Tagebuchbloggen – 9. Oktober 2013

Gott sei Dank, die Kopfschmerzen hatten sich verabschiedet, also wurde das gestern ein guter Tag. Weiter im Lesen und Schreiben. Weiter im Sommerbetten winterfest machen. Den Rest des Abends pflückte ich wieder alte Sachen für Patchwork auseinander.
Ich habe in den letzte  Wochen viele Seiten gesichtet, die sich mit Patchwork und selbstgemachten Heimtextilien beschäftigen. Auch wenn DIY demokatisch ist  (oder gerade deshalb), ein gut Teil der Sachen ist schlichtweg augenkrebserregend. Wer die Zeit aufwendet, Handarbeiten zu lernen, sollte auch – bitte bitte! – ein klein wenig Gestaltung lernen. Diese Kraut- und Rüben-Resteverarbeitung, hier noch ein paar Blümchen, da noch ein paar Rüschen und Borten, auch die völlig überteuerten Baumwolldruckstoffe, die nach Bauchgefühl und Laune zusammengemixt werden und wohl so eine Art Fifties-Hausfrauenfeeling erzeigen sollen, zähle ich dazu. (Ornament ist Verbrechen!) Das hatte ich schon bei meinen sparsamen Omas und Tanten und ich musste mich dann freuen, wenn mir solche kruden Staubfänger geschenkt wurden. Nix für mich oder eben nur ganz sparsam und als ironischer Akzent gedacht. Jetzt mal ganz ehrlich, dass etwas mit Liebe gemacht ist, kann nicht das einzige Kriterium sein. Das ist das „ich hab es doch nur gut gemeint“ unserer weiblichen Vorfahren, mit dem wir trefflich emotional erpresst wurden, damit wir etwas akzeptieren und loben. (Und Kritik unter Frauen ist ja ne ganz eigene Sache.)
Manchmal habe ich den Gedanken, dass das ganze feministische Handarbeitsgedöns eine Guerilla-Taktik ist, die Männer aus Angst vor weiterer superniedlichen Umhäkelung ihres Heims freiwillig in die paritätische Hausarbeit treiben soll, damit Frauen dann in Zukunft genug Zeit haben, in Ruhe an der Übernahme der Weltherrschaft zu arbeiten.
Ich kanns ja verstehen. Ich mache ja auch am liebsten ganz schnell los mit allem Material, das mir in die Hände fällt und statt darauf zu warten, dass ein Entwurf stimmt und mir dafür die richtigen Materialien zum richtigen Preis in die Hände fallen. Und den unbestechlichen Gestalterinnenblick habe ich schon gar nicht. Im Zweifelsfall muss ich La Primavera fragen, die kann das.

Auch das noch:

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10 Gedanken zu „Tagebuchbloggen – 9. Oktober 2013

    • Danke! (Im übrige bin ich begeisterte Leserin deines Blogs!)

  1. Ah, schön das es noch jemanden so geht … ich hatte schon Befürchtungen da kommen meine Tomboy Gene wieder durch.
    Es ist immer, immer, immer zu viel. Zu viel des Guten macht es leider nicht besser.
    Hier ist der Mann der schärfste Kritiker sollte ich jemals Ambitionen haben etwas zu umhäkeln, Schwiegermutter ist ausgebildete Textilgestalterin das hat eindeutig abgefärbt.

    • Same hier, Tomboy-Gene und einen Gestalter als Mann, dessen liebste Formulierung „Das muß ich erst mal bei Tageslicht abmustern!“ ist. Ich finde das wirklich tragisch. Da wird so viel Energie darin investiert, etwas zu lernen und noch mehr Zeit, etwas zu tun. Es wäre gut, ein Teil dieser Kräfte auf: „Was mache ich hier eigentlich und welche Wirkung hat das?“ umzuleiten.

  2. In diesen Denkbereich gehört auch das Stutzen, das mich jedesmal überkommt, wenn ich ein Schild mit der Aufschrift „/eigenen Begriff einfügen/ aus eigener Herstellung!“ sehe. Wieso ist das für so viele ein Qualitätsmerkmal?

    • Ich habe viel Spaß am selber machen, weil in mir (keine Ahnung woher) immer ein Programm läuft, das mir Fertigkeiten erhalten soll, die es mir ermöglichen, auch harte Zeiten zu überleben. Also nicht unbedingt mit Stein und Schwamm Feuer machen, aber bäuerliche Selbstversorgung.
      Ein Qualitätsmerkmal ist es nicht, eher ein Qualifikationsmerkmal.

  3. Ich mag Deine Gedanken!
    „das ganze feministische Handarbeitsgedöns“ ist leider keine Guerilla-Taktik zur Einbeziehung sondern eine zur Exklusion, zum Reviermarkieren. Ich kenne Schlafzimmer, bei denen ich mich seit dem ersten Sehen frage, wie ein Mann das sein Schlafzimmer nennen kann, wo es von Frau so eindeutig gegen (sic!) ihn gestaltet wurde. Im Schlafzimmer fällt es mir immer am meisten auf. Das Wohnzimmer ist dann aber meistens genauso schlimm.
    Zum „Losmachen“ ein Tipp – oft genug könnte das Material vorgeben, was aus ihm werden kann, ohne „Augenkrebs“ zu erzeugen…. Ansonsten sammeln, bis endlich ein Projekt nach diesem Stoff (“/eigenen Begriff einfügen“) schreit. Dann darf man aber nicht immer alles wegschmeissen, was man länger als ein Jahr nicht in der Hand hatte. Ich habe da noch sieben Meter herrlichen echten japanischen bestickten türkisen Seidenstoff. Der wird (nach 35 Jahren) auch irgendwann seine Bestimmung finden.

    • Naja, die Männer beherrschen den Keller, die Garage und den Heimelektronik-Park. Dann bleibt für die Frauen meist nur noch die Küche und das Schlafzimmer.

  4. „Gestalterinnenblick“ – den kann natürlich nicht Jede haben (wobei ich mal ganz kühn bezweifle, dass gerade Du ihn nicht hast). Aber Gestaltung lernen, wie soll das gehen? Natürlich gibt es strukturierte Grundlagen und natürlich kann man diese wie Vokabeln und Grammatik erlernen, aber so wie man noch lange nicht sprachgewandt ist, weil man sich durch das erste Regeldickicht gekämpft hat, genauso ist Geschmack etwas, das einem, wenn man es nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat, erst durch viel Übung (= Sehen lernen!) anwachsen muss. Insofern bin ich milde gestimmt, was die Machwerke vieler Handarbeiterinnen angeht. Prinzipiell. Wenn ich mich ganz konkret umsehe, habe ich auch oft bissige Gedanken ;-) …

    Was ich aber wirklich bedenklich finde, ist die feindliche Übernahme der Kreativität durch den Kommerz. Beim Patchwork geradezu klassisch: das war eigentlich mal als Resteverwertung gedacht, weil Stoffe teuer waren und man so auch abgewetzte Kleider noch nutzen konnte. Heute gibt es eine Riesenindustrie, die Stoffkollektionen nur für diesen Zweck herstellt. Plus Anleitungen plus Fertigpackungen. Ade Nachhaltigkeit, ade Kreativität, hallo „Malen nach Zahlen“. Nicht dass es in dieser Community keine Kreativen mehr gäbe, im Gegenteil, es gibt sogar sehr viele, und für diese bietet die Industrie ein willkommenes und recht lukratives Betätigungsfeld: die Vorturnerinnen im Kreativzirkus. Aber im Umkehrschluss muss es halt auch sehr, sehr Viele geben, die diese Nachmachprodukte kaufen – und das sind eher nicht mal die, die über ihre Handarbeiten bloggen.

    @Fritzerieke
    Genau, den kreativen Werker erkennt man an seinem Materiallager. Und das heißt bei den Meisten sammeln und nochmal sammeln …

    Viele Grüße
    Ursula

    • KLuge Worte. Ich bin da furchtbar zerrissen. Einerseits ist der erste Satz, den ich Leuten in meinen Beratungsstunden auf den Weg gebe „Just do it“. Andererseits kann es sein, daß das, was da an interessantem Ansatz von Nachhaltigkeit passiert in zwei, drei Jahren wieder kaputt ist, wenn die letzte Teetasse umhäkelt ist, weil es keiner mehr sehen kann.
      Ich bin wirklich keine Gestalterin. Ich bin nur geschickt im Abkucken und habe vielleicht eine Mischung aus Demut und Aufmerksamkeit aus meiner jahrelangen Arbeit mit Kreativen mitbekommen. Ich weiß, wie Menschen gestalten, ich kenne Arbeitsansätze und ich weiß, dass weniger meistens mehr ist.
      Die Kommerzialisierung ist für mich auch ein Problem. Deshalb habe ich mir vorgenommen, im Heimtextilien-Bereich überwiegend mit zweitverwerteten Stoffen zu arbeiten, ich recherchiere zunehmend bei historischen Arbeiten, will sehen, wie die aufgebaut sind. Und diese manchmal sogar auf Used getrimmten Baumwollstoffe gehen für mich gar nicht.
      Wobei ich es wiederum ok. finde, wenn erfolgreiche Frauen ihr Wissen weitergeben – und das auch verkaufen. Aber wenn Patchwork „Malen nach Zahlen“ geworden ist, ist es tot.
      Ich baue im Kopf sogar an einer Art „Slow Sewing-Manifest“. Das, was wir machen, ist vorindustriell. Warum sollten wir die Verfahren und das Tempo der Industrie kopieren?

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