da bin ich beruhigt. Ich war mir nicht sicher, ob Sie sich über die Karte freuen. Bill Tür ist mir (leider) nur aus den Büchern von Terry Pratchett bekannt. Dort allerdings hat er mir viel Vergnügen bereitet. Sie liegen ansonsten aber völlig richtig, da ich beruflich viel (oder nur) mit dem Internet zu tun habe, sind dort die „Recherchekünste“ angesiedelt. Etwas mehr, als der normale Internetnutzer vielleicht hat. Aber leicht war es trotzdem nicht. ;)
    Es ist bedauerlich, daß Sie die „alten Männer“ nicht gefragt haben, die Antwort hätte mich auch sehr interessiert. Aber schmeißen Sie besser die NVA und die Grenztruppen nicht so sehr zusammen, zumindest letztere sahen es zumindest damals etwas … verbissenen. Ja, ich gehörte auch dazu. Aber es ist schon über 20 Jahre her und die Zeit, die verschleift so vieles …
    Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Sonntag, ich gehe jetzt Apfel-Zimt-Muffins backen. :)

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