Mutter und das Hähnchen

Ich bin fasziniert davon, was am Ende dieses als langweilig gescholtenen Wahlkampfes passiert.
Angela Merkel steht vor den Fernsehkameras und wedelt impulsiv mit den Armen (Ellbogen natürlich wie immer am Körper), sie lächelt sogar.
Und dann kommt Super-Guido. Der, der schon zwei Mal vor den Augen der ganzen Nation am Zaun rüttelte und schrie: „Ich will hier rein.“ Der auch im siebten Jahr und im dritten Versuch auf der Außenseiterposition knapp hätte scheitern können. Er ist von Kopf bis Fuß Triumph, er platzt fast vor Freude und Energie. Endlich regieren!
Alle alle alle Visionen verwirklichen!
Der Mann ist in seinem Redesermon nicht zu unterbrechen, zwei Mal muß die Kanzlerin reingehen, bis er mitbekommt, daß gerade seine Chefin spricht und er jetzt anstandshalber mal die Klappe zu halten hätte.
In diesen drei Minuten hatten wir die Dynamik der zukünftigen Koalition in der Nußschale.
Merkel wird sich noch sehr nach der bräsigen SPD und ihren Akteuren zurücksehnen, nach Steinmeiers kooperativem Phlegma, Becks Neigung, bullerig Eigentore zu schießen und einem Müntefering, der durch junge Liebe altersmilde geworden ist.
Westerwelle scheint übermotiviert und die Kraftverteilung in der zukünftigen Koalition arbeitet ihm auch noch zu. Daß diese Stimmen, die die FDP zu diesem Wahlergebnis katapultierten, vor allem die SPD an der Macht hindern sollten, ist in der Politikpraxis nicht maßgeblich.
Merkel hat vier Jahre Schwerstarbeit hinter sich, das sieht man ihr auch an. ob sie dem, was sie jetzt erwartet, gewachsen ist, darauf bin ich sehr gespannt.

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16 Gedanken zu „Mutter und das Hähnchen

  1. Man konnte förmlich sehen, daß sein Höschen von innen nass war. Bjäch!

  2. besonnenheit ist eine wichtige tugend in stürmischen zeiten. die angela macht das schon, da habe ich keine sorge. tief in meinem inneren finde ich die inzwischen wohl richtig gut …

  3. REPLY:
    besonnenheit ist eine wichtige tugend in stürmischen zeiten

    wohl wahr. hoffentlich behält sie die und läßt sich nicht unterbuttern.

  4. Ich fand es ja ganz spannend zu sehen, dass die Parteienverhältnisse in den Berliner Bezirken so gar nicht bundesrepräsentativ sind. (http://www.wahlen-berlin.de)
    In meinem schönen Bezirk kommt Sschwarz(-)geldb zusammen auf nicht einmal 20%, die Grünen dafür auf fast 30%. Einzig die SPD bleibt konstant der große Verlierer.

  5. REPLY:
    ja, aber berlin ist wahrscheinlich genauso ein sonderfall wie oberbayern. (vor allem kreuzberg)

  6. Eine Partei zu wählen die genau das gutheißt was letztlich zur derzeitigen Lage der Nation beigetragen hat, in der Hoffnung, Dr. Gliedo Schwesterwelle (ich habe nichts gegen Schwule, dass das mal klar ist! Soll hier lediglich diffamierend gemeint sein) habe noch das ein oder andere Dopingmittelchen das man dem zu Schanden gerittenen Gaul namens Wirtschafts- und Sozialsystem eintrichtern kann, um sich noch schnell vor dem endgültigen Bankrott noch mal die Taschen zu stopfen, scheißegal wer danach die Trümmer aufräumen darf, kann ich nicht verstehen. Aber so ist der Mensch. Verdrängung und Verleugnung von Tatsachen war schon immer ein probates Mittel um Zeit zu schinden und die Lasst auf andere Schultern zu verteilen.
    Die zonenerprobte Grenzgängerin Merkel wird schon sehen was sie davon hat.

  7. REPLY:
    ich fürchte, es ist wirklich die wahl zwischen pest, cholera und pocken. mal abgesehen davon daß ich so orthodox kommunistisch erzogen wurde, daß linke positionen für mich obsolet sind (frag mal einen kreuzberger schwaben nach seinem verhältnis zur katholischen kirche), ich glaube nicht, daß der sachverstand der fdp gewählt wurde.
    die gedanken waren eher:
    steinmeier als kanzler und die spd als regierungspartei verhindern
    rot-rot verhindern (und das wäre gekommen, mit sicherheit)
    vielleicht noch rot-grün verhindern, denn das war auch nicht der knaller
    da schwarzgrün und ampel derzeit kein gesprächsthema sind, ist das irgendwie ein zittriges festhalten an einem mitte-konservativen status quo.

  8. REPLY:
    Aber ist die Frage nicht viel mehr, wie in Zukunft damit umgegangen wird? Ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass letztlich doch der alte Status Quo wieder hergestellt werden soll. Ich will ja nun wirklich keinen Staatssozialismus und habe letztlich auch wenig Sachkenntnis, die über das oberflächliche Verfolgen der Tagespresse hinausgeht. Aber dass es so auch nicht einfach weiter gehen kann, das scheint mir eindeutig. Die Krise muss doch gerade die hoch angepriesene wirtschaftliche Kompetenz in Frage stellen. Und was ich so sehe, ist das Programm der FDP „Vor der Krise ist nach der Krise“. Oder ist der große Wandel im Denken einfach nicht zu mir durchgedrungen?

  9. REPLY:
    Das mit dem Sachverstand in Sachen Wirtschaftsdurchblick ist bei mir auch bestenfalls tagespressenoberflächlich. Hört man aber nun den gelben Frontmann und die anderen Zipfelklatscher gegen Mindestlöhne und andere soziale Einrichtungen zetern, dann flackert die ein oder andere Sympathie, erstaunlich genug, für der Merklerin auf, wenn sie sagt, dass daran nicht gerüttelt wird. Da nimmt man ihr die zonige Klassenkämpferin irgendwie beinahe ab.
    (Von der Verschleppung des Atomausstieges mal ganz zu schweigen! Ein Kraftwerk stillzulegen und abzubauen kann bis zu 20 Jahre dauern, das geht nicht von Heute auf Morgen. Das muss man sich mal rein tun.)
    Es kann so nicht weiter gehen, und zu behaupten Steuersenkungen würden helfen – my ass! Mag ja sein, dass für kleine und mittelständische Unternehmen die ein oder andere Steuergeissel gelockert werden soll, das fände ich prima, aber letztlich wissen wir alle: Es wird nicht zum Haufen dazu getan, sondern es wird wo weg genommen, um es woanders wieder dran zu klatschen. Und das was dann fehlt, muss wo anders wieder hergenommen werden. Das Ding kann so nicht funktionieren. Die Differenziertheit dieser Systeme gewährt nur, dass die Schlupflöcher wieder ein bisschen schwerer zu finden sind. Der „Normalo“ kann sich gar nicht darum kümmern, wenn er jeden Tag dafür sorgen muss, dass sein kleines System am laufen bleibt. Es kann nicht ein, z.B. Steuerfachmann sein. Dafür gibts diese Beutelschneider doch. Sand in die Augen nenne ich das. Die Selbstregulierung des Marktes scheint nicht mehr zu funktionieren. Der ist verstopft. Und die Wahl war leider nicht Pümmpelt genug. Wer weiß, in 4 Jahren vielleicht ist der Leidensdruck wieder groß genug, dass ein neuer SPD Popstar das Kanzleramt erobert. Oder ein Grüner.

  10. REPLY:
    ich bin sicherlich auch nicht gerade ein finanzfachmann, habe aber bei detailierterer erläuterung kapiert, was das problem ausgelöst hat. was ich nebenher auch kapiert habe: es ist verdammt schwierig das thema in den griff zu bekommen, finanzmärkte lassen sich nicht wirklich komplett regulieren. dieses mischen von kreditrisiken bis am ende aus einem schlechten kredit ein tripple a zertifikat herauskommt hat viele wege, die sich überhaupt nicht eindämmen lassen. das sieht man am steuerrecht. viele regeln, viele tricks. alles eine frage der kreativität.

    sofern ich das beurteilen kann geht die cdu merkel* international gerade den richtigen weg, in dem es hauptsächlich darum geht, dass große banken nicht wieder in eine situation kommen, in der sie fast ohne vorwarnung kollabieren können. denn das ist letztendlich das, was das große problem ausgelöst hat. unübersichtliche kreditrisiken bei zu geringer eigenkapitaldeckung. wirtschaftskrisen durch platzen irgendwelcher spekulationsblasen werden die freie marktwirtschaft begleiten wie die verdauung das essen. damit müssen wir wohl oder übel leben.

    * der ich übrigens als eine der wenigen führenden politiker zutraue intellektuell zu großen teilen zu erfassen, worum es überhaupt geht und was womit zu steuern ist. das ist nämlich ein sehr schwieriges hochkomplexes thema was eine hohe detailnähe erfordert. da ist sie als naturwissenschaftlerin klar im vorteil.

    p.s.: apropos popstar – da halte ich heute jede wette, dass der nächste kanzlerkandidat der spd nur einer sein kann, sonst können die komplett einpacken. und wenn wir demnächst einen schwulen außenminister haben, warum nicht auch der kanzler? deutschland wird auf dem gebiet langsam führend. was ich – unabhängig von den beteiligten personen – sehr begrüße.

  11. Also im Vergleich mit Westerwelle ist mir Merkel richtig sympathisch… und tut mir fast ein wenig leid, daß sie jetzt mit DEM regieren muss…

    Ich glaube ich an ihrer Stelle würde ihn noch in den Koalitions-Flitterwochen erschiessen ;)…

  12. REPLY:
    ach, ich bin ja ganz erstaunt, wie gut sie ihn im griff zu haben scheint.

  13. REPLY:
    ich stimme dir wiederum zu. konzepte haben die anderen nicht unbedingt. durchblick noch weniger.
    das wachstumskonzept wäre zu reformieren, da bin ich noch nicht sicher, ob merkel so was initiieren kann. daß sie es begreift, galube eich.

  14. REPLY:
    ich finde das ja auch nicht so dolle, was da passiert ist, aber das mit dem „beitragen“ sehe ich dann doch etwas anders. zu dem was passiert ist haben ALLE beigetragen. es gab nur sehr wenige wirtschaftswissenschaftler, welche eine krise im richtig großen ausmaß vorausgesagt haben, und dann auch nur sehr sehr nebulös. ackermann hat bspw. monate vor dem desaster dem spiegel ein interview gegeben, bei dem das grundsätzliche thema [immobilienüberschuldung in den usa] ausgiebig besprochen wurde. davon, dass auf den weltfinazmärkten der fluß des geldes ins stocken kommen könnte war allerdings nirgendwo die rede. das prinzipielle thema war bekannt – und jeder wußte, dass es so kommen wird. nur über die domino auswirkungen war sich niemand im klaren. was schlicht daran lag, dass die hüter der kiste der pandorra garnicht mehr überblickt haben, was ihre finazmathematiker da so alles konstruiert haben und welche tentakel weitereichend verknüpft waren. wer heute behauptet, dass alle so dämlich waren und man alles hätte vorher sehen könen ist schlichtweg nicht im thema. klar hätte man es sehen können – aber man hätte dafür informationen haben müssen die in ihrer verknüpfung vorher überhaupt nicht existent waren. hinterher ist man halt immer schlauer. hoffentlich …

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