Bloody Monday

Im Dienstleistungssektor tätige Menschen können dank des Umstands, daß man sie am Telefon nicht sieht, ihren Gesprächspartnern weitestgehend Kompetenz, Aufgewecktheit und Interesse suggerieren.
Daß man mitunter gelangweilt in der Nase bohrt oder den verzweifelten Scheiße, worum gehts eigentlich, sollte ich darüber Bescheid wissen? -Gesichtsausdruck hat, sieht ja niemand. Wichtig ist die telefonische Präsenz, das sofortige Reagieren und die konstante Sprachmaske. Der Einbruch privater Befindlichkeit ist eher störend.

Am Freitag nachmittag übersehe ich eine Mailboxnachricht. Mein Kunde B., ein begnadeter Zyniker, wünscht mir eine nette Zeit im Strandbad. Ups. Ich hatte mich tatsächlich eine Stunde eher davongestohlen, Freitag am späten Nachmittag ist meistens Totentanz in meiner kleinen Klitsche. Dann komme ich mit einer Rufumleitung gut zurecht.
Ich rufe ihn heute vormittag gleich als ersten an. Wir sprechen noch ein wenig über Bandscheibenprobleme und ihre Behebung.
Ich habe mich für das Gespräch extrem zusammengerissen, sitze bei HeMan auf der Bettkante, denn eigentlich bin ich scheintot und kaum artikulationsfähig. Meine Beifußallergie ist so schlimm, daß ich mittlerweile Antihistaminika nehme, von denen ich todmüde und langsam werde. Nach dem Aufstehen brauche ich mehrere Stunden, bis ich wieder einigermaßen aktionsfähig bin. Doch ich muß heute funktionieren. Das Telefon klingelt ständig. Außerdem bekommt das Kind den zweiten Schwung Weisheitszähne herausoperiert. Ich habe ihr versprochen, sie zum Zahnarzt zu fahren und dann mit zu mir zu nehmen, um sie mit Kühlkompressen, Süppchen und Puddings wieder aufzupäppeln. Als ich bei HeMan losfahre, programmiere ich mich innerlich: Du baust jetzt keinen Unfall, du hältst genug Abstand und bremst rechtzeitig, wenn Rot ist, denn ich habe das Reaktionsvermögen eines Dreizehenfaultiers.
Das Kind steigt ins Auto, sieht mich an und fragt mich nur: Kannst du überhaupt fahren? Die Dosis des Allergiemedikaments reicht scheinbar nicht. Mir hängen die Tränensäcke unter dem Kinn, das Wasser rinnt mir aus den Augen und ich atme ein Niesen nach dem anderen weg, denn würde mir das in die Bandscheibe fahren, käme ich nicht mehr hoch. Ich sage ihr, daß das Antiallergikum, das sie auch immer mal nimmt, in der halben Dosis nicht mehr reicht.
Na prima , meint sie, als ich mit dem Wagen um eine Ecke schleife, hast du mal den Beipackzettel gelesen? Du darfst damit garnicht Auto fahren.
Ich reiße mich wieder kolossal zusammen, stecke mir mental gesehen halbe Steichhölzer zwischen die Augenlider und sage ihr: Ach, so schlimm ist das garnicht. Sie sieht mich skeptisch von der Seite her an, mit fast 21 läßt man nicht nicht mehr für dumm verkaufen.
Vor der Tür der Praxis setze ich sie ab und fahre ins Parkhaus. Das fiese Parkhaus unter den Galeries Lafayette mit dem endlosen Gang nach unten. Und noch schlimmer, mit der endlosen Wendelspirale nach oben. Ich nehme Maß bei zwei Parkplätzen und schaffe es nicht, den Wagen dort hineinzubugsieren. Um mich herum stehen teure Mercedes, Porsche und BMW. Ein nonchalanter Kratzer würde ein Vermögen kosten. Ich finde einen problemlosen Platz an einer Mauer. Stelle mich mit einem Meter Abstand hin, denn Entfernungen kann ich in dem Halbdämmer nicht mehr einschätzen.

Kaum sitze ich im Wartezimmer des Zahnarztes – das Kind bekommt inzwischen nach drei Betäubungsspritzen den Kiefer aufgebohrt – unterbricht wieder Kunde B. meine panischen Überlegungen, ob ich jemals mit meinem pflegebedürftigen Kind aus dem Parkhaus rauskomme. Er hat noch eine kleine Nachfrage. Ich antworte kompetent, meine Stimme habe ich allerdings nicht mehr im Griff. Was ist los mit dir, vorhin klangst du doch noch so fröhlich? ich wiegele ab. Nee, alles ok. Er hakt nach: Wirklich?

Ich warte darauf, mein Kind nach einer Zahn-OP in Empfang zu nehmen, hab so eine schlimme, im Grunde aber lächerliche Pollenallergie, daß ich breit von Medikamenten bin. Meine Stimme klingt deshalb nur so, als hätte ich zwei Stunden durchgeheult, das hat nichts zu sagen. Allerdings habe ich das Problem, daß ich mein Auto in einem Parkhaus versenkt habe, aus dem ich es nie im Leben wieder rauskriege und die Stunde Parken kostet dort 6 Euro. Dagegen ist das Taxi nach Hause ein Witz. Außerdem habe ich, immer wenn ich am Telefon bin, noch zusätzlich zwei weitere Nachrichten auf der Mailbox und zwar von Leuten, die mich unbedingt persönlich sprechen wollen und zwar sofort und denen ich für den reibungslosen Gang meiner Geschäfte Auskunft schuldig bin. Ich bin glücklich verliebt, es ist Montag nach einem wunderschönen, erholsamen Wochenende UND ICH KANN NICHT MEHR!!!

Das habe ich ihm nicht gesagt. Ich habe HeMan angerufen. Ihm gesagt, daß ich seine Hilfe brauche. Dringend. Was für eine Überwindung für Superwoman. Und es war kein Problem. Er kam. Hat das Auto an weniger teurer Stelle geparkt und mich und das (sehr erleichterte) Kind nach Hause gefahren. Paß bloß auf deine Mutter auf! Hat er ihr noch zum Abschied gesagt.

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4 Gedanken zu „Bloody Monday

  1. leider, an diesem tag habe ich niemanden gefunden, dem es schlechter ging…

  2. auf den passense ma gut auf und haltense den ma gut feste, sach ich ihnen frau kittykoma!

  3. der is anjeleimt. beim jut festhalten hatter nämlich keene luft mehr jekriegt.

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