Vigil 68

Das ist also dieser Herr Böhmermann. Ich kannte den nicht. Ein bisschen größenwahnsinnig ist der schon oder?
Trotzdem fand ich die Idee, in so eine unsägliche Produktion, wie „Schwiegertochter gesucht“ zwei Schauspieler einzuschleusen, sehr gut.

Was jetzt passieren wird, ist klar. Der Sender RTL wird alles auf dem Produzenten schieben, der Produzent schiebt es auf seine Mitarbeiterinnen. Wahrscheinlich wird eine Redakteurin ihren Hut nehmen müssen und auch die eine oder andere Realisatorin wird ihren Job verlieren.

Ich habe überlegt, ob ich das schlimm finde, wenn diese Leute ihre Jobs verlieren. Nein, kein Mitleid. Niemand ist gezwungen, diesen Job auszuüben. Die Arbeit beim Fernsehen ist momentan knapp und auch nicht allzu gut bezahlt. – Aber wenn man sich anhört, wie die Leute mit diesen beiden vermeintlichen Kandidaten sprechen, hat man das Gefühl, sie kramen in einer Schachtel mit Kakerlaken.Das ist so distanziert-angeekelt, das hat mit Respekt nichts zu tun, sondern eher mit der Haltung „mach deinen Job und denk nur an das Geld das du bekommst“.

So muss kein Mensch sein Geld verdienen. Und von Geld verdienen kann für die Kandidaten schon gar nicht  nicht die Rede sein. Wahrscheinlich wird man sich nur darauf hinausreden, dass das Job-Center alle Beträge über 150 € von den Bezügen abzieht. Man ist also vorausschauend, wenn man den Kandidaten für zehn Tage aus denen eventuell 30 Tage Arbeit werden können nur 150 € zahlt.

Da möchte ich mit Marcel Reich-Ranicki immer gern laut schreien „Dreck, es ist nichts als Dreck.“ Wahrscheinlich wird sich nur bei wenigen Konsumenten die positive Haltung zu solchen Verhöhnungssendungen ändern. Aber jede Information, die hilft die Konstruktion hinter den vermeintlich so authentischen Geschichten zu zeigen, ist hilfreich. die wirklichen Kandidaten dürfen darüber nicht reden, die haben per Vertrag einen Maulkorb bekommen. Sie werden mit hohen Strafen bedroht, falls sie Interna verraten.

Ich bin ohnehin immer wieder erstaunt, dass die akademische Elite meiner Twittertimeline solche Sendungen mit großer Lust ansieht. Warum? Um sich besser zu fühlen? Um am nächsten Morgen wieder über die korrekte Inklusion von Behinderten oder schwachen und benachteiligten Menschen  zu moralisieren?

Auch das noch:

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12 Gedanken zu „Vigil 68

  1. Genau so. Auch wer ironisch guckt sorgt dafür, dass so eine Sendung im Gespräch bleibt und damit letztlich erfolgreich ist. Dabei muss doch allmählich jedem klar sein, dass das inszenierter, manipulativer Mist ist. Dass empathielose Häme durchaus auch was für Gebildete ist, wie man bei twitter sieht, war mir ja nicht neu. Aber was für ein Paradox, du hast völlig Recht, am nächsten Tag gibts dann eine Empörungswelle über irgendeine Benachteiligung, und dann ist genau derselbe Chor wieder da.

  2. Während ich das wie Journelle sehe „Das Internet hat mich dick gemacht“, hat mich auch das Internet bewusst gemacht. Durch manche Empörung wurde mir klar, dass es einfach nicht geht, sich auf andere Kosten lustig zu machen. Ich habe die ersten beiden Folgen der Sendung durchaus belustigt gesehen, aber da mich das Internet sensibilisiert hat, wurde mir dann klar, dass es eklig ist, sich darüber zu amüsieren. Sich von oben herab zu amüsieren (um nichts anderes geht es bei solchen Sendungen) ist schäbig. Es war ein bewusster Entschluss von mir, da auszusteigen und ich verstand dadurch, dass ich eigentlich fast gar kein TV mehr sehen kann.

    Dass Menschen bigott argumentieren, hier etwas verurteilen und dort sich auf Kosten anderen amüsieren, hat für mich damit zu tun, dass das Bewusstsein es einfach schwer hat, sich zu 100% dem, was angesagt ist, zu entziehen. Es liegt an mir, bestimmte Themen auszublenden, wenn mich die Kommentare stören und mir bewußt auszusuchen, was mich positiv beeinflussen soll. Auch gegen die Böhmermannsendung habe ich mich bewusst entschieden, denn ich finde es einfach nicht witzig genug, sich über andere lustig zu machen. Und so schließt sich der Kreis.

    Aber für deinen Blog habe ich mich entschieden, weil du eine wunderbare Art und Weise hast, uns von deinen Beobachtungen und Erfahrungen profitieren zu lassen. Danke.

  3. Die einzige Sendung, die ich mir längere Zeit angesehen habe, war Frauentausch. Als auch diese sehr offenkundig scripted wurde, war ich als Zuschauerin weg.
    Der Siegeszug der Scripted Reality fiel damit zusammen, dass mir die Arbeit fürs Fernsehen immer weniger Spaß machte. Das war mir zu blöd.
    Schauspieler wissen, was sie da tun und werden recht gut dafür bezahlt. Minderbemittelte Menschen so zu manipulieren, ist das Letzte. Und dass jetzt auch noch so getan wird, dass das ein bedauerlicher Einzelfall ist, war zu erwarten.Man lässt sich doch nicht die Cash-Kuh in den Graben schubsen.
    Deshalb triggerte mich die Sache auch so.

  4. Ich habe mich vor über zwanzig Jahren angewidert vom TV verabschiedet. Auslösender Faktor war meine Arbeit bei den Nachrichten eine bekannten privaten Senders (Hintergründe habe ich 2009 einmal hier verbloggt: http://dasalte.e13.de/2009/11/14/die-kranken-haeuser/). Wenn damals schon bei den Nachrichten schamlos auf Fakes für die Quote gesetzt wurde, warum sollten sie dann ausgerechnet bei Unterhaltungssendungen ehrlich bleiben?
    Es geht ausschliesslich ums Geld, nicht um Wahrheit oder Anspruch. Der Ruf ist bei allen längst ruiniert, egal, die Kohle fliesst trotzdem, wunderbar. Kein Handlungsbedarf.

    • Uff. Ich kannte diesen Artikel nicht. Das Schlimme ist, er ist 7 Jahre alt und schildert eine Zeit 10 Jahre davor und ist aktuell wie nie.
      Ich bekomme die Krise, wenn ich die Herden von Kameraleuten an den Hotspots der Flüchtlingswanderungen sehe, geil auf verkaufbare Bilder und wenn es die nicht gibt, wird ein bisschen nachgeholfen.
      (Ja, auch daher kommt der Begriff Lügenpresse. Medien haben es heute so leicht wie nie, mit scheinbar authentischen Bildern manipulative Verkaufe zu machen.)
      Ich habe 1991/92 versucht, als Redakteurin für Infotainmentsendungen zu arbeiten und war nach kurzer Zeit angewidert raus. Ich hatte einen Kontakt zu einer 14 jährigen Roma-Prostituierten in Tschechien und wollte darüber einen Bericht drehen (ich war Studentin, ich hatte keine Ahnung von der Einordnung eines solche Themas) und bekam vom Sender die Anweisung, unbedingt O-Töne von Freiern zu liefern.
      Als ich ratlos meinte, wie ich das hinkriegen sollte, meinte eine erfahrenere Freundin, so was würde normalerweise getürkt. Das wäre dann der Tonmann, der Chauffeur oder man bezahlt halt jemanden. Die Leute würde sowieso verfremdet.
      Da wußte ich, dort bin ich falsch.

    • Nachtrag: Und ich zögere genauso wie du, über Interna zu sprechen. Ich kenne nämlich die Verträge, die mit den Kandidaten solcher Sendungen abgeschlossen werden.

    • Ja, das Etikett der Lügenpresse haben sie sich redlich verdient, ganz lange vor den Aluhutträgern und AfDlern. 1992, zu der Zeit in der meine Anekdote spielt, war das Privatfernsehen gerade mal 8 Jahre alt …

    • Hey, danke fürs Verlinken! Vielleicht noch eine Anmerkung, da ich mich ja mit Arbeit und Jobs befasse: In der Regel sind es keine schlechten Menschen, die sowas machen, sondern das jeweilige System fördert ein bestimmtes Verhalten, z.B. Fotos zu türken. Und viele machen dann einfach und reflektieren nicht großartig. Das gibt es nicht nur in den Medien, sondern in vielen Organisationen. Deshalb ist m.E. das einzig Richtige auszusteigen, wenn man erkannt hat, dass da was gewaltig schiefläuft…

    • Dann sind wir Kolleginnen :)
      Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich mal für eine superflache Telenovela verhandelt habe (in Teilen konzipiert von zwei Frauen, die sich aus der Frauenbewegung kannten und noch 10 Jahre vorher so ein Frauenbild als patriarchales Teufelszeug abgetan hätten) und die Produzentin, mit der ich sprach meinte: „Machen wir uns nichts vor, wir tun das hier für Geld zum Leben. Ich bin im wahren Leben Autorenfilmerin.“
      ja, der Ausstieg ist das einzig Richtige, wenn man es nicht aushält.

  5. das ist so gruselig – und genau das, was ich vermutet (und in den letzten tagen und wochen selbst erlebt) habe.

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