Spitze, Schmeichler, Schwarze Löcher

Es ist mal wieder Zeit für einen Sonntagsmäandertext.

Die Woche verging u.a. mit Pixelschubsen, die Frau Montez hat jetzt ein neues Heim.
Ich war in einem schönen Stoffladen und lernte dort die Inhaberin kennen, die mich sehr an mich selbst vor 15 Jahren erinnerte. – Alleinerziehend, was auf die Beine stellend, aber auch etwas überarbeitet. Ich könnte so etwas nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Jetzt sind andere Sachen dran, kontemplative Geduldsarbeiten zum Beispiel.
Letztes Wochenende machten wir einen Gang über die zwei Flohmärkte in Laufweite und brachten als Beute Druckknöpfe, einen elfenbeinernen Lochstecher für Lochstickerei, ein riesiges Knäuel mercesiertes weißes Baumwoll-Spitzengarn und einen ganzen Kasten tschechisches Schulgarn heim.
schulgarn

Das Schulgarn ist sehr viel feiner als das deutsche und so erlegte ich mir ein paar Übungen im Spitzenstricken auf.
estonian lace
Das ist ein Schal nach dieser Anleitung, logischerweise sieht der mit hauchdünnem Mohairgarn wesentlich mehr nach Spitze aus als bei mir. Ich brach mir an den Nuppsies, die estnische Spitzen charakterisieren, fast die Finger. Um die richtig hinzubekommen, habe ich mir ein halbes Dutzend Videos auf Youtube angesehen, denn jede Strickerin macht sie anders. Ich benutze die Methode einer nuschelnden amerikanisch-estnischen Oma, die ein herrlich schrottiges Wohnzimmer hatte, wo im Hintergrund Baketball im Fernsehen lief.
Das alles ist Übung, um einen Schwung dieses Materials zu verarbeiten. Wobei ich hoffe, dass es langsam vorbei ist mit diesen Farbmelangen. Uni ist mir lieber.

Der Graf fragte mich, warum denn jede zweite oder dritte Frauengeneration wieder solche Sachen machen müsse, schließlich sei davon genug in den Nachlässen vorhanden. Seine Tante Hilde, die Lochstickerin, hätte so etwas auch schon gemacht. (Und meine Urgroßtante Meta auch.)
Einen entscheidenden Unterschied gibt es. Baumwoll- und Leinenspitzen überdauern locker 80-100 Jahre. Kunstseide ist wäh. Mohair und Seide war für unsere Vorfahren oft unerschwinglich, findet sich auf den Menükarten kleiner Feinschmecker und zerfällt auch ganz gern nach ein paar Jahrzehnten zu Staub.
Außerdem gibt es nichts entspannenderes als dieses Gepussel.

Aber da wir gerade bei guten Materialien waren. Ich bin schon immer ein Fan von Seide gewesen. Ob Organza, Taft oder Crepe, ich hatte früher immer Seide im Vorrat. Sie war gut zu färben und haptisch ist sie unerreicht, nur leider mittlerweile in guter Qualität auch unbezahlbar. Leider…

Der Graf suchte gestern mit mir nach Material für einen Schal. Was für einen Menschen mit frühkindlichem Extremkratzwolle-Trauma (Westdeutschland, Provinz, 60er, strickende Mutter und Tanten) nicht so einfach ist. Wir klapperten drei Läden ab, das Liljedahl-Verkhus, die Fadeninsel und Handmade. Am Schluss war es wie in diesem Witz: Es war ein Garn, das ich schon verarbeitet hatte (das rote nämlich). Ich hatte ja schon immer gesagt, die Lösung wäre Seide statt Wolle.
Zurückgekehrt von der Woll-Laden-Odyssee schnappte ich mir das Restchen und die Strickmaschine und produzierte diese Probe:
Maschenprobe
Das ist Tao von Colinette. Ein Dochtgarn aus Seide, ganz fest, langsam und achtsam auf der Maschine verstrickt. Leider gibt es kein Fühlinternet, es fühlt sich an wie Babypopo.

Dann dann noch was ganz anderes. Dass es Orte gibt, deren Atmosphäre sich nicht ändert, ist für die Menschen, die dort wohnen, sicher ärgerlich. Esoteriker würden wahrscheinlich nicht verwundert sein.
Der Helmholtzplatz ist derzeit wieder Thema in Bürgerversammlungen und in der Berliner Zeitung. Alle paar Jahre wird dort gegen herumlungernde Gestalten vorgegangen. In den 90ern, in der DDR zum Berlinjubiläum 1986 und auch 100 Jahre zuvor, 1897.
Im Prenzlauer-Berg-Museum in der Dunckerstr. (Seite ist schwer zu googeln weil eine robots.txt sie dichtmacht. Warum das?) gibt es dazu Dokumente.
Mitte des 19. Jahrhunderts stand auf dem Platz ein großer Ziegelofen, 1885 wurde dieser gesprengt und der Platz bebaut. In den Resten der Ziegelei setzte sich allerlei Volk fest, Obdachlose, Huren, Trinker. Erst nach Protesten der Anwohner, die sich über unsittliche Szenen erregten, wurden die Reste entfernt und der Platz 1897 hergerichtet. Und so geht das nun alle 20 Jahre. Der Platz scheint Leute, die den ganzen Tag draußen rumlungern und ihren Drogen frönen, magisch anzuziehen.
Dabei gibt es kaum noch sozial Schwache in der Umgebung, das ist ja alles zweimal durchgentrifiziert, die nächsten billigen Mieten gibt es im Thälmannpark. Dort ist zwar jede Menge Grün, aber das ist giftig und Gerüchte behaupten, die Kontaminierungen aus dem alten Gaswerk wandern langsam ins Gentrifizierungsgebiet.
Aber das ist eine andere Geschichte..

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4 Gedanken zu „Spitze, Schmeichler, Schwarze Löcher

  1. Weckt bei mir das Gefühl von Sicherheit – Geborgenheit – Ruhe – Qualität – Verbundenheit.

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  3. zum helmholtzplatz (spitze geht bei mir schon durch anfassen kaputt, großen respekt vor deinen nadeln!): sweet home, vielen dank für die daten, ich kenne den platz erst seit der wende und hab also nur den letzten schritt mit dem wandel von gestrüpp und halbherziger spielfläche zur insel mitbekommen, um ’99 gab es da nur eine bescheuerte runde und abschüssige betonfläche mit einer schaukel oder so, von der mir der kinderwagen mit dem großen mal runtergerollt und unten umgekippt ist, waaaah – seit der instandsetzung wird der helmi ja fast rund um die uhr genutzt. die paar dauernutzer sind eine kleine gruppe von männern und frauen, bestimmt weniger laut als die hundertschaften, die am wochenende auf kneipentour rund um den kiez sind.

    zum thema gift im thälmanpark gibt es auch hoffnungsvollere ansichten, zb hat jemand aus der anwohner-ini herausgefunden, dass unter dem seit jahren gesperrten spielplatz zwar ungutes herumliegt, aber unter einer dicken platte aus beton. die haben ordentlich was zu verlieren, die bewohner da, mit ihren wiesen und bäumen und dem ollen teich.

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