Tagebuchbloggen – 12. Oktober 2013

Ein komischer Vormittag. Zum ersten Mal seit vielen Monaten Krach wegen einer Kleinigkeit und ich merke daran, wie dünnhäutig mich der Herbst schon wieder gemacht hat. Die nächste Woche wird heftig und ich stehe ein bisschen paralysiert in Habachtstellung wie das Kaninchen vor der Schlange.
Dann am Kissen weiternähen. Die Knopflöcher hatte ich erst einmal falsch positioniert und die falschen entnervt mir rohem Zickzackstich wieder zugenäht. Meh. Aber ansonsten bin ich ganz zufrieden. Vielleicht mache ich vorn noch einen hellen Streifen drauf, es ist noch etwas von den hellen Schrägstreifen übrig.
kissen3 kissen2 kissen1
Das waren mal ein dunkelbrauner Wollrock und eine beigefarbene Hose. Die Knöpfe sind aus Lottes Nachlass.
Hinterher erzählte mir der Graf, dass er eine leichte Traumatisierung betreffs Umarbeitung von alten Kleidern in Sofakissen hat. Seine Oma hatte nämlich mal ihre ganzen alten Kleider aus den 40ern zu Kissen verarbeitet, quer Beet, Kraut und Rüben.
Dann kam noch eine Übung in Perfektionismus: Eine Hülle für des Grafen neues Schlauphon absteppen. Die darf hier nicht vorgeführt werden, weil ihm der Steppstich noch nicht gefällt. Ich hatte Gütermann Sulky für den Ober- und Unterfaden genommen, das sieht auf der Unterseite fies aus und das ist leider über keine Fadenspannung und Nadeländerung zu regulieren.

Ganz am Rande: Ich verstehe jeden Nordafrikaner, der aus seiner Heimat weg will, um seine Lebenssituation zu verbessern, ich würde das nicht anders tun. Wie groß dieser Druck aus Elend und Repression ist, wird doch klar daran, was diese Menschen dafür riskieren.
Ich gehöre selbst zu einer großen Migrationsbewegung, wenn ich auch meinen Aufenthalts-Ort nicht geändert habe. Für sehr viele DDR-Bürger war die Wiedervereinigung auch Wirtschaftsflucht. Sie wollten, dass es ihnen besser geht, die wollten Freiheit, materiell lohnenswerte Arbeit und tolle Dinge kaufen. Ihre Werte und Lebensweise wollten sie nicht unbedingt ändern, so etwas sitzt tief. (Und die DDR-Bürger hatten ähnliche kulturelle Werte, kene Sprachbarriere und gute Schul- und Berufsausbildungen, sie waren eigentlich recht gut integrierbar in den Kapitalismus. Man könnte diese Migration mit der der Hugenotten oder Calvinisten vergleichen.) Deshalb: Für Risiken und Nebenwirkungen von Migration konsultieren Sie die nähere Geschichte und verdrängen Sie auch die Erinnerung an ihre eigenen Reaktionen gegenüber diesen Fremden mit denen Sie damals konfrontiert waren, nicht. (Und denken Sir nicht nur an Ihre Reaktionen gegenüber gebildeten und gesellschaftlich geschmeidigen Leuten, sondern daran, wie Sie auf Proll-Sachsen in Ballonseide, FKK-Badende und Maik’s und Mandy’s reagiert haben.)
Ich krieg es nicht so recht zusammen, dass die gleichen Menschen, die in den angesagten Innenstadtbezirken um bezahlbaren Wohnraum rangeln (und die mehr Finanzkraft haben als ein türkischer Arbeiter und Familienvater oder ein Hartz IV-Empfänger) mit „Willkommen“-Plakaten in einem Stadtviertel stehen, das sie freiwillig nie betreten, geschweige denn dort wohnen würden und mit ihrer platten, naiven Sozialromantik eben auch indirekt der gemeinsamen Ghettoisierung von sozial Schwachen und Einwanderern ihr lautes Einverständnis signalisieren.
Es gibt keine einfache Wahrheit und schon gar keine einfache Lösung. Wanderungen von Völkern, Konfrontation und Versinterung von Kulturen ist ein hochkomplexer und wenig harmonischer Vorgang.

Passend zu diesen Gedanken Katrin Rönicke im Wostkinder-Blog.

Auch das noch:

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6 Gedanken zu „Tagebuchbloggen – 12. Oktober 2013

  1. „Für 90% der DDR-Bürger war die Wiedervereinigung Wirtschaftsflucht. Sie wollten, dass es ihnen besser geht, die wollten Freiheit, materiell lohnenswerte Arbeit und tolle Dinge kaufen.“

    Woher nehmen Sie die Zahl 90%? Der gemeine DDR-Bürger wollten damals erst einmal gar nichts. Einige wenige Mutige wollten die Meinungsfreiheit, Presse- und Reisefreiheit. Aber auch den Sozialismus nicht unbedingt abschaffen. Der größte Teil, Ihre 90%, wollte so arbeiten wie in der DDR und so leben wie in der BRD. Die Banane, der verrostete VW-Golf und der ALDI-Kaffee waren die neuen Verführer der Zeit. So what, heute leben viele sicher besser als damals. Aber ob sie auch glücklicher sind? Ich empfinde die momentane Zeit genauso wie in den 80er Jahren in der DDR. Perspektivlosigkeit, wieder Überwachung, wieder zum Schweigen, Schnauze halten verdonnert, da sonst der Arbeitsplatz schnell wieder weg sein kann. Déjà-vu?

    • Ich habe die 90% rausgenommen, das war lediglich eine persönliche Schätzung von mir.

  2. Bevor Sie jetzt über die erwähnte Handy-Hülle und darüber spekulieren, warum ich noch nicht damit zufrieden bin, habe ich einige Fotos online gestellt:

    http://netznotizen.com/iphone-etui-prototyp/

    Es gibt offensichtlich ein Problem mit dem Unterfaden und das Stichbild ist ganz sicher nicht das, was man von einer Bernina Aurora 450 Nähmaschine erwarten kann. Woran es liegt, konnten wir gestern spät nicht mehr klären. Ich selbst vermute, es liegt am Garn. Vielleicht weiß eine mit so feinen Detailarbeiten erfahrene Leserin oder ein Nähmaschinenerfahrener Leser ja Rat, wie man so etwas mit der Bernina in den Griff bekommt, so dass das Stichbild von beiden Seiten akzeptabel ist?

  3. Pingback: Results for week beginning 2013-10-07 | Iron Blogger Berlin

    • Ja, das geht mir genauso. Seit zwei oder drei Jahren zähle ich den Sommer-Countdown. Was heißen will: Wie viele Sommer bleiben mir noch bis zum Tod?

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