The Diary of Kitty Koma

Sonntagsmäander im Nebel

Noch eine Woche mit angezogener Handbremse. Wir gingen brav jeden Tag nach draußen, um eine große Runde in Mitte zu drehen und nach anderthalb Stunden kam ich grade noch die Treppe hoch, um mich hinzulegen.
Komische Sache. Als kleines Kind hasste ich Mittagsschlaf. Seit ich über 35 bin, ist er mein treuer Gefährte in allen energiearmen Zeiten. Von „Och, mach doch mal 10 Minuten die Augen zu!“ bis zu zombiehaftem Wanken in Richtung Sofa „Muss. Schlafen. Muss. Schlafen.“ und zweieinhalbstündigem Komaschlaf™, dem eine längere Nebensichsteh-Phase folgt.
Im Moment ist der Zustand mit eiskaltem Schweiß bedeckte bleiche Gestalt, die es grade noch unter die Decke schafft.
Meinem Selbstbild als aktive Macherin ist das nicht zuträglich. Aber so ist das Leben.
Wenn man den Zeitungsmeldungen über die derzeitige Grippewelle glaubt, dann war es wohl das Schweinegrippevirus, das den Grafen und mich erwischt hat.

Ein wenig Papierkram ist doch erledigt und der schwarzbunte Babycord, den der Graf der jungen Frau, die einen Einkaufstaschen- und Kapuzen-Kellerladen zwei Häuser weiter betreibt, preiswert abgeschwatzt hatte, verwandelt sich gerade in einen schlichten Glockenrock.
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Nachdem ich jahrelang in üppigen Säumen schwelgte, mag ich es gerade schmaler. Mal davon abgesehen, dass es preiswerter und dezenter ist, ich damit auch hochwertige und auffällige Stoffe verwenden kann, es ist praktischer, wenn einem nicht ständig der Rock im Staub hängt.
Meinen Grundschnitt für den schmalen Rock habe ich nach Hofenbitzer Band 1 (Affiliate-Link) in einen Glockenrock-Grundschnitt verwandelt, die weiteren Einzelheiten und die Fotos vom fertigen Teil an der Frau gibt es in drei Tagen beim Me Made Mittwoch.

Bei unseren Gängen durch Berlin Mitte entdecken wir gerade immer wieder neue Läden. Kein Wunder, hier schließen die Ladengeschäfte und Restaurants auch mal ganz schnell nach ein paar Monaten. Meist haben die Schnupsi- und Schnulli-Läden ein ähnliches Sortiment (derzeit sind es grade handgequiltete indische Decken und Sofakissen aus japanische Stoffen, gefolgt von handgemachten Seifen, Duftkerzen, ein paar exotischen Bleistiften und den unvermeidlichen Washi-Tapes), als wären die Anbieter einmal die Straße lang gezogen. Aber in einem Laden mit französischen Schreibwaren habe ich Broschen und Aufnäher aus moderner Metallstickerei entdeckt, die hinreißend schön sind. Nächste Woche muss ich mich trauen, sie zu fotografieren.

Ich hab noch ein Thema. Ich bin aus dem Babygeschäft seit einer finalen OP raus. Das ist jetzt fast 12 Jahre her. Ich war nie mit Leib und Seele Mama, dafür fehlte mir wohl ein Gen. Ich habe nach 20 Jahren in einem alten Buch ein paar mit Nadeldrucker bedruckte Seiten wiedergefunden. Ein Text von mir zum Thema Vereinbarkeit meiner beruflichen Ambitionen mit Kindererziehung und Familienfürsorge, der mir ins Gedächtnis zurückrief, wie sehr mich die ganze Sache gequält hat und wie sehr ich Ängste und Wut an das Kind weitergegeben habe. Angst vor Armut oder finanzieller Abhängigkeit, ein enges kleines Leben und dass mit jeden Jahr des nur-Mutter-Daseins eine größere berufliche Abgehängtheit drohte, beherrschte meine Gedanken.
Ich weiß nicht, was es war. Ich wollte nicht in die Falle der Doppelbelastung laufen wie meine Mutter, die einen anspruchsvollen Beruf, einen Haushalt, zwei Kinder und einen Mann, der kam und ging und tat und ließ, was er wollte, vereinbaren musste und immer am Rande des Zusammenbruchs war. Natürlich ging das in jedem Moment schief. (Im Nachhinein war das egal, eine perfekte Familie hätte uns wahrscheinlich zu blasierten Weicheiern gemacht.) Was mich so ärgerte, war der Umstand, dass meine Mutter im häuslichen Bereich jede Verantwortung trug und dass das niemandem etwas wert war. Mein Vater konnte unangekündigt erst mitten in der Nacht nach Hause kommen, er interessierte sich nur für die Versorgung der Familie, wenn er nichts mehr zu essen im Kühlschrank fand oder wenn meine Mutter todmüde das falsche Waschprogramm eingestellt hatte und seine Hemden verfärbt waren. Nicht, dass er seine Zeit in Zukunft verlässlich so einteilte, dass er meine Mutter unterstützen konnte. Er beschwerte sich lautstark über den „Sauhaufen“, machte ein paar rhetorische Schleifen über seine fleißige Frau und verpisste sich wieder in den Job und seine Männerbünde. Und so etwas wollte ich nie erleben.
Ich wollte es anders machen und fand einen Mann, an den ich Haushalt (zum Teil, den anderen Teil machte die Putzfrau) und Kinderbetreuung delegieren konnte, während ich mich um Geld verdienen und Karriere kümmerte. Ich hätte ein Hausfrauenleben nur attraktiv gefunden, wenn es auf einem hohen finanziellen Level stattgefunden hätte und die gesellschaftliche Reputation eines Partners auch für mich gereicht hätte. Aber selbst dann, nein, ich glaube, selbst dann hätte mich der Bovarysmus gepackt.
Das fiel mir ein, als ich diesen Artikel las. Auch wenn meine Gedanken am Thema des Blogposts vorbeigingen. Es geht darum, Nein zu sagen und die Erwartungen anderer und die eigenen immer wieder auf Realisierbarkeit zu prüfen. Und das ist schwer.

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2 Kommentare

  1. Danke für deine Gedanken und deine Geschichte zu meinem Post. Es ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich es jede sehen kann und wie tief die eigene Entscheidung auch in einem selbst verwurzelt scheint. Ich hatte eine Mutter, die immer Vollzeit gearbeitet hat, allerdings nie darüber nachgedacht, ob mich das geprägt hat. Vermisst habe ich nichts, es gab eine große Familie drum herum.

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